10. Juli 2012

Geschichte: Vor 75 Jahren – endgültiges Ende der geheimen Aufrüstung

Noch heute als „untadeliger Soldat“ verherrlicht – NSFK-Korpsführer und Verantwortlicher für das Massaker von Putten Friedrich Christiansen, hier als Militärbefehlshaber in den besetzten Niederlanden.

In der BRD disputierten Gerichte lange alle möglichen juristischen Spitzfindigkeiten um die Frage, ob diese eine Organisation aus der Zeit des „Dritten Reiches“ nun eine „Gliederung“ der NSDAP war oder nicht. Dabei ging es nicht nur um die Ausstellung eines Persilscheins für den Verband sowie für seine Mitglieder und das Führerkorps, sondern auch und vor allem um viel Geld: Bei einer Einstufung des vor 75 Jahren durch einen Erlass Hitlers vom 17. April 1937 geschaffenen und heute vielen gar nicht bekannten „Nationalsozialistischen Fliegerkorps“ (NSFK) als „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ standen dessen hauptamtlich tätig gewesenen Mitgliedern nämlich erkleckliche Rentenzahlungen zu. So kam es eingedenk der Forderung des ersten Kanzlers, „mit der Nazi-Riecherei Schluss zu machen“, dass das NSFK durch Beschluss des Bundessozialgerichts vom 27. März 1957, vor 55 Jahren also, nicht als „Gliederung“ der NSDAP eingestuft wurde. Einschlägige und zudem seriöse Veröffentlichungen über deren Struktur aber beweisen das Gegenteil und die Berufung auf das „Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat“ vom 1. Dezember 1933 war insofern unzutreffend, als das NSFK in dessen Ursprungsfassung logischerweise noch gar nicht genannt sein konnte. Auf den Status einer „Gliederung“ weisen allein schon die Bezeichnung „nationalsozialistisch“, die den anderen paramilitärischen „Gliederungen“ ähnliche Struktur sowie die gesamte Symbolik hin.

Aufgabe des NSFK war nun ganz offen die bislang durch den in ihm aufgegangenen paramilitärischen „Deutschen Luftsport-Verband“ betriebene und immer noch als harmloser ziviler Flugsport getarnte Gewinnung und Ausbildung des Nachwuchses für Görings Luftwaffe, die Beschaffung des Kanonenfutters für den künftigen Krieg also. Auf Grund eines Abkommens mit der Reichsjugendführung übernahm das NSFK die Schulung der Mitglieder der Flieger-HJ, eines Spezialverbandes der Hitlerjugend. Es fing scheinbar harmlos an mit der Betreuung der Arbeitsgemeinschaften für Modellbau und Modellflug des Deutschen Jungvolkes. Die 14- bis 18-jährigen Mitglieder der HJ wurden im Bau von Gleit- und Segelflugzeugen sowie im Segelflug ausgebildet. Danach erfolgte die automatische Übernahme in das NSFK zwecks Weiterbildung im Segelflug und Ausbildung im Motorflug. Geschult wurden ebenso künftige Bordwarte, Bordfunker und fliegertechnisches Personal. Nach fliegerischer Beurteilung der Teilnehmer durch das NSFK und Erfassung durch die Wehrmeldeämter erfolgte die Einberufung zur Luftwaffe. Das NS-Fliegerkorps trägt vor allem auf Grund der Schaffung der personellen Voraussetzungen Mitverantwortung wie Mitschuld unter anderem an der Bombardierung polnischer, französischer, niederländischer (Rotterdam!), englischer (Coventry!), jugoslawischer, sowjetischer Städte, Mitschuld also an Zehntausenden von Toten und Verletzten sowie an immensen materiellen Zerstörungen.

Korpsführer des NSFK war bis 1943 (danach Generaloberst Alfred Keller) General der Flieger Friedrich Christiansen, Ministerialrat in Görings Reichsluftfahrtministerium. Nachdem die 1940 heimtückisch überfallenen Niederlande (wie auch Luxemburg, Belgien und Frankreich) vor der erdrückenden Übermacht kapitulieren mussten, wurde Christiansen am 29. Mai zum dortigen Wehrmachtsbefehlshaber und am 10. November 1944 zugleich zum Oberbefehlshaber der 25. Armee ernannt. Gemeinsam mit dem „Reichskommissar für die besetzten Niederlande“, Arthur Seyß-Inquart, sorgte er für ein grausames Besatzungsregime, die Verschleppung Tausender Niederländer als Zwangsarbeiter, die massiven Verfolgungen und schließlich die Deportation der großen Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung wie auch für die Sicherung eines reibungslosen Zusammenwirkens mit den kollaborationswilligen Behörden und der einheimischen Nazi-Partei „Nationaal-Socialistische Nederlandsche Arbeiders Partij“, einer getreuen Kopie der NSDAP.

