18. September 2012

Aus dem Kalten Krieg: Der „Dienst für Deutschland“ - eine vergessene Organisation

Am 16. September 1952 trafen sich 60 Jugendfreunde des Bezirkes Magdeburg zur Fahrt in verschiedene Lager der Organisation „Dienst für Deutschland“: Günther Schöneberg aus Wanzleben war zuvor als bester Werber für den Dienst in der Volkspolizei mit einem Luftgewehr ausgezeichnet worden, das nun mit auf die Reise gehen sollte. Gerade solche, Mitglieder der FDJ mit einer Sportwaffe zeigende Aufnahmen wurden in der bundesdeutschen Propaganda als „Beweis“ für die angebliche „Militarisierung“ in der DDR benutzt.

Aus dem Kalten Krieg: Der „Dienst für Deutschland“ - eine vergessene Organisation

 

Geblieben ist davon im Bewusstsein der Öffentlichkeit praktisch nichts, allenfalls erinnern sich einige der noch lebenden damaligen Beteiligten mehr oder weniger genau daran. Schon in den 1954 angebrochenen letzten dreieinhalb Jahrzehnten, die der DDR vergönnt sein sollten, war im wahrlich nicht gerade schmalen Spektrum politischer Literatur und politischer Nachschlagewerke so gut wie kein Hinweis darauf zu finden gewesen. Erst die Erwähnung im 1979 im Militärverlag der DDR erschienenen Band „Auszeichnungen der Deutschen Demokratischen Republik“ führte zu der Erkenntnis, dass es da einmal etwas gegeben hatte, von dem nichts geblieben war als ein am 24. Juli 1952 gestiftetes Abzeichen, das im darauffolgenden Jahr lediglich einmalig verliehen wurde. Die am gleichen Tage mit einer entsprechenden Verordnung gestiftete staatliche Medaille für hervorragende Leistungen blieb dagegen nichts weiter als bloße Wunschvorstellung, denn obwohl diese „Geburtsurkunde“ erst am 15. Mai 1962, also volle zehn Jahre später, kraft Aufhebung in einen „Totenschein“ umgewandelt wurde, konnte keinerlei Entwurf und schon gar keine Existenz dieser Auszeichnung nachgewiesen werden. Was also hatte es auf sich mit jener hier doch so geheimnisvoll erscheinenden Organisation, die den Namen „Dienst für Deutschland“ und, sicher auch zur Vermeidung von Verwechslungen mit dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD), das Kürzel „DD“ erhalten hatte?

