4. September 2012

Einst geachtet und geehrt, heute „Persona non grata“ - Erich Honecker zum 100. Geburtstag  

o sah er sich gern – als im Herzen Junggebliebener unter „seinen“ Jugendlichen. Freude und Begeisterung brauchten dabei nicht, wie heute gern behauptet, „verordnet“ zu werden. Sie waren echt, doch sie entsprangen stets der Stimmung des Augenblicks, wogegen Erich Honecker dem schweren Irrtum erlag, diese Haltung würde ewig währen.

Vom Regierungschef als dem ersten Mann – das diesen Platz eigentlich einnehmende Staatsoberhaupt steht, da ohne jede Exekutivbefugnis, immer in dessen Schatten – des seiner Republik seit Anbeginn nach dem Leben trachtenden Nachbarstaates mit großem Gepränge empfangen und von dortigen Spitzenpolitikern hofiert, um nur wenige Jahre später von großen Teilen der eigenen Bevölkerung zum Gejagten gemacht und dann sogar noch vor ein Gericht des von jenem ersten Mann beherrschten Staates gezerrt zu werden – ein solches Schicksal für einen weltweit anerkannten Politiker ist wohl einmalig auf diesem Erdenrund. Zumindest aber gehört es zu den ganz großen Ausnahmen, mit denen im Grunde niemand rechnet. Nein, es war dem am 25. August 1912 im saarländischen Neunkirchen in einer Bergarbeiterfamilie geborenen Erich Honecker nicht an der Wiege gesungen worden, dass er einmal durch die Hölle eines faschistischen Zuchthauses würde gehen müssen, doch anschließend wie der sagenhafte Phönix aus der Asche nicht nur zum Vorsitzenden eines Jugendverbandes mit vielen Millionen Mitgliedern, sondern sogar an die Spitze einer ebenso nach Millionen zählenden und scheinbar allmächtigen Partei sowie zum Oberhaupt eines Staates mit immerhin rund 17 Millionen Einwohnern aufsteigen würde. Noch viel weniger aber war es ihm an der Wiege gesungen worden, dass er nicht nur mit einem Schlage rasant abstürzen, sondern wie zu Zeiten des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches wie ein Aussätziger, ja, Verfemter, mittels Reichsacht für vogelfrei Erklärter behandelt werden würde, dem am Ende nach dem erzwungenen Auszug aus der abgeschotteten Politbüro-Siedlung Wandlitz nicht einmal mehr ein eigenes Dach über dem Kopf verbleiben sollte.

An dieser Stelle macht sich ein Einsprengsel erforderlich, denn „abgeschottet“ ist wieder so ein Schlagwort, von den bürgerlichen Medien gern zur Erzielung erwünschter Denk-, Gefühls- und Verhaltensweisen bei Menschen benutzt, denen Nachdenken über Ursachen und Hintergründe eine nun gar zu anstrengende Tätigkeit ist. Die Waldsiedlung Wandlitz samt sie umgebendem Zaun und strenger Bewachung hatte ihre Vorgeschichte und die lag in den im kapitalistischen Teil der Welt als „Oktoberaufstand“ und „Freiheitskampf des ungarischen Volkes“ gefeierten, im sich als sozialistisch verstehenden hingegen als Konterrevolution gebrandmarkten Ereignissen in der Ungarischen Volksrepublik im Oktober 1956: Auch dort, wo die Lobreden über jene Zeit gesungen werden, muss bei aller Verharmlosung und Kleinrederei zugegeben werden, dass damals Mitglieder und Funktionäre der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei sowie der Sicherheitsorgane und solche, die dafür gehalten wurden, durch einen aufgeputschten bewaffneten und blindwütigen Mob reihenweise an Laternenpfählen hochgezogen und somit Opfer tausendfacher brutaler Lynchjustiz geworden waren. Seltsam nur, dass es einen solchen „Aufstand“ zuvor weder gegen die brutale Diktatur des Hitler-Freundes Horthy noch gegen die seiner Nachfolger aus der faschistischen Pfeilkreuzler-Partei gegeben hatte! Ganz im Gegenteil – der einstige Admiral der kaiserlichen und königlichen österreichisch-ungarischen Flotte, Schlächter der ungarischen Räterepublik und Reichsverweser eines Königreichs ohne König wurde wieder auf den Podest verehrungswürdiger Persönlichkeiten gehoben.

So ist angesichts dessen durchaus zu fragen, wie tief auch bei Teilen der Bevölkerung der DDR der Antikommunismus saß bzw. wie schnell diese „Grundtorheit unserer Epoche“ (Thomas Mann) die Massen ergreifen konnte, lagen doch Welten zwischen jenem persönlichen Erlebnis des Verfassers von 1984 und dem, was diesem Manne fünf Jahre später widerfuhr: Beim Besuch der Leipziger Frühjahrsmesse stieß man etwa 50 m vor dem sowjetischen Pavillon auf eine Absperrung, nein, kein massiver Zaun, auch kein Absperrband, sondern ein simpler Strick verwehrte für eine gewisse Zeit den Zugang. Ein Gerücht machte die Runde – Erich Honecker kommt, raunte einer dem anderen halblaut zu und die Menschen gingen nicht etwa gelangweilt oder gar gleichgültig weiter, sondern blieben stehen, zumindest viele von ihnen. Sicher auch aus Neugier, denn den ersten Mann von Staat und Partei sieht man nicht alle Tage persönlich, aber sie blieben eben stehen und warteten: Keiner wusste genau, wann er kommen würde, ob in 10 Minuten, in 20, in 30, in einer Stunde oder gar erst in zwei. Am Ende waren es vielleicht 10 Minuten, doch sie hätten wohl auch länger ausgeharrt und als die Wagenkolonne vorfuhr, hielt und er ausstieg, da gab es weder Buh-Rufe noch empörte Pfiffe, nein, er wurde mit freundlichem Beifall begrüßt – mehrere Minuten lang. Bevor er die Freitreppe hinaufstieg, drehte er sich um und winkte den Wartenden freundlich zu. Als er oben angelangt war, tat er das nochmals und rief ihnen zu: „Alles Gute, alles Gute für Sie!“, um dann in das Gebäude zu entschwinden. Nebenbei gesagt – die ihn mit Beifall begrüßt Habenden waren zuvor weder aufgefordert worden, ein solches zu tun, noch standen Mitarbeiter der Staatssicherheit hinter jedem und es wurde auch niemandem ein Pistolenlauf ins Genick gedrückt. Ebenso war keiner bezahlt worden, weder für sein Warten noch für sein Klatschen.

Doch nun, im Herbst 1989, nachdem er unter dem Zwang der Ereignisse zurückgetreten und allenfalls noch ein besseres Nichts war, da galt er vielen nicht nur als der Alleinschuldige an allem, da wollten ihm Leute aus den Kreisen selbsternannter „Bürgerbewegter“, die in den Jahren zuvor über ihre Sprachrohre ARD und ZDF immer so gern und lautstark von der Führung der SED Toleranz, Demokratie, Meinungsfreiheit und was sonst nicht noch alles gefordert hatten, nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf gönnen: Als der nunmehrige Ministerpräsident Dr. Hans Modrow das Ehepaar Honecker vorerst in einem Gästehaus des Ministerrates unterbringen wollte, hagelte es nicht nur massenhafte, sondern geradezu hasserfüllte Proteste, ja Drohungen. Selbst vor dem evangelischen Pastor Uwe Holmer, der den bereits Siebenundsiebzigjährigen und seine Frau schließlich in Lobetal bei Bernau aus christlicher Nächstenliebe und Barmherzigkeit im Januar 1990 für 10 Wochen aufnahm, machte der Hass der doch ansonsten gern unter dem schützenden Dach der Kirchen agierenden „Bürgerbewegten“ nicht Halt. Demonstrationen und „empörte“ Briefe wurden organisiert, ja, der Geistliche erhielt sogar Bombendrohungen. Man darf wohl sicher sein, dass die gleichen Leute weder mit durch ihre Tätigkeit im „Dritten Reich“ schwerbelasteten Personen noch mit heutigen Politikern, die allen Protesten zum Trotz die seit 1945 erstmalige Beteiligung eines deutschen Staates an Kriegsabenteuern in aller Welt und mit „Hartz IV“ Armut per Gesetz einschließlich Kinder- und Altersarmut durchgepeitscht haben, einen solchen menschenunwürdigen Umgang gepflegt hätten.

