24. Juli 2012

Aus dem Kalten Krieg: Vor 40 Jahren – die „einfachen Spiele“ von München

Für die DDR ein Triumph, für hartgesottene Kalte Krieger eine Horrorvorstellung – der Einmarsch der Olympiamannschaft in das Münchner Stadion, an der Spitze Manfred Wolke als Fahnenträger.

Beginnen muss man mit solcher Betrachtung freilich noch 20 Jahre früher, als die junge DDR bereits bewiesen hatte, dass das 1949er Orakel der „Ruhr Nachrichten“, mit dem das Blättchen da behauptet hatte „Diese sogenannte DDR, deren Existenz im übrigen nur auf Ruinenfledderei beruht, wird das Jahr 1950 kaum er-, geschweige denn überleben.“, reine Kaffeesatzleserei gewesen war. Weltweit bedeutendstes sportliches Ereignis jener Zeit waren 1952 die XV. Olympischen Sommerspiele in der finnischen Hauptstadt Helsinki, für die sich auch namhafte Sportler in beiden deutschen Staaten gerüstet hatten. Doch in Bonn wurden getreu der dort betriebenen Politik, wonach die DDR „zum Verschwinden“ gebracht werden sollte, alle Register gezogen, um eine gleichberechtigte Teilnahme ihrer Mannschaft zu verhindern. Da nicht sein konnte, was nicht sein durfte, hatte sie auch gar nicht zu existieren, weshalb Bundeskanzler Konrad Adenauer bekanntlich lediglich eine „Soffjetzone“ kennen wollte. So sollte mit der so falschen wie verlogenen „Begründung“, „aus einem Land“ könnten „keine zwei Mannschaften teilnehmen“, den Olympioniken der DDR zugemutet werden, bestenfalls als Mitglieder der bundesdeutschen Mannschaft zu starten, was einer Anerkennung, zumindest aber einer Hinnahme von „Hallstein-Doktrin“ und Alleinvertretungsanmaßung gleichgekommen wäre. Ein Land namens „Deutschland“ gab es zu jenem Zeitpunkt gar nicht mehr, wiewohl diese Tatsache dem Bewusstsein vieler Menschen in beiden Staaten damals noch weit voraus war. Nimmt man die genannte Begründung jedoch einmal als mit der tatsächlichen Lage übereinstimmend an, auch wenn es nicht so war, dann stellt sich allerdings die Frage, weshalb dann das damals unter französischer Verwaltung stehende Saarland mit einer eigenen Mannschaft antreten durfte, ja, fast könnte man sagen antreten musste, und die Regierung in Bonn überhaupt nichts dagegen hatte. Die Antwort kann man sich an den fünf Fingern abzählen – in „Pankoff“ saßen die „Roten“, deren „Reich des Bösen auf deutschem Boden“ man ja den Garaus machen wollte, während im Saarland an den alten gesellschaftlichen Verhältnissen ebenso wenig gerüttelt worden war wie in der BRD. Zudem betrieb Konrad Adenauer gegenüber Frankreich eine Politik der Annäherung, offiziell „Aussöhnung“ und Entwicklung „der deutsch-französischen Freundschaft“ genannt, die allerdings rein pragmatische Gründe hatte: Der „alte Fuchs“, wie Heinz Renner, Bundestags-Abgeordneter der KPD, den Kanzler einmal so treffend charakterisiert hatte, wusste genau, das er seine aggressiven Ziele gegenüber der DDR ohne französische Zustimmung nicht verwirklichen konnte, zumal er vor allem auf die militärische Karte setzte. Die geplante und schließlich auch gegen alle Widerstände durchgedrückte Wiederaufrüstung und Remilitarisierung war nicht anders denn im Rahmen eines Militärpakts möglich. Zwar gab es bereits die von den USA geführte NATO, doch bei vielen ihrer Mitglieder berechtigterweise noch starke Vorbehalte gegen eine Aufnahme der BRD. Das Jahr 1940 und die nachfolgende Besatzungs-, Ausplünderungs- und Vernichtungspolitik des „Dritten Reiches“ waren noch zu frisch im Gedächtnis der Bürger der damals überfallenen west- und nordeuropäischen Länder. So erschien dem Kanzler eine von Frankreich angeführte „Europäische Verteidigungsgemeinschaft“ (EVG) als die gangbarste Lösung, folglich sah er über die nunmehr doch erfolgte Teilnahme einer „zweiten“ Mannschaft aus dem fiktiven „einem Land“ großzügig hinweg. Die dann vom IOC für die Spiele in Melbourne 1956 durchgesetzte „gemeinsame deutsche Mannschaft“, in der sich die Sportler der DDR nicht vorübergehend zu Bürgern der BRD machen lassen mussten, war ein in Bonn keineswegs gewollter Kompromiss, dem nur zähneknirschend zugestimmt worden war. Dennoch wurden von Sportlern der DDR errungene Medaillen propagandistisch für „Deutschland“, womit einzig die BRD gemeint war, vereinnahmt. In den Fällen jedoch, wo sie keine Medaille erkämpfen konnten, hieß es so hämisch wie gehässig, der oder die aus der „Zone“ habe lediglich den soundsovielten hinteren Platz belegt. Das notgedrungene Interesse der BRD und ihres NOK an dieser „gemeinsamen deutschen Mannschaft“ hielt freilich nur so lange an, wie ihre Sportfunktionäre die leitenden Positionen besetzen und damit den Ton angeben konnten. Als die DDR-Mannschaft bei den Spielen 1964 in Tokio auf Grund ihrer Stärke erstmals den „Chef de Mission“ stellte, bestand in Bonn an „deutscher Gemeinsamkeit“ kein Bedarf mehr. Bei den Spielen in Mexiko 1968 wurde dann vom IOC endlich den Tatsachen Rechnung getragen, allerdings noch unvollständig: DDR und BRD traten wie es sich gehörte mit jeweils einer eigenen Mannschaft an, aber vorerst ohne Flaggen und Nationalhymnen. Das änderte freilich nichts daran, dass die Sportler des sozialistischen deutschen Staates die erfolgreicheren waren, denn ihren neun Goldmedaillen standen fünf von Olympioniken der BRD errungene gegenüber. In der Gesamtbilanz gab es lediglich einen Unterschied von einer einzigen Medaille – DDR 25, BRD 26, wobei die DDR in der Länderwertung Platz 5 und die BRD Platz 9 belegte.

