22. August 2012

Aus dem Kalten Krieg: Vor 50 Jahren – Kaliber 7,35 am Tatort Wollankstraße

Hier, am Ausgang des S-Bahnhofs zur Nordbahnstraße, geschahen am 24. März 1951 jene Ereignisse, die, offenbar mit dem Ziel später Rache, 10 Jahre später zur Verhaftung des DDR-Bürgers Werner Fehlgut in der BRD und zum Prozess in Berlin (West) führen sollten. Die Bordsteinkante bildete die Grenze zwischen der DDR und Berlin (West), die durch den Bahnhof führende S-Bahn-Strecke verlief dagegen ausschließlich durch die „Frontstadt“.

Das „Gesetz gegen Menschenraub“ - kennt das jemand? Wohl kaum, doch ein solches gab es tatsächlich, erlassen am 12. September 1949 in der selbsternannten „Frontstadt“ Berlin (West). Vor 50 Jahren, am 23. Januar 1962, fand vor dem dortigen Landgericht ein Prozess wegen angeblichen Verstoßes gegen den Paragrafen 1 eben dieses Gesetzes statt, ein Prozess, der auf mehr als nur mysteriöse Weise zustande gekommen war: Auf der Anklagebank saß Werner Fehlgut, Bürger der DDR und Mitarbeiter des Außenhandelsbetriebes Intercontrol GmbH; das Mysteriöse dabei war, dass er angeblich seit 10 Jahren gemäß eines am 22. August 1951 erlassenen Haftbefehls auf der Fahndungsliste stand, er jedoch in diesem Zeitraum bei seinen zahlreichen Dienstreisen sowohl in die BRD als auch nach Berlin (West) stets unbehelligt geblieben war. Zudem hatte er sich vor dem 13. August 1961 sehr oft privat in der „Frontstadt“ als dem Wohnsitz seiner Mutter aufgehalten, ohne dass dort Polizei und Justiz in irgendeiner Weise tätig geworden waren.

Doch zunächst einige Bemerkungen zum Außenhandelsbetrieb, da dieser nur wenigen bekannt sein dürfte: Die „Intercontrol – Deutsche Warenkontrollgesellschaft mbH“ war 1955 unter dem Namen „Deutsche Warenabnahme GmbH“ auf Anregung der Kammer für Außenhandel der DDR gegründet worden, die auch die Dienstaufsicht führte. Die Intercontrol hatte dafür zu sorgen, dass nur Waren höchster Qualität in den Export gingen und die DDR im Import ebenfalls ausschließlich solche Waren erhielt. Sie besaß zudem die Lizenz, im Auftrage namhafter in- und ausländischer Auftraggeber, unter anderem Versicherungsgesellschaften, Warenkontrollen vorzunehmen. Die Intercontrol pflegte eine enge Zusammenarbeit mit Kontrollunternehmen in sozialistischen und kapitalistischen Ländern auf der Basis des gegenseitigen Vorteils. Dank ihrer weitverzweigten Geschäftsbeziehungen konnte sie für alle internationalen Handelsplätze Kontrollaufträge wahrnehmen und über die Ergebnisse Zertifikate ausstellen, die teilweise auch zahlungsauslösende Wirkung hatten. Als Werner Fehlgut am 6. September 1961 zu seiner großen Überraschung und Verwunderung auf dem Hauptbahnhof Braunschweig festgenommen wurde, befand er sich gerade auf einer Dienstreise zur Firma Büssing, um dort einen solchen Kontrollauftrag, die Abnahme eines für die Landesbühnen Sachsen bestimmten Spezialfahrzeuges für den Kulissentransport, zu erfüllen. Wie ihm eröffnet wurde, sah jenes in Berlin (West) erlassene Gesetz für die vollendete Tat sogar lebenslänglichen Freiheitsentzug vor, weshalb noch keine Verjährung eingetreten sei. Am 4. Oktober erfolgte die Überstellung in das Gefängnis Moabit, was selbstredend nur auf dem Luftwege möglich war, da ja die Transitverbindungen über Straße und Schiene von den Grenzorganen der DDR kontrolliert wurden. Von dort aus wandte er sich an Prof. Dr. Friedrich Karl Kaul mit der Bitte, seine Verteidigung zu übernehmen.

