30. Mai 2013

Vor 75 Jahren – ein Staat wird ausgelöscht

Nach Hitlers provokatorischer Reichstagsrede vom 20. Februar 1938 rotteten sich wie hier in Graz österreichische Nazi-Anhänger vielerorts zu ausuferndem Anschlusskundgebungen zusammen.

Vier Ereignisse behandelt dieser Beitrag, Ereignisse österreichischer, deutscher und europäischer Geschichte, die alle in einem untrennbaren Zusammenhang stehen und von denen sich das erste 2012 zum 85., die ihm folgenden 2014 zum 80. und der Schlusspunkt von all diesen 2013 zum 75. Male jährten bzw. jähren werden: „Ich melde vor der Geschichte den Wiedereintritt meiner Heimat Österreich in das Deutsche Reich!“, tönte Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Wiener Heldenplatz mit emphatischer Stimme in die Mikrofone. Vieltausendstimmige „Heil!“-Rufe antworteten, die Menge skandierte voller Begeisterung „Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer!“, ja geriet in einen geradezu ekstatischen Taumel, glaubte sie doch in dem da oben am Rednerpult stehenden „Größten Feldherrn aller Zeiten“ den Mann zu sehen, der sie aus jahrelanger Not und klerikal-faschistischer Dollfuß- und Schuschnigg-Diktatur befreit hatte. Drei Tage zuvor hatte die Wehrmacht des „Dritten Reiches“ die Grenze überschritten gehabt, die Schlagbäume niedergerissen, die noch nicht einmal 20 Jahre alte Republik Österreich mit dem Marschtritt ihrer Stiefel niedergetrampelt und das Land, wie es hieß, „heim ins Reich“ geholt. Am 12. März 1938 war ein Staat ausgelöscht worden, an einem einzigen Tag, zwischen Frühstück und Mittag gewissermaßen, und eine Mehrheit seiner Bevölkerung klatschte dazu auch noch begeistert Beifall. Dass statt des ersehnten lichten Morgens finsterste Nacht über das Land hereingebrochen war, sollte sie erst merken, als wirtschaftliche Ausplünderung, massenhafte politische und rassische Verfolgung, Ausweitung des KZ-Systems und Gestapo-Terror längst in vollem Gange waren, Ehemänner, Väter und Söhne als Kanonenfutter in den Krieg zogen und anglo-amerikanische Bomber Städte sowie Verkehrs- und Industrieanlagen in Schutt und Asche legten. Woher kam diese Euphorie, diese Blindheit vor dem, was sich doch im benachbarten „Dritten Reich“ schon seit fünf Jahren abspielte, dieses so sträflich leichtfertige Aufgeben eigener Staatlichkeit und damit der Unabhängigkeit, wobei bestimmte Parallelen zu den Ereignissen in der DDR 1989 und 1990 unverkennbar sind? Diese erste Republik Österreich war für nicht wenige ihrer Bürgerinnen und Bürger kein Identifikationsobjekt gewesen, jedenfalls noch nicht, sie galt ihnen eher als ein aus der Not geborenes Kunstprodukt, dessen Lebensfähigkeit in Frage stand: Sie war ihnen mehr eine Art Reststaat, Überbleibsel der schon lange an Siechtum gelitten und sich durch ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg selbst den Todesstoß gegeben habenden k.u.k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Nach den verheerenden Niederlagen an allen Fronten unter den Schlägen der Antikriegs- und antimonarchistischen revolutionären Bewegung der Arbeiter und Soldaten sowie der aus diesem Völkergefängnis in die Unabhängigkeit ausbrechenden nationalen Bewegungen eingestürzt wie ein Kartenhaus, war das uralte Reich der Habsburger in einen Scherbenhaufen zerfallen, aus dem nun nicht nur neue Nationalstaaten entstanden, sondern womit auch die bisherigen Wirtschaftsstrukturen zerrissen waren. Der von Bürgertum, Adel und Klerus sowie auch großen Teilen der Sozialdemokratie bevorzugte (scheinbare) Ausweg, eine Art Wiederherstellung der Verhältnisse aus der Zeit vor 1866, in der Österreich Bestandteil des 1815 geschaffenen losen Staatsgebildes namens Deutscher Bund gewesen war, und damit die Rückgängigmachung Bismarckscher Hinausdrängungs- und Ausschlusspolitik, war der Anschluss an das Deutsche Reich. Die Siegermächte des Ersten Weltkrieges wiederum sahen darin eine Gefahr für ihre Bestrebungen, Einfluss und Macht des durch die Niederlage geschwächten deutschen Großkapitals kleinzuhalten, weshalb sie sowohl den Anschluss an die Weimarer Republik als auch die Führung der Staatsbezeichnung Deutsch-Österreich untersagten. Wirtschaftlich ohnehin ein Torso wurde der deutschsprachige Rest der untergegangenen Monarchie durch die erzwungene Abtretung Tirols südlich des Brennerpasses an Italien zusätzlich geschwächt und das war auch nicht durch den in den Friedensdiktaten von Saint Germain und Trianon bestimmten Gewinn des deutschsprachigen Burgenlandes von Ungarn im Jahre 1921 auszugleichen gewesen. Letzteres hatte überdies die Rückgabe eines kleinen, aber wichtigen Teils dieses Landstrichs mit dessen Hauptstadt Ödenburg (Sopron) erzwingen können.

Das alles brachte als Folge des verlorenen Krieges sowie von Nachkriegskrise und Inflation schwere soziale Verwerfungen mit massenhafter Arbeitslosigkeit, Armut, Elend und Not. So entstand sehr früh eine Lage, die sich der aufkommende Faschismus alsbald zu Nutze zu machen versuchte, wobei hier hauptsächlich zwei Strömungen gegeneinander konkurrierten: Da war zum einen die österreichische NSDAP als direkter Ableger der Hitler-Partei im Deutschen Reich und zum anderen die als Austro-Faschismus in die Geschichte eingegangene spezifisch österreichische Form, die sich, gestützt auf Teile des Großkapitals, Vertreter des einstigen Hochadels sowie der hohen katholischen Geistlichkeit und der paramilitärischen Heimwehren, eng an Mussolini-Italien und Horthy-Ungarn anlehnte. Letzteres war insbesondere Stütze des gerade im Osten der Republik wühlenden monarchistischen Flügels des österreichischen Faschismus, der sich in der von Oberst Hermann Hiltl (1872 - 1930), einem aus der k.u.k. Armee berüchtigten Soldatenschinder, geführten bewaffneten „Frontkämpfervereinigung“ organisierte und wieder Zustände herbeiführen wollte, wie sie im Nachbarland alltäglich waren: Unumschränkte Herrschaft der Großgrundbesitzer über die Bauern, gnadenlose Unterdrückung jeglicher antikapitalistischer Bewegung mittels Zuchthausurteilen, Terror und Mord. „Christlich-Soziales“ Bürgertum und katholische Geistlichkeit, der der Schreck der „gottlosen“ Ungarischen Räterepublik noch tief in den Knochen saß, sahen dieses Treiben der jenseits der Grenze vom rechtsradikalen Verband „Erwachendes Ungarn“ („Ébredő Magyarok Egyesülete“) aktiv unterstützten „Frontkämpfer“ nicht nur mit Wohlgefallen, sondern förderten sie ebenfalls nach Kräften. Ihr Hauptziel war der im Rahmen der revanchistischen Horthy-Politik angestrebte Wiederanschluss des Burgenlandes an Ungarn, in dem sie den entscheidenden Garanten für die Konservierung sowohl der gesellschaftlichen Zustände als auch die Rückkehr zur Monarchie sahen. Sehr rasch entwickelte sich so eine den Methoden von Hitlers SA vergleichbare Terrorwelle gegen Mitglieder der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und des Republikanischen Schutzbundes, ihrer zur Abwehr faschistischer Gefahr gegründeten proletarischen Wehrorganisation. Am 30. Januar 1927 – genau sechs Jahre später sollte an eben diesem Tage im Deutschen Reich die Nazi-Partei an die Macht geschoben werden – schossen „Frontkämpfer“ während einer Zusammenrottung im unmittelbar an der ungarischen Grenze gelegenen Schattendorf (ungarisch Somfalva, kroatisch Šundrof), allen voran der Gastwirt Josef Tscharmann (1896 - 1972), auf eine Demonstration des Republikanischen Schutzbundes. Die Schrotsalven verletzten vier Schutzbündler und Zivilisten sowie ein Kind schwer, der siebenjährige Josef Grössing und der Schutzbündler Matthias Csmarits (1892 - 1927) wurden getötet. Der nach weiteren faschistischen Mordanschlägen am 5. Juli in Wien begonnene Prozess gegen die Brüder Josef und Hieronymus Tscharmann (1905 - 1994) sowie deren Schwager Johann Pinter (1901 - 1985) bewies, wie sehr die Mehrheit der herrschenden Kreise Österreichs der Meinung anhing, nur eine Diktatur nach den Vorbildern Mussolinis und Horthys könne das Land aus der Krise führen: Willfährige Juristen in Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung, mit den Tätern sympathisierende Schöffen, Entlastungszeugen aus den Reihen der „Frontkämpfer“ mit vorher abgesprochenen und eingeübten Falschaussagen sowie Verleumdungs- und Hetzfeldzüge der Rechtspresse gegen Nebenklage und Zeugen aus den Reihen der Schutzbündler sorgten für die Umfälschung des Verbrechens in eine „Notwehrhandlung“ und infolgedessen am 14. Juli einen Freispruch. Parallelen zur richterlichen Milde gegenüber rechtskonservativen und faschistischen Mördern in der Weimarer Republik sind ebenso erkennbar wie die der bundesdeutschen Justiz gegenüber den Mördern von Grenzsoldaten der DDR. Gegen die in Protestdemonstrationen und Streiks zum Ausdruck gekommene Empörung über das Schandurteil setzte die reaktionäre christlich-soziale Regierung unter Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel (1876 - 1932) am 15. Juli berittene Polizei ein, es kam zu Straßenkämpfen, bei denen sich im Justizpalast verschanzt habende Polizisten aus dem Hinterhalt auf die Demonstranten schossen. Diese setzten sich notgedrungen mit Barrikaden, Pflastersteinen und Schusswaffen zur Wehr, aus den Kämpfen wurden alsbald erbitterte Straßenschlachten. Schließlich ließ die Regierung mit Karabinern des Bundesheeres bewaffnete Polizei gegen die mittlerweile 200.000 Demonstranten und Streikenden aufmarschieren und gezielt in die Menge schießen: Insgesamt 89 Tote und mehr als 1.000 Verletzte standen am Ende dieser ersten Machtprobe zwischen den reaktionären Kräften des Bürgertums und der Arbeiterbewegung. Die Niedermetzelung zu recht empörter Demonstranten durch die Polizei am 16. Juli 1927 sowie der erstmalige Einsatz von bewaffneten „Heimwehren“ außerhalb der Hauptstadt und, wie in Tirol, sogar des Bundesheeres gegen die inzwischen fast das ganze Land erfasst habenden Streiks und Protestdemonstrationen, die in vielen Zentren der Arbeiterbewegung den Charakter eines Generalstreiks annahmen, bedeutete den Beginn des Aufstiegs des Faschismus in der ersten Republik. Diese Wiener Bluttage bildeten zwar noch keinen Wendepunkt hin zu seinem unaufhaltsamen Weg an die Macht, doch sie zeigten anschaulich die ganz Österreich drohenden Gefahren, wenn es der Arbeiterbewegung nicht gelingen sollte, alle demokratischen Kräfte zu mobilisieren, um ihn abzuwehren. Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass wohl kaum eine andere Tatsache den reaktionären, ja faschistischen Charakter jener „Heimwehren“ als bewaffneter Arm der österreichischen Reaktion so deutlich machte wie die Berufung des Verantwortlichen für die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, Hauptmann Waldemar Pabst (1880 - 1970), zu deren Stabchef. Im übrigen hat das heutige offizielle Österreich ebenfalls seine Schwierigkeiten im Umgang sowohl mit den Tätern als auch mit den Opfern jenes 30. Januar 1927: Wie der im niederösterreichischen Amstetten lebende Zahntechniker und Freizeit-Historiker Roman Raimund Hojka öffentlich machte, wurden die Todesschüsse von Schattendorf auch in der zweiten Republik nie bestraft, dagegen unter maßgeblicher Beteiligung von Bürgermeister Matthias Piater und Pfarrer Dr. Karl Bauer der Friedhof im Jahre 1968 entgegen allen Gepflogenheiten verkleinert. Infolgedessen wurde das Grab des kleinen Josef Grössing – ohne Einwilligung noch lebender Angehöriger, versteht sich – beseitigt und der Grabstein neben dem Toiletten-Eingang der Kapelle abgelegt. Die Grabstelle wurde mit einer Straße überbaut und auch dem heutigen Bürgermeister Alfred Grafl macht es nach eigenen Worten nichts aus, über die sterblichen Überreste des damals Erschossenen zu fahren. Ebenso behauptete Pfarrer Johannes Schlegl, niemanden von den noch lebenden Verwandten zu kennen. Josef und Hieronymus Tscharmann sowie Johann Pinter dagegen galten bis an ihr Lebensende als honorige Bürger und ihre Nachfahren dürfen den polizeilichen Ermittlungsakten von 1927 zum Trotz nach wie vor behaupten, die drei seien allesamt unschuldig gewesen. Mehrere Interventionen des Freizeit-Historikers – bis hin zu Bundespräsident und Bundeskanzler – brachten außer anerkennenden Worten kein greifbares Ergebnis zugunsten des Opfers. Die Internet-Seite der Gemeinde Schattendorf erwähnt die damaligen Ereignisse sogar nur sehr allgemein, dort ist nicht einmal zu erfahren, dass es sich um eine schwere Auseinandersetzung zwischen der faschistischen „Frontkämpfervereinigung“ und dem Republikanischen Schutzbund gehandelt hatte. Ebenso wenig werden die Namen der beiden Opfer genannt, von den Todesschützen gar nicht zu reden.