Nun also standen die XX. Olympischen Sommerspiele vor der Tür und sie sollten in der Zeit vom 26. August bis zum 11. September 1972 in München und damit in der BRD stattfinden, wobei auch Kiel, Augsburg und Nürnberg als Austragungsorte für einzelne Sportarten vorgesehen waren. Der Vorschlag zur Bewerbung war bereits 1965 von deren NOK-Präsidenten Willi Daume gemacht worden, der nach dem sich längst abgezeichnet habenden Scheitern der so provokanten wie aggressiven „Hallstein-Doktrin“ auf dem Gebiet des Sports nach neuen und wirksamen Möglichkeiten bundesdeutscher Selbstdarstellung suchte. Freilich boten die in der bayerischen Landeshauptstadt vorhandenen Sportanlagen kaum Voraussetzungen für ein solches Großereignis, doch der Mann wusste nur zu gut, dass das IOC mit neuerrichteten und daher modernen Stadien viel eher zu beeindrucken war. Seine Beredsamkeit, insbesondere sein Verweis auf den zu erwartenden großen Aufschwung des Baugewerbes, überzeugte schließlich auch den noch skeptischen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD), weshalb nach Zustimmung aller in Frage kommenden staatlichen Gremien die Bewerbung eingereicht wurde. Die 65. IOC-Sitzung in Rom brachte nach einem rhetorisch geschickten und daher beeindruckenden Auftreten von Oberbürgermeister und NOK-Präsident am 26. April 1966 die Entscheidung zugunsten Münchens. So weit, so gut, aber nun kamen unliebsame politische Probleme, denen die Verantwortlichen in Bonn wie in München am liebsten ausgewichen wären. Doch dafür war es zu spät, jetzt, nachdem der Zuschlag erteilt worden war, konnte man sich nicht im Glanze Olympias sonnen, ohne zuvor Farbe bekannt zu haben: IOC-Präsident Avery Brundage verlangte unumwunden und selbstverständlich mit vollem Recht den schriftlichen Verzicht auf jede Diskriminierung der DDR. Das war nun freilich eine bittere Pille für die Herren in Bonn und München, obwohl diese Erklärung im Grunde genommen ein Leichtes für sie gewesen wäre – hatte doch die „Hallstein-Doktrin“ nicht nur von Anfang an ihre Untauglichkeit bewiesen, sondern war zwangsläufig auch nie mit der von hartgesottenen Kalten Kriegern geforderten Konsequenz angewendet worden: Zuviel hatte auf dem Spiel gestanden, denn der wirtschaftliche Schaden für zahlreiche und vor allem bedeutende Unternehmen wäre größer gewesen als der vermeintliche Nutzen, weshalb beim Geld logischerweise die antikommunistische Prinzipienfestigkeit aufhören musste. Zudem war diese Doktrin von Anfang an ein zweischneidiges Schwert gewesen, denn die BRD lief mit deren strikter Anwendung immer Gefahr, selbst in die diplomatische Isolierung zu geraten. So war bereits durch die „Große Koalition“ aus CDU und SPD begonnen worden, sie stillschweigend zu Grabe zu tragen. Dennoch mochte sich auch die nunmehrige Regierung aus SPD und FDP nicht dazu durchringen, sich von den Fesseln der aggressiven und völkerrechtswidrigen Alleinvertretungsanmaßung zu lösen. Angesichts ihrer nach wie vor auf das „Verschwinden“ der DDR gerichteten Politik, die sie lediglich mit flexibleren und unauffälligeren Mitteln zu erreichen gedachte, flüchtete sie sich in den Eiertanz, auf die „Hallstein-Doktrin“ zu verzichten, ohne an dieser Anmaßung rütteln zu wollen. So ließen die Herren Vogel und Daume die regierungsamtlichen Archive so lange durchwühlen, bis ein etwas weniger scharf formulierter Text in englischer Sprache gefunden wurde, der den IOC-Präsidenten einigermaßen zufriedenstellte.

