15. Januar 2013

„Erst kommt das Fressen und dann die Moral“

Dieses hübsche Pflänzchen ist eine Bananenstaude, deren wohlschmeckende gelbschalige Früchte als gefährliche Waffe benutzt wurden: Dank raffinierter Propaganda kultisch verehrt dienten sie einer Politik, die es nötig gehabt hatte, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, sowohl als Geschosse mit ungeheurer Sprengkraft als auch als Nebelkerzen zur Erzeugung des Rauchvorhangs vor den Schattenseiten der bundesdeutschen kapitalistischen Gesellschaft.

Viele von denen, die in der DDR nicht nur schlechthin lebten und arbeiteten, sondern das auch für diesen Staat taten, um so aktiv am Bau einer staatlichen und gesellschaftlichen Alternative auf deutschem Boden mitzuwirken, treibt bis heute eine Frage um, ja, diese wird sie vermutlich bis an das Lebensende beschäftigen. Es ist die so schlichte wie einfache Frage, auf die es nun freilich weder eine schnelle noch eine einfache Antwort gibt: Wie konnte es soweit kommen? Wie war es möglich, dass alles seit 1945 mühsam Aufgebaute gewissermaßen über Nacht der Zerstörung preisgegeben wurde? Wie war es möglich, dass Menschen in vierzig Jahren Geschaffenes in einer Mischung aus blinder Wut, Gutgläubigkeit, Blindheit und gedankenloser Euphorie einer Politik zum leichten Sieg verhalfen, die es aller behaupteten Überlegenheit zum Trotz so trauriger- wie beschämenderweise nötig gehabt hatte, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“ (Egon Bahr)? Wie war es möglich, dass Politiker der vordem mit der SED verbündet gewesenen Parteien, die stolz darauf gewesen waren, „mitzutragen, mitzuverantworten und mitzuverwirklichen“, über Nacht die Gesinnung wechselten, sich denen, die diesen doch noch so völlig unfertigen Gegenentwurf schon in der Wiege erdrosseln wollten, eilfertig, diensteifrig und untertänigst anbiederten, somit also die unauslöschliche Schande auf sich nahmen, ihm ein so schmähliches Ende zu bereiten?

Es gibt wie gesagt keine schnelle und keine einfache Antwort darauf, eben weil es nicht lediglich eine und schon gar nicht die Ursache gibt. Was es gibt, ist ein gewaltiger Komplex von inneren und äußeren sowie von objektiven und subjektiven Ursachen, zwischen denen überdies zahlreiche und zudem sehr komplizierte Wechselwirkungen vonstatten gingen. Einem Einzelnen wird es wohl mit Sicherheit nicht gelingen, diese alle auszumachen, zu untersuchen und zu bewerten, doch ein wichtiger Grundsatz ist bei solcher Forschung unbedingt zu beachten, nämlich der, wonach das Sein das Bewusstsein bestimmt. Jahrzehntelang verschrieben zum Beispiel Parteileitungen der SED viele Pfunde Papier, die sich „Kampfkraftanalyse“ nannten und in denen sie sowohl eine stetig wachsende Kampfkraft der Parteiorganisationen als auch ein stets und ständig zunehmendes politisches Bewusstsein „der Genossen und Werktätigen“ festzustellen glaubten. Gewiss gab es in manchen Bereichen durchaus bestimmte Fortschritte hinsichtlich der Bewusstseinsentwicklung, doch üblicherweise geschahen diese „Feststellungen“ gewöhnlich wider besseres Wissen. Nicht, dass in jedem Falle bewusst die Unwahrheit geschrieben wurde, doch ein altgedienter Parteisekretär hatte ebenso wie jeder Parteijournalist ein feines Gespür für das, was Spitzenfunktionäre hören wollten und was nicht. Die Tatsache jedenfalls, dass am Ende, zugegebenermaßen recht vereinfacht ausgedrückt, eine kleine gelbe, jedoch durchaus an ein Geschoss erinnernde Frucht namens Banane den Sieg über das Wohnungsbauprogramm davontrug, verdeutlicht, dass immer noch der von Brecht so treffend formulierte Grundsatz „Erst kommt das Fressen und dann die Moral“ galt, was an zwei Ereignissen, die mittlerweile 35 bzw. 30 Jahre zurückliegen, gezeigt werden soll:

Der bestehende Sozialismus wurde soweit angenommen, wie er vorhandene materielle Bedürfnisse befriedigen konnte. Ob das auf realer Grundlage geschah oder trotz der proklamierten Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik auf Kosten der Wirtschaft erfolgte, interessierte die breite Masse praktisch nicht. Sehr drastisch zeigte sich die wahre Stimmung, sobald gravierende Versorgungsmängel auftraten. Erinnert sei an die Zeit vor 35 Jahren, als 1976/77 auf Grund einer schweren Missernte in Brasilien die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt drastisch angehoben wurden und die DDR angesichts einer plötzlichen Steigerung der Devisenausgaben von bislang 150 auf nunmehr 700 Millionen D-Mark (!) um eine Drosselung der Importe ebensowenig herumkam wie um (moderate) Preiserhöhungen sowie um (missglückte) Experimente zur Veränderung von Verbrauchsgewohnheiten. Geradezu bösartige Diskussionen belasteten wochenlang das politische Klima. Spottgedichte auf das propagierte Ersatzgetränk „Kaffee-Mix“ wurden in Arbeitskollektiven verbreitet, wobei offenbar die noch in den sechziger Jahren in vielen Haushalten aus Kostengründen üblich gewesene Mischung von Bohnen- und Malzkaffee vergessen worden war. Die Diskussion nahm solche Ausmaße und solch einen absurden Charakter an, dass man glauben musste, einzig und allein vom Kaffee sei das Leben vieler Bürgerinnen und Bürger abhängig. Dagegen war es für viele uninteressant, dass diese „Kaffee-Krise“ auch um die BRD keinen Bogen machte und dass in der DDR der Staat stets alles ihm mögliche unternahm, um die Versorgung mit Waren des Grundbedarfs jederzeit zu gewährleisten. Das wurde schlichtweg als „selbstverständlich“ angesehen. Das Hauptaugenmerk lag vorwiegend auf Edelfleisch, Bananen und Apfelsinen. Alles andere galt nichts: „Es gibt nichts, es gibt nur Pampelmusen!“, rief eine Rentnerin ihrer Bekannten beim Verlassen eines Obst- und Gemüsegeschäftes am Ilmenauer Markt zu. Ja, was denn nun, gab es nichts, was gleichbedeutend mit völlig leeren Regalen gewesen wäre, gab es Pampelmusen und damit eine Südfruchtart oder waren Pampelmusen ein „Nichts“? So, wie Nachdenken vielen als eine nun gar zu anstrengende Tätigkeit galt, so verselbständigte sich die sogenannte Versorgungsdiskussion ebenso häufig wie sie sehr oft geradezu groteske Züge annahm. In Parteiversammlungen, selbst erlebt im VEB Mikroelektronik „Friedrich Engels“ Ilmenau, gerieten sich sogar Ehepaare in die Haare – mahnte der Ehemann zu Sachlichkeit und Besonnenheit, warnte vor Übertreibungen, geriet seine Ehefrau in Wallung und warf ihm vor, vom Einkaufen keinerlei Ahnung zu haben. Bei Apfelsinen und Bananen war es für viele uninteressant, ob der eigene Betrieb seinen Plan erfüllen und dadurch unter Umständen Devisen für den Südfrucht-Import und damit die Stabilisierung des Angebotes erlösen konnte. Nein, der Arbeitsplatz wurde rücksichtslos im Stich gelassen, wenn sich herumsprach, dass die nächstgelegene Kaufhalle