16. Juli 2013

Mit vitaler Kraft des Bio-Landbaus auf Goethes Spuren

Getreidefeld in Hauteroda mit wildem Mohn und ganz ohne chemische Keule.

Hochwertige Produkte, die u. a. sogar ins Berliner „Adlon“ geliefert werden.

Die Tiere im modernen Stall werden mit Futter aus eigenem Anbau versorgt.

Auch die Kultur kommt nicht zu kurz und besonders für Menschen mit Behinderungen, wie Sandra und Werner, hat Hauteroda viele Vorteile zu bieten.

Es geht mal wieder in den Kyffhäuserkreis. Im Norden Thüringens gibt es noch viel zu entdecken und vor allen Dingen auch zu erleben. Zielort ist Hauteroda, ein Dorf wo einst viele Menschen im Kalischacht oder in der reichlich vorhandenen Industrie und Landwirtschaft des Kreises Artern  ihr Geld verdienten. Die Landstraße aus Heldrungen endet in der Ortsmitte. Danach beginnt das kleine Mittelgebirge, die Schrecke. Nur auf Wald- und Forstwegen kann dieses Kleinod der Natur per Fahrrad oder zu Fuß erschlossen werden. Bis vor etwa 20 Jahren war auch das kaum möglich, denn im Wald war die Sowjetarmee mit ihren Raketen präsent. Sie standen in Bereitschaft für den Ernstfall, der nicht eintrat. So soll es bleiben. Die Natur hat alles Militärische, zumindest dort überwuchert.

Ausgerechnet in diese entlegene Gegend zog es Anfang der 70er Jahre junge Menschen aus verschiedensten Regionen in das Haus auf dem Berge nach Hauteroda. Dort gab es sehr lebendige Diskussionen und Überlegungen zum Sinn des Lebens.  Anthroposophische Gedanken waren damals in der DDR kaum bekannt und wenn, dann stießen sie auf Unverständnis. Der geistige Vater dieser Bewegung, Rudolf Steiner, war ein vielseitiger Denker und alles andere als ein Dogmatiker, denn er stellte fest: „In dem Augenblick, wo eine Gesellschaft auf ein gemeinsames Dogma schwören müsste, hört sie auf, eine Gesellschaft zu sein. In dem Augenblick, wo ein Mensch verpflichtet würde, eine von der Gesellschaft geforderte Überzeugung zu haben, hätte man es mit Sektiererei zu tun.“ Jeder Mensch ist in der Lage, die von ihm präsentierten Zusammenhänge selber zu erfahren und zu prüfen. In diesem Geist begann die Arbeit mit Behinderten schon vor 40 Jahren und hatte trotz aller Schwierigkeiten Bestand. 

Die Lage von geistig und seelisch schwer behinderten Menschen war damals beunruhigend. Aussortiert und ausgegrenzt konnte die Gesellschaft mit diesen Bürgern nichts anfangen. Gerade diesen  Menschen sollte etwas mehr Gerechtigkeit und Vertrauen erbracht werden.

Zwei Dorfbewohner, Elvira und Ortwin Worgt, stellten Teile ihres Grundstückes zur Verfügung. Der Aus- und Umbau des „Heilpädagogischen Heimes“ konnte beginnen.

Misstrauen und Verdächtigungen durch Behörden, aber auch des Umfeldes waren Begleiter der ersten Jahre. Eine Gruppe von Menschen widmete sich unter großen Opfern der Betreuung von geistig behinderten Kindern.

Nach der „Wende“ konnte die Arbeit so nicht weiter geführt werden. Dazu reichte auch nicht die ökonomische Kraft. Ein Hilferuf fand Gehör. Es kamen Leute, welche seit vielen Jahren Erfahrung in der Camphill-Bewegung in England sammeln konnten. Sie bildeten eine Initiativgruppe zur Gründung einer Dorfgemeinschaft mit Umwelt- und sozialtherapeutischen Anliegen. Daraus ging die heutige „Markus- Gemeinschaft“ hervor.