Worauf nun beruhte jener ominöse Haftbefehl, welches Ereignis lag ihm überhaupt zugrunde? Dazu muss man wissen, dass Werner Fehlgut nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bis 1949 im Haupternährungsamt beim Magistrat des damaligen Groß-Berlin tätig war, bevor er eine neue Aufgabe als Abteilungsleiter im Zentralrat der FDJ übernahm. In dieser Funktion oblag ihm die Organisation der Verpflegung für die Teilnehmer des 1950 stattgefunden habenden „I. Deutschlandtreffens der Jugend“ und 1951 für die der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin – Hauptstadt der DDR. Im Zentralrat hatte er des öfteren Kontakt zu Gerhard Dreilich, Geschäftsführer der FDJ-eigenen „Spowa – Sport- und Wanderbedarf GmbH“, einem jungen Mann von netten, angenehmen Umgangsformen, der durch seinen besonderen Arbeitseifer positiv auffiel. Auffällig war aber auch sein Auftreten als Mitglied der SED, seine Mitmenschen hatten zeitweilig den Eindruck, er wisse kaum noch wohin mit seiner scheinbar so übergroßen Parteitreue. Wenig später sollte sich zeigen, was wirklich dahinter steckte, denn im Dezember 1950 war er plötzlich verschwunden, hatte sich kurz vor einer in der „Spowa“ angesetzten Kassenrevision unter unberechtigter Mitnahme von 75.000 Mark nach Berlin (West) abgesetzt. An jenem 24. März 1951 nun gelang es ihm nach einem Telefongespräch mit Werner Fehlgut, dem er vorgespiegelt hatte, zurückkehren und wieder ein ehrlicher Mensch werden zu wollen, diesen zum S-Bahnhof Wollankstraße zu locken. Die Grenze zu Berlin (West) verlief an dessen westlichem Ausgang so, dass der Gehweg noch zum Gebiet der DDR-Hauptstadt, die Fahrbahn dagegen zur „Frontstadt“ gehörte. Im Empfangsgebäude traf Werner Fehlgut auf zwei uniformierte VP-Angehörige und einen Zivilisten, den er als einstigen Kollegen aus dem Haupternährungsamt erkannte und der nun bei der Kriminalpolizei tätig war. Nach einem kurzen Gespräch über den Zweck seiner Anwesenheit begab er sich zum Ausgang, wo bereits der sich auffallend immer auf der zu Berlin (West) gehörenden Fahrbahn aufhaltende Gerhard Dreilich wartete. Was nun geschah, offenbarte, weshalb dieser immer so getan hatte, als wüsste er nicht wohin mit seiner Parteitreue – mit überheblichem Grinsen stellte er sich als langjähriger Agent des US-amerikanischen Geheimdienstes vor und wollte seinen Gesprächspartner auf Grund seiner verantwortlichen Tätigkeit im Vorbereitungskomitee der III. Weltfestspiele ebenfalls für Spionagedienste anwerben. Als dieser ablehnte, versuchte es Dreilich mit Druck und Erpressung, worauf ihm Werner Fehlgut vor Empörung ins Gesicht schlug, weshalb beide zu Boden stürzten. Da erschien plötzlich eine weitere Person hinter ihm, also auf dem Gebiet der DDR-Hauptstadt, und schlug ihm mit einem Gegenstand auf den Hinterkopf. In diesem Augenblick stürzten die drei Angehörigen der VP-Streife vor, um Werner Fehlgut zu helfen, worauf Dreilich und die dritte Person sofort das Weite suchten. Dem heimtückisch zur Grenze Gelockten und dort Niedergeschlagenen wurde im Raum der Fahrkartenverkäuferin Erste Hilfe geleistet, anschließend kam er ins Krankenhaus.