Zuvor war allerdings noch ein anderes, ebenfalls hausgemachtes Problem zu lösen gewesen: Das am 17. August 1956 erlassene rechtswidrige KPD-Verbot hatte im Zusammenhang mit der Alleinvertretungsanmaßung recht seltsame Blüten getrieben, die eben nur aus dem in Bonn gepflegten stupiden Antikommunismus zu erklären waren: Per Gerichtsbeschluss waren sämtliche gesellschaftlichen Organisationen der DDR – vom FDGB über die FDJ bis hin zu VKSK und Konsumgenossenschaften – zu „Ersatzorganisationen der verbotenen KPD“ erklärt worden. Schlimmer kann politische Schizophrenie wohl kaum noch sein! Den DTSB hatte es am 14. März 1961 getroffen und das konnte sehr praktische und schlimme Folgen haben: Da selbstverständlich jeder Leistungssportler der DDR auch Mitglied des Turn- und Sportbundes war, gehörte er nach Bonner Lesart einer „Ersatzorganisation der KPD“ und damit einem Verband an, auf den das KPD-Verbot anzuwenden war. Bundesgrenzschutz, Bayerischer Grenzpolizei und bei Bedarf auch dem Zoll stand damit die Möglichkeit offen, zu Wettkämpfen in die BRD einreisende Sportler der DDR entweder umgehend zurückzuweisen, ihnen also die Einreise zu verweigern, oder sie zu verhaften. Ein gleiches konnte nach erfolgter Einreise am Wettkampfort auch die dortige Polizei auf Grund eines Haftbefehls tun. Von dieser Möglichkeit war bereits mehrfach Gebrauch gemacht worden – man denke an die zahlreichen Gewerkschafter, die zu den in den 1950er Jahren organisierten „Gesamtdeutschen Gesprächen“ in die BRD fahren wollten. Sie machten sich in den Augen bundesdeutscher Politik und Justiz gleich doppelt strafbar, denn als Mitglieder des FDGB galten sie als Angehörige einer „Ersatzorganisation der verbotenen KPD“ und in Gesprächen über Frieden, Abrüstung und Verständigung nach dem Grundsatz „Deutsche an einen Tisch!“ sah die Regierung Adenauer ohnehin nur eine Art „kommunistische Verschwörungszirkel“. Bei Sportwettkämpfen trat die Polizei mehr als einmal in Erscheinung, um Sportlern der DDR das Tragen des Staatswappens an der Kleidung und das Führen der Staatsflagge zu verbieten oder sie gar zur Abreise zu zwingen. Bei Siegerehrungen waren deren Hissen und das Abspielen der Nationalhymne mit allen Mitteln zu verhindern und wenn das einmal nicht möglich war, wurde zumindest die politische Provokation versucht: Bei der Vierschanzentournee 1958 erklang in Oberstdorf für den Sieger Helmut Recknagel plötzlich die Hymne der BRD, worauf er das Siegertreppchen unter Protest verließ und den Pokal zurückgab. Um die Wogen des Skandals ein wenig zu glätten, hieß es dann schnell, beim Griff zum „Deutschlandlied“ habe es sich „lediglich um ein Versehen“ gehandelt, wofür freilich die Beweise ausblieben. Noch größeres Theater veranstalteten die unverbesserlichen Kalten Krieger bei den Olympischen Winterspielen 1960 im US-amerikanischen Squaw Valley: Bereits im Jahr zuvor war den Sportlern aus der DDR die Einreise zu einer vorolympischen Generalprobe verweigert worden. Nun aber war er für die Eröffnungszeremonie als Fahnenträger der sogenannten „gemeinsamen deutschen Mannschaft“ ausgewählt worden, wobei diese Fahne wie die Mannschaft selbst eine durch das IOC durchgesetzte Kompromisslösung war – Schwarz-Rot-Gold, letztlich also wie die BRD-Fahne, belegt mit den in Weiß gehaltenen fünf olympischen Ringen: „Einige Blätter schrien Protest. Man könne auf keinen Fall dem 22-jährigen Kommunisten aus der Zone ins Stadion folgen. Sie verstummten erst, als ich Gold holte.“, berichtet er in seinen Lebenserinnerungen „Eine Frage der Haltung“.

Schon bei den vom 3. bis zum 13. Februar im japanischen Sapporo ausgetragenen XI. Olympischen Winterspielen hatte die Mannschaft der DDR gleichberechtigt und selbstverständlich mit Flagge und Hymne teilgenommen, ohne dass dies von irgendjemandem in Frage gestellt worden wäre. Der nach der UdSSR zweite Platz in der Mannschaftswertung mit vier Gold-, drei Silber- und sieben Bronzemedaillen war der Lohn. Die BRD hatte hinter der Schweiz, den Niederlanden und den USA den sechsten Platz erreicht. Nun also standen die Spiele von München bevor und da war in Bonn guter Rat teuer, was bei Realismus und Unvoreingenommenheit freilich nicht erforderlich gewesen wäre. Da die Herrschenden aber von ihrem so untauglichen wie friedensgefährdenden Ziel, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, unter keinen Umständen lassen wollten, standen sie vor Problemen, die sie sich selbst eingehandelt hatten: Der sozialistische deutsche Staat hatte seit 1956 an allen Olympischen Winter- und Sommerspielen teilgenommen, mit wachsendem Erfolg, versteht sich. Dem Allerersten, Harry Glaß, dem mit dem Gewinn der Bronzemedaille in Cortina d' Ampezzo die Eröffnung des Medaillenreigens zugefallen war, hatten inzwischen zahlreiche weitere Sportler mit Gold-, Silber- oder Bronzemedaillen nachgeeifert. Sport und Sportpolitik der DDR hatten sich längst einen Namen gemacht, waren weltweit anerkannt und geachtet. Die Teilnahme ihrer Mannschaft etwa mit der Begründung, bei den Olympiateilnehmern handele es sich um Mitglieder einer „Ersatzorganisation der verbotenen KPD“, was folglich nach bundesdeutschem Recht unter Strafe stand, zu verhindern, war zwar im Sinne hartgesottener Kalter Krieger, erschien jedoch angesichts der Realitäten überhaupt nicht machbar. So viel Realitätssinn verfügten die Verantwortlichen immerhin, dass ihnen klar war, welches Eigentor sich die BRD damit schießen würde: Die Probleme mit dem IOC hätten verheerende Folgen gehabt, die schließlich und endlich in der Rücknahme der zugunsten Münchens getroffenen Entscheidung hätten gipfeln können, von einer erheblichen Schädigung ihres internationalen Ansehens gar nicht zu reden. Das nun konnte unter keinen Umständen riskiert werden, wobei es der Initiative weitsichtig und realistisch denkender Juristen wie Diether Posser und Gustav Heinemann zu verdanken war, dass jene völkerrechtswidrige und aggressive Einstufung des DTSB gerade noch rechtzeitig zurückgenommen wurde.