Mit unendlicher Schande belud sich Christiansen durch das von ihm befohlene Massaker von Putten am 2. Oktober 1944: Eine Aktion niederländischer Partisanen nahm er zum Anlass, den Ort niederbrennen zu lassen. Insgesamt 661 Männer über 16 Jahre wurden zunächst in das KZ Amersfoort, danach in die KZ Neuengamme, Bergen-Belsen, Auschwitz-Birkenau und Ladelund verschleppt. Am schlimmsten und grausamsten erging es den nach Ladelund Verschleppten, wo allein 111 von ihnen ums Leben kamen. Das in Nordfriesland nahe der Grenze zu Dänemark gelegene KZ war 1938 als Arbeitsdienstlager errichtet worden. Nachdem Hitler am 28. August 1944 die Errichtung eines militärisch völlig sinnlosen „Friesenwalls“ befohlen hatte, wurde hier im Oktober ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. Wo einst höchstens 250 RAD-Angehörige untergebracht waren, wurden nun 2.000 Menschen eingepfercht – in 50 m langen und 8 bis 10 m breiten ungeheizten Baracken! In jedem Raum mit knapp 40 m2 Fläche mussten sich 80 bis 120 Häftlinge zwängen. Geschlafen wurde auf dem Fußboden, allenfalls auf harten Holzgestellen. Statt Decken und Strohsäcken gab es lediglich ein wenig ausgestreutes Stroh. Nicht nur die hygienischen Zustände waren katastrophal – die Häftlinge waren einer besonders grausamen und brutalen Behandlung durch die SS-Wachmannschaften und vor allem die als Blockälteste und Vorarbeiter aus anderen KZ und Zuchthäusern geholten Gewaltverbrecher ausgeliefert. Dazu kamen die körperlich äußerst schwere Arbeit und eine „Verpflegung“, die noch weit unter den Hungerrationen des KZ-Systems lag, weil der Kommandant, der sadistische Quälereien liebende SS-Untersturmführer Hans Hermann Griem, ständig Lebensmittel unterschlug und sich damit bereicherte. Nachdem sich der „Friesenwall“ endgültig als sinnlos erwiesen hatte, wurde das als Todeslager berüchtigte KZ aufgelöst und die überlebenden Häftlinge nach Neuengamme verschleppt. Griem konnte 1947 vor Beginn des Prozesses vor einem britischen Militärgericht fliehen und lebte als biederer Bundesbürger in Hamburg-Bergedorf. Zwar wurden endlich 1963 Ermittlungen gegen ihn aufgenommen, aber so lange verschleppt, bis der Nazi- und Kriegsverbrecher noch vor Prozesseröffnung am 25. Juni 1971 verstarb.

Der für das grausame Schicksal von Putten und seinen Einwohnern verantwortliche General Christiansen wurde am 12. August 1948 vom niederländischen Sondergericht Arnhem zu 12 Jahren Haft verurteilt. Davon brauchte er lediglich 3 Jahre und 3 Monate abzusitzen, denn schon im November 1951 erfolgte seine Begnadigung. Staatliche wie kommunale Behörden machten sich nichts daraus, die überlebenden Opfer und die Familien der Umgekommenen zu brüskieren: Seine Heimatstadt Wyk auf Föhr erneuerte anlässlich der Heimkehr des Kriegsverbrechers und Trägers des „Goldenen Parteiabzeichens“ der NSDAP sowie des „Deutschen Kreuzes“ in Silber demonstrativ die ihm bereits 1932 verliehene Ehrenbürgerschaft und benannte auch noch eine Straße nach ihm. Neonazistische Publikationen dürfen ihn weiterhin ungestraft als „untadeligen Soldaten“ feiern sowie das Massaker von Putten verharmlosen und als „Vergeltungsaktion“ rechtfertigen. Als der einstige Korpsführer des NSFK am 3. Dezember 1972 im Alter von 92 Jahren in Aukrug verstarb, war dessen Beisetzung auch ein Indiz für das widerspruchsvolle Traditionsverständnis der Bundeswehr: Ihren Angehörigen wurde, um die Bevölkerung des NATO-Partners Niederlande nicht noch mehr aufzubringen, die Teilnahme daran untersagt. Dieses Verbot bezog sich ausdrücklich und ausschließlich nur auf das Erscheinen in Uniform...

Zum Gedenken an die Opfer von Putten wurde im Zentrum der Gemeinde am 1. Oktober 1949 durch Königin Juliana ein Mahnmal eingeweiht. Die Deutsche Post der DDR erinnerte an das Massaker mit einer am 19. Oktober 1965 herausgegebenen Sonderbriefmarke (DDR – Lipsia-Katalog Nummer 918, BRD – Michel-Katalog Nummer 1.141).

 

Hans-Joachim Weise

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/7/artikel/geschichte-vor-75-jahren-endgueltiges-ende-der-geheimen-aufruestung/