gerade diese – und natürlich nicht unbeschränkt - im Angebot hatte. Gerade um diese beiden Südfruchtarten hatte sich bei vielen Bürgerinnen und Bürgern, natürlich tatkräftig durch die Medien der BRD und von Berlin (West) sowie dessen absichtsvollen Ausbau zum „Schaufenster“ der „freien“ westlichen Welt vor dem 13. August 1961 und Geschenke von dort lebenden Verwandten gefördert, eine Art Kult entwickelt, der mit der Zeit geradezu groteske Formen annahm. Versuche, solche Probleme durch devisenunabhängige Importe aus sozialistischen Staaten zu lösen, hatten nur teilweise Erfolg: Selbst als Apfelsinen aus Kuba nach jahrelanger Züchtungsarbeit eine einigermaßen befriedigende Qualität erreicht hatten, konnten vor allem ideologisch bedingte Vorbehalte nicht ausgeräumt werden. Kuba-Apfelsinen waren für viele nach wie vor keine „richtigen“ Apfelsinen. Auch die Tatsache, dass sozialistische Staaten wie Ungarn, Bulgarien und Rumänien mit der DDR geschlossene Lieferverträge über Obst und Gemüse zugunsten des devisenträchtigen Billigexports in kapitalistische Länder nicht einhielten, interessierte allenfalls am Rande. Gänzlich ausgeblendet wurden die durch von den USA angezettelte Kriege zunichte gemachten Bemühungen zum Import von Kaffee und Südfrüchten aus Vietnam, Angola, Moçambique und Äthiopien. In Vietnam waren der Landwirtschaft durch den verbrecherischen Krieg der USA mit Entlaubungsgiften, Minen und Streubomben bekanntlich auf Jahrzehnte hinaus schwerste Schäden zugefügt worden. Bis der mit tatkräftiger solidarischer Unterstützung von Fachleuten aus der DDR im vietnamesischen Hochland begonnene Anbau von Kaffeesträuchern nennenswerte Erträge bringen konnte, waren viele Jahre geduldiger Arbeit notwendig: Heute gehört die Sozialistische Republik Vietnam zu den namhaften Kaffee-Exporteuren in der Welt. In den genannten afrikanischen Ländern wurden mit Hilfe des CIA Bürgerkriege inszeniert, um einen sozialistischen Entwicklungsweg zu verhindern. Doch all das nahmen viele in ihrer Beschränktheit und Bequemlichkeit gar nicht zur Kenntnis. Wenn es dank der weltmarktbeherrschenden Stellung kapitalistischer Konzerne „im Westen“ täglich in Hülle und Fülle Bananen und Apfelsinen gab, dann war dort eben alles oder zumindest fast alles „besser“. Unter welchen gesundheitsschädigenden Bedingungen und zu welchen Hungerlöhnen gerade US-amerikanische Obstkonzerne Bananenbauern auf ihren mittelamerikanischen Plantagen schuften ließen, interessierte jene Bananen- und Apfelsinenjäger nicht. Der Gedanke daran kam ihnen nicht einmal in den Sinn. So drückten selbsternannte „Bürgerbewegte“ 1989 in Krölpa, Kreis Pößneck, Kindern maschinegeschriebene Zettel in die Hand, auf denen sie, natürlich ausschließlich hinsichtlich der DDR, scheinheilig forderten „Fragt auch, warum es keine Bananen gibt, auch wenn sie nicht so wichtig sind!“ Wie grotesk und wirklichkeitsfremd dieser Bananen- und Apfelsinenkult war, zeigte sich ab 1990 in einer Debatte im Thüringer Landtag: Als die Fraktion der PDS die unmäßigen Preiserhöhungen für die Schulspeisung kritisierte, verhöhnte ein Abgeordneter der gewendeten Blockpartei CDU die davon betroffenen Kinder auch noch mit dem Zwischenruf „Dafür können sie jetzt eine Banane essen!“ - als ob die ein vollwertiges, nahrhaftes und bekömmliches warmes sowie nicht zuletzt preiswertes Mittagessen ersetzen könnte!