Damit freilich waren die Probleme längst nicht vom Tisch, denn den weiterhin stur an der Alleinvertretungsanmaßung festhaltenden Kräften winkte nun das nächste Ungemach: Das olympische Zeremoniell sah für die Eröffnung der Spiele den feierlichen Einmarsch der Mannschaften in das Olympiastadion vor – natürlich mit dem jeweiligen Staatswappen an der Kleidung und dem Vorantragen der Staatsflagge. Zudem wurden bei allen Siegerehrungen die Fahnen der Länder gehisst, aus denen die Medaillengewinner kamen, wozu selbstverständlich die Nationalhymne erklang. Alles war vorstellbar, doch beim Gedanken daran, dass die Mannschaft der DDR mit ihrer Staatsflagge einmarschieren und bei den zu erwartenden Erfolgen diese Fahne Dutzende von Malen am Mast emporsteigen und die Hymne erklingen würde, das nun war für die Kalten Krieger einer der schlimmsten Alpträume ihres Lebens. Es lässt sich denken, von welchen Wahnvorstellungen beispielsweise die Vertreter der stramm DDR-feindlichen Springer-Presse, allen voran dabei jenes Blättchens für geistig Minderbemittelte mit den vier Großbuchstaben, in jener Zeit geplagt wurden. Folglich galt es alles zu vermeiden, was einer zumindest äußerlichen Anerkennung gleichkam, weshalb das Zeigen von Staatsflagge und -wappen der DDR sowie das Abspielen ihrer Nationalhymne zu verhindern waren. Das nun war freilich leichter gesagt als getan, denn die Mannschaften der teilnehmenden Nationen waren gleichberechtigt und gleichrangig, das olympische Zeremoniell galt für alle gleichermaßen. Weder war es möglich, die Mannschaft von der Eröffnungsveranstaltung auszuschließen, noch konnte ihr das allen zustehende Recht auf Fahne und Hymne abgesprochen werden. Da kam Willi Daume zunächst auf die skurrile Idee von den „einfachen Spielen“ - auf Fahnen und Hymnen sollte ganz einfach verzichtet werden. Dass sich die BRD damit selbst treffen musste, sollte, wenn auch schweren Herzens, in Kauf genommen werden, Hauptsache, den Kalten Kriegern blieben Hammer, Zirkel und Ährenkranz erspart. Angesichts des Widerstandes, den solcherart Kleinlichkeit, Kleingeistigkeit und Lächerlichkeit nicht nur beim IOC, sondern auch und vor allem bei allen anderen Teilnehmerländern herausforderten, wurde vom bundesdeutschem NOK-Präsidenten eine weitere, unverfänglicher erscheinende Idee geboren, die von den „heiteren Spielen“: Dass München bestrebt war, sich als moderne, heitere, beschwingte, lebensfrohe und vor allem weltoffene und gastfreundliche Stadt zu zeigen, war verständlich, weshalb hinter solcher Selbstdarstellung auch niemand eine unlautere Absicht vermuten würde. Der BRD als Staat wäre dieser Anspruch gleichfalls von niemandem übelgenommen worden, hätte dahinter nicht jene unselige Alleinvertretungsanmaßung gesteckt. So war unter diesem Vorzeichen noch mehr geplant, womit jeder Eindruck einer zumindest äußerlichen Anerkennung der DDR vermieden, zumindest aber verwischt werden sollte: Die Mannschaften der Teilnehmerländer sollten nicht als solche im Block und mit der Fahne voran, sondern ganz zwanglos, schön durcheinander also, einmarschieren, statt der üblichen einheitlichen Mannschaftskleidung sollte ganz individuell bunte Kleidung getragen werden. In solch buntem Gewimmel waren natürlich keine Unterscheidungen möglich und Staatsflaggen konnten da schon gar nicht getragen werden. Flotte Marschmusik sollte durch Popklänge von der Kurt-Edelhagen-Band ersetzt werden, wogegen sicher nichts zu sagen gewesen wäre, hätte der Veranstalter damit nicht das Ziel verfolgt, die DDR dem Bewusstsein nicht nur der Zuschauer in den Stadien und an den Bildschirmen, sondern darüber hinaus der gesamten Bevölkerung der BRD wie auch der Weltöffentlichkeit vorzuenthalten. Sie sollte gar nicht erst wahrgenommen werden, sondern letztlich in der Buntheit des Gesamtbildes untergehen. Trotz Anwesenheit ihrer Mannschaft wäre sie zumindest schon geistig „zum Verschwinden“ gebracht worden.

