14. Januar 2014

Vor 95 Jahren – weißer Terror in München

Eugen Leviné, dessen Satz „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewusst.“ in die Geschichte einging, gehört zu den prominentesten Opfers des weißen Terrors gegen die Münchner Räterepublik.

Zwanzig Jahre nach jenem Herbst 1989 ist es, insbesondere bei aus den gewendeten Blockparteien nahtlos in den bundesdeutschen Politikbetrieb gewechselten Personen, wieder einmal Mode geworden, Denkmäler setzen zu lassen, auf denen „Opfern der kommunistischen Diktatur“ gedacht werden soll, was immer auch darunter zu verstehen ist. Dabei hat es solche Denkmalswelle bereits in den ersten Jahren nach 1989 gegeben, wo plötzlich sehr anonyme „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ geehrt, aber Gedenkstätten für sehr konkrete Opfer des Faschismus geschleift wurden, insonderheit, wenn es sich um Kommunisten handelte. In einigen Fällen wurde auch vor Sozialdemokraten nicht Halt gemacht, zum Teil durch Leute, die sich nun ebenfalls Sozialdemokraten nannten. Zweierlei ist dabei festzustellen: Es wird sich nicht die Mühe gemacht, zu untersuchen, wer wirklich unschuldig und damit Opfer gewesen und wer zu Recht bestraft worden ist, weil Taten begangen wurden, die nach bundesdeutschem wie auch dem Recht anderer Staaten ebenfalls unter Strafe stehen. Und völlig ausgeblendet werden die Verbrechen, mit denen sich diese kapitalistische Gesellschaft im Interesse der Machterhaltung der in ihr Herrschenden mit ehernem und bluttriefendem Griffel in die Geschichte eingeschrieben hat:

Eines dieser vielen Verbrechen war der weiße Terror, der vor 95 Jahren in der bayerischen Landeshauptstadt tobte und bei dem keine Mordorgie gescheut wurde, um die Münchner Räterepublik zu erdrosseln. Im Zuge des Abwürgens der Novemberrevolution durch das geheime Bündnis des von Friedrich Ebert geführten „Rates der Volksbeauftragten“ mit der Obersten Heeresleitung hatte sich das Zentrum der Kämpfe gegen die Konterrevolution im Frühjahr 1919 nach Bayern verlagert. Dort war nach der Ermordung von Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) durch den reaktionären Offizier Graf Anton von Arco auf Valley vom Landtag am 17. März eine vom rechten Sozialdemokraten Johannes Hoffmann geführte Regierung eingesetzt worden. Diese betrieb keine andere Politik als die Ebert-Regierung in Berlin, weshalb sie vor allem bei den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten kein Vertrauen genoss und alsbald einem Zentralrat weichen musste. Am 7. April riefen Vertreter von USPD, SPD, Anarchisten und Bayerischem Bauernbund die Räterepublik aus. Doch sowohl Unerfahrenheit und Unentschlossenheit als auch Hinhaltetaktik rechter SPD-Politiker verhinderten die Lösung der dringendsten Aufgaben – Abschaffung des alten, konterrevolutionär gesinnten Staatsapparates, Zurückdrängung der Konterrevolution und Stärkung der Positionen der Räte. So sah die junge KPD keine Möglichkeit, sich an dieser Schein-Räterepublik zu beteiligen. Auf Grund der seit Januar eingetretenen Entwicklung warf sie den rechten SPD-Politikern vor, dass sie „häufig bestrebt waren, verfrühte Aktionen ins Leben zu rufen, um sie desto erfolgreicher abwürgen zu können“.