In der Anklageschrift der „Frontstadt“-Justiz vom 11. Oktober 1961 las sich das allerdings völlig anders: Danach war nicht Dreilich, sondern Werner Fehlgut der Initiator des Treffens gewesen. Da der Treffpunkt nahe der Grenze zur im Jargon der dortigen Justiz als „Sowjetischer Besatzungssektor“ („SBS“) verunglimpften Hauptstadt der DDR lag, hätte er sich „sicherheitshalber“ durch seine beiden Brüder Bernhard und Georg begleiten lassen. Außerdem hätte er sich den im Grenzbereich diensttuenden Angehörigen der Polizei von Berlin (West) Schmidt und Schankin als leitender Mitarbeiter der berüchtigten „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ („KgU“) vorgestellt und diese gebeten, ihn während seines „operativen Einsatzes“ im Auge zu behalten. Während des kurzen Gesprächs seien „drei verdächtige Personen“, gemeint waren offenbar die am Bahnhofsausgang diensttuenden VP-Angehörigen, von denen einer eine Pistole gezogen hätte, auf Gerhard Dreilich eingedrungen. Auf seine Hilferufe hin seien seine Brüder herzugeeilt, wobei in dem entstandenen Handgemenge versucht worden wäre, diese in den „Ostsektor“ zu zerren. Dabei sei von „ostsektoralem Gebiet“ auf sie geschossen worden. Mit dieser Begründung wurde nun Werner Fehlgut angeklagt, „gemeinschaftlich mit anderen versucht zu haben, sich eines Menschen durch List, Drohung und Gewalt zu bemächtigen, um ihn gegen seinen Willen in ein Gebiet außerhalb der Westsektoren von Groß-Berlin zu verschleppen, wobei durch die Handlung eine schwere Körperverletzung verursacht worden ist.“ Dem entsprachen sowohl die Angaben der Brüder Bernhard und Georg Dreilich als auch die der beiden Polizisten. Was diese allerdings wert waren, offenbarte sich dem Verteidiger bei der weiteren Durchsicht der Akten: Da fand sich ein mit der Seitenzahl „63 a“ versehener Briefumschlag. Zwar war er leer, doch seine Beschriftung äußerst aufschlussreich: „Abgeschossenes Projektil Kal. 7,35, sichergestellt am 25. März 1951 auf dem zum 'SBS' gehörenden Bürgersteig der Nordbahnstraße, Nähe Eingang S-Bahnhof Wollankstraße.“ Was das bedeutete, war sofort klar – die Polizei von Berlin (West) hatte erstens rechtswidrig Amtshandlungen auf dem Gebiet der Hauptstadt der DDR vorgenommen und der Fundort bewies zweitens, dass von West nach Ost, also aus der „Frontstadt“, geschossen worden war, die „Zeugen“ folglich gelogen hatten! Angesichts dessen sollte dieser Briefumschlag denn auch im Prozess eine gewichtige Rolle spielen.