Gegen „heitere Spiele“ hatte niemand etwas, wohl aber gegen ihren Missbrauch für Zwecke des Kalten Krieges. So konnten sich die Verantwortlichen mit ihrem als „Idee“ verharmlosten Bestreben, einen Verzicht auf das olympische Zeremoniell zu erreichen, nicht durchsetzen. Popklänge und spätere Zwanglosigkeit – ja, Abschaffung von feierlichem Einmarsch der Mannschaften samt Flaggen und Hymnen – nein. Doch das Propaganda-Arsenal des Antikommunismus ist weit gefächert und so wurde ein weiteres „As“ aus dem Ärmel gezogen, die Karte nationalistischer Deutschtümelei. Mit der krampfhaften Beschwörung nicht vorhandener „deutsch-deutscher Gemeinsamkeiten“ sollte die DDR gewissermaßen überdeckt und somit der Wahrnehmung entzogen werden. So jubelte der Propagandabetrieb über „Olympische Spiele in Deutschland“, wiewohl diese niemals an ein Land, sondern immer nur an den jeweiligen Austragungsort vergeben werden. Außerdem musste das die Frage aufwerfen, was unter solchem Begriff zu verstehen war, zumal sich hierbei gravierende Widersprüche zeigten: Zum einen verstand sich die BRD einzig und allein als „Deutschland“, was sich beispielsweise in der Sportberichterstattung der damaligen Zeit so darstellte: „Die Ostdeutschen greifen an – und Bully vor dem Tor der deutschen Mannschaft!“, hieß es bei der Übertragung eines Eishockey-Länderspiels zwischen DDR und BRD 1969 im regierungsamtlichen „Deutschlandfunk“. Als in der ARD-Sendung „Immer wieder sonntags“ am 17. Juni dieses Jahres Ausschnitte aus Rundfunkberichten dem jeweiligen Fußballspiel zuzuordnen waren, identifizierte ein Teilnehmer eines davon messerscharf als das Spiel „Deutschland gegen die damalige DDR“. Nach dieser Lesart war also die DDR nicht „Deutschland“, sondern irgendetwas Anderes, nicht näher Definiertes. Zum zweiten aber behaupteten die Regierenden in Bonn der Katastrophe von 1945 und den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens zum Trotz, „Deutschland“ in Gestalt des doch infolge Bedingungsloser Kapitulation untergegangenen „Deutschen Reiches“ existiere weiter, und zwar (mindestens) in den Grenzen vom 31. Dezember 1937, die BRD sei dessen „geborener und gekorener Sachwalter“. Dadurch wurden sowohl die friedensgefährdende und entspannungsfeindliche Nichtanerkennung der Oder-Neiße-Grenze als auch die der DDR gerechtfertigt. Die Geschichte der BRD ist somit durch das Paradoxon geprägt, dass sich die westlichen Besatzungszonen über die Zwischenstufen Bizone (Zusammenschluss der US-amerikanischen und der britischen) und Trizone (Anschluss der französischen an die Bizone) als Separatstaat konstituiert und so von der östlichen Besatzungszone getrennt hatten, jedoch die damit von den Gründern selbst gewählten Grenzen, jedenfalls im Osten, nicht anerkannten und das Territorium der außen vor gelassenen Zone und die nun zu Polen bzw. zur UdSSR gehörenden Gebiete für sich beanspruchten. Für den Zeitraum, in dem ihnen die Herrschaft darüber verwehrt war, maßten sie sich kurzerhand an, diese ohne deren Zustimmung nach außen hin zu vertreten und in ihrem Namen zu sprechen und tätig zu werden sowie hoheitliches Handeln ihrer Staatsorgane als illegitim und illegal hinzustellen, womit sie überdies rechts- und völkerrechtswidrig für sich ein Recht auf Strafverfolgung sowohl nach dem „Tag X“ als auch beim Betreten ihres Hoheitsgebietes durch Politiker der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR, der Volksrepublik Polen und der UdSSR in Anspruch nahmen (und gegenüber der DDR ab 1990 auch Praxis werden ließen). Das Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 wurde somit zu einer Art „Überstaat“ gemacht, womit der Grenze zwischen DDR und BRD und letztlich auch der zwischen DDR und VRP sowie VRP und UdSSR im Bereich der früheren Provinz Ostpreußen der völkerrechtliche Charakter abgesprochen wurde. Die Folgen dieser völkerrechtswidrigen Politik sind zur Genüge bekannt.

Noch etwas war zu berücksichtigen – es war klar, dass auch aus der DDR zahlreiche Sportinteressierte nach München reisen würden, um sich die Wettkämpfe anzusehen. Angesichts der in Politik der Nichtanerkennung und Alleinvertretungsanmaßung zum Ausdruck gekommenen feindseligen Haltung der BRD war weiterhin klar, dass sich der sozialistische deutsche Staat aussuchte, wen er fahren ließ, nämlich Bürgerinnen und Bürger, die in jeder Hinsicht als zuverlässig galten und ihn würdig vertraten, was freilich nicht unbedingt heißt, dass in der Praxis auch jeder dieses Vertrauen rechtfertigte. Solche Gäste, die noch dazu in den Stadien ihre Wettkämpfer anfeuerten, ihnen zujubelten und überdies die Fahne ihres Staates schwenkten, waren natürlich nicht so gern gesehen. Viel lieber waren solche, die sich vor den Karren nationalistischer Deutschtümelei spannen ließen, und so fluteten plötzlich offiziell von Verwandten geschickte Eintrittskarten in die DDR, die dann als Grund für die Beantragung einer Reiseerlaubnis gelten sollten. Ob solche nicht gerade billig gewesenen Karten wirklich von den Verwandten aus reiner Großherzigkeit erstanden und aus eigener Tasche bezahlt oder wie die durch Absetzbarkeit von der Steuer staatlich gesponserten Päckchen auf ähnliche Art fremdfinanziert waren, sei dahingestellt. Immerhin boten sich der Propaganda nicht unerhebliche Möglichkeiten, wenn Bürgerinnen und Bürger der DDR am Ende in nationalistischer Begeisterung weniger ihren eigenen als vielmehr den „richtigen deutschen“ Sportlern, also denen der BRD, zujubelten und Fersehkameras überdies bierselige Verbrüderungsszenen einfangen konnten. So lag es nahe, eine Stimmung zu züchten, wie es sie 1954 beim als „Wunder von Bern“ verklärten Sieg der bundesdeutschen Fußball-Nationalmannschaft gegeben hat, über den auch DDR-Bürger in überschäumender Begeisterung gejubelt hatten, obwohl es gar nicht die Nationalmannschaft ihres Staates gewesen war. Allerdings waren damals die Tatsachen, wie schon einmal gesagt, dem Bewusstsein noch weit voraus gewesen, wiewohl mit dem Begriff „Wunder von Bern“ weitaus mehr als nur Freude über ein sportliches Großereignis bezweckt worden war: Neun Jahre nach Kriegsende waren Jubel und Siegestaumel eine Möglichkeit, die Katastrophe von 1945 vergessen zu machen, die schwere Niederlage samt kritischem Nachdenken über Ursachen und notwendige Schlussfolgerungen aus dem Bewusstsein zu verdrängen und das Gefühl „Wir sind wieder wer!“ um sich greifen zu lassen.

