12. März 2013

Vor 80 Jahren: Als die Nazis die Macht ergriffen

Naziaufmarsch vor dem Erfurter Rathaus, Juni 1933.

Noch wohnten wir in der Friedrich-Ebert-Straße, obwohl sie offiziell schon Adolf-Hitler-Straße hieß. Die Mutter sagte uns: Wenn Euch jemand fragt, wo ihr wohnt, dann sagt: In der Straße gegenüber der Schule, die einmal Friedrich-Ebert-Straße hieß.

Der Reichspräsident von Hindenburg hatte Hitler zum Reichskanzler ernannt. In der Garnisionskirche von Potsdam wurde Hitler kirchlich gesegnet. Schon im Februar 1933 begann die Verhaftung von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Nachdem das Gefängnis auf dem Petersberg überfüllt war, wurden in Nohra bei Weimar, in der Erfurter Feldstraße, und bei Bad Sulza Konzentrationslager eröffnet. Sie nannten es Schutzhaft. Später charakterisierte der Pastor Niemöller diese Zeit:

Als sie die Kommunisten holte, 

habe ich geschwiegen,

ich war ja kein Kommunist

Als sie die Sozialdemokraten einsperrten habe ich geschwiegen,

ich war ja kein Sozialdemokrat.

Als sie die Gewerkschafter holten habe ich auch geschwiegen,

ich war ja auch kein 

Gewerkschafter.

Als sie mich holten gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Ihre gesetzwidrigen Maßnahmen ließen sich die Nazis am 24. März 1933 nachträglich durch ein Ermächtigungsgesetz bestätigen. Da die Nazis im Reichstag keine Mehrheit hatten, halfen ihnen  die Abgeordneten der bürgerlichen Parteien, um Unrecht nachträglich als „Recht“ zu erklären. Als Helfer ihres Terrors ernannten sie in Thüringen 1.185 SS-Leute und 592 der SA zu Hilfspolizisten. 

Die Historikerin Karin Orth stellte fest, dass sich in den Gefängnissen im Deutschen Reich zwischen Februar und April 1933 circa 45.000 Menschen in Haft befanden. Am 27. Februar erging der Haftbefehl an unseren Vater, ohne dass die Immunität der Abgeordneten des Thüringer Landtages aufgehoben wurde. Am 3. März 1933 schrieb er an den Landtag, dass der Haftbefehl gesetzwidrig ist und er nicht bereit ist, dem Haftbefehl zu folgen. Viel später erhielten wir die Zuschrift ohne Absender. Unser Vater hatte sich zum Widerstand gegen den Faschismus im Untergrund entschieden. Die Mutter sagte uns, dass der Vater geschrieben hat, wir aber nicht wissen, wo er sich befindet. Für uns war es ein wichtiges Lebenszeichen. Hausdurchsuchungen und Ladungen zum Verhör kamen überraschend und immer öfter. Wir mussten mit solchen Besuchen immer rechnen. Mehrmals in der Woche, vor allem Nachts, wurde unsere Mutter von der Polizei, SS oder SA zum Verhör in das Rathaus geholt. Immer wieder die gleiche Frage nach unserem Vater und die Unterstellung, sie wüsste, wo ihr Mann ist. Auf die Frage nach Post antwortete sie, dass sie bisher nur einen Brief ohne Absender von ihrem Mann bekommen habe. Da die Polizei ihre Post kontrollierte, brauchte sie nicht zu sagen, was der Inhalt des Briefes war. Da der Weg unserer Mutter zum Verhör immer ein Weg ins Ungewisse war, instruierte sie meinen vier Jahre älteren Bruder über seine Verantwortung für mich und die Wohnung in der Zeit ihrer Abwesenheit. Mit Frau Werlich im Nachbarhaus hatte sie vereinbart, dass bei nächtlicher Abwesenheit immer die kleine Küchenlampe brennt. Meinem Bruder und mir aber sagte sie: Wenn ich nicht wiederkomme, holt euch Frau Werlich und die Großeltern. 

Trotz des Haftbefehls ist unser Vater am 4. März 1933, dem Vorabend der Wahlen – es waren die einzigen in 12 Jahren Faschismus – mit dem Nachtzug nach Großbreitenbach gefahren. Zwischen Ilmenau und Großbreitenbach informierte ihn der Zugschaffner Hugo Tresselt, dass in Großbreitenbach SA und SS oft nach Ankunft und Abfahrt des Zuges kontrollieren. Er entschied sich, bei der Einfahrt des Zuges in den Bahnhof auf der Gegenseite abzuspringen. Den Schaffner hatte er gebeten, erst am nächsten Morgen viele Bürger von der Begegnung zu informieren. Durch einen angrenzenden Wald ging er in die Bahnhofsstraße zu seinem Schwager, Hugo Wild, ein Mitglied der SPD. Die Frau des Schwagers informierte unsere Mutter und lud noch zwei Genossen der KPD zu einem nächtlichen Treff ein. Am nächsten Morgen ist er bis Gehren gelaufen und mit dem ersten Zug wieder nach Erfurt gefahren. In Erfurt hatte er Quartier, Namen und Herkunftsort geändert. Er wohnte in der Gneisenaustraße, arbeitete unter dem Namen Kurt Schmidt aus Königsee als Leiter einer Widerstandsgruppe mit Ernst Rommel und Kalinowski in dessen Wohnung in der Auenstraße 40. Als noch andere Genossen im Untergrund bei Kalinowski Unterkunft suchten, löste er die Gruppe auf und ging in die Tschechoslowakei, wo die KPD eine Leitung unterhielt. Auf das Angebot, Emigration in die Sowjetunion oder Untergrund in Thüringen, entschied er sich für das Letztere. 1935 wurde mein Vater in Katzhütte verhaftet. Es begann ein zehnjähriger Leidensweg. Der Faschismus, der mir Kindheit und Jugend raubte, und das Vermächtnis meiner Eltern, niedergeschrieben in dem Schwur von Buchenwald, ist für mich heute Verpflichtung zum Kampf gegen Neofaschismus.