Es handelte sich um einen halbmilitärischen freiwilligen kasernierten Arbeitsdienst für Jugendliche von 17 bis 21 Jahren. Außer den vor allem zur Verwirklichung von Bauvorhaben geplanten Arbeitseinsätzen sollten in den Lagern vormilitärische Kenntnisse vermittelt werden – ein Umstand, der bundesdeutsche „Geschichtsaufarbeiter“, die sich in ihrem Antikommunismus nach 1990 voller Gier auch auf die wenigen noch vorhandenen Unterlagen zu dieser kurzlebigen Organisation stürzten, zu der messerscharfen „Erkenntnis“ führte, in der DDR habe in jenem Jahr 1952 eine durchgreifende Militarisierung der Gesellschaft eingesetzt. Dass die Publizierung dieser und ähnlicher „Erkenntnisse“ mit einem anklagenden, ja verurteilenden Unterton erfolgte, versteht sich von selbst. Dabei werden natürlich die Gründe für die damalige Entwicklung völlig außer Acht gelassen. Über die wird nicht geredet, basta! Doch gerade darüber muss geredet werden, geschahen doch weder die Schaffung der Kasernierten Volkspolizei (KVP) als Vorstufe zu eigenen Streitkräften, der 1956 gegründeten Nationalen Volksarmee (NVA) also, ebenso wenig wie die jener „Dienst für Deutschland“ genannten Organisation und die Gründung der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) aus Spaß an der Freude oder deswegen, weil im Staatshaushalt etwa zu viel Geld übrig gewesen wäre. Nein, die DDR hatte andere Ziele und sie hatte nach den vom „Dritten Reich“ hinterlassenen Trümmerwüsten und den durch die von den westlichen Besatzungszonen ausgegangene deutsche Spaltung verursachten wirtschaftlichen Problemen wahrlich genügend andere Sorgen gehabt. Die Gründe liegen im von den kapitalistischen Siegermächten des Zweiten Weltkrieges mit der berüchtigten Fulton-Rede des britischen Premierministers Winston Churchill vom 5. März 1946 ausgelösten Kalten Krieg, mit dem das „roll back“ (Zurückrollen) dessen, was dort unter Kommunismus verstanden wurde, erzwungen werden sollte. Sein die Sowjetunion zum „Hauptfeind des Westens“ erklärendes ideologisches Manifest fand seine Fortschreibung in der nach dem US-amerikanischen Präsidenten benannten „Truman-Doktrin“ vom 12. März 1947. Diese, auf der koreanischen Halbinsel 1950 bereits in einen heißen Krieg umgeschlagene, Politik war selbstverständlich mehr als eine Bedrohung der Sowjetunion und ihrer Verbündeten, sie war eine gefährliche Bedrohung für den Weltfrieden, zumal sie alle denkbaren Mittel – von der wirtschaftlichen, diplomatischen, propagandistischen, nachrichtendienstlichen und juristischen Aggression bis hin zur militärischen Auseinandersetzung einschließlich eines mit Kernwaffen geführten Krieges – umfasste. In Mitteleuropa fand dieser Kalte Krieg seinen ganz speziellen Ausdruck im Bestreben der Regierung Adenauer, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“ (Egon Bahr), also ihre Existenz zugunsten einer Einverleibung in die BRD und der damit zwangsläufig verbundenen Restauration des Kapitalismus zu vernichten. Sie setzte dabei nicht nur auf politische, diplomatische und juristische Mittel in Gestalt jener berüchtigten Alleinvertretungsanmaßung als unmittelbarer Folge der tatsachenwidrigen Behauptung vom angeblichen „Fortbestehen des Deutschen Reiches in den Grenzen vom 31. Dezember 1937“, zu dessen „geborenem und gekorenem Sachwalter“ sich die BRD aufschwang, sowie auf wirtschaftliche Schädigung durch Blockaden, Embargos und massenhafte Abwerbung, sondern ebenso auf die friedensgefährdende militärische Karte. Nicht umsonst verkündeten maßgebliche bundesdeutsche Politiker, der Zweite Weltkrieg sei „noch nicht zu Ende“, nicht umsonst gab es für den späteren Verteidigungsminister Franz Josef Strauss nur noch einen Fall, den „Fall Rot“ und nicht umsonst hatte der Bundeskanzler verlangt, „nicht so sehr von der Wiedervereinigung, als vielmehr von der Befreiung der Zone“ zu sprechen. So war die BRD noch kein Jahr alt, als bereits alle Register gezogen wurden, um eigene Streitkräfte aufstellen zu können: Eingedenk des Umstandes, dass solche Bestrebungen von den Völkern der nunmehr zwar offiziell mit ihr verbündeten, jedoch erst zehn Jahre zuvor vom „Dritten Reich“ überfallenen west- und nordeuropäischen Staaten mit größtem Misstrauen und noch größerer Ablehnung betrachtet wurden, setzte die Regierung Adenauer auf die Erlangung militärischer Macht über die Hintertür sogenannter europäischer Verteidigungskräfte. Bereits am 11. August 1950 war den Alliierten Hohen Kommissaren von ihr eine höchst geheime Denkschrift dazu vorgelegt worden, vom 3. bis 6. Oktober tagten im Eifelkloster Himmerod einstige hochrangige Offiziere der faschistischen Wehrmacht und erarbeiteten ein verharmlosend „Denkschrift über die Aufstellung eines deutschen Kontingents im Rahmen einer internationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas“ genanntes Dokument, das die Grundlage für die spätere Bundeswehr werden sollte. Das sich eingedenk schlimmster Erfahrungen mit dem deutschen Militarismus und erst recht dem Faschismus, aber angesichts der den Bestrebungen der Regierung Adenauer durch die Regierungen Großbritanniens und der USA zuteil werdenden wärmsten Unterstützung in einer Zwangslage befindliche Frankreich unternahm den Versuch, seine Interessen mit Hilfe einer die künftigen Streitkräfte der BRD integrierenden „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ zu wahren, um so die Kontrolle behalten zu können. Obwohl das dazu ausgearbeitete Vertragswerk wegen fehlender oder äußerst strittiger Regelungen hinsichtlich der einer künftigen bundesdeutschen Armee zuzugestehenden Waffensysteme, der Art und des Umfangs der Rüstungsproduktion wie auch der Besetzung entscheidender Kommandostellen durch einstige hochrangige Wehrmachts- und somit künftige Bundeswehroffiziere völlig unausgereift war, wurde es auf Druck der USA am 26. und 27. Mai 1952 unterzeichnet. Dazu kam die brutale Unterdrückung der gegen Wiederaufrüstung und Remilitarisierung gerichteten breiten Protestbewegung in der BRD, die ihre Höhepunkte unter anderem im Verbot der dortigen FDJ, dem Verbot der Volksbefragung gegen die Remilitarisierung und dem rücksichtslosen Schusswaffengebrauch der Polizei gegen die „Jugendkarawane gegen Wiederaufrüstung und Generalvertrag“ am 11. Mai 1952 in Essen fand.