Vorerst aber galt es ein anderes, schwerwiegendes Problem zu lösen, nämlich die Wahrnehmung der Verteidigung: Friedrich Karl Kaul besaß, ein Überbleibsel aus der Frühzeit der Besatzung, eine von den vier alliierten Siegermächten beurkundete Anwaltszulassung. Damit konnte er in allen Besatzungszonen und -sektoren sowohl als Verteidiger als auch als Vertreter der Nebenklage bestellt werden. Diese Zulassung galt dann ebenso nach Gründung beider deutscher Staaten ohne jede Einschränkung weiter, was nun der vielfach mit einstigen schwerbelasteten Juristen des „Dritten Reiches“ durchsetzten Justiz in der BRD wie auch in Berlin (West) ganz und gar nicht schmeckte. Ein Meister seines Faches, geradlinig und unbestechlich, mit den Schlichen, Winkelzügen und Spitzfindigkeiten bürgerlichen Justizbetriebes bestens vertraut, dazu noch Bürger der DDR und obendrein Mitglied der SED – einen solchen Mann mochten sie nicht, weshalb er gern als „SED-Staranwalt“ verunglimpft wurde. Eines solchen Mannes hätte man sich am liebsten bei erster passender Gelegenheit entledigt und die nun schien in der damaligen Zeit gekommen: Obwohl dem Senat von Berlin (West) laut einem internen Sitzungsprotokoll spätestens im Herbst 1960 bewusst war, dass die DDR auf die seitens der „Frontstadt“ betriebene Politik des Ausblutens früher oder später mit aller gebotenen Entschiedenheit reagieren würde (in diesem Papier mit den Worten „im Falle östlicher Absperrmaßnahmen“ bezeichnet), an der Grenzsicherung vom 13. August 1961 also nur der Zeitpunkt überraschte, unterblieb im Schöneberger Rathaus jedes ruhige, besonnene und vor allem selbstkritische Nachdenken. Statt auch nur einen Gedanken an die Entwicklung eines sachlichen Verhältnisses zur DDR als dem natürlichen Umland der Besonderen Politischen Einheit zu verwenden, tobten sich bis zur „Frontstadt“-Hysterie gesteigerte irrationale Wut- und Hassgefühle aus. Ein Ergebnis dieser Hysterie war jene Schwarze Liste, mit der Innensenator Lipschitz willkürlich ausgewählten prominenten Bürgerinnen und Bürgern der DDR das Betreten von Berlin (West) verbot – rechtswidrig, versteht sich, da es auch im Schöneberger Rathaus keinerlei Rechtsgrundlage dafür gab. Walter Ulbricht oder Täve Schur, die in jenem bunten Reigen mit der zweifelhaften Ehre vorderer Plätze bedacht worden waren, mochte das nicht sonderlich beschweren, für Prof. Kaul jedoch entstand ein sehr großes Problem: Übte er nämlich seine Anwaltstätigkeit in Berlin (West) länger als sechs Monate nicht aus, konnte er nach den Bestimmungen der dortigen Anwaltskammer trotz gültiger alliierter Urkunde schlicht und formlos aus der Liste der zugelassenen Rechtsanwälte gestrichen werden. Um dem zu entgehen, beantragte er zunächst einmal beim Präsidenten des Kammergerichts, den ihm befreundeten Rechtsanwalt Tiegs für die Zeit seiner rechtswidrigen Behinderung als Vertreter zu bestellen. Diesem Antrag nun musste stattgegeben werden, zudem bewirkte eine Klage die vorläufige Aufhebung der sofortigen Vollstreckbarkeit des Verbots unter der Bedingung, dass Prof. Kaul darüber im ordentlichen Verfahren entscheiden lassen müsse. Das nun konnte angesichts der langsam mahlenden justiziellen Mühlen längere Zeit in Anspruch nehmen, weshalb er bereits zu Beginn des Jahres 1962 wieder zweimal als Verteidiger in Berlin (West) tätig war. Also galt es den Verfechtern einer weiterhin gnadenlosen Konfrontationspolitik „andere Saiten aufzuziehen“, um ihn am Auftreten vor dortigen Gerichten zu hindern, und zwar „notfalls“ auch mit Gewalt. So erschien im der SPD gehörenden stramm antikommunistischen, 1972 sang- und klanglos untergegangenen „Telegraf“, zu jener Zeit einer der Haupteinpeitscher hasserfüllter Politik gegen die DDR, vor dem Prozess gegen Werner Fehlgut folgende Notiz mit der Überschrift „Kaul provoziert weiter“: „Der berüchtigte SED-Rechtsanwalt Dr. Friedrich Karl Kaul will, wie gestern bekannt wurde, am heutigen Dienstag um 9.15 Uhr erneut im Kriminalgericht Moabit auftreten. Im Saal 618 will er die Verteidigung in einem Prozeß führen.“ Das lebendige Ergebnis dieser Zeilen stand denn auch kurz vor Beginn der Verhandlung in Gestalt einer gut 100 Personen umfassenden Menschenmenge vor dem Haupteingang des Gerichtsgebäudes – keine sensationslüsternen Zuhörer, auch keine Studenten der Rechtswissenschaft, sondern Angehörige einer Schlägerbande namens „Bärenstiefel“ und Mitarbeiter des Bezirksamtes Tiergarten. Sie waren allesamt gesonnen, dem Verteidiger das Betreten des Gebäudes zu verwehren. Unzweifelhaft handelte es sich um eine bestellte Aktion, denn ordentliche Polizei war nirgendwo zu sehen, in der Maske der „empörten Volksmenge“ begangene Lynchjustiz wäre folglich nicht zu verhindern gewesen. Dank der Hilfe von Mitgliedern der SED-Westberlin, die ihn vom S-Bahnhof Tiergarten abgeholt hatten, und mit einem Trick – der Pkw war angesichts der Menge mit hoher Geschwindigkeit am Gericht vorbeigefahren, bei einem Halt außerhalb der Sichtweite der Schlägertrupps übernahm Prof. Kaul die Rolle des Fahrers, wobei er sogar vergaß, seine laut Fahrerlaubnis vorgeschriebene Brille wieder aufzusetzen – gelangte er unangefochten in das Gericht. Als den Schlägern dann doch bewusst wurde, wer da eben zum Saal 618 unterwegs war, wurde ihm zwar nachgerannt, doch er, der mit dem Gebäude bestens vertraut war, kam nicht nur schneller nach oben, er konnte zwei, die ihn eingeholt hatten, noch durch einen Schlag mit der Aktentasche abwehren, bevor ihn dann der Schutz zweier hier diensthabender Wachtmeister seine Verteidigeraufgabe wahrnehmen ließ.

Nun begann jener seltsame Prozess wegen „Menschenraubes“ - den Vorsitz führte der als politisch eher unbedarft geltende Landgerichtsdirektor Wienecke, von dem bekannt war, dass er jener Zweiten (der politischen) Strafkammer wenig Positives abzugewinnen vermochte, eingerahmt von den Landgerichtsräten Olowson und Böhm sowie einer Hausfrau und einem Angestellten als Schöffen. Vertreter der Anklage war mit Staatsanwalt Hopke ein jüngerer Beamter des politischen Dezernats der Staatsanwaltschaft. Die Wachtmeister wurden angewiesen, die „Zuhörer“ in den Saal zu lassen und welcher Art diese Leute waren, die da wie aus einer unter gewaltigem Überdruck stehenden Gasflasche in den Raum hineinschossen, sich um die wenigen Bänke schubsten und drängelten, um sich sodann auf diesen zu lümmeln, war bereits an den Ledermonturen und Schnürstiefeln erkennbar. Ihnen ging es einerseits darum, die Verhandlung zu stören, um die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommen zu lassen, und andererseits um Sensationslüsternheit, wollten sie doch genüsslich miterleben, wie ein „Roter“ durch die „rechtsstaatliche“ Justiz „fertiggemacht“ wurde. Außerdem war dem „frechen SED-Staranwalt“, der es gewagt hatte, den ehernen Gesetzen antikommunistischer „Frontstadt“-Politik die Stirn zu bieten, eine gehörige „Abreibung“ zugedacht. Wie schnell sich das als richtig erwies, war an einem Zettel zu erkennen, den einer der Wachtmeister an Prof. Kaul übergab. Darin teilten ihm die Genossen der SED-Westberlin mit, dass der gesamte Haupteingang von Schlägertrupps blockiert war. Er bat in seiner Antwort, sich unter keinen Umständen provozieren zu lassen und Rechtsanwalt Tiegs zu holen, um die weitere Verbindung zu halten.