Gelernt worden war aus jenem 16. Juli 1927 offenbar nichts, mindestens aber viel zu wenig, denn ebenso wie in der Weimarer Republik blieb die Arbeiterbewegung in sich gespalten, womit in der Folgezeit die so dringend notwendige antifaschistische Aktionseinheit verhindert wurde. Die Ursachen dafür lagen zum einen in ultralinken Positionen einzelner Spitzenpolitiker der KPÖ, so Willi Schlamm (1904 – 1978, nach späterem Gesinnungswechsel und USA-Exil eifriger Unterstützer des antikommunistischen Hexenjägers Joseph McCarthy), Redakteur ihres Organs „Rote Fahne“, dessen von jugendlicher revolutionärer Begeisterung überschäumenden Berichte entscheidend zur Fehleinschätzung der 1927er Ereignisse durch die Komintern beitrugen, in der Hauptsache aber im strikten Antikommunismus der SDAP-Führung und deren Beschwichtigungs- und Kompromisspolitik: Während KPÖ-Mitglieder im Republikanischen Schutzbund ab etwa 1925 nicht mehr geduldet und daher ausgeschlossen sowie mit der Kommunistischen Partei zusammenarbeitende Sozialdemokraten gemaßregelt wurden, versuchte die auf den Austro-Marxismus, eine spezifisch österreichische Form des Opportunismus, eingeschworene Parteiführung revolutionäre Aktionen, wo sie sinnvoll und notwendig waren, zu verhindern und zu einer Verständigung mit den bürgerlichen Kräften zu kommen. Die freilich bedienten sich der Sozialdemokratie allenfalls dann, wenn sie zur Bewahrung oder gar Rettung der Macht des Großkapitals geeigneter erschien als die offene Herrschaft der Eigner der großen Industrie-, Finanz- und Agrarkapitalien. Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929, die auch Österreich mit ganzer Härte traf, wurde der Errichtung einer klerikal-faschistischen Diktatur endgültig der Vorzug gegeben, zumal die in rascher Folge einander ablösenden Regierungen nicht in der Lage waren, den immer schlimmer werdenden Auswirkungen erfolgreich zu begegnen. Ähnlich wie in der Weimarer Republik begann die Zeit der mittels Ausschaltung des Parlaments und Notverordnungen regierenden Präsidialkabinette, als Bundespräsident Wilhelm Miklas (1876 – 1956) am 10. Mai 1932 den christlich-sozialen Politiker Engelbert Dollfuß (1892 – 1934) zum Bundeskanzler berief. Dieser bildete am 20. Mai gemeinsam mit dem Landbund und dem als politischer Arm der reaktionären Heimwehren fungierenden Heimatblock eine Regierung und wandelte die Republik in der Folgezeit zu einem von der katholischen Kirche gestützten austrofaschistischen Ständestaat um: Am 15. März 1933 ließ er das Parlament, den Nationalrat, mit Waffengewalt am Zusammentreten hindern und schaltete am 25. Mai den Verfassungsgerichtshof aus, nachdem er zuvor schon die Pressezensur eingeführt sowie unter Berufung auf das „Kriegswirtschaftliche Ermächtigungsgesetz“ nicht nur Aufmärsche und Versammlungen, sondern auch den Republikanischen Schutzbund (31. März) und die KPÖ (26. Mai) verboten hatte. Die Machtübergabe an die Nazi-Partei im Deutschen Reich hatte Dollfuß starken Auftrieb bei der Umsetzung seiner Diktatur-Pläne gegeben. Gleiches galt aber auch für die österreichische NSDAP, doch die deshalb auf Anraten seines Gönners Mussolini mit dieser geführten Verhandlungen scheiterten: Weder Dollfuß mit seiner am 20. Mai als klerikal-faschistische Einheitspartei gegründeten „Vaterländischen Front“ noch die Nazi-Partei waren zu gleichberechtigter Zusammenarbeit bereit und Juniorpartner wollte ohnehin keine der beiden Seiten sein. Der politische Konkurrenzkampf, vor allem aber die Haltung zur Zukunft Österreichs, bildeten unüberbrückbare Gegensätze, wodurch sich der Bundeskanzler zwangsläufig die Feindschaft des (reichs)deutschen*) Großkapitals zuzog: Während Dollfuß die klerikal-faschistische Diktatur nur in einem auch weiterhin unabhängigen Staat durchsetzen konnte, strebte die NSDAP als fünfte Kolonne Hitlers nach einem sofortigen Anschluss an das „Dritte Reich“, was natürlich die Machtposition von Kanzler und „Vaterländischer Front“ untergraben musste. Im Nachbarland hatte sich schließlich sehr schnell gezeigt, dass die Nazi-Partei weder rechtskonservative Bevormundung duldete, noch zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit bereit war: Mochte sich der nun ebenfalls die Armbinde mit dem Hakenkreuz tragende „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ teilweise sogar radikaler und brutaler gebärden als die SA, die alsbaldige Gleichschaltung und Überführung in die braunen Schlägerbanden waren dadurch nicht zu verhindern und die in die erste Hitler-Regierung als „Aufpasser“ eingebaute konservative „Umrahmung“ aus Franz von Papen (1879 - 1969), Konstantin Freiherr von Neurath (1873 - 1956), Alfred Hugenberg (1865 - 1951) und Franz Seldte (1882 - 1947) wurde sehr rasch an die Wand gedrängt, um nach und nach auf mehr oder weniger einflusslose Posten abgeschoben zu werden. Innerhalb der Nazi-Partei wurden irgendwelche gegeneinander konkurrierende Strömungen und Machtansprüche gleich gar nicht geduldet, sondern zogen sich wie der erste Thüringer Gauleiter Artur Dinter (1876 - 1946) außer dem Ausschluss auch Hitlers lebenslange persönliche Ungnade zu oder verfielen wie Gregor Strasser (1892 - 1934) und Ernst Röhm (1887 - 1934) am 30. Juni 1934 gleich dem Fememord. Angesichts dieser Entwicklung vor der eigenen Haustür und der miteinander unvereinbaren Positionen beider Parteien musste es zwangsläufig zu einem immer schärfer werdenden Konkurrenzkampf zwischen Dollfuß' „Vaterländischer Front“ und der österreichischen NSDAP kommen.