Ein zweites, die politischen Auswirkungen der „Kaffee-Krise“ noch übertreffendes und die Gültigkeit der von Brecht so knapp wie umfassend formulierten Erkenntnis bestätigendes Ereignis liegt mittlerweile 30 Jahre zurück: Aus Gründen, die der Öffentlichkeit hartnäckig verschwiegen wurden, verringerte sich im Zeitraum September/Oktober 1982 fast schlagartig das Angebot an Butter, kakaohaltigen Süßwaren sowie weiteren Lebens- und Genussmittelarten. Nicht bewiesen, aber häufig zu hören und durchaus nicht unbegründet ist die Vermutung, für die DDR habe sich damals kurzfristig die Möglichkeit ergeben, Verbindlichkeiten gegenüber kapitalistischen Staaten durch überhöhte Warenlieferungen abzubauen. Es kam so nicht nur zu langen Schlangen in den Geschäften, sondern auch zu panikartigen Hamsterkäufen. Erhöhungen der Warenmengen wurden durch den starken Abkauf, der in dieser Lage natürlich unabhängig vom tatsächlichen Bedarf der Bürgerinnen und Bürger erfolgte, kaum wirksam. Politisch und wirtschaftlich brisant war dabei nicht nur der hohe Ausfall an Arbeitszeit in Betrieben und Einrichtungen. Die heftigen und zum Teil recht bösartigen Diskussionen machten deutlich, dass die politische Haltung beachtlicher Teile der Bevölkerung ausschließlich von materiellen Dingen abhängig war. Wie der tatsächliche Bewusstseinsstand aussah, zeigte, dass sich oftmals Personen unwidersprochen zu Wortführern von Diskussionen und Schimpfereien machten, die weder politisch noch von ihrer Arbeitsmoral und ihren Arbeitsleistungen her zu den Vorbildern zählten. So beschimpfte in Ilmenau ein Bürger den zur Beruhigung der Gemüter in die Kaufhalle Ernst-Thälmann-Straße geeilten Vorstandsvorsitzenden der Konsum-Genossenschaft, Paul Rocktäschel, er sei froh, dass er nicht in einer solchen Partei wie der SED sein könne, weil er ein ehrlicher und anständiger Mensch wäre. Wie die Überprüfung zeigte, war dieser Mann wegen Sexualdelikten vorbestraft. Derartige Vorfälle gab es nicht nur einmal in dieser Zeit. Diese Entwicklung zeigte, wie sehr die bewusst zum „Schaufenster der freien Welt“ ausgebaute BRD mit ihrem glitzernden Warenangebot als Maßstab genommen wurde und wie anfällig Menschen gegenüber derartigen Verlockungen waren, ohne über die Zusammenhänge überhaupt nachzudenken.

„Ja, hätten wir sie doch reisen lassen!“, klagte ein ehemaliger Abteilungsleiter Inneres beim Rat des Kreises Ilmenau vor einigen Jahren. Das ist wahr und ist es auch wieder nicht, denn für ein uneingeschränktes oder lediglich geringfügig eingeschränktes Reisen in kapitalistische Staaten fehlten wesentliche Voraussetzungen, deren Schaffung ausschließlich Sache der BRD war: Vollständige und bedingungslose Anerkennung der DDR einschließlich der uneingeschränkten Respektierung ihrer Staatsbürgerschaft, somit Verzicht auf die Vereinnahmung ihrer Bürgerinnen und Bürgern durch rechtswidrige Ausstellung, ja Aufnötigung bundesdeutscher Reisepässe, Verzicht auf Abwerbung und BND-Bespitzelung, Verzicht auf alle Maßnahmen, die den gleichberechtigten Zugang der DDR zum kapitalistischen Weltmarkt und damit auch die Erwirtschaftung einer ausreichenden Devisenmenge ver- oder zumindest behinderten. Das aber war in Bonn nicht gewollt, hätte es doch den Verzicht auf jene aggressive Politik bedeutet, mit der die DDR „zum Verschwinden“ gebracht werden sollte. Außerdem ist zu fragen, welches Bild diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die, als Rentner überdies mehrmals im Jahr, in die BRD oder einen anderen kapitalistischen Staat gereist waren, von dort mitbrachten. Wie viele von ihnen hatten wirklich hinter die Kulissen geschaut und wie viele sich vom äußeren Schein blenden lassen? Es gab doch mehr als genug von denen, die hinterher schwärmten, in der BRD bzw. in Berlin (West) sei „alles besser, alles schöner, alles größer und großartiger“. Auch Übersiedler und Rückkehrer aus der BRD, von denen es zumindest bis in die 1960er Jahre eine nicht unerhebliche Anzahl gab, hatten es in ihren neuen Arbeitskollektiven meist schwer: Ihre Wahrheiten waren oftmals nicht erwünscht, denn so mancher wollte an seinem aus den Werbesendungen von ARD und ZDF sowie von Verwandten geschickten, von der Steuer absetzbaren Päckchen und Paketen zusammengebastelten Bild vom vermeintlichen „Goldenen Westen“ unter keinen Umständen rütteln lassen.