Sodann begann die Verhandlung mit der Befragung Werner Fehlguts, der die Ereignisse an jenem 24. März 1951 wahrheitsgemäß bis zu dem Zeitpunkt schilderte, an dem er bewusstlos geschlagen worden war. Mehr wollte der Vorsitzende auch gar nicht hören und da der Staatsanwalt keine Fragen hatte, sollten unter geflissentlichem Übersehen der Wortmeldung des Verteidigers die Belastungszeugen aufmarschieren. Doch Prof. Kaul ließ sich nicht abweisen, sondern befragte seinen Mandanten eingehend über Dreilichs Veruntreuung, dessen Geldgeber in Berlin (West) sowie die zugemutete Spionagewerbung samt Versuch der Erpressung. Da die „Zuhörer“ bei jeder Antwort in Wutgebrüll ausbrachen, weil die Wahrheit für sie tabu war, wiederholte sie der Verteidiger mit so lauter Stimme, dass der Vorsitzende jedesmal zusammenzuckte. So rang er sich schließlich in einem Anflug von Energie dazu durch, Ruhe zu gebieten. Der als „Hauptzeuge“ auftretende Gerhard Dreilich gab wie nicht anders zu erwarten die bereits in der Anklageschrift zu lesen gewesene Gruselgeschichte zum Besten. Nach der Veruntreuung befragt, bestritt er diese zunächst, um sich dann damit herauszureden, die „Spowa“ habe ihm noch Geld geschuldet. So wurde ihm denn der Revisionsbericht über die fehlenden 75.000 Mark vorgelegt, worauf die „Zuhörer“ geradezu in einen Tobsuchtsanfall ausbrachen. Ihr „Held“ ein Krimineller – es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Der angesichts dessen in jeder Beziehung zwischen Baum und Borke sitzende Vorsitzende half dem „Hauptzeugen“ schließlich mit dem Hinweis, er brauche nicht auf Fragen zu antworten, wenn er sich dadurch selbst einer Straftat bezichtigen würde, und der Behauptung, die Veruntreuung habe mit dem Gegenstand der Anklage nichts zu tun, aus der Verlegenheit.

Gleiches geschah beim nächsten „Zeugen“ Bernhard Dreilich, der sichtlich verlegen wurde, als ihn Prof. Kaul nach dem Besitz einer Waffe fragte: Sofort sprang der Vorsitzende ein und „bat“ den „Zeugen“ vor Beantwortung dieser Frage um Auskunft, ob er einen Waffenschein, also eine polizeiliche Erlaubnis zum Führen einer Waffe, besäße. Nachdem er das verneinen musste, wurde ihm die Beantwortung ebenfalls mit dem Hinweis, er brauche nicht auf Fragen zu antworten, wenn er sich dabei selbst einer Straftat bezichtigen würde, großzügig erlassen. Beim dritten „Zeugen“ Georg Dreilich wurde der Zeugenstand geradezu zur Theaterbühne: Unter wildem Gestikulieren und mit viel Pathos in der Stimme schilderte er, wie sein Bruder Gerhard in den „Sowjetsektor“ gezerrt wurde, während er und Bernhard in den „freien Teil Berlins“ zurückflüchten mussten, um nicht selbst „Opfer“ einer „Verschleppung“ zu werden. Nanu?, wird jetzt der aufmerksame Leser fragen, denn laut Anklageschrift sollte es doch gerade umgekehrt gewesen sein! Doch seiner so widerspruchsvollen Sensationsgeschichte fehlte noch der Höhepunkt und der kam jetzt: „Plötzlich knallte es in unserem Rücken. Vom 'Sowjetsektor' schoss man hinter uns her. Ich spürte, wie ich hier getroffen wurde.“, wobei er auf die linke Seite seines Halses wies. Als der Verteidiger daraufhin unwillkürlich lachen musste, verlor der „Zeuge“ vollends die Fassung: Wie ein Wilder sprang er auf ihn zu und schrie: „Von hinten wurde ich niedergeschossen ... verbluten können hätte ich durch diesen Schuss in die Schlagader und Du Schwein lachst noch darüber!“ Der Zuhörerraum geriet in Raserei, ein Unbeteiligter hätte den Eindruck gewinnen können, hier sein kein Gerichtssaal, sondern ein Irrenhaus. Nachdem der Lärm endlich abgeebbt war, forderte der Vorsitzende, nein, nicht die tobsüchtigen „Zuhörer“, sondern den Verteidiger auf, die Würde des Gerichts zu wahren, andernfalls er ihn vom Fortgang der Verhandlung ausschließen müsse.

