16. Oktober 2012

Sein Streich blamierte den preußisch-deutschen Militarismus bis auf die Knochen: Vor 100 Jahren war der „Hauptmann von Köpenick“ Kurgast in Thüringen

Mit solchen Postkarten machte Wilhelm Voigt das Geschäft seines Lebens – 40 Pfennige kostete eine solche, die Aufnahme in Zivil war mit 30 Pfennigen etwas billiger zu haben gewesen. Vor 100 Jahren weilte er in Thüringen zur Kur, vor 90 Jahren verstarb er in Luxemburg und seit 50 Jahren wird beim „Köpenicker Sommer an seinen legendären Streich vom 16. Oktober 1906 erinnert.

Was hat Lauscha mit dem Berliner Stadtteil Köpenick zu tun? Für die meisten sicher nicht mehr und nicht weniger als das, was das Städtchen im Thüringer Schiefergebirge mit tausenden anderen Orten zu tun hat – alljährlich zur Weihnachtszeit erstrahlt in vielen Familien der traditionelle Baum im Glanze von Lauschaer Glasschmuck. Doch Köpenick ist ja durch etwas ganz anderes bekannt geworden – den legendären Streich des Schusters Wilhelm Voigt, der am 16. Oktober 1906 in einer beim Trödler zusammengestoppelten und nicht einmal vorschriftsmäßigen Uniform eines Hauptmanns des 1. Garderegiments zu Fuß, einer Eliteeinheit der kaiserlichen Armee, unter dem Vorwand einer „allerhöchsten Order“ 10 Soldaten unter sein Kommando gebracht und mit diesen das Rathaus der damals noch selbständigen Stadt Köpenick besetzt hatte. Die dortigen Gendarmen unterstellte er ebenfalls seinem Kommando, ließ Bürgermeister Dr. Georg Langerhans – Reserveoffizier immerhin – und den Kassenrendanten von Wiltberg verhaften und beide nach Berlin zur Neuen Wache schaffen. Mit der laut „Quittung“ erbeuteten Summe von 4000 Mark und 70 Pfennigen war ihm allerdings nicht der geplante „große Coup“ gelungen, denn nach seiner Kenntnis sollten im Köpenicker Rathaus Geld und Wertpapiere über 2 Millionen Mark deponiert gewesen sein! Dennoch – dieser Streich des Schusters, der in seinem bisherigen Leben insgesamt 29 Jahre in Gefängnissen und Zuchthäusern hatte zubringen müssen, erregte in der ganzen Welt Aufsehen, hatte er doch damit, wenn auch unbeabsichtigt, den preußisch-deutschen Militarismus mit seiner Uniform- und Autoritätsgläubigkeit bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Überall wurde über den herrschenden Untertanengeist gelacht, die Zeitungen waren voll von Beiträgen, Kritiken und Spottgedichten, Theaterstücke und Bücher wurden geschrieben, während Preußens Polizei fieberhaft nach dem noch unbekannten Übeltäter fahndete. Erst 10 Tage später konnte Wilhelm Voigt auf Grund der Anzeige eines ehemaligen Zellengenossen gefasst werden, der sich die ausgesetzte Belohnung von 2.000 Mark verdienen wollte, da der falsche Hauptmann ihm Jahre zuvor einmal vage Andeutungen über ein solches Vorhaben gemacht hatte. Das Gericht, das die vielen Einlass begehrenden Zuschauer gar nicht aufnehmen konnte, verurteilte Wilhelm Voigt zu vier Jahren Gefängnis, damals eine durchaus milde Strafe, doch angesichts der Lebensumstände des Angeklagten und des Aufsehens, das seine Tat in aller Welt erregt hatte, konnte es gar nicht anders. Aus Großbritannien und Frankreich, ja sogar aus den USA kamen Gesuche und Bitten um Begnadigung, Frauen boten sich an, an seiner Stelle die Strafe zu verbüßen, die Welle der Sympathie ebbte nicht ab. Um Ruhe zu bekommen, wurde er schließlich am 16. August 1908 per kaiserlichem Gnadenerlass in Freiheit gesetzt. Und Wilhelm Voigt verstand es, seine Popularität zu nutzen – er reiste durch das ganze deutsche Kaiserreich, logierte in Gaststätten und Hotels und wenn ihn die Polizei auch immer wieder vertrieb, ihn von einem Ort zum anderen hetzte, wurde es ein gutes Geschäft: Gaststätten- und Hotelbesitzer bekamen die Kosten für freie Unterkunft und Verpflegung durch die vielen Gäste, die den „Hauptmann von Köpenick“ sehen wollten, hundertfach wieder herein und Wilhelm Voigt verkaufte bei diesen Gelegenheiten Tausende seiner handsignierten Fotografien, für 40 Pfennige das Stück die Bilder in Hauptmannsuniform, für 30 Pfennige die in Zivil. Schließlich erwarb er Wohnrecht in Luxemburg und unternahm Reisen nach Frankreich, Großbritannien und auf dem Luxusdampfer „Kaiserin Auguste Victoria“ auch in die USA. In London wurde er gar lebensgroß in Wachs modelliert und so im berühmten Kabinett von Madam Tusseaud für die Nachwelt verewigt. Die Anstrengungen dieser Reisen jedoch forderten nach dem ohnehin von freudloser Kindheit und einem schweren, von Arbeit, Ausweisung und Zuchthaus geprägten Leben ihren Tribut, war Wilhelm Voigt doch mittlerweile 63 Jahre alt. Damit aber nun begann die Zeit, in der das Städtchen Lauscha mit dem legendären „Hauptmann von Köpenick“ Bekanntschaft machen konnte. Nein, es ging nicht darum, den Coup von Köpenick hier zu wiederholen. Erstens war sein Streich einmalig und nach jenem Aufsehen gar nicht wiederholbar gewesen, zweitens hätte sich das wohl auch nicht gelohnt und drittens hatte er Erholung wirklich dringend nötig. Einquartiert beim Glasbläser Müller-Sachs genoss er im Juni 1912 für vier Wochen sowohl die reine und klare Waldluft in der Einsamkeit der Berge und Täler als auch die immer noch anhaltende Bewunderung von Einwohnern Lauschas sowie der umliegenden Orte und natürlich die der zahlreichen Kurgäste. Dabei erregte gerade jener Aufenthalt in Lauscha ein Aufsehen besonderer Art, das nicht ohne Heiterkeit war: Aus London war irrtümlich berichtet worden, der „Hauptmann von Köpenick“ sei in einem dortigen Hospital gestorben. Am 12. Juni 1912 erschien diese Ente in mehreren Berliner Zeitungen, die Wiener Polizeidirektion fragte an, ob das wirklich stimme, wieder schwärmten die Kriminalbeamten der preußischen Polizei aus und etliche Blätter veröffentlichten bereits zu Herzen gehende Nachrufe.