Das war die entscheidende Ausgangslage, die nicht nur für die DDR, sondern auch für die UdSSR eine ernsthafte Bedrohung darstellte. Beide, letztere war schließlich bis 1955 immer noch Besatzungsmacht mit entsprechenden Rechten und Befugnissen, antworteten zunächst mit einer verschärften Überwachung und verstärkten Sicherung der Staatsgrenze zur BRD: Am 26. Mai, dem Tag der Erstunterzeichnung des EVG-Vertrages also, erging die „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands“. Die hier verwendeten Begriffe entsprachen natürlich nicht den tatsächlichen Gegebenheiten, sie entstammten zum einen der Sprache des Kalten Krieges und verdeutlichten zum anderen den Umstand, dass die Wirklichkeit dem menschlichen Bewusstsein weit vorausgeeilt war. Am 9. Juni folgte die „Verordnung über weitere Maßnahmen zum Schutze der DDR“. Diese Verordnungen beinhalteten unter anderem die Unterbrechung grenzüberschreitender Schienen- und Straßenverkehrswege sowie die Aussiedlung von als politisch unzuverlässig geltenden oder bereits strafbare Handlungen begangen habenden Personen aus dem Grenzgebiet und sie stellten auch eine Grundlage für die Schaffung eigener Streitkräfte dar: Am 1. Juli 1952 entstand aus den Bereitschaften der Hauptverwaltung Ausbildung (HVA) die Kasernierte Volkspolizei (KVP), in die 1953 auch die VP-See als Vorläuferin der Seestreitkräfte und die VP-Luft als Vorläuferin der Luftstreitkräfte der NVA eingegliedert wurden. Dabei ist anzumerken, dass auch die KVP dem Minister des Innern und nicht etwa einem Verteidigungsminister unterstellt war, das Ministerium für Nationale Verteidigung entstand erst 1956 mit der Schaffung der NVA. Politik- und Propagandabetrieb der BRD liefen auf Hochtouren, ergingen sich in maßloser Empörung über die „getarnte Armee“ und die „Militarisierung“ in der DDR, prangerten den (scheinbaren) Widerspruch oder gar Bruch dessen an, was sich 1945 so viele geschworen hatten - „Lieber ein Leben lang trocken Brot essen als noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen!“ und „Wer noch einmal ein Gewehr anfasst, dem soll die Hand abfaulen!“ Vor allem aber wurde die Schaffung der KVP als „Bedrohung der westlichen Welt“ hingestellt und an immer noch bestehende antikommunistische, antisowjetische und antirussische Stimmungen und Vorurteile anknüpfend eine Hetzkampagne gegen ihre Angehörigen entfacht. So wurde die im Schnitt der sowjetischen ähnelnde khakifarbene Uniform dazu benutzt, die Soldaten und Offiziere der KVP als „Russenknechte“ zu verunglimpfen. Den Angehörigen der späteren Bundeswehr widerfuhr ähnliches selbstverständlich nicht, niemand kam auf die Idee, sie wegen der mausgrauen Uniform US-amerikanischen Zuschnitts – zur Tarnung des nun wieder fröhlich Urständ gefeiert habenden alten militaristischen Ungeistes gewählt – etwa als „Ami-Knechte“ zu beschimpfen. Mit diesem Propagandafeldzug wurden nicht nur negative Gefühlsaufwallungen hochgeputscht, es wurde vor allem davon abgelenkt, dass in der BRD längst alle Vorbereitungen zur Aufstellung einer Angriffsarmee und zu deren späterer Integration in den aggressiven NATO-Militärpakt liefen, dort also der erste Schritt getan worden war: Mit dem am 16. März 1951 gegründeten und bei seiner Aufstellung eine Stärke von 10.000 Mann besitzenden Bundesgrenzschutz hatte sich die BRD auf Forderung und mit dem Segen der westlichen Besatzungsmächte ein bewaffnetes Organ geschaffen, dem zuallererst weniger die dem Namen nach vermuteten Aufgaben oblagen, sondern bei dem es sich um eine reguläre paramilitärische Einheit mit dementsprechender Ausrüstung und Bewaffnung handelte. Nicht umsonst war dieser BGS fast ausschließlich an den Staatsgrenzen zur DDR und zur ČSSR stationiert, zudem sollte er „im Falle eines Krieges zur Bekämpfung innerer Unruhen“ eingesetzt werden. Bereits 1953 wurde die Personalstärke auf 20.000 erhöht und damit innerhalb von zwei Jahren verdoppelt, bis Mitte der 1980er Jahre war er mit leichten und mittleren Infanteriewaffen, darunter Granatwerfern, ausgerüstet. Der BGS war zumindest bis 1955 viel weniger polizeilich, sondern in erster Linie paramilitärisch organisiert, weshalb ihm beim Aufbau der Bundeswehr eine tragende Rolle zukam. Fast überflüssig ist es da, zu erwähnen, dass der BGS ab 1. Juli 1951 auch über einen Seegrenzschutzverband und ab 1955 über eine Hubschrauber-Flugbereitschaft verfügte. Wesentliche Teil dieses paramilitärischen Verbandes wurden am 1. Juli 1956 direkt in die Bundeswehr übernommen, der Seegrenzschutz vollständig in die Bundesmarine überführt. Aus Anlass des 10. Gründungsjubiläums hielt der BGS am 28. Mai 1961 in Lübeck eine große Parade ab, an der auch bei Büssing und Thyssen/Henschel in Lizenz gebaute Vierrad-Schützenpanzerwagen der schweizerischen Firma Mowag Kreuzlingen (Kanton Thurgau) teilnahmen. Außerdem besaß der BGS solche Fahrzeuge aus US-amerikanischer Produktion, ausgerüstet mit Maschinengewehr MG 42 und Schnellfeuerkanone. Solche Bewaffnung war keineswegs für die bloße Grenzüberwachung und schon gar nicht für die Grenzkontrolle erforderlich. Selbstverständlich entsprachen auch Dienstgrade, Rangabzeichen und wesentliche Teile der Uniform teils denen des früheren Grenzschutzes, vor allem aber denen der Wehrmacht – Keilhose und Bergmütze entstammten ebenso deren Beständen wie der (lediglich umgespritzte) Stahlhelm. Außerdem gab es für den eigentlichen Grenzdienst überhaupt nicht notwendige Felduniformen mit Tarnmuster: Sie wurden vor allem bei Spionageeinsätzen an der Staatsgrenze zur DDR getragen! Während über die zumindest wehrmachtsähnliche Uniform des BGS kein Wort verloren wurde, wetterte die bundesdeutsche Propaganda mit um so größerer Lautstärke gegen die der NVA, obwohl die Unterschiede zur Uniform der Wehrmacht beim direkten Vergleich offenkundig waren. Selbstverständlich wurde dabei auch die Hauptsache verschwiegen, die 1971 Dr. Appelfelder, damals Angehöriger der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar und Major der Reserve, bei einem Lehrgang für Studenten der Hoch- und Fachschulen sehr treffend so formuliert hatte: „Was ist besser – alte Uniform und neuer Geist oder neue Uniform und alter Geist?“ Bleibt noch hinzuzufügen, dass mit die Tatsachen verdrehenden, von Lügen und Halbwahrheiten über die DDR nur so wimmelnden Filmen fleißig Propaganda für den BGS gemacht wurde, um mittels solcher Gehirnwäsche genügend Bewerber zu gewinnen.