Doch dem bayerischen Großunternehmer- und Großgrundbesitzertum sowie dem katholischen Klerus galt auch diese Schein-Räterepublik als Gefahr. Der nach Bamberg geflohenen abgesetzten Regierung Hoffmann gelang es, Teile der Münchener Garnison einschließlich der Republikanischen Schutztruppe unter ihre Befehlsgewalt zu bekommen, die am 13. April den Belagerungszustand verhängten, öffentliche Gebäude besetzten und Mitglieder der Räteregierung verhafteten. Es kam zu von der KPD unterstützten bewaffneten Kämpfen zwischen durch andere Teile der Garnison verstärkten Arbeiterwehren und den Putschisten. Eine Tagung der Betriebs- und Kasernenräte erklärte die Schein-Räterepublik für nicht mehr bestehend und berief einen aus Mitgliedern von KPD, USPD und SPD bestehenden Aktionsausschuss. Der von diesem eingesetzte Vollzugsrat unter Leitung von Eugen Leviné (KPD) begann mit der Aufstellung einer Roten Armee in Stärke von 25.000 bis 30.000 Mann und der Schaffung von Kommissionen für Militär, Bekämpfung der Gegenrevolution, Wirtschaft, Verkehr und Propaganda. Die Betriebsräte erhielten das Recht zur vollständigen Kontrolle über die Leitung der Betriebe, die Auszahlung von Dividenden und Geschäftsanteilen wurde vorerst eingestellt. Wesentliche Impulse für die Gründung dieser neuen Räterepublik hatte die Ausrufung der Ungarischen Räterepublik unter Béla Kun gegeben.

Am 15. April gelang es der Roten Armee bei Dachau, die Einheiten der Regierung Hoffmann – sechs Infanteriekompanien, zwei Maschinengewehr-Kompanien, eine Batterie 7,7-cm-Kanonen und eine Batterie 10,5-cm-Feldhaubitzen – zu schlagen, Waffen und große Mengen an Munition zu erbeuten und die Stadt einzunehmen. Doch dieser Erfolg der Räterepublik wurde nicht ausgenutzt, obwohl nun die Möglichkeit gegeben war, die von den weißen Truppen entblößten Gebiete bis zur Donau und zum Lech zu besetzen. Mit dem stattdessen durch Ernst Toller (USPD) und Gustav Klingelhöfer (SPD) geschlossenen Waffenstillstand erhielt die Konterrevolution eine Atempause, in der sie sich wieder sammeln konnte. Die Rote Armee wurde dadurch desorganisiert und der Räterepublik schwerer Schaden zugefügt.

Die Hoffmann-Regierung handelte getreu dem Vorbild von Friedrich Ebert und verbündete sich mit reaktionären Kräften wie dem von Oberst Franz Ritter von Epp befehligten Bayerischen Schützenkorps. Dieser Ritter von Epp war und ist übrigens kein unbeschriebenes Blatt in der bayerischen Geschichte: Seine blutigen Sporen hatte er sich bereits von 1904 bis 1906 als Oberleutnant der kaiserlichen Schutztruppe bei der brutalen Niederschlagung des Herero-Aufstandes in der Kolonie Südwestafrika verdient, wofür er außer der Reihe zum Hauptmann befördert worden war. Ab 1933 war er als General Ritter von Epp Hitlers Reichsstatthalter in Bayern. Allein freilich waren seine Truppen der Roten Armee unterlegen, weshalb sich die abgesetzte Hoffmann-Regierung hilfesuchend an Eberts Reichsregierung wandte. Infolgedessen wurden gegen die Münchner Räterepublik auf Weisung Gustav Noskes alle verfügbaren konterrevolutionären Kräfte aufgeboten, derer man habhaft werden konnte: die 2. Garde-Infanteriedivision, das Hessisch-Thüringisch-Waldecksche Schützenkorps, das Freikorps Görlitz, die Kavallerie-Schützenkommandos 11 und 14, das Freikorps Lützow, die Marinebrigade Ehrhardt und andere. Den Freikorps gehörten eine Reihe später führender Nazis an – unter anderem Rudold Heß, Heinrich Himmler, Hermann Göring, Ernst Röhm. Der Oberbefehl wurde dem preußischen Generalleutnant von Oven übertragen, der am 25. April 1919 folgenden Befehl erließ: „Die Truppen haben ihren Auftrag mit Gewalt durchzuführen, jedes Verhandeln mit dem Feinde oder mit der Bevölkerung ist verboten. Milde wird als Schlappheit, Gutmütigkeit als Unzuverlässigkeit der Truppe gedeutet.“ Damit wurde unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass die Münchner Revolutionäre wie auch die sie unterstützenden Teile der Bevölkerung keine Gnade zu erwarten hatten. Um so erbitterter entwickelten sich die Abwehrkämpfe revolutionärer Einheiten in den Augsburger Vorstädten Lechhausen, Oberhausen und Pfersee gegen die am 20. April über Augsburg nach München vordringenden weißen Truppen. Lechhausen und Oberhausen konnten erst nach dem Eintreffen von Verstärkungen und heftigen Kämpfen am 22. und 23. April besetzt werden. Ein folgenschwerer Fehler der in München und Dachau stehenden Gruppierungen der Roten Armee begünstigte dabei den Vormarsch der Konterrevolution: Anstatt sich gegen Augsburg in Marsch zu setzen und den dortigen Kämpfern zu helfen, blieben sie untätig. Schwankungen und Panik unter vielen kleinbürgerlich gesinnten Betriebs- und Soldatenräten waren die Folge. Ernst Toller und andere Funktionäre der USPD stifteten vollends Verwirrung unter ihnen, als sie in dem Irrglauben, sich zur Vermeidung weiteren Blutvergießens mit der Konterrevolution einigen zu können, am 26. April Verhandlungen mit der abgesetzten Regierung Hoffmann, die Wiedereinsetzung der bürgerlichen Polizei und die Wiederzulassung bürgerlicher Zeitungen verlangten. Die nun völlig kopflose Vollversammlung stimmte dem am 27. April mehrheitlich zu, worauf die KPD-Mitglieder den Aktionsausschuss verließen.