Einstige Mitschüler, im Vorfeld seines BRD-Besuches 1987 von ARD und ZDF neugierig und gewiss auch nicht ohne Sensationslüsternheit befragt, bestätigten ihm, stets ein sehr guter Schüler gewesen zu sein. Dennoch ist es angesichts dessen nicht begreifbar, jedenfalls nicht ohne Kenntnis der genauen Umstände, weshalb er seine Dachdeckerlehre nicht abschloss, und es sind außer einem Halbjahreskurs an der Internationalen Lenin-Schule 1930/31 und einem einjährigen Lehrgang an der Parteihochschule des ZK der KPdSU 1955 keine tiefergehenden theoretischen Studien seinerseits bekannt. Gewiss, in der kapitalistischen Gesellschaft sind da schon ganz andere Leute nicht nur bis in höchste politische Ämter aufgestiegen, sondern wie ein Joschka Fischer am Ende gar mit den höheren Weihen eines so keineswegs verdienten Professorentitels belohnt worden, doch für einen sozialistischen Politiker darf Derartiges niemals Maßstab sein. Wenn hier ausnahmsweise einmal der selige Josef Dshugaschwili zitiert wird, dann deshalb, weil er mit dem folgenden, vom bekannten sowjetischen Flugzeugkonstrukteur Alexander Jakowlew in seinem Erinnerungsbuch „Ziel des Lebens“ wiedergegebenen Worten recht hatte: „Mangelnde Bildung auf seine Arbeiter- und Bauernherkunft zurückführen zu wollen, ist kulturlos und schlampig. Gerade weil wir Arbeiter und Bauern sind, müssen wir klüger und gebildeter sein als unsere Feinde.“ Hier jedenfalls dürften wesentliche Wurzeln dafür liegen, dass mit Erich Honecker – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Walter Ulbricht – in die Politik Mittelmaß einzog und der Schwerpunkt nicht auf langfristig gesicherte, sondern auf schnelle Erfolge gelegt wurde. Dass der schnelle Erfolg nicht nur zumeist kurzlebig ist, sondern auch und vor allem erheblich an der Substanz zehrt, wurde nicht bedacht, zumindest aber wurde eine möglicherweise doch ergangene Warnung in den Wind geschlagen. Freilich ist es nicht leicht für einen Spitzenpolitiker, wenn er unter millionenfachem Erwartungsdruck steht, wenn heutige Generationen schon das ernten möchten, was erst künftigen vorbehalten sein kann. Noch schwieriger wird es, wenn man solchem Erwartungsdruck selbst Nahrung gibt, eben weil man keine eigenen Zukunftsvisionen hat, sondern das Morgen schon für das Heute nehmen will. Am schwierigsten freilich war der doppelte Druck, mit dem die Führung der DDR aber von Anfang an zu kämpfen gehabt hatte, denn der Erwartungsdruck der eigenen Bevölkerung speiste sich zu einem Gutteil aus dem Druck der glitzernden Schaufensterwelt im kapitalistischen deutschen Staat und im kapitalistischen Berlin. Dass dieses „soziale Marktwirtschaft“ genannte Zugeständnis der Herren des Großkapitals beileibe kein Ausdruck sozialen und menschenfreundlichen Unternehmertums, sondern Ergebnis eben des durch die Existenz der DDR bedingten Druckes und zudem von beträchtlichen Teilen der dortigen Bevölkerung allenfalls sehr eingeschränkt nutzbar war, kam kaum jemandem in den Sinn und wenn es ihm gesagt wurde, dann war es angesichts der lockenden Glitzerwelt und der zu unbequemen Tätigkeit gründlichen Nachdenkens schnell wieder vergessen.

Erich Honecker jedoch ausschließlich als bloßen Machtmenschen hinzustellen, wie es der MDR in seiner Sendung „Geschichte Mitteldeutschlands“ am 19. August praktiziert hatte und was in der gleichen Reihe bereits zur Person Walter Ulbrichts behauptet worden war, greift auf jeden Fall zu kurz. Dazu hätte keiner von beiden Sozialist werden müssen, zumal die Aufstiegsmöglichkeiten für den, der, einmal am Beginn des in eine Spitzenposition führenden Weges angelangt, seine soziale Herkunft entweder schnell vergisst oder aber seine Entwicklung zugunsten der kapitalistischen Gesellschaft unzulässig verallgemeinert und vor allem gegenüber Opfern der Arbeitslosigkeit propagandistisch vermarktet, ungleich größer, da um ein Vielfaches einträglicher sind. Natürlich ist es keine Neuigkeit, dass er wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker der DDR in seine persönliche Macht verliebt war, es im Politbüro nicht wie unter Walter Ulbricht eine sachliche und auch kritische Diskussion gab, vor allem nicht zur Person des ersten Mannes, das ist schon in den Lebenserinnerungen Hermann Axens nachzulesen gewesen. Doch das Gerede des einstigen ZDF-Korrespondenten in der DDR, Joachim Jauer, so etwas sei nun einmal typisch für eine Diktatur und in einer Demokratie unmöglich, wird dem ebenso wenig gerecht wie es unterschlägt, dass der kapitalistische Politiker, dem es nicht um persönliche Macht zu tun ist, erst noch geboren werden muss. Falls es ihm angesichts solchen Tunnelblicks entgangen sein sollte, muss hier darauf hingewiesen werden, dass ein Helmut Kohl im Interesse seiner persönlichen Macht alle seine Kritiker ausgeschaltet und seine Nachfolgerin Angela Merkel in dieser Hinsicht sehr viel von ihm gelernt hat. Ganz abgesehen davon, dass bislang keine seriöse wissenschaftliche Untersuchung zum parlamentarischen System in der DDR bekannt ist, haben sich Falschheit und Verlogenheit der dieser Einteilung in („gute“ und natürlich kapitalistische) Demokratien und („schlechte“, da sozialistische) Diktaturen zugrundeliegenden Totalitarismus-Doktrin längst in der Praxis erwiesen. In ähnlicher Art wollte ja schon der selbstverständlich in die propagandistische Bekämpfung der DDR eingebundene deutschsprachige Dienst von BBC London 1965 seine Hörer im 49-m-Kurzwellenband für dumm verkaufen: Eine Republik, so wurde „argumentiert“, sei grundsätzlich demokratisch und wer es nötig habe, einen solchen Charakter in seinem Staatsnamen „Deutsche Demokratische Republik“ extra zu betonen – doppelt gemoppelt, sagt der Volksmund bekanntlich – beweise damit nur sein schlechtes Gewissen und wolle vertuschen, dass es sich in Wahrheit um eine Diktatur handele. Wie es sich dann bei der Portugiesischen Republik unter dem Diktator Salazar, der rassistischen Republik Südafrika unter Verwoerd, der Dominikanischen Republik unter Tujillo oder acht Jahre später bei der Republik Chile unter Diktator Pinochet – um nur einige republikanisch verfasste, in aller Welt als noch dazu blutige Diktaturen gebrandmarkte Staaten, zu denen die BRD stets gute Beziehungen unterhielt, zu nennen - um Demokratien handeln konnte, wenn eine Republik von vornherein und grundsätzlich demokratisch sein sollte, blieb jedenfalls das bis heute unenthüllte Geheimnis der Verantwortlichen dieses Senders. Jawohl, Erich Honecker hat sich frühzeitig eine große Machtfülle zu eigen gemacht, aller so beschworenen Kollektivität und kollektiven Weisheit der Parteiführung zum Trotz und ohne nennenswerten Widerstand ihrer jeweiligen Mitglieder. Er hat diese Machtfülle benutzt – zu guten wie zu unguten Zwecken und sowohl mit positiven als auch verheerenden negativen Ergebnissen:

Bereits in seinen letzten Jahren als Vorsitzender der FDJ war er gerade aus der kapitalistischen Welt kommenden, dort natürlich in erster Linie dem Kommerz dienenden neuen Mode- und Musikrichtungen nicht gewachsen, hatte kein schlüssiges Konzept zum sinnvollen Umgang etwa mit dem schnell beliebt gewordenen Rock'n Roll und dem zum Jugend-Idol hochgejubelten Elvis Presley. Dass er es damit bürgerlichem Politik- und Medienbetrieb leicht machte, die Haltung weiter Teile der Jugend in der DDR in „Abkehr von FDJ und Sozialismus“, in „Aufmüpfigkeit“ und, natürlich antisozialistische, „Opposition“ umzufälschen, sie zum Hören der Rundfunksender und somit auch „ganz nebenbei“ der antisozialistischen Propaganda zu verlocken, weil die ihren Ansprüchen und Wünschen scheinbar gerecht wurden, konnte oder wollte er nicht begreifen. Das gleiche betraf Verbote und aufgenötigte Selbstverpflichtungen, das Gebiet der „Frontstadt“ Berlin (West) nicht zu betreten. Keine glückliche Hand gab es auch bei dem Vorhaben, einen dem Innenministerium und der FDJ unterstehenden halbjährigen freiwilligen Arbeitsdienst mit dem Namen „Dienst für Deutschland“ (DD) zu schaffen. Abgesehen von der sich schnell herausgestellt habenden geringen Wirtschaftlichkeit stürzten sich Politik- und Propagandabetrieb der BRD genüsslich darauf, konnten sie, bei denen Frechheit, Unverschämtheit, Hinterhältigkeit und Doppelzüngigkeit zum alltäglichen Geschäft gehörten, doch ungeachtet dessen, dass gerade dort durch ihre Tätigkeit im „Dritten Reich“ schwer belastete Personen wieder in hohe Staatsämter gebracht wurden, mit dem Finger auf die DDR zeigen und gemäß der so falschen wie verlogenen „Theorie“ von den „zwei Diktaturen in Deutschland“ behaupten, dort feiere der Reichsarbeitsdienst unseligen Angedenkens wieder fröhlich Urständ. Dazu passte, dass der einstige „Reichsarbeitsführer“ Konstantin Hierl in der BRD nicht nur unbehelligt seinen Lebensabend verbringen, sondern diese Organisation mit seinem Machwerk „Im Dienst für Deutschland 1918 – 1945“ auch noch nachträglich glorifizieren konnte. Schnell wurde die scheinbar doch so naheliegende Verbindung zwischen diesem Titel und dem Namen jenes am 24. Juli 1952 gegründeten Dienstes gezogen und im Sinne der gnadenlosen Bekämpfung der DDR ausgeschlachtet, weshalb das auch von Erich Honecker maßgeblich mit angeschobene Vorhaben bereits nach einem Jahr zu Grabe getragen werden musste. Nicht umsonst ließ ihn Walter Ulbricht schließlich 1955 aus der Schusslinie nehmen und zum einjährigen Studium nach Moskau delegieren, wobei dem zum Nachfolger an der Spitze des Jugendverbandes gewählten Karl Namokel (1927 – 1988) freilich ebenso wenig eine glückliche Hand beschieden war. Aber das ist schon wieder eine andere Seite in der Geschichte der FDJ, deren Behandlung hier nur vom Thema ablenken würde.