Vollends aus dem Ruder geriet die Entwicklung mit der überstürzten Grenzöffnung vom 9. November 1989 – scheinbar übervolle Schaufenster mit glitzernden Warenangeboten, die sich auch viele Bürgerinnen und Bürger der BRD und Einwohner von Berlin (West) mangels ausreichender Kaufkraft nicht leisten konnten, beförderten die Entwicklung einer Stimmung, die ein Mitglied der Parteileitung des Kombinates Technisches Glas Ilmenau damals mit den warnenden Worten „Die Leute haben jetzt Blut geleckt.“ zusammenfasste. So mancher, der das (noch) nicht glauben wollte, hatten doch Bürgerinnen und Bürger der DDR in den ersten Tagen nach jenem so plötzlichen, mehr durch Schabowskische Dummheit denn durch planmäßiges Handeln ausgelösten Ereignis noch Angehörigen der Grenztruppen Blumen überreicht, musste sich schnell eines schlechteren belehren lassen: Jubel und scheinbar überschwenglich-herzliche Aufnahme und Begrüßung für die jahrzehntelang so geschmähten „Brüder und Schwestern aus dem Osten“ in Berlin (West) und im grenznahen Raum der BRD und die schnelle Einmischung der dortigen Politiker, die ihre Chancen sehr rasch erkannt hatten, ließen alsbald Töne des Nationalismus und der Deutschtümelei hochkommen. Das sogenannte „Begrüßungsgeld“ von 100 DM und in Bayern zusätzlich noch einmal 40 DM, das die meisten Gäste aus der DDR gleich wieder für Apfelsinen und Bananen (zu sehr schnell hochgetriebenen Preisen selbstverständlich) loswurden, und die glitzernden, aber trotz „Begrüßungsgeld“ und Reisezahlungsmitteln unerschwinglichen Angebote in den Geschäften taten ein übriges, dass die Losung „Wir sind das Volk!“ nun sehr schnell mit tatkräftiger Hilfe führender Politiker der BRD in „Wir sind ein Volk!“ umgefälscht wurde. Das zeigten nicht nur die plötzlich massenhaft aus der BRD hereinflutenden Auto-Aufkleber mit diesem Text bzw. mit den Staatsfarben der BRD, dem Abzeichen der bundesdeutschen CDU oder dem dortigen Kfz-Kennzeichen. Nationalismus, Deutschtümelei und irrationalen Hass auf die DDR brachten Arbeiter des VEB Rationalisierung Technisches Glas Ilmenau zum Ausdruck, als sie am Betriebsteil Bahnhofstraße ein mit „Deutschland, einig Vaterland!“ beschmiertes weißes Tuch aus dem Fenster hängten und für den Fall von dessen Entfernung mit Streik drohten. Ein knappes Jahr später sollte von ihrem Betrieb nur noch ein kläglicher Rest übrig sein. Gleiches taten Arbeiter des VEB Lackfabrik Ilmenau, die auf der über die Langewiesener Straße führenden Rohrbrücke die Fahne der BRD hissten und jeden, der eine kritische Meinung zu einer solchen Handlungsweise hatte, mit Tätlichkeiten bedrohten. Auch diesen Betrieb sollte es zwei Jahre später nicht mehr geben. Die Aufzählung ließe sich noch über mehrere Seiten fortsetzen, die Liste der allein in Stadt und Kreis Ilmenau „abgewickelten“ Betriebe ist lang. Doch über die unausweichlichen Folgen solchen Tuns nachzudenken, weigerte man sich hartnäckig, drohte Menschen, die zur Besonnenheit mahnten, sogar Gewalt an. Vor allem Mitgliedern der SED ging es jetzt mit der jener Verblendung durch die glitzernden Schaufenster folgenden Behauptung „Die haben uns ja so belogen und betrogen!“ an den Kragen, Beschimpfungen, Ausgrenzung und tätliche Angriffe waren an der Tagesordnung. Plötzlich galten Mitglieder der Partei vielen als Verbrecher und so suchten immer mehr aus Angst ihr Heil in der Flucht in die Parteilosigkeit: „In Bautzen sind noch Zellen frei für die Verbrecher der Partei!