Zum anderen wurde natürlich immer versucht, Bürgerinnen und Bürger der DDR abzuwerben, was insbesondere dann, wenn es sich beispielsweise um einen Leistungssportler handelte, propagandistisch groß ausschlachtbar war. Mehr als die Veranstaltung eines großen Rummels war da allerdings nicht möglich, denn ein Sportler nützt als solcher eben nur dann etwas, wenn er auch startberechtigt bleibt. Aktuellstes Beispiel aus jener Zeit war der Nordisch-Kombinierte Ralph Pöhland vom SC Dynamo Klingenthal gewesen: Bei den Olympischen Winterspielen im französischen Grenoble konnte die DDR zur maßlosen Wut und Enttäuschung von Politik und Sportführung der BRD erstmals mit einer eigenen Mannschaft antreten, nachdem das IOC allen gegenteiligen Versuchen aus Bonn zum Trotz endlich diese längst überfällig gewesene Entscheidung getroffen hatte. So sollte sie wenigstens politisch, moralisch, sportlich, sportpolitisch und materiell geschädigt werden, weshalb die Abwerbung der Medaillenhoffnung Pöhland bis ins Kleinste vorbereitet worden war. Eigens dazu war der bundesdeutsche Ski-Weltmeister von 1966, Georg Thoma, schon 1967 von seinem Verband beauftragt (!) worden, den seitdem mit großen Versprechungen Geköderten beim Trainingsaufenthalt im schweizerischen Le Brassus heimlich aus dem Hotel zu holen und in die BRD zu bringen. Selbstverständlich war dabei für großen Medienrummel gesorgt worden – als Pöhland, der seine Mannschaftskameraden zuvor getäuscht und hintergangen hatte, am 20. Januar 1968 vom Balkon in den Schnee sprang, flammten Scheinwerfer auf, damit das ZDF die Fahnenflucht bis ins Kleinste auf dem Film festhalten und weidlich ausschlachten konnte. Allerdings sollte dieser sehr bald merken, dass zwar sein Verrat an der DDR höchst willkommen war, er aber sehr bald uninteressant wurde, da er seinen Auftraggebern danach nichts mehr nützte: Als er bereits mit Startnummer und BRD-Staatswappen an der Kleidung in Grenoble die von ihm verlassene Mannschaft provozierte, ahnte er nicht, dass er vom Internationalen Ski-Verband gesperrt werden musste und nun als in der DDR ausgebildeter und trainierter Sportler für die bundesdeutsche Mannschaft keine Medaillen holen konnte. Damit war er für die Sportführung der BRD erledigt, er musste sich über ein Jahr von der Familie Thoma durchfüttern lassen, denn „die Funktionäre haben sich ja nicht um ihn gekümmert!“, ärgerte sich der als Lockvogel missbrauchte BRD-Sportler auch noch 40 Jahre später. Angesichts solcher Politik befand sich die DDR immer wieder im Spannungsfeld zwischen Vertrauen und Misstrauen, wobei letzteres mit jedem Vertrauensbruch ein größeres Gewicht erlangte.

Mit 122 teilnehmenden Mannschaften und 7.000 Sportlern stellten die Spiele der XX. Olympiade einen neuen Rekord auf. Akkreditiert waren insgesamt 4.500 Journalisten, 502 Nachrichtenagenturen und 182 Rundfunkgesellschaften. Einige Länder, vor allem afrikanische, konnten ihre Premiere als Olympianationen feiern: Vom schwarzen Kontinent kamen erstmals Mannschaften aus Benin (damals Dahomey), Burkina Faso (damals Obervolta), Gabun, Lesotho, Malawi, Somalia, Swasiland und Togo. Ebenfalls zum ersten Male gingen Sportler aus der Sozialistischen Volksrepublik Albanien, dem Commonwealth-Staat Belize (damals Britisch-Honduras), der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik und dem Königreich Saudi-Arabien an den Start. Das von den Verfechtern des Kalten Krieges so befürchtete gleichberechtigte Auftreten der DDR-Mannschaft war allen offenen und versteckten Intrigen zum Trotz nicht zu verhindern gewesen: Zur Eröffnung marschierten auch die Olympioniken der Deutschen Demokratischen Republik in das neuerbaute Stadion ein, an der Spitze trug Boxer Manfred Wolke, DDR-Meister im Welter- und im Halbmittelgewicht, Vize-Europameister und Gewinner der Goldmedaille bei den Spielen in Mexiko 1968, unter den Blicken von 82.000 Zuschauerinnen und Zuschauern, darunter Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann, stolz und aufrecht die Staatsflagge. Es waren so unvergängliche wie erhebende Augenblicke, als die Fahne der DDR im Münchner Olympiastadion wehte! Nur unverbesserlichen Kalten Kriegern konnte da der Atem stocken und der Herzstillstand drohen und sollte Derartiges wirklich vorgekommen sein, dann war es ihre eigene Schuld. Ob sie wollten oder nicht und welche juristischen Eiertänze auch immer veranstaltet werden sollten, die offizielle Anerkennung der DDR war nicht mehr zu umgehen, auch wenn sie seitens der BRD immer noch mit Vorbehalten und der krampfhaften Suche nach Ausflüchten und Hintertüren erfolgte: Im gleichen Jahr wurde auch der Vertrag über die Grundlagen der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik abgeschlossen, in dem sich beide Staaten gegenseitig ihre Unabhängigkeit voneinander und außerdem die Tatsache bestätigten, dass sich die Hoheitsgewalt eines jeden auf sein eigenes Staatsgebiet beschränkte. Ein Jahr später wurden beide als gleichberechtigte Mitglieder in die Organisation der Vereinten Nationen (UNO) aufgenommen.

Die Wettkämpfe sollten denn auch die schlimmsten Befürchtungen hartgesottener Kalter Krieger übertreffen – insgesamt zwanzigmal stieg die Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz als den Symbolen friedlicher Arbeit für den Gewinn der Goldmedaille am Mast empor und erklang die Nationalhymne der DDR. Dazu kamen 23 Silber- und 23 Bronzemedaillen, mit den insgesamt errungenen 66 Medaillen belegte sie in der Länderwertung nach UdSSR und USA sowie vor der BRD und Japan den dritten Platz! Besonders herausragende Leistungen hatten die Kunstturnerin Karin Janz (2 x G, 2 x S, 1 x B), die mit 3:2 gegen die BRD in das Endspiel eingezogene Fußballmannschaft (Bronze, gemeinsam mit der UdSSR), die Kanuten (4 x G), Peter Frenkel im 20-km-Gehen (G), der Stabhochspringer Wolfgang Nordwig (G), die Läuferin Renate Stecher (2 x G, 1 x S), der Ringer Heinz-Helmut Wehling (S), sämtliche Rudersportler (3 x G, 1 x S, 3 x B), die Schwimmerin Kornelia Ender (2 x G, 1 x S), mit 13 Jahren jüngste Teilnehmerin, und der Schwimmer Roland Matthes (2 x G, 1 x S, 1 x B) erbracht. Sportlich wie politisch waren die Spiele ein Triumph für die DDR.