Schwer im Magen liegt dem bundesdeutschen Politik- und Propagandabetrieb sowie der systemtreuen Geschichtsschreibung die Schließung der bis dahin offenen Grenze zu Berlin (West) einschließlich der verschärften Sicherung und Bewachung der Staatsgrenze zur BRD. Bei der streng geheimen Vorbereitung und völlig überraschenden Verwirklichung dieser Maßnahmen hatte Erich Honecker als mittlerweile für Sicherheitsfragen verantwortlicher Sekretär des ZK und Mitglied des Politbüros bekanntlich eine entscheidende Rolle gespielt und das wurde und wird ihm von den geschworenen Feinden der DDR natürlich niemals verziehen werden, da er sich dadurch ihren unauslöschlichen, über sein Grab weit hinausreichenden Hass zugezogen hatte. Bei all den bewusst hochgeputschten irrationalen Gefühlsaufwallungen wird selbstredend und ganz bewusst außer Acht gelassen, dass die Ursachen für die damaligen Maßnahmen in jener Politik liegen, die es aller behaupteten eigenen Überlegenheit zum Trotz nötig gehabt hatte, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, kurz – ihre Existenz zu vernichten. So ist hinsichtlich der Vorgeschichte des 13. August außerordentlich bedeutsam, was der nun jeder DDR-Freundlichkeit unverdächtige US-amerikanische Senator William Fulbright als Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses des Senats am 30. Juli 1961 nicht ohne Grund in einem Fernsehinterview gesagt hatte: „Ich verstehe nicht, warum die Ostdeutschen nicht ihre Grenze schließen, denn ich glaube, daß sie ein Recht haben, sie zu schließen.“ Für den Senat von Berlin (West) jedenfalls war am 13. August jenseits aller wütenden Proteste höchstens der Zeitpunkt überraschend, denn wie ein internes Papier vom 18. Oktober 1960 nachweist, war man sich im Schöneberger Rathaus schon Monate zuvor der möglichen Auswirkungen der „Frontstadt“-Politik durchaus bewusst gewesen: „Der Bericht macht eindringlich darauf aufmerksam, daß im Falle östlicher Absperrmaßnahmen ein Ersatz für die Grenzgänger aus der Arbeitsmarktreserve in West-Berlin nicht mehr möglich sein würde, da selbst bei Eingliederung der sicher nicht immer für einen Austausch geeigneten bisherigen >Auspendler< ein ungedeckter Bedarf von weit mehr als 36.000 Arbeitskräften bliebe. Um diese Lücke auszufüllen, müßten – die Familie nur zu drei Personen im Durchschnitt gerechnet – etwa 110.000 Personen aus dem Bundesgebiet zuziehen.“ Dem Senat war folglich seit langem klar, dass sich die DDR die vor allem von Berlin (West) aus betriebene Ausplünderungs-, Stör- und Sabotagepolitik nicht ewig bieten lassen würde. Allein der ausschließlich politisch motivierte, weil nicht durch realen Kaufkraftunterschied begründete Wechselkurs von einer D-Mark der Deutschen Bundesbank zu vier bis fünf D-Mark der Deutschen Notenbank brachte zwar den Westberliner Wechselstubenbesitzern märchenhafte Gewinne, verursachte aber der DDR Schäden in Millionenhöhe. So betrug beispielsweise im Jahre 1950 der durchschnittliche Bruttolohn für Arbeiter und Angestellte in der BRD und in Berlin (West) 250 D-Mark der DBB. Beim zu Recht als „Schwindelkurs“ gebrandmarkten Umtauschverhältnis von 1:4 erhielten Einwohner von Berlin (West) sowie die in dieser besonderen politischen Einheit arbeitenden und deshalb als Grenzgänger bezeichneten DDR-Bürger in den Wechselstuben sage und schreibe 1.000 D-Mark der DNB. Angesichts der niedrigen Preise und Mieten in der DDR hatten diese Grenzgänger damit gegenüber ihren Mitbürgern nicht nur völlig ungerechtfertigte Vorteile, verfügten bei kaum größerer Arbeitsleistung über einen wesentlich höheren Lebensstandard, sorgten für einen hohen Abkauf und damit für zusätzliche Lücken im nach wie vor nicht ausreichenden Warenangebot und sie zahlten ihrem Staat auch keine Steuern. Die kassierte ja der Westberliner Fiskus. Ebenso profitierten Einwohner von Berlin (West) von diesem Schwindelkurs und der offenen Grenze in reichem Maße, denn Waren und Dienstleistungen kosteten sie in der Hauptstadt der DDR dann nur ein Viertel oder noch weniger dessen, was sie zu Hause hätten zahlen müssen. Insbesondere nach Abschaffung der Lebensmittelkarten 1958 nahm der Abkauf von Nahrungs- und Genussmitteln so stark zu, dass es angesichts der immer noch im Aufbau befindlichen und keineswegs reibungslos funktionierenden Wirtschaft oft genug zu Versorgungsproblemen kam, die natürlich den Unmut der Bevölkerung auslösten. Solchen Unmut als Vorstufe von massenhafter Unzufriedenheit, die sehr schnell schwerwiegende politische Auswirkungen erreichen konnte, nach Kräften zu schüren, galt dem Senat als wichtiger Bestandteil seiner hasserfülltem Konfrontationspolitik: Professionelle Banden wie die gut 100 „Mitarbeiter“ umfassende des als „König von Mallorca“ bekannt gewordenen Hasso Schützendorf (1924 – 2003) erschwindelten sich in der DDR mittels gefälschter Papiere in Geschäften von HO und Konsum-Genossenschaften massenhaft Kreditverträge, kauften dann für ein Butterbrot von Anzahlung beispielsweise hochwertige feinmechanisch-optische und elektrische Geräte in großen Mengen auf und verschoben sie dank offener Grenze und zum Teil sogar in den Zügen der Deutschen Reichsbahn nach Berlin (West) und von dort in weitere kapitalistische Staaten. Sie machten dabei nicht nur ihren doppelten Schnitt durch Kreditbetrug und Schwindelkurs, denn der DDR gingen sowohl Waren für die eigene Bevölkerung als auch dringend benötigte Deviseneinnahmen verloren, wenn westeuropäische Importeure Lieferverträge kündigten, weil Konkurrenten mit Hilfe solcher gutorganisierter Schieberbanden die gleichen Fabrikate weit unter Marktpreis anboten. Die dafür notwendige umfangreiche Beschaffung von Personaldokumenten der DDR war „dank“ offener Grenze ein Kinderspiel – sie wurden in den vom Senat für ihrem Staat illegal den Rücken gekehrt habende DDR-Bürger eingerichteten und propagandistisch als „Flüchtlingslager“ bezeichneten Sammellagern wie dem in Marienfelde von professionellen Händler- und Fälscherbanden für um die 15 D-Mark der DBB liegende Preise aufgekauft und entsprechend „bearbeitet“. So zahlte sich die von Politik und Propaganda nach Kräften geförderte Abwerbung von Bürgerinnen und Bürgern der DDR, vor allem gut ausgebildeten Fachkräften, nicht nur für die bundesdeutsche und Westberliner Wirtschaft sowie für Politik und Propaganda, sondern auch für staatlicherseits wohlwollend geduldete oder gar geförderte kriminelle Banden aus. Hinzu kam die Rolle von Berlin (West) als Tummelplatz aller möglichen antikommunistischen Spionage- und Sabotageorganisationen, von denen die sogenannte „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) des Rainer Hildebrandt und der „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ (UfJ) besonders unrühmlich bekannt wurden. Dem allen wurde unter maßgeblicher Mitwirkung Erich Honeckers ein Riegel vorgeschoben und der den geschworenen Feinden der DDR dadurch zugefügte schwere Schaden lässt ihn in ihren Augen selbstverständlich auf ewig zur Unperson werden. Damit freilich erfuhr auch seine Stellung in der Parteiführung eine entscheidende Verbesserung zu seinen Gunsten – er hatte eine Stufe von herausragender Bedeutung und Wichtigkeit erklommen, von der ihm dank eines bislang mehr oder weniger geschickt verborgenen unseligen und gefährlichen Talents zum Intrigieren, insbesondere gegen seinen „Lehrmeister“ und „Ziehvater“ Walter Ulbricht, bis an die Spitze von Partei und Staat bringen sollte, und zwar mit allen positiven wie verheerenden negativen Folgen.