Demgegenüber absoluten Vorrang hatten jedoch Niederhaltung und schließlich Zerschlagung der Arbeiterbewegung. Das galt sowohl für die Arbeiterparteien als auch die Gewerkschaften, sofern es sich nicht um sogenannte „gelbe“, also unternehmerfreundliche Verbände handelte. Zum entscheidenden Schlag holte Dollfuß am 2. Januar 1934 aus, indem er die Mandate der Kammern für Arbeiter und Angestellte rückwirkend zum 31. Dezember 1933 „für erloschen“ erklären und die bisherigen, überwiegend aus sozialdemokratischen Freigewerkschaftern bestehenden Arbeiterkammerräte durch von der Regierung ernannte „Verwaltungskommissäre“ ersetzen ließ. Angeblich seien die Kammern „bis in die jüngste Vergangenheit zu politischen Demonstrationen gegen die Bundesregierung verwendet“ worden, außerdem standen sie der sogenannten „berufsständischen Neuorientierung“ im Wege. Die auf Anpassung, ja Kapitulation ausgerichtete Politik der Führung der SDAP vermied jeden Widerstand gegen die Beseitigung einer Einrichtung, für die schon seit den 1870er Jahren gekämpft worden war und deren Gründung am 26. Februar 1920 zu den wichtigsten sozialpolitischen Errungenschaften der „österreichischen Revolution“ zählte. Die von der Regierung Dollfuß betriebene Politik der „dosierten Zermürbungsschritte“ war bereits so weit perfektioniert worden, dass der von den reaktionärsten Kräften des Alpenlandes seit langem und mit aller Härte verfolgte Kurs der Schwächung, Zurückdrängung und Zerschlagung der Arbeiterbewegung in das letzte und entscheidende Stadium getreten war. Von nun an war Schluss mit der bislang in sozusagen homöopathischen Dosen erfolgten Unterdrückung, denn jetzt ging es Schlag auf Schlag und mit von Tag zu Tag schärferen Maßnahmen. Als erstes ließ der Chef des Sicherheitswesens, Vizekanzler Emil Fey (1886 - 1938), eine mit staatlichen Machtbefugnissen ausgestattete Heimwehr-Truppe, das „Freiwillige Schutzkorps“, personell erheblich verstärken. Zu Beginn des Jahres 1934 wurden große Abteilungen dieser Hilfspolizei in alle Industrieorte verlegt. Die meist von Mitgliedern der SDAP verwalteten Gemeinden hatten auch noch die Kosten dieser Zwangseinquartierung zu tragen. Das provokatorische Auftreten der sich wie Eroberer in einem fremden Land benehmenden Heimwehrleute führte nicht nur zu großer Verbitterung, sondern verstärkte sowohl den Hass auf diese als auch den Widerstandswillen. Wien erlebte den bitteren Niedergang als einst stärkste Bastion der sozialdemokratischen Bewegung, als sich das „Schutzkorps“ in mehreren Gebäuden nahe des Rathauses einnistete, womit die rote Gemeindeverwaltung gleichsam von Faschisten umzingelt war.

Mit dem folgenden Schlag sollten die noch verbliebenen Reste sozialdemokratischer Machtpositionen in den Gemeinden beseitigt werden: Die erste Terrorwelle der inzwischen illegalen österreichischen NSDAP hatte den willkommenen Vorwand zur Einsetzung von „Sicherheitsdirektoren“ in den Bundesländern geliefert, wodurch der staatliche Machtapparat in den Händen von Offizieren der Heimwehr zentralisiert worden war. Nun entzog die Regierung Dollfuß mit der Bestellung von „Sicherheitskommissären“ auch den meist der SDAP angehörenden Bürgermeistern in den Gemeinden die Polizeigewalt. Die entscheidende Maßnahme zur weiteren Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Reaktion aber bestand in einer umfassenden Welle polizeilicher Durchsuchungsaktionen nach Waffen und in Massenverhaftungen von Angehörigen des Republikanischen Schutzbundes. Waffenbesitz und Waffenrazzien waren damals in Österreich nicht gerade etwas Ungewöhnliches, doch die zufällige Entdeckung von Waffenlagern in Wien-Schwechat und Umgebung gab Vizekanzler Fey den willkommenen Anlass zu einer großangelegten Propaganda- und Rechtfertigungskampagne, mit der er behaupten ließ, es sei gelungen, „einen unerhört verbrecherischen Anschlag bolschewistisch-marxistischer Elemente gegen die Bevölkerung und die Sicherheit des Staates zu verhindern.“ Vor kaum etwas anderem hatten die Vertreter des Austro-Faschismus soviel Angst wie vor Waffen in Arbeiterhand, gefährdeten diese doch ihre Pläne zur Niederwerfung jeglicher antikapitalistischer Bewegung auf das Äußerste. Mit der Verhaftung zahlreicher namhafter Führer des als „Ordnerschaft“ der SDAP trotz regierungsamtlicher Auflösung faktisch fortbestehenden Schutzbundes, so von Stabchef Major Alexander Eifler (1888 – 1945, KZ Dachau) und Hauptmann Rudolf Löw, Adjutant des Schutzbundkommandanten Julius Deutsch (1884 - 1968), sowie aller Kreisführer war die Wehrorganisation am 12. Februar faktisch eine Armee ohne Kopf. Obwohl die Erregung in der Arbeiterschaft zusehends wuchs, sah der sozialdemokratische Parteivorstand dem Treiben der Reaktion tatenlos zu, was diese zu weiteren Schlägen geradezu ermunterte: Am 8. und 9. Februar 1934 riegelten Einheiten von Polizei und Bundesheer die Zentrale der SDAP hermetisch ab, verweigerten Parteifunktionären den Zutritt, brachen unter Verletzung der Immunität Schreibtische von Abgeordneten auf und beschlagnahmten vertrauliches Material. In den Bundesländern entmachtete die Heimwehr die gewählten Landesregierungen, womit die Faschisierung der Verwaltungen nahezu abgeschlossen war. Mit all dem hatte sich die Regierung Dollfuß die entscheidenden Grundlagen zur endgültigen Beseitigung der 1918 von der Arbeiterklasse erkämpften sozialen und politischen Errungenschaften geschaffen und konnte den „revolutionären Schutt“, wie sich der frühere Bundeskanzler Ignaz Seipel, als Prälat immerhin dem Grundsatz „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ verpflichteter kirchlicher Würdenträger, einmal so bildhaft ausgedrückt hatte, endgültig aus dem Weg räumen. Zur Durchsetzung dieser Ziele scheute sich Dollfuß auch nicht, Anleihe beim Hitler-Faschismus zu nehmen: Noch vor der Wiedereinführung der Todesstrafe am 11. November ließ er ab September 1933 mit dem harmlos klingenden Begriff „Anhaltelager“ bezeichnete Konzentrationslager für politische Gegner einrichten, von denen das in Wöllersdorf am bekanntesten und berüchtigsten werden sollte. Zwar gab es im Gegensatz zu den KZ offiziell keinen Arbeitszwang, keine Folter und keine Hinrichtungen, die Verbringung erfolgte jedoch ebenso ohne Anklage und Gerichtsurteil auf unbestimmte Zeit. Die den Internierten auferlegten Haftkosten von täglich sechs Schilling trieben viele von ihnen in den Ruin. Dazu kamen Depressionen, Haftpsychosen und Selbstmordversuche. Den Gipfelpunkt hinsichtlich Zynismus, Menschenverachtung und Verhöhnung bildete indes die von der sich christlich nennenden Diktatur verfügte Einrichtung von ebenfalls als „Anhaltelager“ bezeichneten Zwangsarbeitslagern für Opfer der von sozialen Grausamkeiten geprägten Politik: Hier wurde nach planmäßig durchgeführten Razzien eingesperrt, wer als Langzeitarbeitsloser „ausgesteuert“ worden war, also keinerlei Unterstützungszahlung mehr erhielt und deswegen sein Leben als Bettler fristen musste. Die „Entlohnung“ sprach selbstverständlich jeder christlichen Nächstenliebe Hohn – fünf Zigaretten und 50 Groschen je Tag, die ausschließlich in Form von Sachleistungen ausgezahlt wurden.

Längst schon hatten die durch die austrofaschistische Diktatur dank der Hinhalte- und Beschwichtigungspolitik der sozialdemokratischen Parteiführung unter Otto Bauer (1881 - 1938) so leicht Entrechteten genug und begannen sich mit einer Entschiedenheit und einem Kampfesmut zu wehren, die in dieser Form niemand für möglich gehalten hätte. Am 10. Februar 1934 verbreitete das ZK der illegalen KPÖ in vielen Betrieben einen Aufruf, in dem es hieß: „Schlagt den Faschismus nieder, ehe er Euch niederschlägt! Legt sofort die Arbeit nieder! Streikt! Holt die Nachbarbetriebe heraus! Wählt Aktionskomitees zur Führung des Kampfes in jedem Betrieb! Geht auf die Straße! Entwaffnet die Faschisten! Die Waffen in die Hände der Arbeiter!“ Der Anstoß zum bewaffneten Widerstand kam schließlich vom Landesparteisekretär der oberösterreichischen SDAP und Schutzbundführer Richard Bernaschek (1888 – 1945, KZ Mauthausen), weshalb der Polizei bei einer Waffensuche in der Landesparteizentrale in Linz am 12. Februar heftiges Abwehrfeuer entgegenschlug. Trotz der durch Munitionsmangel, den massierten Einsatz von Einheiten des Bundesheeres und eine Fehlentscheidung des Kommandanten der Entsatzabteilung des Schutzbundes verursachten Niederlage griff der bewaffnete Widerstand gegen die Reaktion im Laufe des Vormittags auf zahlreiche Betriebe in der Landeshauptstadt über. Zwar endeten die Kämpfe infolge der durch die reformistische Parteiführung der SDAP anerzogenen Inkonsequenz – verhaftete Polizisten und Heimwehrleute wurden nach guter Behandlung entlassen, Bahnverbindungen nicht unterbrochen, obwohl Sprengmittel zur Genüge vorhanden waren – trotz einzelner bis zum Morgen des 13. Februar andauernden Gefechte mit einer Niederlage, doch der Funke sprang auf andere Bundesländer über. So traten nach den ersten Nachrichten aus Linz die Arbeiter etlicher Wiener Betriebe in den Streik, obwohl die Führung der SDAP nach wie vor zögerte, den Generalstreik auszurufen. Mit der Abschaltung des Stromes durch Arbeiter des städtischen Elektrizitätswerkes war das vereinbarte Signal für den Schutzbund gegeben worden. Die Regierung Dollfuß reagierte umgehend mit der Verhängung des Standrechts, dem massierten Einsatz von Polizei, Heimwehr und Bundesheer, ließ Stacheldrahtsperren errichten und scheute sich auch nicht, ganze Wohnviertel wie den berühmt gewordenen „Karl-Marx-Hof“ durch Artillerie beschießen zu lassen. Gemeinderat und Landtag wurden kurzerhand für abgesetzt erklärt, Bürgermeister Karl Seitz (1869 - 1950) von Polizisten aus seinem Amtszimmer geschleppt. In einigen Wiener Bezirken entbrannten heftige Kämpfe, die Mitglieder des Schutzbundes wehrten sich erbittert und zum Teil auch mit unerwarteter Schlagkraft gegen die Übermacht und deren vor nichts und niemandem haltmachende Brutalität. Doch was nützte aller Kampfesmut ohne eine entschlossene und zielklare Führung! In Linz hatten sich der vordem so entschieden gewesene Richard Bernaschek und weitere Schutzbundführer widerstandslos verhaften lassen und führende Funktionäre der SDAP scheuten nach wie vor den Kampf gegen die Reaktion, ja, sie fielen den Aufständischen teilweise sogar in den Rücken. Im Burgenland blieb die Sozialdemokratie vollkommen inaktiv, in Vorarlberg erklärte sie den Widerstand gar zu „verbrecherischen Handlungen“. In Salzburg kam es lediglich in Hallein zu einigen Streiks und in Kärnten verweigerten führende Funktionäre von Partei und Schutzbund jeden Widerstand gegen die zu allem entschlossene Staatsmacht. Erst am 15. Februar streikten Arbeiter in einigen Orten des Lavanttales. In Tirol wurde lediglich in Wörgl für ganze zwei Stunden gekämpft und im für den Ausgang der Kämpfe in Wien wichtigen Niederösterreich hinderte die aus rechten Sozialdemokraten bestehende Parteiführung die kampfbereiten Arbeiter am Eingreifen. So konnte die Regierung völlig unbesorgt starke Militäreinheiten nach Oberösterreich, Wien und in die Steiermark verlegen, wo in der Landeshauptstadt Graz, im Raum Bruck an der Mur/Kapfenberg und in weiteren Industriegemeinden der Obersteiermark heftige Kämpfe entbrannt waren. Bruck an der Mur war übrigens der einzige Ort in der ganzen Republik, wo sich ein sozialdemokratischer Funktionär, der energische Landesparteisekretär Koloman Wallisch, 1919 Kommissar der Ungarischen Räterepublik gewesen, an die Spitze der kämpfenden Arbeiter stellte.

