7. Mai 2013

Den Entrechteten Stimme und Würde

Kurt Knauter im Jahre 1999.

Ein liebenswürdiger Mensch. Einer, der über alle Weltmeere gefahren ist, Kontinente erforschend unter seinen Füßen hatte, einer, der sich über viele Jahre Jose' Maria Rocafuerte nannte und doch eigentlich Kurt Kauter hieß. In der Mitte seines Lebens (1958) kam er aus dem „goldenen Westen“ in die Deutsche Demokratische Republik, dorthin, wo schon zeitig die Kinder Lieder des Friedens und der Freundschaft zu allen Völkern dieser Erde lernten. Dass ein gutes Deutschland blühe...Ein Mann mit sympathischem Charakter. Auf einer der vielen größeren und kleineren „Demos“ von 1989/90 in Erfurt erlebte ich ihn auf dem breiten Anger nahe dem Hauptpostamt, Es geschah eher zufällig, im Vorbeigehen. Ich wußte nicht einmal, ob er als Vertreter irgendeiner der konkurrierenden Parteien und politischen Gruppierungen, die sich zur Wahl stellten, zu den Menschen sprach. Er tat es als Bürger. Weltbürger.Kurt Kauter warnte eindringlich vor politischen Illusionen, die wie im Rausch um sich gegriffen hatten, Illusionen, dass die hereinbrechende kapitalistische Marktwirtschaft die Träume von grenzenloser Freiheit, Demokratie und Wohlstand erfüllen werde. Denn er wusste es besser. Er hatte genügend Diktaturen in seinem Leben kennen gelernt, um zu wissen, wie es nun kommen wird: Das Kapital wird nun diktieren! Da sprach einer Klartext.Der am 7. Mai 1913 in Limburg an der Lahn Geborene studierte in Würzburg Geologie und Geografie und erwarb den Doktor der Naturwissenschaften. Auf seinen ersten Forschungsreisen kam er früh mit den ihn faszinierenden Kulturen ferner Völker in Berührung. Weltgeschichte, die ihn bis zu seinem Lebensende nicht mehr losließ.Der 2. Weltkrieg und die Befreiung vom Hitlerfaschismus ließen ihn den Entschluss fassen, Mitglied der KPD und des Deutschen Volksrates zu werden. In Niedersachsen. Er gründete in Hannover die „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“ (Vorgängerin der späteren Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft). Das Wissen bzw. das Unwissen um die Schätze der Kulturen dieser Welt trieb ihn dazu, denn es galt, sie vor einem drohenden 3. Weltkrieg zu bewahren.Nach dem grundgesetzwidrigen Verbot der KPD in der Sundesrepublik 1956 wurden Kauter unmittelbare politische Wirkungsmöglichkeiten stark beschnitten. So folgte er dem Weg von mehr als einem Dutzend Schriftstellern der BRD in den Osten, die DDR, hier seien nur Peter Hacks, Werner Steinberg, Gotthold Gloger und Paul Meßner genannt.Neben seiner intensiven Arbeit an einer geowissenschaftlichen Fachzeitschrift (Chefredakteur) und Erkundungen in östlichen und westlichen Ländern verfasste Kauter viele Kinderbücher, Abenteuerromane, Aphorismen, historische Sachbücher, zunehmend in den siebziger und achtziger Jahren. Hier seien stellvertretend einige genannt: „Lautaro, der Araukaner“, „Gott Inka“, „Die Schlange Regenbogen“, „Die Letzten vom Ende der Welt“, „Buenos Dias, Venezuela“. Für ihn war es selbstverständlich, im Solidaritätskomitee der DDR für Chile mitzuarbeiten. Dem legendären Befreiungskämpfer für die Völker Südamerikas Simon Bolivar (1783-1830) setzte Kauter ein literarisches Denkmal mit dem Roman „Befreier Bolivar“ (1996).Für sein umfangreiches völkerverbindendes Schaffen wurde ihm im gleichen Jahr in Gotha, wo er seit Jahrzehnten lebte, durch einen Botschafter Venezuelas der Orden „Merito al Trabajo - Primera Glase“ überreicht.Sein letztes Buch erschien im Arnstädter Rhino-Verlag 2002: „Ein Leben lang unterwegs“. Es erzählt spannend und unterhaltsam von Flüssen, Meeren, Wüsten, von Orten untergegangener Reiche, von heiligen Bergen und Gräbern historischer "Großer", die heute zu den Vergessenen zählen. Er hat sie gesehen und erfuhr Erstaunliches und Erschütterndes. Menschheitsgeschichten, die beim Lesen den Atem stocken lassen: Wie wegen Land und Gold und Reichtum friedliche Bauern und Hirten ausgerottet wurden. Kurt Kauter gab den Entrechteten und Ermordeten Stimme, Gesicht und Würde. „Ein Charakter“, so fällt mir ein Wort seines Schriftsteller-Kollegen Landolf Scherzer ein, „ist der, der seinen Grundüberzeugungen treu bleibt“. Jener hat es vorgelebt.

Werner Voigt

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/6/artikel/den-entrechteten-stimme-und-wuerde/