Einen schweren und schlimmen Schatten auf die so friedlichen Spiele warf leider ein bewaffnetes Kommandounternehmen der palästinensischen Organisation „Schwarzer September“, bei dem am Morgen des 5. September 11 israelische Sportler als Geiseln genommen wurden. Das war nicht nur ein eklatanter Missbrauch der Olympiade, es war auch eine dem gerechten Kampf der palästinensischen Bevölkerung gegen die israelische Besatzungs-, Siedlungs- und Unterdrückungspolitik im Westjordanland großen Schaden zufügende Aktion. Während zwei Mannschaftsmitglieder ihren schon während der Geiselnahme erlittenen Verletzungen im Krankenhaus erlagen, kamen die übrigen sowie fünf Teilnehmer des Kommandounternehmens und ein Angehöriger der Polizei bei einer offenbar dilettantisch organisierten Befreiungsaktion auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck ums Leben. Die zunächst fortgesetzten Spiele wurden nach Protesten zahlreicher Teilnehmer und Zuschauer für einen Tag unterbrochen und nach einer Trauerfeier weitergeführt.

Neben wettkampfbedingten kleineren und auch größeren Auseinandersetzungen gab es leider einige Querelen, die zeigten, dass der Kalte Krieg vor Olympia nicht Halt machte: Als im Volleyball der Frauen die Mannschaft der (nördlichen) Koreanischen Demokratischen Volksrepublik die der verfeindeten (südlichen) Republik Korea mit 3:2 besiegt hatte, legte letztere Protest ein, wobei sie behauptete, dass es sich bei der herausragenden KDVR-Spielerin Kim Jong-bok in Wahrheit um einen Mann handeln würde. Nachdem der Geschlechtstest bewiesen hatte, dass der Protest ungerechtfertigt war, wurde die Behauptung aufgestellt, die in der Olympiaauswahl gar nicht eingesetzt gewesene Spielerin Han Jong-suk habe sich in Wirklichkeit diesem Test unterzogen. Christoph Höhne, Olympiasieger von 1968 im 50-km-Gehen und zweifacher Europameister, wurde am Abend vor dem Wettkampf bei der DDR-Mannschaftsleitung denunziert, diesen zum illegalen Verlassen seines Staates missbrauchen zu wollen. Obwohl dem keinerlei Glauben geschenkt wurde, war der Sportler durch diese anonyme Beschuldigung so entnervt, dass er sich nicht mehr konzentrieren konnte und am Ende lediglich den 14. Platz belegte. Beim Stabhochsprung wurde auf Antrag der DDR vom 25. Juli nach mehreren Diskussionen und einander widersprechenden Beschlüssen die Verwendung der von den US-Springern mitgebrachten neuen Stäbe der Marke „Cata-Pole“ schließlich doch untersagt, da sie von den übrigen Sportlern nicht zuvor ein Jahr lang erprobt werden konnten. Die Athleten aus den USA hätten somit ungerechtfertigte Vorteile gehabt, doch Bob Seagran, nunmehr Gewinner der Silbermedaille, war nicht nur sportlich ein schlechter Verlierer, als er dem Präsidenten des Europäischen Leichtathletik-Verbandes, Adriaan Paulen, wütend den Stab in die Hand drückte und dafür die Pfiffe der Zuschauer erntete: Bei der Pressekonferenz der Sieger beschimpfte er Wolfgang Nordwig, den er für den Urheber des Protestes hielt, auf übelste Weise. Ihm schien unfassbar, dass mit dem DDR-Sportler zum ersten Mal ein Nicht-US-Amerikaner und noch dazu „a communist“ in dieser technisch sehr schwierigen Sportart Olympiasieger geworden war. Wie Christoph Höhne wurde auch Peter Frenkel, wenngleich nur für einige Stunden, Opfer der im Kalten Krieg so gern angewandten Abwerbepolitik: Als er die Nacht über nicht im Olympischen Dorf aufzufinden gewesen war, erregte das bereits den Verdacht des illegalen Verlassens der DDR. Zum Glück war des Rätsels Lösung so einfach wie verständlich – er hatte den Olympiasieg gemeinsam mit seinem Masseur im Künstlerviertel Schwabing ausgiebig gefeiert und kehrte dann am nächsten Morgen zur Mannschaft zurück. Aufsehen erregten zudem die farbigen US-Sportler Vince Matthews und Wayn Collett, die während der Siegerehrung im 400-m-Lauf die Faust als Gruß der Black-Power-Bewegung gegen Rassendiskriminierung erhoben und daraufhin von ihrer Mannschaftsleitung gesperrt wurden.