Es ist eine Lebensform, bei der anscheinend „Gesunde“ gemeinsam mit kranken oder behinderten Menschen daran arbeiten einen lebendigen Organismus zu schaffen. Die Benachteiligten erhalten einen geschützten Lebensraum, geschützte Arbeitsplätze und erleben eine Wiedereinfindung in die Gesellschaft. Es gibt verschiedene Werkstätten und Produktionsanlagen. In der Tischlerei entstehen formschöne Spielsachen aber auch Möbel.

Wichtigster Teil ist der Kreislauf zur Erzeugung von Lebensmitteln. Diese sollen möglichst aus biologisch-dynamischem Landbau stammen. (Demeter) und deshalb vitale Kräfte entfalten. In der Rinder- und Schwei-nehaltung wird auf Antibiotika verzichtet und die Fütterung erfolgt mit selbst angebautem Futter. Auch die Gemüseproduktion basiert auf bio-dynamischen Grundlagen. Die Verarbeitung ist ein schöpferischer Akt, da der Mensch als einziges Lebewesen die Fähigkeit besitzt, die Nahrung nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Es gibt weder verbotene noch erlaubte Lebensmittel. In diesem Sinne arbeiten auch die Bäckerei, die moderne Molkerei und die Küche. Inzwischen werden auch Kindergärten und Schulen mit hochwertigem, gesunden Essen beliefert. 

Die künstlerische und kulturelle Betätigung der Bewohner spielt eine wichtige Rolle im Alltag der Bewohner. Theater, Musik, malen, basteln und Ausflüge sind feste Bestandteile des Lebens. Wir sind Gäste des Tages der offenen Tür anlässlich des 40. Jahrestages der Markus-Gemeinschaft. In einer Zeit gesteigerter Kulturlosigkeit möchten die Mitglieder anknüpfen an das, was durch Persönlichkeiten wie Fichte, Schiller, Goethe, Novalis und andere zur Förderung der Mensch-heitsentwicklung erarbeitet, aber nicht zur Reife geführt wurde. Der Name „Markus“ stammt übrigens von einer Gestalt aus Goethes Gedichtfragment „Die Geheimnisse“.

Ein wichtiger Moment war für mich die ganz persönliche Begegnung mit Sandra und Werner mit einem längeren Gespräch unter der Linde. Kein Betreuer kam auch nur in unsere Nähe, um eventuell Einfluss zu nehmen. Es herrscht offensichtlich großes Vertrauen. Werner ist schon seit 14 Jahren in Hauteroda. Er kommt aus München und hat in Nordthüringen eine neue Heimat gefunden. Trotzdem ist er FC Bayern-Fan geblieben und möchte gern einmal ein Spiel live erleben. Er arbeitet in der Landwirtschaft und kennt sich im Öko-Landbau recht gut aus. An Hand einer Übersichtskarte erläuterte er die gesamte Funktionsweise der Markus-Gemeinschaft. Werner hat ein großartiges zeichnerisches Talent und zeigte mir stolz seine zuletzt gemalten Bilder. Er ist mit Sandra befreundet. Sie kam aus Erfurt nach Hauteroda und arbeitet in der Bäckerei. Es gibt natürlich auch Dinge, die zu kritisieren sind, ansonsten entstünde ein unreales Bild. Ich habe Sandra aber versprochen, nicht über so persönliche Probleme zu schreiben. 

Es wurde eine sehr nachdenkliche Heimfahrt, vorbei am modernen Rinderstall mit seiner leider viel zu kleinen Weide, den Gemüsekulturen und den mit Mohnblüten geschmückten Feldern. Ein Satz Rudolf Steiners lässt uns über das gerade Erlebte nachdenken: „Die Liebe ist ein Erleben des anderen in der eigenen Seele“.

Es wird mich bald wieder nach Hauteroda ziehen, dann werde ich mit meiner Frau die gastliche Herberge der Markus-Gemeinschaft besuchen.


Uwe Pohlitz