“, wurde auf den von Dr. Paul Latussek geleiteten Kundgebungen von „Neues Forum“ vor der Ilmenauer Otto-Grotewohl-Schule geschrien, an Galgen aufgehängte Strohpuppen mitgeführt und standrechtliche Erschießungen von Partei- und Staatsfunktionären gefordert – von Leuten, die heute salbungsvoll von „Rechtsstaatlichkeit“ reden. Zu kämpfen war niemand gewohnt, hatte niemand gelernt, womit sehr drastisch sichtbar wurde, welchen Wert die eingangs genannten „Kampfkraftanalysen“ gehabt hatten. Dass Mitgliedern der inzwischen von der SED abgefallenen Bündnispartnerinnen Ähnliches widerfuhr, ist freilich nicht bekannt. Es war erschütternd, wie schnell mit dem Antikommunismus „die Grundtorheit unserer Epoche“ (Thomas Mann) wieder fröhlich Urständ feierte! Oder war er gar nicht wirklich verschwunden gewesen, hatte er nur unter der Oberfläche geschlummert? Wie dem auch gewesen sein mag, auf jeden Fall gewannen von blindwütigem Hass geprägte irrationale Gefühlsaufwallungen immer mehr die Oberhand. Nicht einmal die rasche Einstellung der Zahlung des treffender als Schweigegeld zu charakterisierenden „Begrüßungsgeldes“ durch die BRD, der die aus der DDR hereinflutenden Besuchermassen zwar propagandistisch höchst willkommen waren, aber in dieser zur Zeit der geschlossenen Staatsgrenze nicht vorhersehbar gewesenen Größenordnung zunehmend eine finanzielle Belastung darstellten, konnte die Mehrheit zum Nachdenken bewegen. Der negativen Seite der Grenzöffnung war so zum Sieg verholfen worden. In dem Maße, wie nationalistische und antisozialistische Stimmungen geschürt wurden und sich viele von den glitzernden Angeboten weiterhin blenden ließen, nahm das allgemeine Interesse am Zustandekommen einer sozialistischen Erneuerung ab. Mit 100 D-Mark ließen sich viele Bürgerinnen und Bürger der DDR letztlich nicht nur bestechen, sondern auch das Denken abschalten. Erst dadurch wurde das Niederreißen von Schranken ermöglicht, aber ganz anderer, als die ob der vermeintlich gewonnenen Reisefreiheit so Jubelnden gedacht hatten: Jetzt konnte die herrschende Politik der BRD alle ihre vom Völkerrecht auferlegten Verpflichtungen zur Gestaltung eines normalen und gutnachbarlichen Neben- und Miteinanders beider deutscher Staaten, deren Realisierung sie trotz Grundlagenvertrag und beiderseitiger UNO-Mitgliedschaft immer wieder hintertrieben hatte, endgültig über Bord werfen - die uneingeschränkte Achtung der Souveränität der DDR einschließlich Beendigung jeglicher Bevormundungsversuche und Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten sowie die volle Respektierung ihrer Staatsbürgerschaft. Niedergerissen wurden auch und vor allem die durch die Existenz der DDR bedingten Schranken für die Gewinnsucht der großen Kapitaleigner, ihrer Spitzenmanager und Politiker. Mit der nun möglich gewordenen Beseitigung eines Staat gewordenen, aber noch ganz am Anfang stehenden Beginns des Aufbaus einer gesellschaftlichen Alternative war Schluss mit Lustig, wie der Volksmund sagt. Jetzt konnten alle Rücksichten in Gestalt der jahrelang so gepriesenen „Sozialen Marktwirtschaft“ als scheinbare Alternative zur Brechung der Kapitalherrschaft über Bord geworfen werden, jetzt wurde der Weg frei zum Neoliberalismus, in dem nur ein Maßstab gilt, die Rendite für die privaten Eigentümer der Produktionsmittel. Und es wurden neue Schranken errichtet – durch massenhafte Arbeitslosigkeit samt Armut per Gesetz, durch immer weiter verschärfte soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit, wodurch alle so vollmundig propagierten Freiheiten entwertet werden: Von Reisefreiheit kann keinen Gebrauch machen, wer infolge Arbeitslosigkeit