Zwar gab es im Zentralkomitee im Gegensatz zu den Bezirks- und den Kreisleitungen offiziell nie die Funktion des 2. Sekretärs, doch Erich Honecker rückte nun zum Stellvertreter Walter Ulbrichts auf, was praktisch der genannten Funktion entsprach. Unheilvoll sollte sich vor allem die enge politische und geistige Verwandtschaft zwischen dem neuen „Kronprinzen“ in der Führung der SED und dem neuen ersten Mann an der Spitze der KPdSU, Leonid Iljitsch Breshnew, auswirken: Menschen mit eigenen Gedanken wie eben Walter Ulbricht mochte dieser nicht, ihm waren die Dutzendmenschen lieber, die seinen eigenen, jedoch keineswegs immer anspruchsvollen Gedankenflügen widerspruchslos folgten. Wie sein „Famulus“ Erich Honecker witterte er hinter allen Bestrebungen zur Modernisierung der Gesellschaft und zur Korrektur von Wegen, die sich als falsch erwiesen hatten, den Arm der Konterrevolution, das heimliche Wirken der Kräfte, die, um es mit dem vom späteren US-Präsidenten und erbarmungslosen Kommunistenhasser Ronald Reagan verkündeten Anspruch auszudrücken, das angebliche „Reich des Bösen“ auf den „Müllhaufen der Geschichte“ kehren wollten. Er war weder willens noch in der Lage, zwischen ehrlichen auf der einen und mit dem genannten Ziel nur vorgetäuschten Reformen solcher Leute wie eben jenem Prager „Chefreformer“ Ota Šik auf der anderen Seite zu unterscheiden. Die dafür erkennbaren Gründe widerspiegeln ein beachtliches Maß an Tragik wie an Traumatisierung führender Politiker der DDR wie auch der anderer sozialistischer Staaten in Mittel- und Südosteuropa: Kaum einem von den bis etwa 1925 Geborenen war es erspart geblieben, die häufig menschenunwürdigen Lebensumstände der Arbeiter in Industrie und Landwirtschaft, aber auch die der kleinen Bauern, Handwerker und Gewerbetreibenden selbst durchmachen zu müssen. Nicht wenige von ihnen hatten am eigenen Leibe erfahren müssen, wozu die kapitalistische Gesellschaft bei der Bekämpfung sozialistischer Bestrebungen und Bewegungen fähig war – so mancher der Älteren hatte bereits in der Kaiserzeit nicht nur mit Unternehmerwillkür und Aussperrung, sondern auch mit den Säbeln der Gendarmen und dem Zuchthaus Bekanntschaft machen müssen. Den Gefängnissen und Zuchthäusern der Weimarer Republik, dem vom sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Zörgiebel zu verantwortenden Blutmai von 1929 folgten die Zuchthäuser und Konzentrationslager des Faschismus, seine Todesurteile wie am Fließband fällende Terrorjustiz, der unmenschliche Drill im Strafbataillon 999 und noch vieles andere, was sich von menschlichen Gehirnen an Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausdenken ließ. Der Jugendfunktionär Erich Honecker hatte unter Einsatz seines Lebens gegen den Faschismus gekämpft, hatte 10 Jahre Haft im Zuchthaus Brandenburg erleiden und ihnen widerstehen müssen. Das waren 10 schwere Jahre gestohlener Jugend, gestohlener jugendlicher Unbeschwertheit, gestohlenen Glücks. Wer auch nur eine halbwegs gerechte Bewertung seiner Person und seines Wirkens anstrebt, kommt nicht umhin, solche Misstrauen und Ängste fördernde Lebensumstände ebenso zu berücksichtigen wie sein Unvermögen, das richtige Maß für Wachsamkeit und dafür notwendiges Misstrauen zu finden. War Walter Ulbrichts Weitsicht samt Klugheit und Kühnheit bei der angesichts seines fortschreitenden Alters unvermeidlichen Auswahl eines geeigneten Nachfolgers hinsichtlich Erich Honeckers auf der Strecke geblieben? Hatte er aus Greisensentimentalität gehandelt? Wohl kaum, eher ist eine Verlegenheitslösung zu vermuten, denn Kampfgefährten wie Friedrich Ebert und Hermann Matern waren nahezu gleichaltrig, Werner Lamberz mit noch nicht ganz 40 Jahren zu jung, so dass sich das alte Sprichwort, wonach der Einäugige unter den Blinden der König sei, geradezu aufdrängen muss.

In einer Hinsicht hatte Erich Honecker leider sehr bald bewiesen, dass er aus seinem letztendlichen Scheitern als Vorsitzender der FDJ zumindest nicht die richtigen Lehren gezogen und damit verheerende Folgen für die politisch-ideologische Haltung sowohl eines beachtlichen Teils der jungen Generation als auch vieler Kunst- und Kulturschaffender zu verantworten hat: Wie weit er bei der Umsetzung seiner letztlich von erheblicher Beschränktheit geprägten Auffassungen von Sicherheit und Wachsamkeit schon gehen konnte, dabei natürlich immer in der Gewissheit, beim allmächtigen ersten Mann in Moskau genügend Rückendeckung zu haben, testete er bekanntlich auf jener berüchtigten 11. Tagung des ZK vom 15. bis 18.12.1965, wo er als Hauptredner zu aller Überraschung nicht wie vorgesehen in erster Linie zu Wirtschaftsfragen sprach, sondern einen gewaltigen ideologischen Rundumschlag unternahm, der in der Folgezeit zu einer bislang so beispiellosen wie unheilvollen Disziplinierung und Nivellierung vor allem auf dem Gebiet von Kultur und Kunst sowie Jugend- und Medienpolitik führen sollte. Walter Ulbricht wie auch dem gesamten Zentralkomitee ist hier anzulasten, dass dies geduldet wurde. Natürlich waren Befürchtungen, westliche Musik wie Rock'n roll und Beat sowie Mode würden die Jugend negativ beeinflussen, nicht aus der Luft gegriffen, denn vor allem seitens bundesdeutscher Politik und Propaganda war das selbstverständlich gewollt: Wer sich allein für Jeans und nicht auch für das FDJ-Hemd begeisterte, nützte den Bestrebungen, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, wobei die von Partei- und FDJ-Funktionären zum Teil sehr rigoros vertretenen Meinung, FDJ-Hemd und Jeans „passten nicht zusammen“, dem erst recht Vorschub leistete. Wem Radio DDR oder DT 64 nicht die Musik bot, die er als Jugendlicher gern hörte, der wandte sich eben RIAS, Deutschlandfunk oder Radio Luxemburg zu, womit gleich noch die erwünschte politische Beeinflussung ermöglicht wurde. Das hatten weder der einstige Vorsitzende der FDJ noch Walter Ulbricht begriffen, wobei es sich in beiden Fällen zweifellos auch um einen Generationskonflikt handelte. In ihrer Jugendzeit hatte die ältere Generation in Sachen Musik, Mode und Kunst ebenfalls einen anderen Geschmack und lehnte den der Jüngeren ab. Wirtschaftspolitisch wurden zudem die Weichen für eine Rücknahme des von der sowjetischen Partei- und Staatsführung mit Argwohn und Misstrauen betrachteten „Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ sowie die allmähliche Entmachtung Walter Ulbrichts und seiner Anhänger gestellt. Diese 11. Tagung richtete einen bis dahin kaum für möglich gehaltenen politischen Schaden an – sehr zur Freude vor allem der in Bonn betriebenen feindseligen Politik. Dass Musikrichtungen nicht verboten werden konnten, sondern in deren Rahmen eigenes zu schaffen war, wurde erst allmählich begriffen. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen, wie war eine solche Eigenmächtigkeit überhaupt möglich? Wer die im Apparat der SED üblich gewesene Praxis auch nur einigermaßen kennt, weiß, dass ein Bericht über die Tätigkeit des Sekretariats unabhängig von der Ebene nie das Werk eines Einzelnen war. In einen solchen Bericht flossen in jedem Falle die zuvor ebenso Dutzende von Malen auf Punkt und Komma überprüften und mehrfach geänderten Zuarbeiten der anderen Verantwortungsbereiche ein, der fertige Entwurf war anschließend als Vorlage für die turnusmäßige Sitzung des Sekretariats einzureichen, dort zu behandeln, also zu diskutieren, und dann entweder in dieser Fassung zu bestätigen oder aber bestimmte Änderungen und damit die erneute Einreichung festzulegen. Dann müssen entweder die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros sowie die Sekretäre des ZK (von denen nicht jeder auch Mitglied oder Kandidat des Politbüros war) – einschließlich des Ersten Sekretärs – die von Erich Honecker als vorgesehenem Berichterstatter zusammengestellte Endfassung vor der ZK-Tagung gekannt, folglich auch gebilligt haben, oder aber, er konnte sich in der Gewissheit, die uneingeschränkte Rückendeckung des neuen ersten Mannes in Moskau zu besitzen, eine Art Staatsstreich erlauben und den bereits bestätigten Bericht nachträglich in seinem Sinne ändern. Wenn er aber auf der Tagung des Zentralkomitees einen Bericht vortrug, der in dieser Fassung nicht zuvor von Politbüro und Sekretariat bestätigt worden war, dann beging er nicht nur eine Brüskierung dieser Gremien, sondern auch eine schwere Verletzung der Parteidisziplin, wofür er zur Verantwortung hätte gezogen werden müssen. Ob er wenigstens intern Widerspruch erntete, ist nicht bekannt. In der Tagung des ZK war damit keinesfalls zu rechnen, wobei der Überraschungseffekt mit Sicherheit eine untergeordnete Rolle spielte. Vor nichts war die Angst größer als vor dem Gedanken, mit einer heftigen Auseinandersetzung den Gegnern der DDR auch noch die Munition zu liefern. Die Stärke, ihnen die Angriffsfläche durch eigene öffentliche und sachliche Diskussion einschließlich der Suche nach gangbaren Lösungen zu nehmen und somit letztendlich überlegen zu sein, fehlte völlig. In der Diskussion zum Bericht war wohl keinerlei Widerspruch zu erwarten gewesen, selbst wenn Mitglieder und Kandidaten des ZK mit den im Bericht vertretenen Auffassungen nicht einverstanden gewesen sein sollten: Spontane Diskussionsbeiträge waren weder üblich noch vorgesehen; wer zu welchem Thema sprechen sollte, war zuvor per Beschluss festgelegt worden, zudem erhielt jeder Diskussionsredner seitens des Sekretariats einen Betreuer, der auf den Inhalt entsprechenden Einfluss nahm. Mag sein, dass dem Generaldirektor eines Kombinates weniger hineingeredet wurde als einem Arbeiter oder Genossenschaftsbauern, der meist ohnehin froh war, wenn ihm wenigstens der Parteisekretär bei der Ausarbeitung Hilfe gab oder die Abfassung zur Gänze gleich selbst übernahm, doch insgesamt konnte so schon im Vorfeld keinerlei kritische Diskussion aufkommen. Da bei der Beurteilung von Mode- und Musikrichtungen wie schon gesagt auch generationsbedingt Befürwortung, Duldung oder Ablehnung nach sich ziehende unterschiedliche Auffassungen eine wesentliche Rolle spielen, ist zudem davon auszugehen, dass Erich Honecker gerade bei den älteren ZK-Mitgliedern mit Zustimmung, mindestens aber Verständnis rechnen konnte, und dass er sich diesen Umstand geschickt zunutze machte.