Schon am 2. und am 17. Mai 1950, zwei Jahre vor Gründung der KVP also, hatten die Besatzungsmächte, vertreten durch ihre Vereinigten Stabschefs, den Beginn von Remilitarisierung und Wiederaufrüstung eingeleitet: „Die Vereinigten Stabschefs sind der festen Überzeugung, dass aus militärischer Sicht die angemessene und frühe Wiederbewaffnung Westdeutschlands von grundlegender Bedeutung für die Verteidigung Westeuropas gegen die UdSSR ist“ und „Die Vereinigten Stabschefs sind … übereingekommen, dem Rat der Außenminister zu empfehlen, dass Westdeutschland gestattet werden soll, 5.000 Mann Bundespolizei zu haben, die Staatsschutz (Republican Guard) genannt werden soll. Die Vereinigten Stabschefs fordern nachdrücklich, dass die Außenminister dieser Empfehlung nachkommen, da eine solche Truppe sehr wohl der erste Schritt zu einer späteren Wiederbewaffnung Deutschlands sein könne.“ Die Stärke des BGS übertraf die hier zugestandene schon 1953 um das Vierfache! Mit der Bedrohungslüge sollte sowohl die Bevölkerung der BRD, deren Mehrheit das katastrophale Ende faschistischer Großmachtpolitik noch nicht vergessen hatte und deshalb der Wiederaufrüstung ablehnend gegenüberstand, genauso für deren Duldung reif gemacht werden wie die Völker der vom „Dritten Reich“ überfallenen west- und nordeuropäischen Staaten. Es handelte sich um eine ganz bewusst in die Welt gesetzte Propagandalüge, denn zu keiner Zeit sind irgendwelche sowjetischen Angriffspläne gegen die kapitalistischen Staaten Europas aufgedeckt worden, wohl aber solche der NATO gegen die UdSSR und ihre Verbündeten. Wenn von einer Bedrohung gesprochen werden kann, dann von einer gesellschaftlich-moralischen, denn die Eigner der großen Industrie-, Finanz- und Agrarkapitalien sowie die ihre Interessen vertretenden Politiker sahen, wenn auch nicht auf kürzere, so doch auf längere Zeit, ihre Machtposition und ihre Pfründe in Gefahr. Sie fürchteten nichts so sehr als dass das Beispiel der Oktoberrevolution Schule machen und auch in ihrem Machtbereich eines Tages die „Expropriation der Expropriateure“ eingeleitet werden könnte – ein Zeichen dafür, wie wenig Vertrauen sie in die doch so lautstark gepredigte und in den schillerndsten Farben gemalte Überlegenheit ihrer Gesellschaft in Wahrheit hatten.

Ebenfalls abgelenkt wurde von der Tatsache, dass der Aufbau der künftigen Bundeswehr und damit deren gesamte Prägung durch ihre Verantwortung für Nazi- und Kriegsverbrechen schwerbelasteten Generalen der Wehrmacht oblag – und zwar in voller Kenntnis dieser Vergangenheit: Bereits am 23. Januar 1951 hatte der Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte und spätere Präsident der USA Dwight D. Eisenhower gegenüber Bundeskanzler Konrad Adenauer eine „Ehrenerklärung“ für die ehemaligen Angehörigen der durch zahllose Kriegsverbrechen schwerbelasteten Wehrmacht abgegeben und damit deren Verwendung als den Aufbau von BGS und Bundeswehr organisierende und leitende, somit deren Charakter prägende Kader erst ermöglicht: Schon als die erste Abteilung dieses Bundesgrenzschutzes am 28. Mai 1951 in Lübeck an die Öffentlichkeit trat, hatten darin einstige hohe Offiziere der Wehrmacht das Sagen, Offiziere, die aus der Katastrophe von 1945 allenfalls eines „gelernt“ hatten – es „beim nächsten Mal besser machen zu wollen“. Mit dem Träger von „Ritterkreuz“ und „Deutschem Kreuz in Gold“ Anton Grasser (1891 – 1976) wurde ein ehemaliger Major der faschistischen Polizei und späterer Wehrmachts-General mit dem Rang Brigadegeneral (dem Generalmajor der Wehrmacht vergleichbar) erster Inspekteur des BGS. Im Gegensatz zu KVP und NVA waren Antifaschisten in dieser getarnten Armee und in der Bundeswehr erst recht nicht gefragt.

Mit derart raffinierter, verlogener und lautstarker Propaganda wurde Stimmung gegen die Kräfte gemacht, die in der BRD gegen Wiederaufrüstung und Remilitarisierung eintraten, und der sich dieser Militarisierung bundesweit verweigernden „Ohne-mich-Bewegung“ allmählich der Boden entzogen. Bei der eigenen Bevölkerung sollte Zustimmung, mindestens jedoch Verständnis für die verharmlosend als „Wiederbewaffnung“ hingestellte Aufrüstung erreicht werden, bei den Bürgerinnen und Bürgern der DDR natürlich das ganze Gegenteil: Sie sollten die als Antwort darauf eingeleitete Aufstellung eigener bewaffneter Kräfte strikt ablehnen, ihnen zumindest mit Misstrauen begegnen, die Schaffung der Bundeswehr dagegen wenigstens schweigend hinnehmen. Wo es gelang, Gefühle in Wallung zu bringen, wurden schließlich keine kritischen Meinungen geäußert. Pazifismus war beim bundesdeutschen Politik- und Propagandabetrieb nur dann beliebt, wenn er strikt antikommunistisch motiviert und gegen die DDR gerichtet war, im eigenen Lande galt er nichts. Gewiss, mit der Erfahrung späterer Jahrzehnte ist es leicht, zu fragen, ob es damals keine andere, unmilitärische Antwort auf die sehr real und kein Hirngespinst gewesene Bedrohung der DDR gab. Mit dem Verzicht auf Streitkräfte und Bewaffnung den Völkern der kapitalistischen Welt ein Beispiel zu geben, sie zum verstärkten öffentlichen Druck auf die Herrschenden zu veranlassen, wäre freilich der bessere, weil auch wirtschaftlich nicht belastende Weg gewesen. In der aufgeheizten Atmosphäre des Kalten Krieges sowie auch angesichts der eigenen bitteren Erfahrungen, die Politiker und Militärs der DDR mit Faschismus und Militarismus zu machen hatten, die am eigenen Leibe erleben mussten, wozu deren Verfechter fähig sein konnten, war die Zeit für solche aus bisherigen Grenzen ausbrechende Denkweise einfach nicht reif. Außerdem, und das ist immer als äußerst wichtiger Umstand zu berücksichtigen, besaß die DDR bis 1955 nur eine sehr eingeschränkte Souveränität. Die durch die Sowjetische Kontrollkommission als Nachfolgerin der Sowjetischen Militäradministration vertretene UdSSR war nach wie vor Besatzungsmacht und hatte als solche das letzte Wort. Wenn die NATO mit ihrer Führungsmacht USA alle Abrüstungsvorschläge stur ablehnte, stattdessen immer neue und immer grausamere, in ihrer Vernichtungskraft immer verheerender wirkende Waffensysteme entwickelte, dann sah die UdSSR unter den damaligen Bedingungen und angesichts der leidvollen Erfahrungen seit dem heimtückischen Überfall durch das „Dritte Reich“ keine andere Möglichkeit mehr, als zu Lasten des Lebensstandards der Bevölkerung nachzuziehen, um das Gleichgewicht des Schreckens auf nunmehr höherer Stufe wiederherzustellen. Forderte sie deshalb von der DDR die Aufstellung eigener bewaffneter Kräfte, hatte diese keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen.