Seit München war es selbstverständlich, dass die als Sportnation geachtete DDR mit ihrer eigenen Mannschaft gleichberechtigt an den Olympischen Spielen, mit Ausnahme der von Los Angeles 1984, teilnahm und niemand ihre Flagge und ihre Hymne in Frage stellte, jedenfalls nicht öffentlich. Ebenso selbstverständlich war es, dass sie in der Länderwertung vordere Plätze belegte. Zum letzten Male war es ihr vergönnt, an den XXIV. Olympischen Sommerspielen in Seoul, der Hauptstadt der Republik Korea, teilzunehmen, bei denen sie mit 37 Gold-, 35 Silber- und 30 Bronzemedaillen in der Länderwertung nach der UdSSR und vor den USA, der Republik Korea und der BRD den zweiten Platz erreichte. Erst mit Hilfe der Auslieferungs- und Übergaberegierung des Herrn de Maiziére, nominell Ministerpräsident, faktisch jedoch Statthalter von Helmut Kohls Gnaden, wurde das erreicht, was die BRD bereits 40 Jahre zuvor erreichen wollte: Bei den XVI. Olympischen Winterspielen im französischen Albertville und den XXV. Olympischen Sommerspielen im spanischen Barcelona durften 1992 noch in der DDR erzogene und ausgebildete Sportler, nachdem sie, mit Argwohn und Misstrauen betrachtet, gnädigst in den bundesdeutschen Sportbetrieb „übernommen“ worden waren, für die BRD Medaillen holen. Konnte diese bei den Winterspielen auch dadurch mit insgesamt 26 Medaillen den ersten Platz belegen, zumal die UdSSR im Dezember des Vorjahres ohne jede Legitimation der daran Beteiligten für „aufgelöst“ erklärt worden war, erreichte sie bei den Sommerspielen hinter der nun als „Vereintes Team“, aber ohne die Sportler aus Estland, Lettland und Litauen, angetretenen bisherigen sowjetischen Mannschaft und den USA den dritten Platz in der Länderwertung, schaffte jedoch mit insgesamt 82 Medaillen längst nicht das Ergebnis der DDR von 1988, die in Seoul 102 Medaillen für sich hatte verbuchen können. Lange konnte sich die BRD freilich nicht auf dem dank der DDR errungenen Siegeslorbeer ausruhen, denn deren Erbe war alsbald aufgebraucht. Die Bedingungen des Kapitalismus standen einer ebenso großzügigen Förderung des Leistungssports entgegen, ein Anschluss an das einstige Niveau war folglich nicht möglich. Nachdem der DDR-Sport nunmehr seine Schuldigkeit getan hatte und nichts mehr nützte, konnte er im Rahmen der vom damaligen Justizminister Klaus Kinkel verkündeten Politik der „Delegitimierung“ - was übrigens die Legitimität der DDR bestätigte, da sie ansonsten nicht hätte „delegitimiert“ werden müssen – zum Abschuss freigegeben werden: Mit einer Propagandawelle sondergleichen wurde die Problematik der Anwendung sogenannter unterstützender Mittel als „DDR-Zwangsdoping“ hochgekocht, um am Ende behaupten zu können, die sportlichen Erfolge wären nur dadurch zustande gekommen, was letztlich einen systematischen Betrug unterstellte. An dieser „Dopingjagd“ beteiligten sich ebenso aus welchen Gründen auch immer ihre Probleme mit Sportfunktionären und Behörden der DDR gehabt habende einstige Sportlerinnen und Sportler, so die frühere Läuferin Ines Geipel, die sich theatralisch aus der Rekordliste streichen ließ. Was davon zu halten war, zeigte der Deutsche Leichtathletik-Verband, der diesem Verlangen zunächst ablehnend gegenüberstand und ihm dann auch nur sehr zögerlich nachkam. Dafür winkte dann das schließlich 2011 verliehene Bundesverdienstkreuz. Bei dieser ganzen „Dopingjagd“ waren freilich einige wichtige Tatsachen unter den Tisch gekehrt worden: Die Anwendung sogenannter unterstützender Mittel war zuerst im kapitalistischen Sportbetrieb praktiziert und in den internationalen Sport eingebracht worden. Erlassene Verbote wurden immer wieder umgangen, weshalb auch die Sportverbände sozialistischer Länder keine andere Möglichkeit mehr sahen, als solche unterstützende Mittel systematisch erforschen zu lassen und unter ärztlicher Aufsicht und Kontrolle anzuwenden. Seltsamerweise wurde jedoch bei Sportlern der DDR nichts über positive Befunde der bei Olympischen Spielen sowie Welt- und Europameisterschaften vorgenommenen obligatorischen Dopingproben bekannt. Die von den USA und zahlreichen ihrer Verbündeten unter dem fadenscheinigen Vorwand des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan boykottierten Spiele von Moskau – eine Vergabe der Spiele nur unter Bedingungen und Boykottmaßnahmen waren bereits in den 1970er Jahren diskutiert worden - galten als die ersten dopingfreien. Bei den mit dem gleichen Anspruch auftretenden Spielen von Los Angeles 1984 wurden nicht nur 11 Dopingfälle festgestellt, es kam auch ans Tageslicht, dass das NOK der USA im Vorfeld geheime Dopingproben vorgenommen hatte, bei denen 34 der eigene Sportler positiv getestet, die Ergebnisse jedoch unter Verschluss gehalten worden waren, um Disqualifizierungen zu verhindern. Auch bei den nachfolgenden Spielen in Seoul 1988 stellte sich heraus, das US-Sportler im Vorfeld positiv getestet, die Ergebnisse aber vertuscht worden waren. In Barcelona 1992 wurden fünf Teilnehmer positiv getestet – zweimal USA, je einmal „Vereintes Team“, Litauen und China. Bände füllen die Dopingskandale der Tour de France ebenso wie die Dopingpraxis im bundesdeutschen Sportbetrieb. Obwohl also Zurückhaltung geboten wäre, wurde die in der DDR üblich gewesene Praxis ganz bewusst an den Pranger gestellt und die eigene mit Schweigen übergangen, allenfalls nebenbei erwähnt, wenn es denn unumgänglich war. Strafrechtliche Folgen hatte sie jedenfalls kaum. Wie sich angesichts dessen die BRD mit der DDR „vereinigt“ haben will, bleibt da das Geheimnis von Politik und Propaganda. So behandelt man einen besiegten Feind, aber keinen Partner einer Vereinigung, wobei es sich überdies um einen billigen, weil geschenkten Sieg handelt. Kleinliche Rache auch für den Triumph von München 1972? Etwas davon ist bei dem Ganzen schon dabei, da kann man sicher sein.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/7/artikel/aus-dem-kalten-krieg-vor-40jahren-die-einfachen-spiele-von-muenchen/