Eine unauslöschliche Schande im Leben von Erich Honecker ist sein Intrigieren gegen Walter Ulbricht, um dessen Ablösung zu erzwingen: Weder war er dem Ersten Sekretär im bei allen gesellschaftlichen Visionen auf das tatsächlich Machbare gerichteten strategischen Denken ebenbürtig noch konnte und wollte er die schlimme Krankheit jedes „Thronfolgers“ überwinden – die Ungeduld. Erich Honecker war eher ein Mann für Tagesaufgaben, fürs Taktische, noch mehr aber wohl fürs Taktieren und Intrigieren, ein Mann, der nichts so sehr liebte wie schnelle Erfolge und dabei Aufwand sowie langfristige und auch durchaus mögliche negative Folgen außer Acht ließ. Ausgerechnet er erlaubte sich, was in Kommunistischen Parteien seit Jahrzehnten als eine der schwersten Verfehlungen geächtet war – die Spaltung der Parteiführung durch Fraktionsbildung, nicht offen natürlich, sondern äußerlich kaum wahrnehmbar, hinter den Kulissen. Zunächst arbeitete der „Verlegenheits-Kronprinz“ heimlich gegen den Ersten Sekretär – hatte dieser zur Politbüro-Sitzung Vorlagen eingereicht, die ihm nicht in den Kram passten, nutzte er in Fällen von Walter Ulbrichts Abwesenheit seine Vertretungsbefugnis, um die Behandlung des jeweiligen Dokuments zu verhindern. Ein Günter Schabowski ist gewiss kein Musterbeispiel für Lauterkeit, doch wenn er schreibt, dass Erich Honeckers damalige Dienstbeflissenheit nur vorgetäuscht war, um sich beim Ersten Sekretär beliebt, vor allem aber unentbehrlich zu machen, um ihn dann desto wirkungsvoller zu hintergehen, dann darf man ihm das wohl unbesehen glauben. Wie der 1985 durch ihn gemaßregelte Herbert Häber angibt, hielt sich Erich Honecker auch willfährige Zuträger wie Joachim Herrmann, die ihn über alles, was er gegen Walter Ulbricht verwenden konnte oder was seinen Auffassungen zuwiderlief, auf dem Laufenden hielten. Dennoch ließ sich der Erste Sekretär nicht so schnell wie erhofft aus dem Sattel heben, weshalb die um Erich Honecker gescharten Verschwörer, insgesamt 13 an der Zahl, zu hinterhältigen Mitteln griffen, um ihr Ziel zu erreichen: Am 21. Januar 1971 wandten sie sich in einem, natürlich hinter dessen Rücken, abgefassten und eine große Zahl, von Subjektivismus, Selbstüberschätzung, Unfehlbarkeitsglaube, Starrsinn, Missachtung des Politbüros und seiner Beschlüsse bis zur Gefährdung des Verhältnisses „zur KPdSU und den anderen Bruderparteien“ reichender, Anschuldigungen enthaltenden Brief an Leonid Iljitsch Breshnew. Sie wussten genau, dass dieses Schreiben politischer Sprengstoff war, den sie sich freilich nicht trauten, selbst zu zünden, darum wurde der erste Mann in Moskau mit dem Schlußsatz „Wir erwarten Ihre Antwort und Hilfe.“ ersucht. Breshnew erschien ihnen als Sprengmeister erfahrener und auf Grund seiner herausragenden Stellung natürlich wirkungsvoller, womit sie sich auch nicht verrechnet hatten. Schließlich waren einige Formulierungen bewusst so gewählt worden, dass sich der gern als bedeutender Theoretiker verstehende erste Mann der KPdSU auch persönlich getroffen, folglich sogar zum Handeln gegen Walter Ulbricht gezwungen sehen musste: „Aus vielen Bemerkungen und manchem Auftreten geht hervor, dass sich Genosse Walter Ulbricht gern auf einer Stufe mit Marx, Engels und Lenin sieht.“ So kam denn jener so denkwürdige wie folgenschwere 3. Mai 1971, auf dem Walter Ulbricht die bittere Pille endgültig schlucken und auf der 16. Tagung des ZK zur großen Überraschung der nicht eingeweihten Mitglieder und Kandidaten das als „Bitte“ verbrämte Ergebnis von Verschwörung und Breshnewscher Erpressung verkünden musste. Damit war es ihm verwehrt, weiteren Einfluss auf die Ausarbeitung der vom VIII. Parteitag zu beratenden und beschließenden Dokumente für die künftige Entwicklung von Staat und Gesellschaft zu nehmen. Das nun hieß im Klartext, dass die Wahl in die „wiederentdeckte“ Funktion des Vorsitzenden der SED eine zwar öffentlichkeitswirksame, aber leere Geste gewesen war. Die Rolle Erich Honeckers und seiner Mitverschwörer bei der erzwungenen Ablösung des großen alten Mannes war nicht nur moralisch höchst verwerflich, sie war schlicht und einfach parteischädigend.

Den Erwartungen großer Teile der Bevölkerung mit einer schnellen Erhöhung gerade der materiellen Attraktivität der eigenen Gesellschaft zu begegnen, beherrschte seit dem VIII. Parteitag 1971 immer stärker die Politik der Partei- und Staatsführung unter Erich Honecker. Das nun ins Leben gerufene Wohnungsbauprogramm zur Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990 und die auf den Beschlüssen des IX. Parteitages beruhenden weiteren sozialpolitischen Maßnahmen sind keinesfalls gering zu schätzen. Jeder, der einmal Wohnungssuchender war, kann das bestätigen und das persönliche Verdienst daran, dass in der DDR viel Kraft darauf verwandt wurde, allen Menschen nicht schlechthin ein Dach über dem Kopf zu geben, sondern durch diese Politik modernes, bequemes und bezahlbares Wohnen als grundsätzliches Menschenrecht zu verwirklichen, kann Erich Honecker niemand nehmen. Auf Grund der begrenzten volkswirtschaftlichen Möglichkeiten musste eine solche, hauptsächlich auf kurzfristige Erfolge gerichtete Politik vor allem zu Lasten der Industrie gehen. Das dadurch bedingte Fehlen der Mittel bewirkte zwangsläufig einen Rückgang der dringend notwendigen Investitionen sowohl zur Erneuerung der Produktionsmittel und damit zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität als Grundvoraussetzung für die Erwirtschaftung der für die Sozialpolitik erforderlichen Gelder als auch in die erforderlichen Verfahren, Technik und Anlagen zum Schutz von Natur und Umwelt. Erich Honecker nahm seine Verantwortung für die wirtschaftliche Entwicklung praktisch kaum wahr, sondern ließ hier den machtbesessenen und selbstherrlichen Günter Mittag nach dessen Gutdünken schalten und walten. Der Generalsekretär und Vorsitzende des Staatsrates kümmerte sich lieber um die Außenpolitik, die nach und nach eine Art „Steckenpferd“ von ihm werden sollte. Das fand seinen Ausdruck unter anderem in einer breiten und deshalb letztlich langweilenden Berichterstattung über jeden Empfang eines ausländischen Staatsgastes oder die Akkreditierung eines neuen diplomatischen Vertreters. Die Gründe dafür lagen freilich tiefer und waren durchaus objektiver Natur gewesen: Die letztlich zur persönlichen Sucht gewordene einseitige Ausrichtung des Wirkens des Mannes an der Spitze von Partei und Staat war schon dem berechtigten Bestreben entsprungen, angesichts der zwar längst gescheiterten, aber im Grundsatz weiterwirkenden völkerrechtswidrigen Bonner „Hallstein-Doktrin“ die Stellung der DDR und ihr Ansehen in der Welt weiter zu festigen und auszubauen. Das war schließlich auch eine Grundvoraussetzung für erweiterte und vor allem gegenseitig vorteilhafte Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, zumal ja die kapitalistische Welt, allen voran die BRD, jede Möglichkeit nutzte, die DDR soweit und so lange wie möglich von einer gleichberechtigten Teilnahme am Welthandel fernzuhalten. Nicht begriffen wurde dabei offenbar, dass eine leistungsfähige, hochproduktive und innovative Volkswirtschaft wiederum die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Behauptung auf dem kapitalistischen Weltmarkt darstellte. Diese Einseitigkeit und Vernachlässigung führte letztlich dazu, dass Lücken im wirtschaftlichen Gefüge nur geschlossen werden konnten, indem an anderen Stellen gekürzt oder dringend notwendige Investitionen verschoben und somit neue Lücken gerissen wurden. Vergrößert wurden diese Disproportionen noch durch von Günter Mittag zu verantwortende Fehlentscheidungen und Fehlinvestitionen wie eben die erzwungene und Investitionen von 9 Milliarden Mark der DDR erforderlich gemacht habende Ausstattung des „Wartburg 1.3“ mit einem überdies für die Umrüstung der vorhandenen Zweitakt-Fahrzeuge ungeeigneten „VW“-Motor, nachdem er bereits Jahre zuvor alle Arbeiten an einer kostengünstiger gewesenen Eigenentwicklung unterbunden hatte. Das, was unter Walter Ulbricht an wirtschaftlicher Substanz geschaffen worden war, musste so in einem knappen Jahrzehnt bald wieder aufgezehrt sein. Unter diesen Bedingungen verkam Wirtschaftspolitik zwangsläufig zu Flickschusterei, statt wissenschaftlich durchdachter, langfristiger Planungen und kollektiver Entscheidungen herrschten Subjektivismus und Taktierertum. Durch die immer offener zutage tretende Unzuverlässigkeit und Eigensüchtigkeit der Partnerstaaten im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe sowie deren weiter wachsende Abhängigkeit vom kapitalistischen Lager und die damit einhergehende wirtschaftliche und politische Erpressbarkeit wurde diese Entwicklung zusätzlich verschärft. Dennoch rechtfertigte und bestätigte diese negative, ja schädliche Entwicklung keineswegs die seit eh und je vom bundesdeutschen Politik- und Propagandabetrieb verbreitete und ab 1990 von der berüchtigten „Treuhandanstalt“ der Frau Breuel als Hauptargument für deren unheilvolles Wirken benutzte Behauptung von der angeblich „maroden DDR-Wirtschaft“: Für diese vor allem der Veruntreuung und Verschleuderung des Volksvermögens verpflichtete Einrichtung durfte nicht wahr sein, was auch 20 Jahre später die Internet-Enzyklopädie „wikia“ bestätigen sollte: „Die DDR versuchte als Industrieland auf vielen industriellen und technischen Gebieten eine Autarkie zu erreichen und ihre technischen Aufgaben im Rahmen des RGW und der 'sozialistischen Integration' zu erfüllen. Eine wesentliche Rolle sollten dabei Wissenschaftler und Techniker der DDR spielen. Auf einigen Gebieten waren erhebliche Erfolge zu verzeichnen; auch in wenig geförderten Bereichen wie der Automobilindustrie und der Unterhaltungselektronik war die DDR-Produktion vielfältiger und quantitativ umfangreicher als z.B. in Österreich, Spanien, Irland, Portugal und der Schweiz. Die Forschung und Wissenschaft in der DDR war erheblich anwendungsorientiert und praxisbezogen.“ Wer die Übergabe der DDR an die BRD mit der Behauptung vom „maroden Zustand der Wirtschaft“ samt finanzieller „Pleite“ rechtfertigen will, vergisst oder leugnet die Tatsache, dass sie wirtschaftlich immer noch deutlich stärker und ihre Wirtschaft funktionstüchtiger war als die ihrer Partnerstaaten, die mit Ausnahme der Tschechoslowakei allesamt als Agrarländer mit nur schwachentwickelter Industrie begonnen hatten. Sofern sie nicht wie die Sowjetunion und die Tschechoslowakei von innen heraus zerstört wurden, bestehen sie als Staaten nach wie vor. Niemand kam 1989/90 auf den Gedanken, sie seien wirtschaftlich allesamt so am Boden, dass sie ihre Existenz zugunsten des Anschlusses an irgendeinen Nachbarstaat hätten einbüßen müssen. Gleiches trifft auf das Jahr 2012 zu, wo mehrere Länder der Euro-Zone unmittelbar vor der Zahlungsunfähigkeit stehen: Niemand kommt auf den Gedanken, Griechenland wieder an seinen Erzfeind Türkei zu übergeben oder Portugal an Spanien, niemand denkt an eine erneute Aufteilung Italiens. Bei allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen die DDR vor allem in den 1980er Jahren zu kämpfen gehabt hatte, ist eines festzustellen: Das Gerede vom angeblich „maroden Zustand der Wirtschaft“ war lediglich ein Vorwand, war Grundlage für einen beispiellosen Propagandafeldzug, um der Bevölkerung die Aufgabe der staatlichen Existenz mittels Anschluss an die BRD als angeblich „unausweichliche und einzig mögliche Lösung“ der Probleme schmackhaft zu machen.