In diesen Zusammenhang ordnen sich auch die Bestrebungen zum Aufbau der Organisation „Dienst für Deutschland“ ein, die eine Art Lieblingsprojekt, um nicht zu sagen fixe Idee Erich Honeckers als Vorsitzendem der FDJ wurde. Natürlich kam er damit auch einer in den Rang einer Empfehlung gekleideten sowjetischen Aufforderung nach und orientierte sich an dortigen Vorbildern sowie an einer in der Volksrepublik Polen bestehenden ähnlichen Einrichtung namens „Służba Polsce“ (etwa „Dienst für Polen“). Auf ihrem im Mai 1952 in Leipzig stattgefunden habenden IV. Parlament hatte die FDJ offiziell die Patenschaft über die anfangs noch blaue Uniformen tragende künftige KVP übernommen. Die politische Trägerschaft des Jugendverbandes für die Organisation „Dienst für Deutschland“ war eine unmittelbare Folge dieser Patenschaftserklärung: Die Einheiten der Kasernierten Volkspolizei brauchten vor allem geeignete Unterkünfte und an denen mangelte es außerordentlich. Ja, wird mancher einwenden, hatte die Wehrmacht des „Dritten Reiches“ denn nicht genug Kasernen hinterlassen? Schließlich war doch seit der Verkündung des „Gesetzes über die Wiederherstellung der Wehrhoheit“ am 16. März 1935 eine nach der anderen errichtet worden, hinzu kamen außerdem die aus der Kaiserzeit stammenden Einrichtungen. Das ist richtig, doch die meisten hatte seit 1945 die Sowjetische Armee in Nutzung und die vorhandenen Baukapazitäten wurden nahezu ausnahmslos und dringend für den durch die Spaltung notwendig gewordenen Aufbau einer eigenen Wirtschaftsstruktur und für die alsbaldige Beseitigung der kriegsbedingten Wohnungsnot gebraucht. Die so bedingte große Lücke sollte nun jener „Dienst für Deutschland“ schließen, indem die Organisation den Bau der erforderlichen Militärobjekte übernahm. Des weiteren sollte sie Jugendliche über die vormilitärische Ausbildung für den Dienst in den künftigen Streitkräften interessieren. Vorgesehen waren hier außer einer militärischen Grundausbildung Schießübungen, Topografieunterricht und taktische Geländespiele, für die Mädchen zudem eine Sanitätsgrundausbildung. Zu ihren Aufgaben sollten außerdem politische Schulungs- und Ausbildungsprogramme und ein breitgefächertes Freizeit- und Kulturangebot gehören. Die freiwillige Verpflichtung der Jugendlichen war auf jeweils sechs Monate vorgesehen, für jeden Durchgang eine Teilnehmerzahl von 100.000 geplant. Auf Grund eines am 11. April 1952 vom Politbüro des ZK der SED gefassten Beschlusses – zu diesem Zeitpunkt waren in der BRD die Bestrebungen zur Erlangung der Verfügungsgewalt über eigene Streitkräfte im Rahmen der EVG in vollem Gange - erließ der Ministerrat der DDR am 24. Juli eine Verordnung zur Schaffung der Organisation „Dienst für Deutschland“. Organisatorisch war sie dem Ministerium des Innern zugeordnet, in dem eine Hauptverwaltung DD unter Leitung von Gerhard Balzer gebildet wurde. Ihr unterstanden zwei Brigaden, die sich in Brigadeleitungen, Lagerleitungen und Abteilungen gliederte. Jede Abteilung umfasste drei Züge zu jeweils drei Gruppen. Wie in militärischen Einheiten wurden Dienstgrade vergeben, die allein schon durch ihre Bezeichnungen teilweise und sehr direkt fatale Erinnerungen an den Reichsarbeitsdienst unseligen Angedenkens, und nicht nur an diesen (!), geradezu hervorrufen mussten: Brigademann/Brigadistin - Brigadier - Truppführer - Obertruppführer - Haupttruppführer - Unterfeldmeister - Feldmeister - Oberfeldmeister - Hauptfeldmeister - Brigadefeldmeister - Brigadeoberfeldmeister - Brigadehauptfeldmeister - Generalfeldmeister – Generaloberfeldmeister. Die Ränge Truppführer, Obertruppführer und Haupttruppführer hatte es nämlich bereits in der faschistischen SA gegeben, im RAD waren ebenfalls Truppführer und Obertruppführer sowie Unterfeldmeister, Feldmeister und Oberfeldmeister üblich gewesen. Eine derartige politische Instinktlosigkeit war verantwortungslos, gab sie doch dem bundesdeutschen Politik- und Propagandabetrieb jeden Anlass, sofort mit aller Gehässigkeit über diese Organisation herzufallen und sie in die Nachfolge jenes Zwangsdienstes im „Dritten Reich“ zu stellen. Dass das selbstverständlich nicht der Wahrheit entsprach, spielte dort ebenso wenig eine Rolle wie die nun unbestreitbare Tatsache, dass durch Nazi- und Kriegsverbrechen schwerbelastete Personen in der BRD nicht nur straflos ausgingen und auskömmliche Renten beziehen konnten, sondern in hohe und höchste Positionen von Staat, Justiz, Polizei, Zoll und alsbald auch Militär gebracht wurden. Dass der ehemalige Reichsarbeitsführer Konstantin Hierl, dem als Staatssekretär selbstverständlich eine auskömmliche Pension sicher war, im kapitalistischen deutschen Staat unbehelligt seinen Lebensabend verbringen konnte, wurde erst in den Hintergrund ge- und sodann aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt. Um so mehr wurde dagegen der Titel seines Beschönigungs-, Rechtfertigungs- und Verharmlosungswerkes „Im Dienst für Deutschland – 1918 bis 1945“ dazu benutzt, die Organisation „Dienst für Deutschland“ als eine Art direkte Nachfolgerin des faschistischen RAD zu verleumden.