Nun sorgte Prof. Kaul für die weder vom Staatsanwalt noch vom Gericht und schon gar nicht von den Provokateuren im Zuhörerraum erwartete Sensation und damit für die Wendung des bislang ohnehin nicht die Schuld Werner Fehlguts bestätigt habenden Prozesses: Mit bewusst unterkühlter Stimme forderte er den Vorsitzenden auf, dem „Zeugen“ Blatt 63 a der Ermittlungsakte vorzuhalten. Wie wenig sich ersterer in antikommunistischer Borniertheit und Siegesgewissheit mit dieser vertraut gemacht hatte, bewies seine misstrauische Frage nach dem Inhalt dieses Blattes. Bei dessen Kenntnis hätte er die Anklage gar nicht erst zur Verhandlung zulassen dürfen. Das Auffinden des Umschlags ließ ihn auch nicht klüger werden, denn er bemerkte nur hilflos, dieser sei ja leer. So musste ihn der Verteidiger nachdrücklich auffordern, die Beschriftung vorzulesen: „Abgeschossenes Projektil Kaliber Sieben-Komma-Fünfunddreißig ...“, dann erstarb seine Stimme, Verlegenheit überkam ihn. Doch der Verteidiger drängte ihn weiterzulesen. Nur zögernd fuhr er fort: „... sichergestellt am fünfundzwanzigsten März neunzehnhunderteinundfünfzig auf dem zum 'SBS' von Berlin gehörenden Bürgersteig der Nordbahnstraße, Nähe Eingang S-Bahnhof Wollankstraße ...“ Das weitere nahm ihm Prof. Kaul ab, als er auf Grund dessen feststellte: „... wodurch zweierlei erwiesen ist: Erstens haben die Westberliner Behörden auf dem außerhalb Westberlins liegenden Territorium Amtshandlungen vorgenommen. Warum werden sie selbst am besten wissen ... Zweitens aber erweist die Tatsache, dass das fragliche Projektil auf östlichem Territorium gefunden wurde, dass von West nach Ost und nicht umgekehrt geschossen wurde, der Zeuge also gelogen hat! Und diese Lüge wurde dadurch offenbar, dass die Westberliner Behörden ihre rechtswidrige Maßnahme stur aktenkundig gemacht haben ... deswegen musste ich lachen!“ Die Schreier im Zuhörerraum verstummten, dass die eigenen Behörden den unumstößlichen Beweis für die Unglaubwürdigkeit ihrer „Helden“ geliefert hatten, machte sie tief betroffen. Da nun meldete sich zum ersten Mal der Staatsanwalt zu Wort. In der beinahe kindlichen Hoffnung, das Unheil für die „Frontstadt“-Politik doch noch abzuwenden, stotterte er, es sei doch auch möglich, dass sich „ostzonale Täter zuvor in den Westen geschmuggelt und dann von West nach Ost“ geschossen hätten. Das nun war von Verzweiflung getragene bloße Vermutung, die, da ohne jeden gerichtsfesten Beweis, keinerlei Einfluss auf die Verhandlung haben konnte. Die Vernehmung der beiden letzten Zeugen war lediglich insofern von gewissem Interesse, als dass die Polizisten Schmidt und Schankin bestätigten, Gerhard Dreilich habe sich ihnen als leitender Mitarbeiter jener berüchtigten KgU vorgestellt, der sich im „operativen Einsatz“ befände. Vom Verteidiger dazu befragt, erklärte dieser, sich daran nicht erinnern zu können. Wenn er jedoch Derartiges gesagt habe, dann höchstens, um sich interessant zu machen. Damit schloss der Vorsitzende die Beweisaufnahme.