Politisch setzte der 1976 auch zum Staatsoberhaupt gewählte Erich Honecker eine Reihe neuer und durchaus positiver Akzente, die zur Erhöhung der Akzeptanz von Staat und Gesellschaft bei weiten Teilen der Bevölkerung und ihrer Identifizierung mit der DDR beitrugen – zunächst jedenfalls. In diese Zeit fallen beispielsweise die Neuregelung der Bestimmungen über einen Schwangerschaftsabbruch und damit die Förderung des Rechtes der Frauen auf Selbstbestimmtheit, das neue Jugendgesetz, die Ausarbeitung eines neuen Arbeitsgesetzbuches und damit die Stärkung der Rechte der Werktätigen sowie die Ausarbeitung eines neuen Zivilgesetzbuches, das zur endgültigen Ablösung des antiquierten Bürgerlichen Gesetzbuches führte. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass gerade diese wichtigen Gesetze der Bevölkerung im Entwurf vorgelegt wurden, womit jeder die Möglichkeit der eigenen Mitwirkung hatte. Es ist unbestreitbar, dass davon reger Gebrauch gemacht wurde, und zwar ohne dass es dazu besonderer Anstöße „von oben“ bedurfte, zumal Arbeitsrecht die ureigensten Interessen eines jeden Einzelnen ebenso betraf wie das Zivilrecht. Eine solche Mitwirkung der Bevölkerung im Gesetzgebungsprozess ist in der den Anspruch, eine Demokratie zu sein, erhebenden BRD so undenkbar wie unmöglich, ja, sie wird seitens der Politik als „mit der repräsentativen Demokratie unvereinbar“ rigoros abgelehnt. Ebenso war die vom gleichen Erich Honecker mit der 11. Tagung des ZK eingeleitete restriktive Kulturpolitik mittlerweile stillschweigend zu Grabe getragen worden, jedenfalls in beachtlichen Teilen. Nicht nur jugendgemäße Musik, Filme und Bücher erreichten ein international stark beachtetes Niveau, die Unterhaltungskunst insgesamt besaß eine westlich von Elbe und Werra immer wieder ungläubig bestaunte hohe Professionalität. Stellvertretend dafür steht die große Begeisterung, mit der Jugendliche in der BRD und Berlin (West) beispielsweise die ihnen von heimischen Agenturen bislang vorenthaltenen „Puhdys“ feierten, als sie endlich 1976 und 1977 nach dort eingeladen wurden: „Schon Stunden vor dem Konzert drängten sich die Fans vor der Kasse. ... Und sie (die „Puhdys“) zeigten, daß sie nicht auf eine 'Masche' eingefahren sind, mit einer perfekten Rock-'n'-Roll-Einlage stellten sie ihre fundierte musikalische Ausbildung unter Beweis.“, schrieb das in Berlin (West) erscheinende „Spandauer Volksblatt“. Die „Goslarsche Zeitung“ berichtete am 11. Mai 1981: „Von Anfang an ließen die Puhdys keinen Zweifel aufkommen an ihrer exzellenten Musikalität.“ Allerdings förderte die auf niveauvolle Unterhaltung ausgerichtete Medienpolitik bei vielen Bürgerinnen und Bürgern auch den Hang zur Bequemlichkeit, die Neigung, auf tieferes Nachdenken, weil als zu anstrengend geltend, zu verzichten: In den 1960er Jahren war gerade durch das Fernsehen versucht worden, gemäß der Losung „Plane mit – Arbeite mit – Regiere mit“ das Interesse der Werktätigen an der Mitgestaltung der Planungs- und Produktionsprozesse zu fördern, wofür solche Sendereihen wie „Meister Falk“ mit dem unvergessenen Wolf Kaiser in der Hauptrolle stehen. Doch wie oft war von den so Angesprochenen Abwehr zu erfahren, wofür Argumente wie „Arbeit, Arbeit, den ganzen Tag nur Arbeit, wir wollen auch mal etwas anderes hören und sehen!“ stehen.