Im ganzen Land erhob sich nun ein Hohngelächter, als Wilhelm Voigt, höchst befriedigt über die vielen wohlwollenden Nachrufe auf seine Person und die nicht verblassen wollende Erinnerung an seinen mittlerweile sechs Jahre zurückliegenden Streich, aus seinem Lauschaer Kuraufenthalt folgenden Brief an die „Coburger Zeitung“ schrieb, der alsbald von vielen anderen Blättern nachgedruckt werden sollte: „Die Nachricht, dass ich in London in einem Hospital gestorben sei, hat in Deutschland ungeheures Aufsehen hervorgerufen. Meiner Gesundheit wegen ist mir Waldluft verordnet worden und habe mich deshalb nach Thüringen ins Städtchen Lauscha begeben, Montag früh fuhr ich über Aachen nach Burghaus bei Krefeld, um bei dieser Gelegenheit eine befreundete Familie zu besuchen und mich bis Mittwoch früh dort aufzuhalten. Um 6 Uhr früh ging ich zum Bahnhof, um nach Lauscha zu gelangen. In Duisburg musste ich umsteigen, wo mir, da ich in der dortigen Gegend sehr bekannt bin, als ich in den Wartesaal trat, verschiedene Herren die 'Kölnische Zeitung' vorhielten. Was aber sah ich? Was wohl wenigen Sterblichen passiert war, meine eigene Todesanzeige. Ein paar Worte, dann ging es los. Erst unter den Fahrgästen und dann im übrigen Publikum. Von Station zu Station immer der Refrain: Der Hauptmann von Köpenick soll gestorben sein. Und doch saß er im Bahnzuge. Die 'Kölnische Zeitung' schnitt hierbei sehr schlecht ab.“ Am Schluss seines Briefes schrieb er: „Wenn ich einmal wirklich gestorben bin, so möchte ich wünschen, auch einen solchen Nachruf zu erhalten.“ Ja, das war er, der Lauschaer Kuraufenthalt des „Hauptmanns von Köpenick“, dem diese voreilige Todesnachricht die besondere Würze verliehen hatte. Wilhelm Voigt lebte noch 10 Jahre als angesehener und vermögend gewordener Rentier im eigenen Haus in der Luxemburger Neipergstraße 5. Doch als er am 3. Januar 1922 an den Folgen einer Lungenentzündung starb, war er arm und mittellos – Krieg und Inflation hatten sein Vermögen aufgefressen. Dennoch ist die Erinnerung an ihn weder in Köpenick noch in Luxemburg verblasst: Seit 1962 ist die Figur des „Hauptmanns von Köpenick“ die Attraktion des Volksfestes „Köpenicker Sommer“ und die Stufen des Rathauses ziert seit 1996 sein in Bronze gegossenes Denkmal. Das Grab ließ der Zirkus Sarrasani 1961 neu herrichten und 1975 beschloss die Stadt Luxemburg, dass Wilhelm Voigt „für die Ewigkeit“ auf dem dortigen Friedhof ruhen dürfe. Ob es aber eine Erinnerung an seinen Lauschaer Kuraufenthalt gibt? Wenn nicht – vielleicht ließe sich das durch eine Gedenktafel ändern.

 

Quellen: Löschburg, Winfried: „Ohne Glanz und Gloria“, Buchverlag Der Morgen, Berlin 1978; 

 

 

H.-J. Weise

 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/7/artikel/sein-streich-blamierte-den-preussisch-deutschen-militarismus-bis-auf-die-knochen-vor-100-jahren-war/