Ihren absoluten Höhepunkt erreichten die Kämpfe am 13. Februar im Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf, dessen Kontrolle wegen seiner Bedeutung als Industrie- und Verkehrszentrum äußerst wichtig war. Hier war das Eliteregiment des Schutzbundes „Karl Marx“ stationiert, das bei den Abwehrkämpfen gegen die austrofaschistische Reaktion Außerordentliches leistete. Trotz Einsatz schwerer Maschinengewehre sowie von Gebirgskanonen und Minenwerfern gelang den Regierungstruppen ebenso wenig ein entscheidender Durchbruch wie im Bezirk Meidling. In Simmering war die Lage für die Heimwehrleute so kritisch, dass Vizekanzler Fey höchstpersönlich den Einsatz von Artillerie befahl. Gegen den mit heftigem Abwehrfeuer verteidigten „Karl-Marx-Hof“ wurden sogar Panzerwagen in Marsch gesetzt. Im oberösterreichischen Holzleithen scheuten sich die Regierungstruppen nicht einmal, verhaftete Arbeiter als Geiseln vor sich herzutreiben und die Kämpfer mittels dieser „lebenden Schutzschilde“ an der Erwiderung des Feuers zu hindern. Da der von der Regierung Dollfuß erhoffte leichte Sieg ausgeblieben war, wurden nunmehr auch alle Mittel der psychologischen Kampfführung – Rundfunk, Zeitungen, Flugzettel, Lautsprecherwagen und Plakate – eingesetzt, um die Kämpfenden durch Siegesmeldungen und Drohungen einzuschüchtern. Am aussichtsreichsten war neben der Androhung des Arbeitsplatzverlustes der publizistisch massenwirksam in Szene gesetzte Verrat von Parteifunktionären und Schutzbundführern, wobei vor allem der Kommandant des Schutzbundkreises Wien-West, Eduard Korbel, mit seinem öffentlich erklärten Austritt aus der SDAP und dem Aufruf zur Kapitulation traurige Berühmtheit erlangte. Da Regierungstruppen, Polizei und Heimwehrleute trotz mörderischen Artilleriefeuers auch weiterhin nur langsam vorankamen, griff Dollfuß immer mehr zu hinterhältigen Mitteln, indem er bei Kapitulation Schonung versprach, dieses Versprechen aber nie einhielt: Wer sich spätestens nach dem Abflauen der Kämpfe am 16. Februar nicht nach gefahrvollem und kräftezehrenden Gewaltmarsch auf tschechoslowakisches oder jugoslawisches Gebiet retten, im Gebirge verstecken oder untertauchen konnte, bekam die furchtbare Rache der austrofaschistischen Sieger zu spüren. Nicht nur die SDAP, sondern auch alle anderen noch bestehenden Arbeiterorganisationen wie Gewerkschaften und Arbeiter-Samariter-Bund wurden verboten. In ganz Österreich füllten sich die Anhaltelager, Gefängnisse und Zuchthäuser, per Notverordnung vom 12. Februar regierte unter der persönlichen Verantwortung von Justizminister Kurt Schuschnigg **) das Standrecht mit Sondergerichten, Galgen und Erschießungskommandos. Selbst schwerverwundete Kämpfer, so der 43jährige Schutzbündler Karl Münichreiter (1891 – 1934) aus Hietzing, wurden auf einer Tragbahre zur Hinrichtung geschleppt. Der den Truppen der Reaktion durch Verrat in die Hände gefallene Koloman Wallisch (1889 - 1934) wurde nach einer Standgerichtsfarce ebenso ermordet wie der Kommandant der Floridsdorfer Feuerwehr, Georg Weissel (1899 - 1934). Insgesamt wurden neun Todesurteile vollstreckt, das an Anton Bulgari (1877 - 1934) in Linz sogar noch nach der Aufhebung des Standrechts, 12 Verurteilte, oft wenige Minuten vor der geplanten Hinrichtung, zu langjährigen Kerkerstrafen begnadigt, nachdem einerseits der Proteststurm im Ausland unerwartet große Ausmaße angenommen hatte und andererseits die Regierung Dollfuß trotz enger Anlehnung an das faschistische Italien finanziell nach wie vor von Großbritannien und Frankreich abhängig war und ebenso auf die Tschechoslowakei Rücksicht nehmen musste. In zahlreichen Ländern, von der Sowjetunion bis hin zu Spanien und den USA entstanden, vor allem von den Kommunistischen Parteien getragene, breite Solidaritätsbewegungen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz gelangten erhebliche Geldspenden für die Februarkämpfer und ihre Familien nach Österreich, die Sowjetunion ermöglichte vielen Erholungsaufenthalte. Rückblickend lässt sich sagen, dass die Februarkämpfe in der Zeit zwischen dem bulgarischen Septemberaufstand von 1923 und dem national-revolutionären Krieg zur Verteidigung der Spanischen Republik der einzige Versuch waren, den Vormarsch des Faschismus durch bewaffneten Widerstand aufzuhalten. Sie bedeuteten außerdem den Zusammenbruch der politischen Praxis des Austro-Marxismus, waren der Schlusspunkt einer langen Kette von Fehlhaltungen und Fehlspekulationen des reformistischen Flügels der Arbeiterbewegung,

Der Austrofaschismus hatte zwar militärisch gesiegt, politisch und moralisch aber haushoch verloren. Es sollte ihm auch weiterhin nicht gelingen, seine Herrschaft dauerhaft zu stabilisieren, denn nur fünf Monate später musste er sich eines neuen, freilich von ganz anderer Seite kommenden Angriffs erwehren: Am 25. Juli unternahm die Fünfte Kolonne seines unversöhnlichen Konkurrenten, des Hitler-Faschismus, einen ersten Versuch, die Macht an sich zu reißen. Dessen auf Grund der schlechten wirtschaftlichen und sozialen Lage bei immer mehr Menschen verfangender raffinierter und demagogischer großdeutscher Anschlusspropaganda hatte Dollfuß auch mit der Erklärung Österreichs zum „zweiten deutschen Staat“ nicht den Wind aus den Segeln nehmen können. Der Zulauf zum Hitler-Faschismus beruhte zum einen wesentlich auf diesem ausschließlich Gefühle ansprechenden übersteigerten Nationalismus und zum anderen auf seiner, 1934 freilich erst in den Anfängen gesteckt habenden, scheinbar so sozialen Politik. Deren Gründe und Ziele waren allerdings niemals sozialer und schon gar nicht humanistischer, sondern rein pragmatischer und demagogischer Natur: Die Umsetzung der Welteroberungs- und Weltherrschaftspläne bedurfte der entsprechenden personellen Voraussetzungen, wobei die Kosten selbstverständlich zu Lasten der Werktätigen gingen, wie eine gängige Propagandalosung zeigte: „Wir sagen nicht den Reichen: Gebt Ihr den Armen! Wir sagen: Deutsches Volk, hilf Dir selbst!“, wobei diese „Selbsthilfe“ nicht in der Änderung der Machtverhältnisse, sondern unter anderem in mehr oder weniger erzwungenen „Spenden“ und regelmäßigen „Lohnabzugsopfern“ bestand. Doch welcher einfache österreichische Bürger sah das schon, zumal der Austro-Faschismus unter „Sozialpolitik“ die Konservierung halbfeudaler klerikal-patriarchalischer Abhängigkeitsverhältnisse verstand: Als Ideal stellte Dollfuß die Zeit vor der Französischen Revolution hin, „jene Zeit, in der der Arbeiter gegen seinen Herrn nicht aufstand und organisiert war.“ Die ihm vorschwebende berufsständische Ordnung sah er im Bauernhaus verwirklicht, „wo der Bauer mit seinen Knechten nach gemeinsamer Arbeit abends am gleichen Tisch aus der gleichen Suppe isst.“ Gewissermaßen mit vor Rührung glänzenden Augen fügte der Begründer des Austro-Faschismus hinzu, die Verhältnisse seien aber erst dann so richtig schön und vollkommen, „wenn beide noch nach Feierabend zum Rosenkranz sich niederknien.“

Auch wenn hier die hitlerfaschistische „Volksgemeinschafts“- und „Blut-und-Boden“-Propaganda grüßen ließ, war eine derart von zu allem Überfluss auch noch verklärter, ja verkitschter Rückständigkeit, Rückschrittlichkeit und Rückwärtsgewandheit, um nicht zu sagen Primitivität und Naivität geprägte Politik alles andere als zur Lösung der großen sozialen Probleme geeignet. Gerade sie trieb die Opfer der klerikal-faschistischen Diktatur in scharfe Opposition zu ihr und so war es kein Wunder, dass die Masse der österreichischen NSDAP aus verarmten Bauern und Kleinbürgern sowie verzweifelten Arbeitslosen bestand. Die Politik von Dollfuß-Regierung und „Vaterländischer Front“ bediente ausschließlich die Interessen jener Kreise der Kapitaleigner, die von einem Anschluss an das „Dritte Reich“ keine oder allenfalls geringfügige Vorteile zu erwarten hatten. Das waren einige Bereiche der Industrie, mit Ausnahme der Schwerindustrie, das Bankkapital und die Großagrarier. Dennoch glichen sich die Ziele von Austro- und Hitler-Faschismus wie ein Ei dem anderen, weshalb Dollfuß aller scharfen äußeren Konkurrenz zum Trotz der Ausbreitung der NSDAP und damit seinem eigenen Niedergang Vorschub leistete. Beide befanden sich hinsichtlich der Bekämpfung von Sozialdemokratie, Kommunisten und Gewerkschaften auf gleicher Wellenlänge, weshalb der Kanzler auf die lobenden Worte ihres Landesinspekteurs Theodor Habicht, seine Tätigkeit führe zur Schwächung der Linken und zur Stärkung des „Nationalsozialismus“, antwortete: „Ich bin so antimarxistisch, dass ich auch das in Kauf nehme.“