War es unter Walter Ulbricht gelungen, die DDR unter den widrigen Bedingungen bundesdeutscher Alleinvertretungsanmaßung bis an die Schwelle weltweiter Anerkennung zu führen, so fanden diese Bestrebungen unter Erich Honecker ihre erfolgreiche Fortsetzung – im Jahre 1977 bestanden zu 123 Staaten diplomatische Beziehungen. Kurze Zeit später, 1980, verfügte sie in 200 Staaten über Botschaften, Handelsvertretungen und Militärmissionen. Mit dem am 3. September 1971 zwischen den USA, Großbritannien, Frankreich und der UdSSR, die dabei auch die Interessen der DDR wahrnahm, abgeschlossenen „Vierseitigen Abkommen über die Westsektoren von Berlin“ wurde ein den Entspannungsprozess in Europa erheblich behindernder Gefahrenherd zumindest eingedämmt: Wenn auch das Abkommen nach wie vor nicht klar definierte, was die Besondere Politische Einheit Berlin (West) völkerrechtlich darstellte, so enthielt es doch als wichtigste Bestimmung die Festschreibung der Tatsache, dass die inmitten und auf dem Gebiet der DDR gelegene Stadt „so wie bisher“ kein „Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland“ war „und auch weiterhin nicht von ihr regiert“ werden durfte. Mit dem am 21. Dezember 1972 unterzeichneten „Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland“, in dem sich beide Staaten ihre gegenseitige Unabhängigkeit voneinander sowie die Beschränkung der Hoheitsgewalt eines jeden der beiden Staaten auf sein eigenes Staatsgebiet bestätigten, waren Hallstein-Doktrin und Alleinvertretungsanmaßung am Ende. Dieser völkerrechtliche Vertrag ebnete den Weg für die ein Jahr später erfolgte Aufnahme von DDR und BRD in die Organisation der Vereinten Nationen, was zum einen Ausdruck der Souveränität und zum anderen ein Zeichen für die wichtige weltpolitische Rolle der DDR war. Ihren Höhepunkt erreichten die Bemühungen zur Entspannung zwischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung mit der von den Mitgliedsländern des Warschauer Vertrages bereits 1965 vorgeschlagenen und nun endlich für 1975 nach Helsinki einberufenen „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“. Doch dieser Gipfelpunkt im Ringen um ein auf der Politik der friedlichen Koexistenz beruhendes Neben- und Miteinander kapitalistischer und sozialistischer Staaten war danach sehr schnell überschritten, dachten doch die Staaten der NATO mit keiner Silbe daran, sich korrekt an Geist und Buchstaben der abgeschlossenen Vereinbarungen zu halten: Unter Verschweigen der ihre alte, untaugliche Politik des „roll back“ dessen, was sie unter Kommunismus verstanden, behindernden und Überbetonung ihnen dafür geeignet erscheinender Bestimmungen der Schlussakte von Helsinki entfesselten sie eine bis dahin beispiellose Freiheits- und Menschenrechtskampagne, der die sozialistischen Staaten nichts entgegenzusetzen hatten, ihr folglich mehr oder weniger hilflos gegenüberstanden. Gerade hier zeigten sich die engen Grenzen der politischen Kreativität der Partei- und Staatsführung und erst recht Erich Honeckers persönlich. Weder gelang ein öffentlicher und offensiver Umgang mit dem „dank“ wohlwollender Förderung durch bundesdeutschen Politik- und Propagandabetrieb anschwellenden Personenkreis, der, meist voller Illusionen über das Leben im Kapitalismus, der DDR durch Stellung eines Antrages auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft und Übersiedlung in die BRD oder nach Berlin (West) den Rücken kehren wollte, noch konnte der immer offener zutage tretende Einfluss sozialismusfeindlicher Kräfte in den großen Amtskirchen zurückgedrängt werden. Erster und für lange Zeit entscheidender Höhepunkt solcher Hilflosigkeit war der Entzug der Staatsbürgerschaft für den Sänger und Liedermacher Wolf Biermann nach einem Konzert in der BRD. Der in breiten Kreisen der Bevölkerung bis dahin kaum bekannte und sehr exzentrische Biermann wurde durch die bundesdeutschen Medien über Nacht zu einem antikommunistischen Märtyrer gemacht, vor allem aber waren die Folgen verheerend, da nun zahlreiche ihm beruflich nahestehende Menschen, fast ausnahmslos Künstler von nationalem und internationalem Rang, ebenfalls die DDR verließen. Dass Biermann, wie sein Verhalten gerade in den letzten 20 Jahren mit aller Deutlichkeit klarmachte, als Person diese Solidarität keineswegs verdient hatte, bewies eindeutig, dass die politischen Probleme wesentlich tiefer lagen, der Entzug der Staatsbürgerschaft folglich allenfalls das Ventil für den Ausbruch langangestauter Unzufriedenheit war. Ein weiterer Höhepunkt geradezu unglaublichen politischen Dilettantismus war die von Erich Honecker und Joachim Hermann veranlasste Streichung des sowjetischen Polit-Magazins „Sputnik“ von der Liste des Postzeitungsvertriebes: Wohl waren darin nach 1985 eine Reihe recht fragwürdiger Aufsätze erschienen, die gerade dort, wo man „das Reich des Bösen“ auf „den Müllhaufen der Geschichte“ kehren wollte, mit Beifall bedacht wurden, doch diese Maßnahme hatte verheerende Folgen, schließlich löste sie vor allem Aufruhr bei solchen Personen aus, die den „Sputnik“ nie gelesen hatten! Nicht nur SED und DSF, sondern auch der FDGB und andere Organisationen, die mit jener Verfügung allesamt nicht das geringste zu tun gehabt hatten, sahen sich mit Austritten von Mitgliedern konfrontiert. Gefördert wurden diese recht absurden, weil völlig irrationalen Reaktionen durch einen von den bundesdeutschen Medien absichtsvoll und raffiniert verbreiteten Begriff: „Sputnik-Verbot“!, hieß es allerorten und gerade diese Lüge brachte irrationale Gefühlsaufwallungen zum Überkochen. Bei einigermaßen nüchternem Nachdenken wäre jedem klargeworden, dass ein Verbot sowohl den Besitz und das Lesen als auch das Mitbringen des „Sputnik“ aus dem Ausland unter Strafe gestellt hätte, was jedoch überhaupt nicht zutraf. Die Partei- und Staatsführung unter Erich Honecker hatte sich damit ein weiteres gefährliches Eigentor geschossen, denn gerade die Absurdität der Reaktionen von Menschen, die sich zuvor nie für dieses Magazin interessiert hatten, bewies wieder, dass die Probleme weitaus tiefer lagen, aber keine sinnvollen Auswege gesehen wurden. Dass die BRD hier wie überall ihre Hände im Spiel hatte, war jedoch schon 1972 zu erkennen gewesen, denn bereits damals hatte sich gezeigt, was die vom damaligen Bundesminister Egon Bahr nach der nicht mehr zu umgehen gewesenen Unterzeichnung des Vertrages über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland am 21. Dezember 1972 in Berlin - Hauptstadt der DDR, dabei vor dem Mikrofon unhöflich, überheblich und undiplomatisch Zigarettenasche auf das Parkett schnippsend, während des Pressegespräches abgegebene Erklärung „Die DDR ist für uns auch weiterhin kein Ausland.“ bedeutete: Das war nicht lediglich ein Irrtum, auch nicht nur eine Leugnung der soeben vertraglich besiegelten Tatsachen. Es war schlichtweg eine Kampfansage, es war die Ankündigung, dass die Bekämpfung der DDR, die darauf gerichtete Politik, sie „zum Verschwinden zu bringen“, also ihre Existenz zu vernichten, weitergehen würde. Lediglich in der Wahl der Mittel wollten die Herrschenden in der BRD nun weniger offen, plump und grobschlächtig, sondern „feinfühliger“, sprich hinterhältiger, versteckter, verschlagener und noch verlogener sein. Die bisherigen schrillen und so abschreckend wie abstoßend wirkenden Hassgesänge, die von vornherein die Zielrichtung erkennen ließen, sollten durch die sprichwörtliche Aggression auf Filzlatschen und damit die Vernichtung der DDR durch die Hintertür ersetzt werden. Das Heimtückische und Gefährliche daran war, dass nicht nur von politisch Unbedarften, geistig Anspruchslosen und Bequemen, sondern auch von Personen mit hohem Bildungsniveau die dahinter steckenden Absichten kaum durchschaut wurden.

Es wird gern, auch von linken Politikern, behauptet, die DDR und damit ebenso Erich Honecker persönlich seien hauptsächlich deshalb gescheitert, weil die von Michail Gorbatschow eingeleitete Politik von „Glasnost“ und „Perestrojka“ abgelehnt wurde. Wer Derartiges glaubt, ist nun freilich einem sehr gefährlichen Irrtum aufgesessen, scheint ihm doch entgangen zu sein, dass gerade dort am lautesten Beifall geklatscht wurde, wo man unter Führung des einstigen Hollywood-Schauspielers und hasserfüllten Antikommunisten Ronald Reagan gedachte, „das Reich des Bösen“ auf „den Müllhaufen der Geschichte“ zu kehren. Wer immer noch an den nur dank widriger Umstände tragisch gescheiterten „Reformer“ Gorbatschow glaubt, sollte seine Selbstzeugnisse lesen - so bekannte er während eines vom 26. Juli bis zum 1. August 2000 stattgefundenen Seminars der Amerikanischen Universität in der Türkei laut „Prawda Rossii“ wörtlich: „Das Ziel meines ganzen Lebens war die Vernichtung des Kommunismus, dieser unerträglichen Diktatur gegen die Menschen.“ Abschließend entlarvte er sich noch einmal, als er unter völliger Ignoranz imperialistischer Diktaturen und Verbrechen erklärte: „Der Weg der Völker zu wirklicher Freiheit ist schwer und lang, er wird aber unbedingt erfolgreich sein. Dafür muss sich nur die ganze Welt vom Kommunismus befreien.“ Zur Bewältigung der gerade unter Gorbatschow immer offener zutage tretenden schweren gesellschaftlichen Krise versuchte die sowjetische Führung als die tonangebende im sozialistischen Staatenblock, sich Luft zu verschaffen, auch auf Kosten ihrer Verbündeten und dabei vor allem der DDR. Fest steht ebenfalls, dass es in anderen sozialistischen Ländern nicht anders und so mit der jahrzehntelang beschworenen unverbrüchlichen Freundschaft nicht mehr weit her war. Es konnte nicht lange geheimgehalten werden, dass die sowjetische Führung bereits im Zeitraum 1986/87 bereit war, um des eigenen Überlebens willen die DDR, ihren treuesten und wirtschaftlich stärksten Verbündeten, fallen zu lassen - eine Vorstellung, die vollkommen illusionär war, wie sich spätestens 1991 zeigen sollte. So hielt der sowjetische Diplomat Wjatscheslaw Daschitschew am 27. November 1987 auf einer Sitzung des wissenschaftlich-konsultativen Beirats beim Amt für sozialistische Länder Europas des Außenministeriums der UdSSR einen Vortrag über die „deutsche Frage“ – ein Thema also, das in der Praxis längst nicht mehr existierte und folglich künstlich zu einem angeblich ungelösten Problem hochstilisiert wurde. Bar jeden Blickes für die Wirklichkeit, in der ein politisch-geografisches Gebilde namens „Deutschland“ mit einer Art gemeinsamer Außengrenze um DDR und BRD und eine Grenze minderer Qualität zwischen beiden Staaten mit dem angeblichen Status „innerdeutsch“ überhaupt nicht existierten, erklärte er zu jenem Vortrag unter anderem: „Ich ging in meinem Beitrag davon aus, daß die DDR den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wettbewerb mit der Bundesrepublik verloren habe und daher die weitere Diskreditierung der in der DDR herrschenden politisch-ideologischen Ordnung unvermeidbar sei, was das Problem der nationalen Vereinigung in einem ganz neuen Lichte darstellen werde. Die Teilung Deutschlands und die fortdauernde Existenz von zwei deutschen Staaten betrachte ich als eine gefährliche und für die Interessen der Sowjetunion schädliche Entwicklung Europas... Aber wie konnte der gordische Knoten zerhauen werden? Damals schien mir als die beste Handlungsweise die Rückkehr zur Idee der Wiedervereinigung auf der Grundlage der Neutralität Deutschlands zu sein... Meinen Vortrag schloß ich mit der Warnung: 'Die sowjetische Politik muß sich im klaren darüber sein, daß es in der Deutschen Frage zu unerwarteten Umbrüchen ... kommen könne.' ... Obwohl die Sitzung mit einem negativen Resultat endete, spielte sie zweifellos eine Rolle bei der Neubesinnung in der Deutschen Frage. ... Das konnte auch bei Schewardnadse als dem Neuankömmling im Außenministerium, der nach neuen Wegen in der Außenpolitik suchte, nicht unbeachtet bleiben. ... Es ist von großer Bedeutung, mögliche Varianten der Entwicklung der 'deutschen Frage' unter dem Blickwinkel der Interessen der sowjetischen Politik nachzuvollziehen. Hier können vorwiegend folgende Linien umrissen werden: 1. die fortdauernde Existenz von zwei deutschen Staaten; 2. die Wiedervereinigung Deutschlands gemäß den Prinzipien der Neutralität und der Bündnisfreiheit; 3. die Wiedervereinigung Deutschlands und seine Integration in das westliche Bündnis ...“. Das erklärt zumindest teilweise die damals beginnende Distanz der DDR-Führung zur UdSSR, was dann als „Sozialismus in den Farben der DDR“ deklariert wurde. Das erklärt auch die nunmehr beginnende kritischere Sicht auf die UdSSR und die Distanz zu „Glasnost“ und „Perestrojka“ überhaupt, nicht nur wegen deren überstürzter, konzeptionsloser und dilettantischer Umsetzung. Ihren Ausdruck fand das bekanntlich in dem von Politbüro-Mitglied Kurt Hager in die Öffentlichkeit gebrachten Satz, dass man nicht seine eigene Tapete wechseln müsse, nur weil der Nachbar gerade seine Wohnung renoviere. Damit aber wird auch klar, dass die Führung der DDR gewusst hat, was nun bevorstehen könnte. Der Bevölkerung wurde das jedoch verschwiegen. Bei aller Distanz zur sowjetischen Führung wurden weiterhin in der Öffentlichkeit die „unverbrüchliche Freundschaft“ und der „unzerstörbare Bruderbund“ betont. Beide Seiten logen sich entweder gegenseitig etwas vor oder aber, sie spielten vor den Völkern ihrer Staaten gemeinsam eine schmierige Komödie. Vermutlich glaubten sie auch, ein offener Bruch würde den Absturz, dem sie folglich konzeptionell wenig oder nichts entgegenzusetzen hatten, noch beschleunigen. In diesem Lichte erscheint die Reise Erich Honeckers im Herbst 1987 in die BRD weniger als bloße Aufmüpfigkeit gegenüber der UdSSR, sondern mehr als ein Versuch, durch bessere politische und wirtschaftliche Beziehungen zum anderen deutschen Staat die eigene Lage stabilisieren und mehr Handlungsspielraum gewinnen, somit also einen Absturz verzögern oder vielleicht gar verhindern zu können. Zwei Jahre später erwies sich das genauso als Illusion wie die Hoffnung führender sowjetischer Politiker, durch Preisgabe der DDR das eigene Überleben zu sichern und den Verzicht der so begünstigten und vergrößerten BRD auf die Mitgliedschaft im aggressiven NATO-Pakt zu erreichen. Mehr noch, die herrschenden Kreise der BRD, die Erich Honecker 1987 hofiert hatten, möglicherweise auch mit dem Zweck, ihn in Sicherheit zu wiegen, schlugen 1990 gnadenlos zu und setzten mit Hilfe gewissenloser Alt- und Neupolitiker in der DDR ihr Konzept von der Einverleibung des „Erzfeindes“ durch. Dass sie an diesem Brocken bis heute und noch viele weitere Jahre schwer zu kauen haben, ist die andere Seite.