Das nach der Pause vorgetragene Plädoyer des Staatsanwalts war Ausdruck jener unseligen antikommunistischen Borniertheit, Voreingenommenheit, Einseitigkeit und Oberflächlichkeit, mit deren Hilfe jedes entlastende Moment schlichtweg vom Tisch gewischt wurde, wenn es gegen Links und hier nun gar gegen die DDR ging. Der entscheidende Beweis dafür, dass der „Zeuge“ Georg Dreilich gelogen hatte und damit unglaubwürdig war, interessierte ihn ebenso wenig wie die kriminellen Machenschaften von Gerhard und der offenkundig illegale Waffenbesitz von Bernhard Dreilich. Mit seiner Linie, Werner Fehlgut habe gelogen und die Brüder Dreilich die Wahrheit gesagt, machte er es sich sehr einfach. Kurz und gut, für ihn stand die Schuld des Angeklagten zweifelsfrei fest, weshalb er acht Jahre Zuchthaus für „angemessen und ausreichend“ hielt. Prof. Kaul nun mochte solcher eines Juristen nun völlig unwürdigen Primitivität unter keinen Umständen folgen: An den Anfang seines Plädoyers stellte er unter den empörten Buh-Rufen der Unbelehrbaren im Zuhörerraum die Forderung – Freispruch! Sodann stellte er Angeklagten und „Zeugen“ in ihrer Persönlichkeit gegenüber: Da Werner Fehlgut, arbeitsam, ehrlich, gewissenhaft, dort Gerhard Dreilich, dem schon die Polizei von Berlin (West) in ihrem Schlussbericht zu jenen Ermittlungen kein gutes Zeugnis ausgestellt hatte, aufschneiderisch, unaufrichtig, kriminell, unglaubwürdig: „Bei Gerhard Dreilich handelt es sich um einen Mann, der eine leitende Stellung bei der ostzonalen FDJ-Organisation bekleidete und der schon damals, wie auch jetzt für westliche Dienststellen arbeitete.“, war am 9. August 1955 auf Blatt 12 der Akte festgehalten worden, womit klar war, wem zu trauen sei. Prof. Kaul verwies zudem auf die Widersprüche, in die sich die „Zeugen“ verwickelt hatten, was seinen Höhepunkt in der von West nach Ost abgeschossenen Patrone fand. Dazu kam, dass Werner Fehlgut bis zuletzt unbekümmert in die BRD und nach Berlin (West) gefahren war, wogegen Gerhard Dreilich ein derart schlechtes Gewissen gehabt hatte, dass er vor Annäherung an die Grenze mit verlogener Begründung um Polizeischutz nachsuchen musste. Das Gericht konnte sich denn auch diesen Argumenten nicht verschließen, sichtbar waren die Nachdenklichkeit, mit der der Richter links vom Vorsitzenden, und die Aufmerksamkeit, mit der die Schöffin den Worten des Verteidigers folgte. Nach der Bekräftigung der Forderung nach Freispruch hatte Werner Fehlgut das letzte Wort. Auf den Rat des Anwalts sagte er nur: „Wenn Sie dem Antrag des Staatsanwaltes folgen, verurteilen Sie einen Unschuldigen!“ Das Gericht zog sich zur Beratung zurück, bis zur Urteilsverkündung blieben mehr als zwei Stunden Zeit, Zeit, in der Friedrich Karl Kaul darüber nachzudenken hatte, wie er unbehelligt aus dem Gerichtsgebäude kommen konnte. Er bat den inzwischen in Anwaltsrobe erschienenen und in Unkenntnis seiner Rolle von den Schlägern unbelästigt gebliebenen Kollegen Tiegs, dafür zu sorgen, dass die Genossen der SED-Westberlin mit einem anderen Wagen als dem, der ihn hergebracht hatte, am Gefängnisausgang in der Straße Alt-Moabit auf ihn warteten. Ja, es war ein Nachdenken voller Bitterkeit, musste er doch wiederum erleben, wie vergiftet die Atmosphäre auch 17 Jahre nach dem Ende des bislang schlimmsten aller Kriege immer noch war, vergiftet durch militanten Antikommunismus und „Frontstadt“-Hysterie.