Hintergrund des scharfen Konkurrenzkampfes zwischen Hitler- und Austro-Faschismus waren die entgegengesetzten Interessen der Gruppen, von denen sie ausgehalten wurden und denen sie deshalb verpflichtet waren: In Österreich kreuzten sich die einander widersprechenden Expansionsziele des (reichs)deutschen und des italienischen Imperialismus. Mussolini, der zunächst noch auf ein Bündnis mit Frankreich gesetzt hatte, war bestrebt, den Einfluss der herrschenden Kreise Italiens in den südosteuropäischen Raum auszudehnen. Deshalb bestand in Rom größtes Interesse an der Beibehaltung der Selbständigkeit der Alpenrepublik. Seinen vertraglichen Niederschlag fand das in den 1934 zwischen Italien, Österreich und Ungarn abgeschlossenen „Römischen Protokollen“. Für das Deutsche Reich besaß das Land bereits vor dem 30. Januar 1933 eine Schlüsselstellung hinsichtlich der Beherrschung Mitteleuropas und als Sprungbrett in den Balkanraum, wobei es sich sowohl um wirtschaftliche Interessen als auch um eine für militärische Aggressionen günstige Ausgangsposition handelte. Dem standen natürlich die italienischen Bestrebungen ebenso im Wege wie die Selbständigkeit Österreichs. Eine Einigung zwischen beiden faschistischen Mächten kam erst ab 1936 zustande, da Italien im Zuge der gemeinsam mit dem „Dritten Reich“ vorgenommenen illegalen militärischen Einmischung zugunsten der Franco-Putschisten in Spanien immer mehr in deutsche Abhängigkeit geriet und somit schließlich und endlich Österreich samt Austro-Faschismus fallen lassen musste. Bis dahin aber tobte ein scharfer Konkurrenzkampf, der auf österreichischem Boden und mit Hilfe der austrofaschistischen „Vaterländischen Front“ auf italienischer und der österreichischen NSDAP auf (reichs)deutscher Seite ausgetragen wurde. Dabei wurde sowohl versucht, den Austro-Faschismus durch Terroranschläge von einer Nützlichkeit der Zusammenarbeit mit dem Hitler-Faschismus zu überzeugen als auch alle Möglichkeiten der politischen und wirtschaftlichen Erpressung zu nutzen, um ihn dazu zu zwingen. In Berlin wusste man sehr genau, wo das kleine Österreich am verwundbarsten war – eine Haupteinnahmequelle war der Fremdenverkehr und es waren vor allem Touristen aus dem „Dritten Reich“, die in Scharen in das Nachbarland kamen und diesem viel Geld einbrachten. Nachdem die Regierung Dollfuß auf Grund eines aufsehenerregenden Erfolges der NSDAP bei den Innsbrucker Gemeinderatswahlen im April 1933 die Abhaltung weiterer Wahlen untersagt hatte und „Reichsrechtsführer“ Hans Frank (1900 – 1946, ab 1939 „Generalgouverneur“ im besetzten Polen, als einer der Hauptkriegsverbrecher hingerichtet) eine Agitationsreise zugunsten der österreichischen Nazi-Partei vorzeitig abbrechen musste, trat am 1. Juni 1933 eine sogenannte Tausend-Mark-Sperre in Kraft: Wer in das Alpenland reisen wollte, hatte zuvor eine Gebühr von 1.000 Reichsmark zu entrichten. Dieser für die Masse der Bürger unvorstellbar hohe Betrag sorgte denn auch für einen starken Rückgang des Touristenstroms, wodurch vor allem dem Fremdenverkehr bedeutende Verluste zugefügt wurden. Damit einher ging eine neue Terrorwelle der NSDAP, die ihren Höhepunkt am 19. Juni in einem SA-Anschlag auf eine austrofaschistische Hilfspolizei-Abteilung bei Krems an der Donau erreichte. Nach dem daraufhin erlassenen Parteiverbot wurden die Daumenschrauben mit einem Boykott österreichischer Waren durch (reichs)deutsche Importeure weiter angezogen. Dazu gesellten sich Propaganda-Aktionen und von der in Bayern untergeschlüpften SA-Einheit „Österreichische Legion“ angezettelte militärische Provokationen. Das hinderte Bundeskanzler Dollfuß freilich nicht daran, weiter den Ausgleich mit dem Hitler-Faschismus zu suchen, weshalb die illegale KPÖ schon im Juni eindringlich vor einer brutalen „Steigerung der Unterdrückungsmethoden gegen das Proletariat“ warnte. Ihr Vorsitzender Johann Koplenig (1891 - 1968) verwies auf der XIII. Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) auf die Tatsache, dass es Dollfuß gut verstand, „unter dem Deckmantel der Abwehr des Hitler-Faschismus den Hauptschlag gegen die Arbeiterklasse zu führen“, um am Ende „auf dem Weg über Italien zu einer baldigen Verständigung mit Hitler-Deutschland zu kommen.“ So wurden auch weiterhin alle Register gezogen, um die bereits in die Illegalität gedrängte Arbeiterbewegung vollends handlungsunfähig zu machen: Am 16. März 1936 wurden neben weiteren Funktionären die führenden Sozialdemokraten Karl Hans Sailer (1900 – 1957), Maria Emhart (1901 – 1981), Franz Jonas (1899 – 1974, von 1965 bis 1974 Bundespräsident), Bruno Kreisky (1911 – 1990, von 1970 – 1983 Bundeskanzler), Stefan Wirlandner (1905 – 1981, Pseudonym Hans Müller) und Anton Proksch (1897 - 1975) sowie der Kommunist Franz Honner (1893 – 1964) vor das Wiener Landesgericht gezerrt und des Hochverrats angeklagt. Eine starke internationale Solidaritäts-und Protestwelle erzwang schließlich am 24. März den Freispruch von Franz Jonas, während die übrigen Angeklagten nach damaligen Maßstäben als milde geltende Haftstrafen von 12 bis 20 Monaten erhielten und noch im gleichen Jahr auf Grund einer Amnestie freikamen. Gegen die Hauptangeklagten Karl Hans Sailer und die Februarkämpferin Maria Emhart hatte der Staatsanwalt ursprünglich die Todesstrafe beantragt gehabt! Den sozialdemokratischen Rechtsanwalt Dr. jur. Heinrich Steinitz (1879 – 1942), Verteidiger in diesem als „Großer Sozialistenprozess“ in die Geschichte eingegangenen Verfahren, schleiften die Nazis 1938 in das KZ Dachau, dann nach Buchenwald und ermordeten ihn schließlich in Auschwitz. In einer anonym erschienenen und in 20.000 Exemplaren illegal vertriebenen Schrift verbreitete der sozialdemokratische Rechtsanwalt und Journalist Dr. jur. Otto Leichter (1897 – 1973) die Wahrheit über das Vorgehen der austrofaschistischen Terrorjustiz.

Das „Dritte Reich“ freilich dachte mit keiner Silbe daran, die nazifreundliche Haltung führender Vertreter des Austro-Faschismus zu honorieren, sondern setzte auf den gewaltsamen Anschluss: Bereits 1933 gab es in der österreichischen NSDAP Überlegungen über eine mittels Putsch zu erreichende „Machtergreifung“, der ab März 1934 konkrete Planungen durch hohe SS- und SA-Führer folgten, in die auch nazifreundliche Politiker wie der Landbund-Führer und zeitweilige Vizekanzler Franz Winkler (1890 – 1945), der Militärattaché in Paris, Lothar Rendulic (1887 – 1971), und der christlich-soziale steirische Landeshauptmann Anton Rintelen (1876 – 1946) als an die Macht zu bringender neuer Bundeskanzler einbezogen wurden. An den mit Wissen und Billigung Hitlers ausgeführten Planungen waren unter anderem der Landesinspekteur der NSDAP, Theodor Habicht (1898 – 1944), der Führer der illegalen Wiener SS-Standarte 89, Fridolin Glass (1910 - 1943), der Führer der illegalen SA, Hermann Reschny (1898 – 1971), NSDAP-Gauamtsleiter Otto Wächter (1901 – 1949), NSDAP-Stabsleiter Rudolf Weydenhammer, der Führer des SS-Oberabschnitts Donau, Alfred Rodenbücher (1900 – 1979), das Mitglied der Landesleitung der NSDAP und frühere Heimatschutzführer Hanns Albin Rauter (1895 – 1949, als Kriegsverbrecher in den Niederlanden hingerichtet) und der steirische Gauleiter Walter Oberhaidacher (1896 – 1945) beteiligt. Trotz aller Geheimhaltung und Geheimniskrämerei blieb das Vorhaben den austrofaschistischen Sicherheitsbehörden nicht verborgen, wobei insbesondere Reschny der trotz der Massaker vom 30. Juni 1934 nicht endgültig beseitigten Rivalität zwischen SA und SS entsprungene Zuträgerdienste nachgesagt werden, weshalb am Putschversuch allenfalls der Zeitpunkt überraschend kam: Am 25. Juli 1934 stürmten154 als Angehörige des Bundesheeres und der Polizei verkleidete bewaffnete SS-Leute das Bundeskanzleramt, doch die Aktion verlief nicht wie geplant. Während die Mitglieder der Regierung entkommen konnten, wurde Engelbert Dollfuß durch zwei Schüsse niedergestreckt. So entstand unter dieser Gruppe der Putschisten eine heillose Verwirrung, zumal sie auch des Bundespräsidenten Wilhelm Miklas nicht habhaft wurden. Derart kopflos geworden flüchteten sie aus dem Gebäude und ließen den schwerverletzten Kanzler verbluten. Erfolgreicher war die mit der Besetzung des Gebäudes der Radioverkehrs AG (RAVAG) beauftragte Gruppe, die über den Rundfunk die Falschmeldung vom Rücktritt der Regierung und die Berufung Anton Rintelens zum Bundeskanzler verbreitete. Das sollte zudem das Signal zum allgemeinen Aufstand sein, worauf in Teilen Kärntens, der Steiermark und Oberösterreich schwere und blutige sowie in Salzburg kleinere Auseinandersetzungen entbrannten, an denen auch die reaktionäre steirische Bauernwehr und die „Österreichische Legion“ beteiligt waren. Der Putsch brach jedoch innerhalb weniger Stunden zusammen, die letzten Scharmützel endeten am 27. Juli und Rintelen versuchte durch schnelle Distanzierung davon noch seinen Kopf zu retten. Die Verschwörer hatten nicht nur ihre Kräfte maßlos überschätzt, sondern sich auf Grund zahlreicher innerer Rivalitäten, hauptsächlich der zwischen SA- und SS-Führern, weitgehend selbst behindert und statt für eine klare Befehlslage für heillose Verwirrung gesorgt. Vor allem aber erfüllten sich die Hoffnungen auf eine Unterstützung oder wenigstens neutrale Haltung seitens des Militärs überhaupt nicht, obwohl der Wiener Stadtkommandant, Oberstleutnant Sinzinger, an den Vorbereitungen, unter anderem durch Beschaffung der Uniformen, beteiligt gewesen war. Den Kräften von Bundesheer, Polizei und Heimwehr waren die Putschisten nicht gewachsen, der Zusammenbruch bedeutete eine erhebliche Schlappe für den Hitler-Faschismus wie auch eine große Blamage für Hitler persönlich, vor allem jedoch einen außenpolitischen Skandal. Verhaftete Putschisten wurden in „Anhaltelager“ eingeliefert oder vor Sondergerichte gestellt, an 13 von ihnen, darunter Dollfuß' Mördern, das Todesurteil vollstreckt. Neuer Bundeskanzler wurde der bisherige Justiz- und Unterrichtsminister Kurt Schuschnigg (1897 – 1977), Bundesführer der „Vaterländischen Front“ der Vizekanzler, Sicherheitsminister und Heimwehr-Führer Ernst Rüdiger Starhemberg **) (1899 – 1956).