In politischer, organisatorischer und vor allem auch wirtschaftlicher Hinsicht war der DD kein Erfolgsmodell. Dieses Lieblingskind des Vorsitzenden der FDJ steuerte vielmehr auf eine rasche Katastrophe zu: Das begann schon bei der Unterbringung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, weil dafür keinerlei Voraussetzungen bestanden. Es war recht naiv gedacht, eine funktionierende Organisation gewissermaßen aus dem Nichts heraus schaffen zu wollen. Als die ersten Vorauskommandos am 8. August 1952 an den Einsatzorten anlangten, mussten sie sich zunächst mit Zeltlagern behelfen. Heizbare Baracken mit den notwendigen Sanitäreinrichtungen sowie Küchen- und Speiseräumen sollten sie sich selbst schaffen. Man bedenke, dass nach dem August der September und damit der Herbst kam, dem sich alsbald der Winter anschloss. Unter solchen Witterungsbedingungen in Zelten kampieren zu wollen musste wegen der sich zwangsläufig einstellenden Erkältungskrankheiten unweigerlich massenhafte Arbeitsausfälle zur Folge haben, zudem verursachte das Fehlen geeigneter sanitärer Einrichtungen große hygienische Probleme. Die damalige Knappheit an Material und Werkzeugen ließ den Bau wetterfester Unterkünfte nur langsam vorankommen, weshalb der DD schon allein in dieser Hinsicht ein Schnellschuss mit baldigem Ende werden musste. Immerhin war die stattliche Anzahl von 66 Lagern geplant gewesen!

Ein weiteres und sehr bedeutungsvolles Problem war die mangelhafte oder gar fehlende berufliche Qualifikation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich weder durch Begeisterung noch durch politische Agitation ersetzen ließ. Unter solchen Bedingungen waren allenfalls Einsätze zu körperlich schweren Erdarbeiten oder als Handlanger auf dem Bau möglich, alles wenig befriedigende Tätigkeiten für mit Sicherheit auch tatendurstige Jugendliche, was denn vielerorts nahezu zwangsläufig zu erheblichen Disziplinschwierigkeiten führen sollte. Das Zusammenleben von Mädchen und Jungen, die sich in den, freilich nach Geschlechtern getrennten, Lagern elterlicher, kirchlicher und anderer strenger Aufsicht entzogen, somit auch von der damals herrschenden prüden Sexualmoral wenigstens vorübergehend befreit sahen, brachte erhebliche Schwierigkeiten mit sich, zumal sich sowohl unerwünschte Schwangerschaften als auch Geschlechtskrankheiten einstellten. Thematisiert wurde diese negative Seite zehn Jahre später im von Ralf Kirsten gedrehten DEFA-Film „Beschreibung eines Sommers“ mit Christel Bodenstein und Manfred Krug in den Hauptrollen.