oder prekärer Beschäftigungsverhältnisse kein Geld hat. Von Meinungs- und Versammlungsfreiheit wagt kaum jemand von denen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben oder seit 2005 durch die „ARGEn SGB II“ bzw. nun „jobcenter“ kleinlichsten Kontrollen, Bevormundungen und Schikanen unterworfen sind, Gebrauch zu machen. Und Pressefreiheit hat mit Paul Sethe bekanntlich einer der angesehensten Publizisten der BRD als das entlarvt, was sie wirklich ist – die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Was beispielsweise in „Freies Wort“ als freies Wort erscheinen darf, bestimmt nicht der Redakteur X, sondern bestimmen die Aktionäre des Süddeutschen Verlages in München. Wie jammerten einstige Mitarbeiter des schon genannten VEB Mikroelektronik „Friedrich Engels“, als ihr Betrieb knapp zwei Jahre nach jenem „Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes“ nicht mehr bestand und nur ein kleiner Teil der einst 1.000 Beschäftigten in den drei Nachfolgeunternehmen weiterarbeiten durfte? - „Das habe ich nicht gewollt, das habe ich nicht gewusst.“ Andere suchten die Verantwortung gar beim so lange mit Hohn, Häme und auch Nichtachtung überzogenen „Kanalarbeiter“ Karl-Eduard von Schnitzler: „Der Schnitzler hat den Kapitalismus noch viel zu schön dargestellt!“, beschwerte sich ein ehemaliger Kollege. Natürlich hatte es jeder gewusst, von diesem Wissen wurde nur kein Gebrauch gemacht, mehr noch, es wurde verdrängt, weggedrückt, weggeschlossen. Nachdenken war nicht gefragt, nicht gewollt, die Wahrheit wurde zugunsten irrationaler Gefühlsaufwallungen beiseite geschoben, aus dem Bewusstsein verbannt. Man mag darüber streiten, ob und wenn ja in welchem Maße die DDR schon sozialistisch war, doch um eine so wichtige wie unumstößliche Erkenntnis kommt auch dabei niemand herum: Eine neue Gesellschaft war weder in fünf noch in zehn und auch nicht in 40 Jahren zu vollenden, was leider viel zu viele in einer Mischung aus Ungeduld und hypnotisiertem Blick auf die glitzernden Schaufenster in BRD und Berlin (West) überhaupt nicht begriffen hatten. Sie wollten nicht wahrhaben, dass die DDR auf lange Zeit eine Baustelle sein würde und dass es dabei schon angesichts ihrer wütenden Bekämpfung durch die Verfechter der überlebten kapitalistischen Gesellschaft weder schnelle Erfolge geben konnte noch Irrwege, Fehler und Fehlleistungen auszuschließen waren. Viel zu viele wollten jetzt schon die Früchte ernten und genießen, die erst in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten den erforderlichen Reifegrad erreicht haben würden und sie wollten das auch noch ohne große Anstrengungen, so, wie es ihnen das Trugbild der glitzernden Schaufenster jenseits der Staatsgrenze vorgaukelte. Folglich gaben sie die eigene Macht auf der noch so unfertigen Baustelle DDR zugunsten der vom vermeintlichen goldenen Käfig der kapitalistischen BRD ausstrahlenden Verlockungen auf und schlossen den sprichwörtlichen Pakt mit dem Teufel. Brechts Erkenntnis erlebte die Bestätigung ihrer Richtigkeit in einem Ausmaß, das er sich wahrscheinlich nicht vorgestellt hatte. Wie heißt es doch in Grimms Märchen „Die klugen Leute“ so treffend - „Wenn die Dummheit immer so viel einbrächte, so wollte ich sie gerne in Ehren halten.“ Der Satz könnte von Helmut Kohl stammen, dem dank unterlassenen, ja unterdrückten Nachdenkens ein ganzer Staat mit 108.000 km² Fläche und fast 17 Millionen Einwohnern sowie einem auf 1,4 Billionen D-Mark bilanzierten Volksvermögen „geschenkt worden“ (Dieter Hallervorden) war.

 

H.-J. Weise