Die Zeit war um, das Gericht erschien, um das von allen Seiten mit großer Spannung erwartete Urteil zu verkünden. Es war selbst für die gutwilligsten und unvoreingenommensten seiner Mitglieder, so es sie denn gegeben haben sollte, schwer, ein gerechtes Urteil zu fällen, standen sie doch unter doppeltem Druck: Da waren die unwiderlegbaren Beweise für die Unschuld Werner Fehlguts und da war die in der „Frontstadt“ gezüchtete und sorgsam gepflegte Atmosphäre des abgrundtiefen Hasses, verkörpert durch den Staatsanwalt, die als Belastungszeugen aufgetretenen mehr als nur zwielichtigen Personen, vor allem aber die sich auf den Zuhörerbänken lümmelnden Schlägertrupps und deren Hintermänner in Senat und stramm antikommunistischer Presse. Wer in diesem gefährlichen Sumpf auch nur den geringsten Anflug von Unvoreingenommenheit und Sachlichkeit zeigte, galt als „Nestbeschmutzer“ und musste damit rechnen, in der Öffentlichkeit unmöglich gemacht zu werden. Freilich kam das Gericht an den Beweisen für die Unschuld des Angeklagten nicht vorbei, es konnte selbst beim schlechtesten Willen kein anderes Urteil fällen als das nun vom Vorsitzenden verkündete: Freispruch! Nur mit Mühe konnte er sich angesichts der von Tobsuchtsanfällen heimgesuchten Zuhörer verständlich machen, wobei die Begründung selbstverständlich mehr oder weniger zum Eiertanz geriet: Vieles spräche zwar gegen Werner Fehlgut, doch habe ihm die Behauptung, er habe Gerhard Dreilich nicht verschleppen wollen, „nach den Ergebnissen der Beweisaufnahme nicht mit letzter Sicherheit widerlegt werden ...“ können. So kam es denn zum „Freispruch zweiter Klasse“, eine Methode, die im Strafrecht der DDR abgeschafft wurde, weil sie den so Freigesprochenen immer mit dem Makel entließ, der Verdacht sei nach wie vor gegeben, man habe ihm die Tat nur nicht beweisen können: „Schließlich beweist noch die von dem Verteidiger nachgewiesene Tatsache, dass der Angeklagte in den Jahren 1951 bis 1961 nicht nur wiederholt den Westsektor zu privaten oder beruflichen Zwecken aufsuchte, sondern auch keine Bedenken trug, eine Dienstreise in die Bundesrepublik zu unternehmen, dass er kein schlechtes Gewissen hatte. ... Nach alldem war der Angeklagte aus Mangel an Beweisen freizusprechen. ...“

Werner Fehlgut war gerettet, doch nun rollte der Ball auf Prof. Kaul zu, als die Schläger ihm beim Verlassen des Saales drohten: „Wir warten auf Dich! Du kommst uns nicht ungeschoren weg!“ So trat er denn zu dem soeben Freigesprochenen, der sich zu bedanken begann. Mit der Bemerkung „Später!“ drängte er sich an ihm vorbei durch die hintere Tür, die in seinem Plan die entscheidende Rolle spielte: Er wollte als Anwalt die Möglichkeit nutzen, durch den zum Untersuchungsgefängnis führenden Gang, über den ansonsten Häftlinge ohne jede Berührung mit der Außenwelt in den Gerichtssaal gebracht wurden, zu entkommen. Dem am Abzweig des nächsten Ganges sitzenden Wachtmeister hinderte er mit der Erklärung, er müsse noch dringend einen Gefangenen sprechen, daran, ihm den Weg zu versperren. Außer dessen Sichtweite gelangt, änderte er seine Richtung und hastete zur Hauptzentrale des Untersuchungsgefängnisses, hielt den am Ausgang zur Straße Alt-Moabit diensthabenden Wachtmeister seinen Anwaltsausweis hin und drängte ihn mit den Worten, er müsse unbedingt noch einen Kollegen erreichen, dazu, die Tür zu öffnen. Es war geschafft! Hier lauerte keiner der Schläger, doch Eile war dennoch geboten. So spähte Prof. Kaul, angetan mit der Anwaltsrobe und ohne Mantel und Kopfbedeckung, die Reihe der parkenden Kraftwagen entlang, wo sich ein Arm hob – das vereinbarte Zeichen! Er sprang in den Pkw, der unbeachtet von Vorbeikommenden sofort losfuhr und den Rechtsanwalt zur S-Bahn brachte. Unbehelligt kam er im Grenzbahnhof Friedrichstraße an, wogegen die Schlägertrupps noch über eine Stunde vor dem Haupteingang warteten, bevor sie enttäuscht und verärgert abzogen.

 

Quellen:

Heinrich, Eberhard und Ullrich, Klaus: „Befehdet seit dem ersten Tag“, Untertitel: „Über drei Jahrzehnte Attentate gegen die DDR“, Dietz Verlag Berlin 1981


Kaul, Friedrich Karl: „Der Verteidiger hat das Wort“, Untertitel: „Hier und drüben“, Verlag Das Neue Berlin 1978

Teller, Hans: „Der kalte Krieg gegen die DDR“, Untertitel: „Von den Anfängen bis 1961“, Akademie-Verlag Berlin 1979

 

H.-J. Weise


Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/7/artikel/vor-10-jahren-vom-kleineren-uebel-zum-grossen-absturz/