Wenngleich der wegen seiner Rolle bei der brutalen Niederschlagung der Februarkämpfe in Österreich noch heute zu Recht als Arbeitermörder geächtete Schuschnigg unter dem Kruckenkreuz seiner „Vaterländischen Front“ pathetisch gelobte „Rot-Weiß-Rot bis in den Tod!“ und um seinen ermordeten Vorgänger einen Heiligen- und Märtyrerkult veranstalten ließ, der Austro-Faschismus hatte eine Atempause herausgeschlagen, mehr nicht. Seinen Niedergang konnte er damit nicht aufhalten, zumal der Hitler-Faschismus dank der seit 1936 immer größer werdenden Abhängigkeit Italiens vom „Dritten Reich“ und der Beschwichtigungspolitik Großbritanniens und Frankreichs zunehmend an Handlungsspielraum gewann. Dennoch hielten es die Verantwortlichen des „Dritten Reiches“ für geboten, nach dem Scheitern des Juli-Putsches und zur Sicherung des Einflusses in Italien die Weltöffentlichkeit durch ein etwas langfristigeres Vorgehen über die wahren Absichten zu täuschen: So wurde die Republik Österreich als souveräner Staat anerkannt, vorerst jedenfalls und formal. Mit dem Abkommen vom 11. Juli erklärte Schuschnigg das Land nun auch völkerrechtlich zum „zweiten deutschen Staat“, was nichts mit Gleichberechtigung zu tun hatte, sondern der Bevormundung durch das „Dritte Reich“ Tür und Tor öffnete: Von diesem war nunmehr die Gestaltung der Außenpolitik des Alpenlandes abhängig, was im Vertrag mit dem harmlos klingenden Wort „Koordinierung“ verbrämt worden war. In geheimen Abmachungen wurden unter anderem Festlegungen zur Haftentlassung österreichischer Nazis und zur Aufnahme hochrangiger Funktionäre in die Regierung getroffen. Auf Grund der am 22. Juli verkündeten Amnestie konnten rund 20.000 NSDAP-Mitglieder die Gefängnisse und Anhaltelager verlassen, etwa 10.000 Nazis, die nach dem Juli-Putsch in das „Dritte Reich“ geflohen waren, wurde die Rückkehr erlaubt. Mit den am 27. Juli in Berlin begonnenen Wirtschaftsgesprächen wurde die Abhängigkeit der österreichischen von der (reichs)deutschen Wirtschaft vertieft. Sozusagen als Belohnung für Schuschniggs Unterwerfungskurs wurde am 24. August das Gesetz über den Reiseverkehr mit Österreich erlassen, dem die Aufhebung der knebelnden Tausend-Mark-Sperre folgte. Diesem Gesetz schlossen sich Abkommen über den Reise- und Zahlungsverkehr sowie den sogenannten Kleinen Grenzverkehr an. Schuschniggs Kurs führte alsbald zu schweren Auseinandersetzungen innerhalb des Austro-Faschismus, die der Kanzler schließlich durch das Verbot der nach einer Vormachtstellung in der Politik strebenden Heimwehren und deren Überführung in die „Vaterländische Front“ als „Frontmiliz“ sowie die Entmachtung seines immer mehr zum Gegenspieler gewordenen Vizekanzlers Ernst Rüdiger Starhemberg im Oktober 1936 beendete.

Im gleichen Jahr entsandte Hitler seinen einstigen Vizekanzler von Papen als Botschafter nach Wien, um an Ort und Stelle die Fäden zur Vorbereitung des „Anschlusses“ zu ziehen. Am 24. Juni 1937 erging die geheime Weisung zur einheitlichen Kriegsvorbereitung der Wehrmacht: „stete Kriegsbereitschaft“ nach Westen (Fall Rot), Südosten (Fall Grün) und Osten sowie hinsichtlich der beiden Sonderfälle Österreich (Fall Otto) und Spanische Republik (Fall Richard). Als sich Österreich und Ungarn auf einer gemeinsamen Konferenz mit Italien am 10. Januar 1938 in Budapest schließlich auf die Achse Berlin – Rom und den Antikominternpakt einschwören ließen, war klar, dass Mussolini die Alpenrepublik endgültig fallengelassen hatte und die Tage ihrer Unabhängigkeit gezählt waren. Botschafter von Papen, der seine Aufgaben erfüllt hatte und von nun an eher hinderlich war, wurde am 4. Februar abberufen. Schuschniggs Besuch auf Hitlers „Berghof“ bei Berchtesgaden am 12. Februar war kein sachlicher Meinungsaustausch zwischen zwei Staatsmännern, sondern glich vielmehr einem Befehlsempfang. Gefordert wurden nicht mehr und nicht weniger als die Hinnahme einer vollständigen hitlerfaschistischen Kontrolle der österreichischen Außenpolitik, die endgültige Aufhebung des Verbots der NSDAP sowie eine Amnestie für alle ihre noch in Haft befindlichen Mitglieder. Gipfelpunkt der Bevormundung des Nachbarstaates war, dass Hitler dem Bundeskanzler gleich noch die Zusammensetzung der Regierung vorschrieb: Er verlangte die Berufung seiner Getreuen Arthur Seyß-Inquart (1892 – 1946, als einer der Hauptkriegsverbrecher hingerichtet - Innenminister), Edmund von Glaise-Horstenau (1882 – 1946, Kriegsminister) und Hans Fischböck (1895 – 1967, Finanzminister). Zudem war „die Angleichung des österreichischen an das deutsche Wirtschaftssystem“ vorzubereiten. Nach Schuschniggs Erinnerungen sagte Hitler völlig undiplomatisch und mit aller Brutalität unter anderem: „... Übrigens hat Österreich nie etwas getan, was dem Deutschen Reich genützt hat. ... Aber dieser geschichtliche Widersinn muss endlich sein längst fälliges Ende finden. Und das sage ich Ihnen, Herr Schuschnigg: Ich bin fest dazu entschlossen, mit dem allem ein Ende zu machen. ...“ Um den der Souveränität des Landes hohnsprechenden ultimativen Forderungen Nachdruck zu verleihen und die austrofaschistische Führung gefügig zu machen, wurden für den 13. Februar dreitägige Wehrmachts-Manöver anberaumt. Zwar handelte es sich lediglich um eine Scheinmaßnahme, doch die reichte aus – am 15. Februar wurden Hitlers Forderungen angenommen, Seyß-Inquart einen Tag später zum Innenminister berufen. Dieser Koalition aus Austro- und Hitler-Faschismus war freilich nur ein kurzes Leben zugedacht. Sie sollte nicht mehr als eine Übergangsregierung sein, die bis zum Tag des Anschlusses für erforderlich gehaltenen weiteren Maßnahmen einer ausschließlich von der hier noch als Juniorpartner von Schuschniggs „Vaterländischer Front“ erscheinenden NSDAP gebildeten Regierung vorbehalten sein. Der zur Stabilisierung der Herrschaft der an der staatlichen Unabhängigkeit interessierten Gruppen des österreichischen Großkapitals geschaffene Austro-Faschismus hatte mit dem rigorosen Abbau der 1918 von den Werktätigen erkämpften Rechte und der gewaltsamen Niederschlagung der dagegen gerichtet gewesenen Protestbewegungen genau das Gegenteil erreicht und Hitlers Fünfter Kolonne den Weg geebnet.

