8. August 2012

Ein bürdenreicher Weg in die Welt der Poesie

Seit Juli ist die neueste Strittmatter-Biografie von Annette Leo für 24,99 Euro beim Aufbau Verlag erhätlich.

Mit 14 fing er an, Texte zu veröffentlichen. Mit 38 erschien sein erstes Buch „Ochsenkutscher“ (1950). Ein langer Weg voller Bürden und Hürden für einen, der von der Sehnsucht besessen war, Poesie zu entdecken und in Sprache zu verwandeln.Zu den Autoren, die die urwüchsige poetische Kraft Erwin Strittmatters zeitig erkannten und ihn wesentlich förderten, zählt neben Bertolt Brecht (1898 - 1956) der Publizist und Schriftsteller Walther Victor (1895 - 1971). Als ich mich Mitte und Ende  der 60er Jahre, auf Wunsch Victors, in die Jahresbände und Briefe seines Archives einarbeitete,  „stieß ich u. a. auf mehr als ein Dutzend Notizen zu „Tinko“. Sie waren angefertigt für eine Diskussion im Vorstand des Deutschen Schriftstellerverbandes (DSV) der DDR. Im Frühjahr 1955. Da heißt es z. B.: „Alles lebt, wir leben mit ihnen ...“; „Gestalten, die uns nicht mehr verlassen“; „Die Poesie des Details“ usw. u.s.f. Es ging um die neuen Nationalpreise 1955 für Kunst und Literatur. Den ersten hatte der Dichter für sein Stück „Katzengraben“ (1953 Uraufführung im Berliner Ensemble, Regie: Bertholt Brecht) erhalten. Schon „Ochsenkutscher“, den vorab 1949/50 die „Märkische Volksstimme“ Potsdam in Fortsetzungen abdruckte, erregte einen starken Zuspruch vieler Leser. Victor brachte den Roman zudem ins Gespräch, schlug ihn damals öffentlich zu einem Nationalpreis vor und setzte es durch, dass der Erstling in der gewerkschaftlichen „Büchergilde Gutenberg“ (Ost) erscheinen durfte. Später dann im Aufbau-Verlag, dem führenden Literaturverlag der DDR. Mit dem  ersten Band der „Wundertäter“-Triologie (1957) gewann der Dichter einen rasch zunehmenden Kreis von Literaturfreunden, der in den 60er Jahren weiter anwuchs.InternationaleAusstrahlungStrittmatter war auf dem Wege zum Weltautor. Die Verlage der alten BRD ignorierten ihn lange. Andererseits dürfte es kaum verwundern, dass Brecht und Victor, die beide in der Nazi-Zeit zu den West-Emigranten“ gehörten und deshalb manchen Verdächtigungen und Missverständnisen in der frühen  Phase der DDR ausgesetzt waren. Ein Grund: Manche vom Stalinismus beeinflussten Kunstauffassungen in der DDR. Trotzdem verteidigte eine große Zahl von Künstlern und Schriftstellern den gesellschaftlich neuen Weg in den Aufbau des Sozialismus – als eine Jahrhundert-Alternative nach zwei verheerenden Weltkriegen, die von Deutschland ausgingen. Eine zunehmende Offenheit und Differenziertheit in der Kunstdiskussion, politisch und künstlerisch, ließ geradezu exemplarisch den Weg des Romans „Ole Bienkopp“ (1963) erkennen. Es gab anfangs politische Widerstände, gespeist durch das Unverständnis einiger über das „Selbsthelfertum“ und den Tod des Helden Bienkopp, doch dann breite Akzeptanz: Kunst hat – auch! – die Aufgabe, vor Fehlern zu warnen. Der Roman wurde 1964 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Er wurde in über 40 Sprachen übersetzt. Erwin Strittmatters Tätigkeit als Sekretär des Schriftstellerverbandes (1959- 1961) brachte ihm manche Einblicke und Erkenntnisse vom Geschäft der Tagespolitik, aber verursachte auch Verdruss und Ärger und fehlende Zeit für neue Vorhaben. Später erfuhren es seine Leser durch die „Selbstermunterungen“ 1981 und die „Wahren Geschichten aller Ard(t)“, 1982. Den Fundus lieferten die Tagebücher und Notizheftchen der sechziger Jahre: ein tägliches Ringen um Welterkenntnis, Selbsterkenntnis und künstlerische Meisterschaft. Dazwischen liegen unter anderem einige der wundersamen „Nachtigall“-Geschichten der siebziger Jahre.Forschungen zur Biografie Hier ist nicht der Platz, auf alle Werke einzugehen. Wie im 20. Jahrhundert wird auch künftig des Dichters Poesie Freunde und Bewunderer finden. Sie ist verständlich, urwüchsig, volksnah, sprachschöpferisch, gütig. Irdisch nah, nicht selten von bäurischer Schläue. In neuester Zeit wurde von Germanisten und Historikern viel recherchiert, auch im Strittmatter-Archiv. Es ging hauptsächlich um biografische Fakten aus der Zeit der Nazi-Diktatur und Strittmatters Militärdienst in dieser Zeit. Warum hat der Dichter darüber geschwiegen? Es gibt wohl Gründe und Abgründe. Jetzt ist es Zeit, darüber nachzudenken. Der Verleger Joachim Jahns hat in seiner umfangreichen Recherche „Erwin Strittmatter und die SS. Günter Grass und die Waffen-SS“, Dingsda-Verlag Querfurt 2011, sachlich informiert und wirkliche Zusammenhänge erhellt. Aber was haben moralische Vorwürfe mit dem künstlerischen Werk zu tun?  Stanislaus Büdner („Wundertäter“-Trilogie) und Esau Matt („Der Laden“-Trilogie), um nur diese Hauptgestalten herauszuheben, sind künstlerische Geschöpfe, die nur nach eigengesetzlicher, ästhetischer Wahrhaftigkeit richtig beurteilt werden können. Poesie ist keine beurkundete Dokumentation, kongruent wie eins zu eins. Es wäre der Tod der Poesie. 

Sehr oft las der Dichter in Weimar aus neuen Manuskripten bevor sie als Bücher erschienen. Er stand Rede und Antwort, auch vor internationalen Gästen z. B. bei den DDR-Hochschulferienkursen für Germanistik der Universität Jena. Er hatte viele Freunde in der Welt, auch nach 1989. Hat sie auch heute. Neue Leser kamen seit 1990 hinzu, besonders im Westen. In der DDR war er schon in den sechziger Jahren Schullektüre. Das war ihm später etwas unheimlich, wie er einmal in Weimar sanft lächelnd sagte, als sozusagen „von oben Verodneter“ zu gelten. Das hatte er er ja auch gar nicht nötig.      


Werner Voigt

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/7/artikel/ein-buerdenreicher-weg-in-die-welt-der-poesie/