In den sich überschlagenden Ereignissen des Jahres 1989 und im nun folgenden offiziellen Nichtreagieren der Partei- und Staatsführung der DDR offenbarten sich nicht nur schlechthin eigene Unfähigkeit und Ratlosigkeit. Es war auch das Bewusstsein der eigenen Hilflosigkeit, des Alleingelassenseins, mehr noch des Imstichgelassenseins durch die Verbündeten. Diesen ging es nur noch darum, die eigene Haut zu retten, auch um den Preis des Verrats an der DDR. Hierin offenbarte sich gleichzeitig die Unfähigkeit ihrer bisherigen Bündnispartner: Wohl hatte man erkannt, dass das unter Stalin geprägte Sozialismus-System gescheitert war, sich zumindest in der Sackgasse befand. Den einzigen Ausweg aus dem Dilemma aber sah man im raschen Einlegen des Rückwärtsganges, in der überstürzten Rückkehr zum Kapitalismus. Die Folgen dieser Unfähigkeit bekommen heute alle Bürgerinnen und Bürger der damaligen sozialistischen Länder in Gestalt von Arbeitslosigkeit, massenhafter Armut und Verelendung, Krieg und Bürgerkrieg und darüber hinaus der ganze Erdball zu spüren.

Am Ende bleibt festzustellen: Die Politikergeneration um Erich Honecker war 1989 längst am Ende ihrer Kraft und ihres Vermögens, in neuen Dimensionen zu denken, neue, zukunftsträchtige und von der Bevölkerung annehmbare, ihre Kreativität sowohl herausfordernde als auch fördernde Vorstellungen und Visionen für die Gestaltung einer attraktiven sozialistischen Gesellschaftsordnung zu entwickeln. Diese Generation hatte doch im Grunde genommen alles erreicht, wofür sie seit ihrer Jugendzeit gerungen und gekämpft, Unternehmer- und Hausbesitzerwillkür, persönliche Entbehrungen, politische Verfolgung, Zuchthaus und KZ, Folter, Schäden an der Gesundheit, Exil und bewaffneten Kampf auf sich genommen, ihr Leben eingesetzt hatte: Arbeit für alle, menschenwürdiges Wohnen, kostenlose und qualitativ hochwertige Bildung und Gesundheitsfürsorge, Zugang zu Kunst und Kultur für alle, eine gesicherte und für alle erschwingliche Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und vieles andere mehr – alles, was nicht nur sie selbst, sondern mit ihnen Millionen lohnabhängig Beschäftigter, Arbeitsloser, Obdachloser, Armer und Verarmter in ihrer von der kapitalistischen Gesellschaft geprägten weitgehend freudlosen Kinder- und Jugendzeit wie auch als Erwachsene entbehren mussten. Das seit 1945 auf dem Gebiet der DDR Erreichte war und ist ein bedeutender und nicht gering zu schätzender Fortschritt. Allein – diese Generation war nicht mehr in der Lage, zu begreifen, dass die Ansprüche, vor allem der jüngeren Generation, die den Kapitalismus nur noch vom Hörensagen kannte, längst gewachsen waren und dies nicht nur in materieller Hinsicht und nicht ausschließlich durch die genannte Schaufensterfunktion gerade von BRD und Berlin (West), obwohl diese natürlich den weitaus größten Anteil bei den Gründen für die geradezu krankhafte Fixierung breiter Kreise der Bevölkerung auf das bundesdeutsche und Westberliner Warenangebot hatte. Dennoch muss sich jeder, der 1989 auf die Straßen gegangen ist, eingestehen, dass er sich in Wahrheit den eigenen Ast abgesägt, indem er in blinder Wut alles schon überwunden Geglaubte – Arbeitslosigkeit, Preis- und Mietwucher, Bildungsprivileg, Gesundheitsfürsorge gemäß Geldbeutel, Kriegsbeteiligung und viele weitere Geißeln der Menschheit – wieder herbeidemonstriert hat. Dass der schließlich zum Gejagten und Geächteten gemachte Erich Honecker am Ende vor ein Gericht des Staates gezerrt wurde, dessen damaliger erster Mann ihn 1987 mit großem Gepränge empfangen hatte der und nun unter zynischem Verweis auf eine angeblich unabhängige Justiz keinen Finger für seinen einstigen Staatsgast rührte, hat im Grunde nichts mit dem zu tun, weswegen er offiziell und noch dazu mittels äußerst fragwürdiger Rechtskonstruktionen angeklagt wurde: Die beim illegalen Grenzübertritt zu Tode Gekommenen waren nur der Aufhänger, diente dieser Personenkreis doch in erster Linie jener Politik, die es nötig gehabt hatte, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, als Spielball. Außerdem wurde im gegenteiligen Fall so gänzlich anders verfahren – jeder Mörder eines Grenzsoldaten der DDR wurde wie 1976 Werner Weinhold im Essener Landgericht als Held gefeiert, und welche Heuchelei hinter der Anklage steckte, lässt sich schon daraus ersehen, dass die BRD für ihre eigenen bewaffneten Kräfte – Zoll, Bundesgrenzschutz und Polizei – den Schusswaffengebrauch als ganz normal, als „richtig, rechtens und rechtsstaatlich“ ansieht, dass sie es nötig hatte, allein an der Grenze zu Belgien Dutzende von Menschen zu Tode zu bringen, die sich auch eine, jedenfalls aus ihrer Sicht, Freiheit nehmen wollten, die Freiheit, mittels im Nachbarland beschafften billigen Kaffees die damals hohe Steuer in der BRD zu umgehen. Nein, in Wahrheit war in der Person des Kommunisten Erich Honecker die DDR angeklagt, denn das von ihr in den Augen der Eigner der großen Industrie-, Finanz- und Agrarkapitalien begangene und niemals verziehen werdende Verbrechen war ein ganz anderes, wofür es freilich keinen Straftatbestand gibt – die „Expropriation der Expropriateure“. Eben deshalb wird die DDR auch weiterhin nicht als gleichrangige und gleichberechtigte Partnerin eines offiziell als „Vereinigung“ gefeierten Vorgangs, sondern als besiegte Feindin behandelt, wobei dieser Sieg ein äußerst billiger, weil geschenkter war. Eben deshalb musste Erich Honecker sein so tragisch geendet habendes Leben am 29. Mai 1994 im chilenischen Exil beschließen, während im Amt nicht mehr zu halten gewesenen Staatsoberhäuptern der BRD immer noch ein auskömmlicher Ehrensold zugebilligt wird.

 

H.-J. Weise