11. Dezember 2012

„Qualitätszeitungen haben eine Zukunft“

Foto: Peter Lahn

Von einer Krise der Zeitungen wollte Sergej Lochthofen, von 1990 bis 2009 Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“, trotz des aktuellen Zeitungssterbens nicht sprechen. Es handle sich stattdessen um eine „Krise der Verlage“, betonte der erfahrene Journalist während eines Vortrags am 8. Dezember in Jena. Mit seinem Vortrag, einer Analyse des Mediensystems in Thüringen und der Bundesrepublik, wurde die diesjährige „Linke Medienakademie    (LiMA) regional“ eröffnet.In vielen Verlagen glaube man offenbar nicht mehr an das eigene Produkt, die Zeitung. Durch viele branchenfremde Manager, die nur über eine Kurzfristperspektive verfügen, würden Probleme noch verschlimmert, statt gelöst: die Entlassung von Journalisten aus Kostengründen sei immer mit Qualitätseinbußen verbunden, dazu mute man Lesern und Abonnenten Preiserhöhungen zu ... Das seien schlicht „Fehlentscheidungen aus Gier“ – und diese Strategie führt laut Lochthofen, der bei der Betrachtung auch Erfahrungen aus seinem früheren Wirkungsfeld einfließen ließ, der Zeitungsgruppe Thüringen (ZGT), in einen Teufelskreis. Doch der langjährige Zeitungsmann warnt vor Panik: für Qualitätszeitungen sehe er durchaus eine Zukunft – und „schlechte Zeitungen werden ohnehin nicht gebraucht“.Die Medienlandschaft in Thüringen schätzt Lochthofen als „überschaubar“ ein. „Das Spektakuläre macht eher einen Bogen um Thüringen“, so sein launiges Fazit. Der öffentlich-rechtlichen Rundfunk MDR transportiere eher „Positionen der Staatskanzlei“, die private Konkurrenz sei in eine „Verwertungskette eingebunden, um Werbeeinnahmen zu generieren“. Die ZGT, in der die „Thüringer Allgemeine“, die „Thüringische Landeszeitung“ und die „Ostthüringer Zeitung“ verlegt werden, habe in ganz Ostdeutschland die meisten Abonnement-Abbestellungen zu verzeichnen. An der WAZ-Gruppe, zu der die ZGT gehört, kritisierte Lochthofen zudem, dass man nach 20 Jahren deutscher Einheit inzwischen wieder unterschiedliche Gehaltstarife für West- und Ostdeutschland eingeführt habe.Überraschend skeptisch zeigte sich Lochthofen hinsichtlich der Möglichkeiten des Internets als alternatives Qualitätsmedium. Für ein ernsthaftes Geschäftsmodell sehe er hier keine Chance, dazu sei Thüringen schlicht zu klein – das gelte eigentlich  für Deutschland generell. Nach einem ambitionierten Medienprojekt im Freistaat gefragt, nannte Lochthofen nach kurzem Nachdenken dann doch den MDR: mit investigativen Recherche zur Neonazi-Terrorgruppe NSU habe der Sender deutlich gemacht, was Qualitätsjournalismus bedeute.

Stefan Wogawa 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/6/artikel/qualitaetszeitungen-haben-eine-zukunft/