Kurt Schuschnigg war nunmehr als Befehlsempfänger und Vollstrecker der Weisungen aus der Reichskanzlei überflüssig, denn mit Arthur Seyß-Inquart saß ja der direkte Mann des „Größten Feldherrn aller Zeiten“ in Österreichs Regierung. Nur einen Tag nach Aufnahme seiner Amtsgeschäfte machte er sich auf den Weg nach Berchtesgaden, um dort Weisungen hinsichtlich der nächsten Schritte zum Umsturz entgegenzunehmen. Zur gleichen Zeit trat die Schuschnigg abgepresste Amnestie für alle noch inhaftierten österreichischen Nazis in Kraft. Am 20. Februar verkündete Hitler in seiner Rede vor dem Reichstag ganz unverblümt, was der Republik Österreich in Kürze bevorstehen sollte und erging sich in neuen Drohungen. Vier Tage später raffte sich ihr Bundeskanzler zu einem schüchternen Widerstand auf, als er vor dem Nationalrat die Unabhängigkeit des Landes bekräftigte. Daraufhin setzte die ja inzwischen wieder völlig legale NSDAP alle ihre Mittel ein, um den Anschluss zu erzwingen: Vielerorts wurden tumultartige Zusammenrottungen und Zwischenfälle organisiert, die ihren Höhepunkt in der steirischen Landeshauptstadt Graz erreichten. Dagegen entwickelte sich, initiiert von verbotener SAPD und KPÖ, eine Volksbewegung gegen die Auslieferung des Landes. An Schuschnigg erging die Forderung nach Gewährung demokratischer Rechte und Freiheiten, um Österreichs Unabhängigkeit verteidigen zu können. Unverzüglich wurde nun am 4. März der wenige Tage später von Außenminister Joachim von Ribbentrop (1893 – 1946, als einer der Hauptkriegsverbrecher hingerichtet) zum Staatssekretär für besondere Aufgaben ernannte Wilhelm Keppler (1882 – 1960), wegen seiner engen Verbindung zu Industriekreisen außerdem Berater Hermann Görings (1893 – 1946, als einer der Hauptkriegsverbrecher zum Tode verurteilt, durch Selbstmord geendet) für die Durchführung des Vierjahresplans sowie Begründer des „Freundeskreises Reichsführer SS“, nach Wien in Marsch gesetzt, um bei Schuschnigg die Unterdrückung jedweder Widerstandsbewegung zu verlangen. So trat der Kanzler die Flucht nach vorn an und setzte für den 13. März eilends eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs an. Hitler vermochte offensichtlich seinen großsprecherischen Worten selbst nicht zu trauen, hatte er doch am 12. Februar noch zu seinem Gast gesagt: „Versuchen Sie es doch einmal, und machen Sie eine freie Volksabstimmung in Österreich, in der Sie und ich gegeneinander kandidieren; dann werden Sie sehen.“ Nun aber verlangte er höchst aufgebracht die sofortige Absetzung der Abstimmung und Schuschniggs Rücktritt. Zugleich erging am 11. März die Weisung Nr. 1 (Fall Otto) an die Wehrmacht, in der es in Punkt 1 unter anderem hieß: „Ich beabsichtige, wenn andere Mittel nicht zum Ziele führen, mit bewaffneten Kräften in Österreich einzurücken ...“ Um sich für den Einmarsch das Wohlverhalten Italiens zu sichern, schickte der Diktator seinen über beste Verbindungen nach Rom verfügenden Sonderbotschafter Prinz Philipp von Hessen (1896 - 1980), immerhin Schwiegersohn von König Viktor Emanuel III. (1869 - 1947), zu Mussolini.

Obwohl Schuschnigg die Volksabstimmung noch am gleichen Tage absetzte und mit seinem Rücktritt endgültig vor Hitler kapitulierte, blieb dieser bei seiner Linie, die Unabhängigkeit der Alpenrepublik umgehend auszulöschen. Italien hatte seinem späten Ersuchen nachgegeben, zumal ihm gar keine andere Wahl geblieben war, und von Großbritannien waren ebenso wie von Frankreich allenfalls lauwarme papierne Proteste zu erwarten. Noch in der gleichen Nacht machte sich auch Bundespräsident Miklas überflüssig, als er Seyß-Inquart zum neuen Bundeskanzler berief: Der Chef dieser nun ausschließlich aus Nazis bestehenden und lediglich drei Tage amtierenden Regierung hatte einen einzigen Auftrag – umgehend einen fingierten „Hilferuf“ nach Berlin zu schicken und damit den Einmarsch der längst bereitstehenden Truppen der Wehrmacht auszulösen. Den noch am 11. März zur Sicherung eines reibungslosen Ablaufs der Volksabstimmung in zahlreiche Orte entsandten Einheiten des Bundesheeres wurde die widerstandslose Hinnahme der Besetzung befohlen. In der Nacht des 12. März überschritten 200.000 Soldaten der Wehrmacht, gefolgt von SS- und Polizei-Verbänden, die Grenze und drangen auf breiter Front in das Land ein. Ohne irgendeine Kriegserklärung wurde ein souveräner Staat besetzt und für sieben lange Jahre von der Landkarte ausgelöscht. Schon am Tage danach erließ Hitler das sogenannte „Wiedervereinigungsgesetz“, dessen Artikel 1 lautete: „Österreich ist ein Land des Deutschen Reiches.“, und schickte den Gauleiter der Saarpfalz, Josef Bürckel (1895 – 1944), als „Reichskomissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Reich“ nach Wien, um die für die Eingliederung des Landes notwendigen Maßnahmen durchzusetzen. Dieser Mann war kein unbeschriebenes Blatt, hatte er sich doch schon 1935 als „Reichskommissar für die Rückgliederung des Saarlandes“ als „Anschlussexperte“ ausgewiesen. Briefmarken erschienen fortan mit der Staatsbezeichnung „Großdeutsches Reich“, aus dem seit 1933 ohnehin nur als Scheinparlament wirkenden Reichstag wurde der „Großdeutsche Reichstag“, was freilich nicht mehr als die äußerliche Dokumentierung der Annexion war. Die Mehrheit der Bevölkerung im nunmehrigen „Altreich“ und dem alsbald als „Ostmark“ bezeichneten Österreich versank in nationalistischem Taumel, Siegeseuphorie und ausuferndem Hitlerkult. Wie schon bei der Errichtung der austrofaschistischen Diktatur lud auch hier die Kraft schwere Schuld auf sich, die den größten Einfluss in der Bevölkerung hatte: Als Hitler in Wien Einzug hielt, wurden die Kirchenglocken geläutet, von den Kirchtürmen wehten Hakenkreuzfahnen. Theodor Innitzer (1875 - 1955), Kardinal-Erzbischof der Hauptstadt, verfasste zusammen mit weiteren Bischöfen einen Aufruf, in dem die „hervorragenden Leistungen des Nationalsozialismus“ gefeiert wurden. An die Priester erging die Anweisung, Dankgottesdienste abzuhalten, und am 18. März folgte die offizielle Loyalitätserklärung der katholischen Kirche. Selbstverständlich gehörte Seine Eminenz bei der „großdeutschen Wahl“ am 10. April zu den ersten, die ihre Stimme für die NSDAP-Kandidaten zum Reichstag und für die „Wiedervereinigung“ abgaben. Er erklärte seinen Bischöfen unter anderem, „der Kampf gegen die gefährliche Ketzerei des Bolschewismus“ sei „offenbar ein Gegenstand des Segens göttlicher Vorsehung“. Zwei Wochen nach der katholischen bekundete auch die evangelische Kirche ihre Loyalität zur Nazi-Herrschaft. Einzig die illegale KPÖ erklärte in ihrem noch in der Nacht des 12. März erlassenen Aufruf: „Das österreichische Volk wird nie und nimmer diese Fremdherrschaft, aufgerichtet unter den Bajonetten und dem Terror, anerkennen.“ Das ZK der KPD erklärte sich mit der Bruderpartei solidarisch: „Die deutsche Arbeiterklasse, das deutsche Volk lehnen den ungeheuerlichen Gewaltakt Hitlers gegen Österreich mit aller Leidenschaft ab. Die Arbeiterschaft und das deutsche Volk wollen nichts zu tun haben mit der militärischen Niederwerfung und Unterdrückung des österreichischen Volkes.“ Leider konnten beide Parteien nur für eine Minderheit nicht nur der Bevölkerung, sondern auch der Arbeiterbewegung sprechen – so sah der deutsch-nationalistische Positionen vertretende rechte Sozialdemokrat Karl Renner (1870 - 1950) im „Anschluss“ eine „geschichtliche Notwendigkeit“ und betrachtete die österreichische Frage als „gelöst“. Damit nahm ein führender Politiker der SDAP den Gewaltakt nicht nur hin, im Gegenteil, er begrüßte ihn auch noch und biederte sich mit seinen Angeboten zur Zusammenarbeit geradezu an. Zwar war der Hitler-Faschismus daran nicht interessiert, doch Karl Renner brachte derartige Liebedienerei einen recht milden Hausarrest ein, während viele andere Mitglieder und Funktionäre ebenso wie Kommunisten, bürgerliche Nazi-Gegner und jüdische Mitbürger in Konzentrationslager verschleppt wurden. Seine damals nicht veröffentliche Schrift, mit der er die Annexionen Österreichs und der tschechoslowakischen Grenzgebiete begrüßte und rechtfertigte, wurde nach 1945 von der als Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) wiedergegründeten SDAP jahrzehntelang verschwiegen, um seine Wahl zum Staatsoberhaupt der zweiten Republik nicht zu gefährden. Ebenso versuchte sich der im Schweizer Exil lebende ehemalige Heimwehr-Führer und Teilnehmer am Hitler-Putsch vom 9. November 1923 Ernst Rüdiger Starhemberg wieder bei den Nazis anzubiedern. Verhaftet wurde dagegen eine Reihe namhafter weiterer Vertreter des Austro-Faschismus: Kurt Schuschnigg beispielsweise verbrachte die Zeit bis zum Frühjahr 1945 zunächst als Gestapo-, dann als KZ-Häftling in Dachau, Flossenbürg und ab 1941 in Sachsenhausen, allerdings mit sogenanntem Prominentenstatus. Insgesamt wurden bei der vom noch vor der Wehrmacht in Wien eingetroffenen Reichsführer SS Heinrich Himmler (1900 – 1945, Selbsttötung) angeordneten Großaktion zwischen dem 13. März und dem 10. April 75.000 Menschen verhaftet, wobei sich Polizei, SS und Gestapo zu einem beträchtlichen Teil auf Karteien der österreichischen Staatspolizei stützen konnten. Während Reichskommissar Bürckel das Anhaltelager Wöllersdorf mit den theatralischen Worten, „die deutsche Freiheit“ benötige „keinen Stacheldraht“, auflöste, entstand wenige Monate später bei Mauthausen das schlimmste Konzentrationslager auf österreichischem Boden. Unter den während der Großaktion Verhafteten war übrigens auch der Henker Johann Lang. Dieser fand noch im gleichen Jahr im KZ Dachau sein Ende, freilich nicht als Sühne für die Ermordung der zu Opfern der Dollfußschen und Schuschniggschen Terrorjustiz gewordenen Februarkämpfer, sondern wegen der Vollstreckung der Todesurteile gegen den Anführer der das Bundeskanzleramt gestürmt habenden Juli-Putschisten, Franz Holzweber (1904 – 1934), und den Dollfuß-Mörder Otto Planetta (1899 – 1934) sowie weitere Nazis. Selbstverständlich wurde der von Schuschnigg inszenierte Dollfuß-Kult umgehend durch den um die getöteten Juli-Putschisten abgelöst.