Die DD-Einsätze mussten sich unter solchen Bedingungen auf wenige Objekte beschränken, wobei Prora und Eggesin als künftige militärische Standorte ebenso zu erwähnen sind wie der damals Eisenhüttenkombinat „J. W. Stalin“ genannte neue metallurgische Großbetrieb nahe Fürstenberg/Oder, wo außerdem mit dem 1961 in Eisenhüttenstadt umbenannten Stalinstadt die erste in der DDR neugebaute Wohnstadt errichtet wurde. Die vorgesehenen Ziele wurden jedoch nie erreicht, statt der geplanten 100.000 Teilnehmer je Durchgang durchliefen nur 7.000 den „Dienst für Deutschland“. Am weitesten vorangekommen war der Aufbau der Brigade 1 im Land Mecklenburg, aus dem mit der Verwaltungsreform von 1952 die Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg entstanden. Hier waren bis zum Herbst die Lager Altwarp, Drögeheide, Karpin, Prora, Spechtberg/Neuhaus und Stallberg entstanden. Dazu kamen die zeitweiligen Nebenlager Bahnhof Ferdinandshof, Gumnitz, Jagen, Jugendhochschule am Bogensee, Scharfbrück und Spechtshausen. Die Brigade 2 entstand im Raum Fürstenberg/Oder für den Einsatz beim Bau von Eisenhüttenkombinat und Wohnstadt. Wirtschaftlich war die Organisation „Dienst für Deutschland“ ein Fehlschlag, da sich alle Vorstellungen von einem sich finanziell selbst tragenden Verband als illusorisch erwiesen hatten. Die erbrachten Arbeitsleistungen deckten trotz der äußerst geringen Bezahlung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem lediglich eine Mark betragenden Tagesgeld unter keinen Umständen die notwendigen Ausgaben, wozu ja auch die Gehälter für Leitungs- und sonstiges Personal gehörten. Allein 1952 waren durch den Staat 64 Millionen Mark aufzuwenden gewesen - schon angesichts der primitiven Unterkünfte eine horrende Summe! Im folgenden Jahr waren es mit 7,4 Millionen Mark zwar wesentlich weniger, aber immer noch zu viel. Bereits das Stammpersonal kostete 3,5 Millionen Mark, wogegen den Jugendlichen mit 0,3 Millionen Mark lediglich 4 % der Gesamtausgaben über das Tagesgeld zugute kamen. Die Erlöse deckten mit nur 384.000 Mark ganze 0,54 % der Aufwendungen! Eine derartige Mittelverschwendung konnte sich die Republik gerade in jener schweren Zeit unter keinen Umständen leisten, das Schicksal der Organisation war gleichsam ein warnendes Beispiel dafür, dass sich allein mit Euphorie und Enthusiasmus keine neue Gesellschaft aufbauen ließ. Ebenso wenig konnten vormilitärische und Sanitätsgrundausbildung ein Erfolg werden, wurden doch damit durch Überschneidung mit den Aufgabengebieten von GST und DRK unnötige, wenig wirksame und teure Parallelstrukturen geschaffen. Zudem boten diese beiden Spezialverbände dank viel breiter gefächerter Strukturen und entsprechender materiell-technischer Ausstattung wesentlich günstigere Möglichkeiten. So wurden noch im November 1952 erst einmal alle Mädchenlager aufgelöst, dies auch, um den bereits genannten unangenehmen Folgen für die Zukunft vorzubeugen. Schließlich kam im Januar 1953 auch für die gesamte Organisation „Dienst für Deutschland“ das Ende, womit gleichzeitig die nur einmalige Verleihung des Abzeichens und die nie erfolgte Verwirklichung der Verordnung über die Medaille ihre Erklärung finden. Offenbar unbeeindruckt von diesem Fehlschlag wurde im März 1953 ein erneuter Versuch unternommen, der sich nun „Arbeitseinsatz Dienst für Deutschland“ (ADD) nannte und direkt an Industriebauvorhaben angebunden war. Einsatzorte wurden außer dem späteren Eisenhüttenkombinat Ost die Eisenwerke West in Calbe/Saale, die nach dem neuen Niederschachtofen-Verfahren arbeiteten, die Großkokerei Lauchhammer und die Maxhütte Unterwellenborn, in der sich damals die neue Rennanlage im Bau befand. Doch die Neuauflage als ADD erfüllte ebenso wenig die Erwartungen, weshalb schon am 7. Juni des gleichen Jahres die Auflösung, und dieses Mal endgültig, erfolgte. In späteren Abhandlungen zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend sollten diese kurzlebigen Dienste denn auch so gut wie keine Rolle spielen.

Die Kasernierte Volkspolizei, an deren vor 60 Jahren erfolgte Schaffung mit diesen Zeilen ebenfalls erinnert wird, beendete mit der Gründung der Nationalen Volksarmee am 18. Januar 1956 ihr Dasein. Die KVP war Vorgängerin und Grundstock der NVA, was jedoch nicht heißt, dass es sich um eine bloße Umbenennung und Austausch von Uniformen handelte. Mit jedem Angehörigen war zuvor gesprochen worden, ob er zum Dienst in der Armee bereit und fähig war. Es gab keine automatische Übernahme. Wie die KVP bestand auch die NVA bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1962 aus Freiwilligen, die sich für eine zweijährige Dienstzeit verpflichtet hatten. Dass unter den damaligen Bedingungen nicht jeder aus eigenem freien Willen kam, sondern Funktionäre von SED und FDJ dabei mit mehr oder weniger geeigneten Methoden und Argumenten sehr aktiv waren, ist kein Geheimnis. Ein Spruch wie „Bist Du für den Frieden, ist Dein Platz in der NVA!“ war ebenso plakativ und einfach wie der im fünfteiligen Film des DDR-Fernsehens „Die lange Straße“ mit dem ironischen Satz „Du bist der geborene Agitator!“ so treffend kritisierte „Bist Du für den Frieden, gehst Du zur Kampfgruppe!“ Im Gegensatz zur KVP war die NVA von Anfang an in das Verteidigungsbündnis des Warschauer Vertrages eingebunden, das erst 1955 und damit sechs Jahre später als die NATO geschaffen worden war. Die bereits im gleichen Jahr gegründete Bundeswehr wiederum war von Anfang an eine Wehrpflichtarmee und gehörte auch von diesem Zeitpunkt der NATO an. Darüber hinaus strebten sowohl die Bundesregierung als auch die Führung der Bundeswehr schon in den ersten Jahren die Erlangung der Verfügungsgewalt über Kernwaffen an, um der DDR mit dem „atomaren Knüppel“ drohen zu können. Der BGS bestand ungeachtet der Übernahme von Teilen dieses paramilitärischen Verbandes in die Bundeswehr weiter, 1976 wurden lediglich Uniformen und Dienstgrade in die bei den Länderpolizeien üblichen sowie Strukturen und Ausbildungsinhalte geändert. Die militärische Seite der Ausbildung wurde dabei ebenso beibehalten wie die gegen DDR und ČSSR gerichtete aggressive Aufgabenstellung. Dabei schreckten die im Sinne eines hasserfüllten militanten Antikommunismus vergatterten BGS-Angehörigen weder vor schweren Grenzprovokationen einschließlich des völkerrechtswidrigen Überschreitens der Staatsgrenze und des Vordringens auf das Hoheitsgebiet der DDR noch vor Spionage zurück, wofür exemplarisch diese beiden Beispiele stehen:

So wurde der auf dem Hoheitsgebiet der DDR befindlich gewesene Hauptmann der Grenztruppen Rudi Arnstadt am 14. August 1962 durch den BGS-Grenzoberjäger Hans Plüschke ermordet. Die Anwesenheit weiterer Angehöriger von BGS und Zoll sowie von Journalisten und gar noch eines Regierungsdirektors im hessischen Finanzministerium sprechen dafür, dass es sich um eine von langer Hand vorbereitete und somit gezielte schwere Grenzprovokation handelte. Der Name des Täters wurde in der BRD fast vier Jahrzehnte lang geheimgehalten, Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Fulda mit der Behauptung, es habe sich um „Notwehr“ gehandelt, nach wenigen Wochen eingestellt. So wurde auch von den Ermittlungsorganen der DDR irrtümlicherweise ein Hauptmann des BGS für den Mörder gehalten. Dass das Verbrechen als „Heldentat“ gefeiert wurde, versteht sich ebenso von selbst wie die Tatsache, dass Plüschke, der den Mord übrigens erst 1998 und damit volle 36 Jahre danach öffentlich zugab, im Gegensatz zu Angehörigen der Grenztruppen nicht als „Todesschütze“ oder „Mauermörder“ gilt: Im Grenzabschnitt Schönberg im Bezirk Schwerin riefen BGS-Angehörige den Grenzposten der DDR zu „Bei euch ist schon wieder einer krepiert! Bald wird der nächste krepieren!“ Auf dem an den Kreis Lobenstein grenzenden Gebiet der BRD klatschten Angehörige des BGS auf die Nachricht von der Ermordung Rudi Arnstadts frenetischen Beifall.

Am 15. Juni 1976 wurden bei Kella im Kreis Heiligenstadt zwei in voller Uniform und Bewaffnung mit Spionageabsichten auf das Hoheitsgebiet der DDR vorgedrungene BGS-Angehörige, Grenztruppjäger Gunter Bohle und sein Postenführer Oberwachtmeister Rolf-Dieter Frese1, festgenommen. Als daraufhin Politik- und Propagandaapparat der BRD lautstark gegen eine angebliche „Entführung“ und „Verschleppung“ protestierten, mussten beide dem Fernsehjournalisten Ulrich Makosch Rede und Antwort stehen. Nachdem sie in dieser Sendung vor aller Öffentlichkeit zugegeben hatten, mit dem Vorsatz der Spionage illegal auf das Hoheitsgebiet der DDR vorgedrungen zu sein, um dadurch bei ihren Vorgesetzen Lob und Anerkennung einzuheimsen, verstummten die Schreier schlagartig.

 

H.-J. Weise

 


 

Quellen:

Bartel, Frank: „Auszeichnungen der Deutschen Demokratischen Republik von den Anfängen bis zur Gegenwart“, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik (VEB), Berlin 1979

Bauer, Hans (Herausgeber): „Grenzdienst war Friedensdienst“, 2011 spotless im Verlag Das Neue Berlin, Berlin

Doehler, Edgar: „Im Gedenken an Rudi Arnstadt – ermordet am 14. August 1962 in Wiesenfeld“, in: Internet-Portal „DDR-Kabinatt Bochum“ vom 14.08.2012

Graff, Karl: „Schüsse an einer anderen deutschen Grenze“, 1995 by SPOTLESS-Verlag

Grote, Solveig: „Mörderischer Zufall“, in „Spiegel online“ vom 10.08.2012

Heinrich, Eberhard und Ullrich, Klaus: „Befehdet seit dem ersten Tag“ (Untertitel: „Über drei Jahrzehnte Attentate gegen die DDR“), Dietz Verlag Berlin 1981

Holtz, Joachim: „Ich hatte einfach Angst“ (Untertitel „Die 'verschleppten' Grenzer und ihr Feind“), in: „ZEIT ONLINE“, aus: „DIE ZEIT“, Ausgabe vom 25.06.1976

Internet-Lexikon WIKIPEDIA (Informationen zu: Bundesgrenzschutz, „Dienst für Deutschland“, „Europäische Verteidigungsgemeinschaft“, Kasernierte Volkspolizei)

Internet-Portal „You Tube“: „Gründung des Bundesgrenzschutz BGS 1951“, Ausschnitt aus einem Propagandafilm

Kellerhoff, Sven Felix: „Der mysteriöse Tod des DDR-Grenzers Arnstadt“, in: „DIE WELT“ vom 14.08.2012

Ohne Namensnennung: „Keine Nachsicht für Feinde unserer Ordnung“, in: „DER SPIEGEL“ 31/1976

Rau, Peter: „Tod an der Grenze“, in: „junge welt“ vom 17.08.2012

Taschenkalender der Kasernierten Volkspolizei 1956, Verlag des Ministeriums des Innern

Taschenkalender der Nationalen Volksarmee 1957, Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung

Teller, Hans: „Der kalte Krieg gegen die DDR“ (Untertitel „Von seinen Anfängen bis 1961“), Akademie-Verlag Berlin 1979

Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (Herausgeber): „An der Seite der Genossen“, Verlag Neues Leben Berlin 1976, 2., bearbeitete und ergänzte Auflage 1979


1Die Namen und ihre Schreibweise sind dem Verfasser aus der genannten Fernsehsendung zum ersten so erinnerlich, zum zweiten finden sie sich in dieser Form auch im Beitrag von „DIE ZEIT“. In „DER SPIEGEL“ ist dagegen von Günther Bohle und Wolf-Dieter Frese die Rede.