Mit der Annexion einher gingen die sofortige Neuvereidigung des Bundesheeres auf Hitler samt Übernahme in die Wehrmacht am 29. März sowie die Eingliederung von Polizei und Beamtenapparat, deren Angehörige in ihrer Mehrheit ohnehin pronazistisch eingestellt waren. Die Leitung der Sicherheitsbehörden übertrug Himmler seinem langjährigen österreichischen Vertrauten Ernst Kaltenbrunner (1904 – 1946, als einer der Hauptkriegsverbrecher hingerichtet) als Höherem SS- und Polizeiführer (HSSPF). Die sofort einsetzende Entrechtung, Verfolgung und Erniedrigung der jüdischen Bevölkerung erreichte Ausmaße, die es selbst im „Altreich“ bis dahin nicht gegeben hatte. Vor allem aber wurde die österreichische Wirtschaft in den Dienst der Kriegsvorbereitung gestellt: Der Schilling wurde zum Kurs 1,5 : 1 durch die Reichsmark ersetzt und die Zollgrenze aufgehoben. Finanzinstitute des „Altreichs“ übernahmen die Einlagen von Nationalbank und Sparkassen, wodurch der Aufrüstung drei Milliarden Schilling an Spareinlagen (2 Mrd. RM) und der österreichische Staatsschatz mit etwa 6.000 kg Feingold, 250 Millionen Schilling in Gold (167 Mio. RM) und 180 Mio. Schilling an Devisen (120 Mio. RM) zuflossen. Zudem wurden der Wirtschaft rund zwei Millionen an neuen Arbeitskräften zur Verfügung gestellt. Namhafte Großkonzerne übernahmen österreichische Unternehmen, entweder zur Gänze oder in Form von Beteiligungen. Sie beherrschten so in kürzester Frist die Wirtschaft des Alpenlandes, wofür aus Platzgründen nur einige wenige Beispiele stehen: Im Energiesektor wurde die Alpen-Elektrowerke AG Wien zu 100 % von der Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG Berlin übernommen, im Berg- und Hüttenwesen die Alpine Montanbetriebe Linz und die Steyrische Gußstahlwerke AG Wien zu 100 % durch die Reichswerke „Hermann Göring“. Im Bereich der metallverarbeitenden Industrie erwarben Henschel und Sohn Kassel 86,5 % des Aktienkapitals der Wiener Lokomotivfabrik AG, in der chemischen Industrie machte sich die IG Farben durch Erwerb von Beteiligungen an der Österreichische Stickstoffwerke AG Linz (60 %) und Donau-Chemie AG Wien (98,5 %) breit. Im Banken-, Sparkassen- und Versicherungswesen stiegen unter anderem die Deutsche Bank mit einer Beteiligung von 51 % an der Österreichischen Creditanstalt – Wiener Bankverein, die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank München mit 93,5 % am Hypotheken- und Creditinstitut Wien sowie die „Colonia“, Kölnische Versicherungs AG mit 78,3 % an der Allgemeine Elementarversicherungs AG Wien in das große Geschäft ein. Die für Kriegsvorbereitung und -führung äußerst wichtigen Bundesbahnen Österreichs (BBÖ) wurden in die Deutsche Reichsbahn (DR) eingegliedert und deren Strukturen angepasst. Dem „Dritten Reich“ waren mit der Annexion außer dem Industriepotential auch für die Rüstungsproduktion wichtige Bodenschätze in die Hände gefallen, deren Ausbeutung mit der am 19. März erfolgten Einbeziehung in den Vierjahresplan auf eine gesetzliche Grundlage gestellt wurde. So regelte eine Vielzahl neuer Verordnungen den Abbau der auf 220 Millionen Tonnen geschätzten hochwertigen Eisenerze, der Vorkommen an Kupfer, Blei, Zink, Antimon, Aluminium, Chrom, Quecksilber, die Förderung von Erdöl im nördlich von Wien gelegenen Revier Zistersdorf sowie die Nutzung der für die Herstellung von Viskosefasern wichtigen reichen Waldbestände. Von militärstrategischer Bedeutung waren die nunmehr hergestellte Landverbindung zu den Verbündeten Italien und Ungarn, die Möglichkeit der Nutzung Österreichs als Aufmarschbasis für künftige Aggressionen in den Balkanraum und vor allem die für die Erreichung der nächsten Ziele faschistischer Aggressionspolitik bedeutsame Umklammerung der tschechoslowakischen Landesteile Böhmen und Mähren-Schlesien.

Als einziger Staat protestierte die UdSSR am 17. März gegen die Annexion Österreichs, Außenminister Maxim Litwinow (1876 - 1951) erklärte: „Die sowjetische Regierung hat warnend darauf hingewiesen, dass internationale Passivität und Straflosigkeit für eine Aggression in einem Falle verhängnisvoll eine Wiederholung und Vermehrung solcher Vorfälle nach sich ziehen.“ Großbritanniendagegen erkannte den Gewaltakt am 2. April an, Frankreich und die USA folgten. Die Botschaften wurden aufgelöst, zudem hatte der Völkerbund bereits am 22. März die Mitgliedschaft Österreichs gelöscht. Hitler-Deutschland wurde so in der Auffassung bestärkt, dass weiteren Aggressionen von dieser Seite kein ernsthafter Widerstand entgegengesetzt werden würde. Dabei wurde sowohl auf die antisowjetische Haltung der Westmächte gebaut, die bedenkenlos bereit waren, dem „Dritten Reich“ freie Hand zu lassen, solange sich dessen Aggressionspolitik nach Osten, und da vor allem gegen die UdSSR, richtete, als auch auf das mit der Annexion veränderte Kräfteverhältnis in Europa sowie die nun schon erreicht geglaubte militärische Überlegenheit. Maxim Litwinow sollte recht behalten, als er erklärte, welchem Land als nächstem höchste Gefahr drohte: „In erster Linie droht der Tschechoslowakei Gefahr, danach droht sie, weil eine Aggression wie eine ansteckende Krankheit ist, sich zu neuen internationalen Konflikten auszuweiten.“ Davon freilich wollten die herrschenden Kreise Großbritanniens und Frankreichs nichts hören, sondern beteiligten sich wenige Monate später mit den Unterschriften ihrer führenden Politiker unter das Münchner Diktat am 29. September aktiv an der Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates.

Es war eine Minderheit der österreichischen Bevölkerung, die sich dem Faschismus widersetzte, weshalb ihr Einsatz und ihre Opferbereitschaft um so höher zu bewerten sind. Stellvertretend für sie sollen hier genannt werden: Julius Deutsch, Kommandant des Republikanischen Schutzbundes, kämpfte als General der spanischen Volksarmee gegen die Franco-Putschisten; Franz Honner kämpfte ebenfalls an der Seite der Spanischen Republik sowie in der jugoslawischen Partisanenbewegung; Dr. Alfred Klahr (1904 – 1944, in Warschau von SS ermordet), war Redakteur des theoretischen Organs der KPÖ „Weg und Ziel“ im Exil; Prof. Dr. Franz Mair (1910 - 1945) fiel als Angehöriger der Tiroler Freiheitsbewegung bei den Kämpfen um das Innsbrucker Landeshaus am 3. Mai 1945; Siegfried (Friedl) Fürnberg (1902 – 1978) war Kämpfer des ersten österreichischen Freiheitsbataillons innerhalb der jugoslawischen Partisanenbewegung; Leo Gabler (1908 – 1944, von der Nazi-Justiz ermordet)organisierte ab 1941 die Untergrundarbeit der KPÖ; Erwin Puschmann (1905 – 1943, nach Verrat durch den Gestapo-Spitzel Kurt Koppel von der Nazi-Justiz ermordet) stand an der Spitze der dritten illegalen Leitung der KPÖ; Stefan Wirlandner und Marie Jahoda (1907 – 2001) arbeiteten beide am Londoner Sender „Radio Rotes Wien“.

 

H.-J. Weise

 

*) Der Begriff „reichsdeutsch“ diente in der österreichisch-ungarischen Monarchie und dann auch in der ersten Republik Österreich zur Unterscheidung der eigenen deutschsprachigen Bürger von denen des Deutschen Reiches.

**) Der Adel als bevorrechtete Gruppe der Bevölkerung war im Zuge der Gründung der Republik Österreich abgeschafft worden, weshalb einstige Titel im Gegensatz zur Weimarer Republik seit 1919 auch nicht als Bestandteile des Namens geführt werden durften. Die Geburtsnamen lauteten Kurt Edler von Schuschnigg und Ernst Rüdiger Fürst von Starhemberg.

 

Bild: Nach Hitlers provokatorischer Reichstagsrede vom 20. Februar 1938 rotteten sich wie hier in Graz österreichische Nazi-Anhänger vielerorts zu ausuferndem Anschlusskundgebungen zusammen. (Quelle: „Deutsche Chronik 1933 - 1945“)

 

Alfred Klahr Gesellschaft, Verein zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung: „Aus der Vergangenheit der KPÖ“, Aufzeichnungen und Erinnerungen zur Geschichte der Partei, hg. von der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ. Wien: Globus Verlag 1961

Antel, Franz (Regie): „Der Bockerer“, österreichischer Spielfilm von 1981 nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Ulrich Becher und Peter Preses

Autorenkollektiv (Leitung: Schumann, Wolfgang und Hass, Gerhard): „Deutschland im Zweiten Weltkrieg“, Band 1, AKADEMIE-VERLAG BERLIN 1975

Bergschicker, Heinz: „Deutsche Chronik 1933 - 1945“, 1. Auflage, Verlag der Nation Berlin 1981

„Erinnerungsorte des Nationalsozialismus in Innsbruck und Seefeld“ - ein Projekt von Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, www.erinnern.at und des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck

Garscha, Winfried und Hautmann, Hans: „Februar 1934 in Österreich“, Dietz Verlag Berlin 1984

Garscha, Winfried R. und McLoughlin, Barry: „Wien 1927“ (Untertitel: „Menetekel für die Republik“), Dietz Verlag Berlin 1987

Gruber, Andreas (Regie): „Hasenjagd – Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen“, österreichischer Spielfilm von 1994

Höhne, Heinz: „Der Orden unter dem Totenkopf“, in: „DER SPIEGEL“ 50/1966

Internet-Lexikon „aeiou – Österreich-Lexikon“

Internet-Lexikon WIKIPEDIA

„Schleizer Zeitung“ vom 31.10.1936

www.burgenland.at/media/file/429_Schattendorf_1927.pdf

www.horstschreiber.at: Die Kontroverse um die Prof.-Franz-Mair-Gasse 1980/81“

www.orgonomie.net: „Nachrichtenbrief“ - „William S. Schlamm (Teil 2)“

www.schattendorf.at

www.dasrotewien.at/schattendorf.html

www.schattendorf-doku.at/Pdf/1.Schandmal.pdf

„Zu aufrichtig“, in: „DER SPIEGEL“ 16/1967 über das im Verlag Fritz Molden. München – Wien erschienene Buch von Viktor Reimann „Innitzer - Kardinal zwischen Hitler und Rom“, in dem der Verfasser den Versuch einer Reinwaschung des Kardinals unternahm