Dennoch dauerten die Kämpfe der Roten Armee gegen die 60.000 Mann starke Übermacht der Konterrevolution bis zum 4. Mai 1919 an. Erst dann gelang es ihr, München einzunehmen. Über Stadt und Umland wurde umgehend das Standrecht verhängt. Den Nachrichteneinheiten der Reichswehr angehörende Spitzel waren Tag und Nacht auf den Beinen, um sich durch Entdecken von „Spartakistennestern“ ihren Judaslohn zu verdienen. Allein in München fielen dem nun einsetzenden konterrevolutionären Terror an die 1.000 Menschen zum Opfer, darunter gänzlich Unbeteiligte und Personen, die fälschlicherweise für Führer der Roten Armee gehalten wurden. So wurde der am 3. Mai 1919 in einem Bierlokal verhaftete Eisendreher Johann Lehnert trotz einwandfreier Papiere beschuldigt, der Kommandeur des Luitpoldgymnasiums Fritz Seidel zu sein und standrechtlich erschossen. Den Freikorps sowie den Sondergerichten fielen unter anderem der Vorsitzende des Vollzugsrates, Eugen Leviné, der Oberbefehlshaber der Roten Armee, Rudolf Eglhofer, und der Anarchist Gustav Landauer zum Opfer. Vor dem Sondergericht hatte sich der den Häschern durch den Verrat eines mit 10.000 Mark bezahlten Spitzels in die Hände gefallene Eugen Leviné mutig verteidigt, wobei sein Satz „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewusst.“ in die Geschichte einging. Weiter schleuderte er seinen Anklägern und Richtern ins Gesicht: „Ich weiß nicht, ob Sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden, oder ob ich einrücken muss zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ich habe mich nur dagegen gewehrt, dass meine politische Agitation, der Name der Räterepublik, mit der ich mich verknüpft fühle, dass der gute Name der Münchner Arbeiter beschmutzt wird. Diese, und ich mit ihnen zusammen, wir haben alle versucht, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegenüber der Internationalen und der kommunistischen Weltrevolution.“ Der bereits einen Tag nach dem Urteil im Münchner Gefängnis Stadelheim vollzogene Justizmord löste einen eintägigen Generalstreik in Deutschland aus. Der schwer misshandelte Rudolf Eglhofer wurde ohne Gerichtsverfahren in der Münchner Residenz erschossen. Das gleiche Schicksal widerfuhr Gustav Landauer im Gefängnis Stadelheim. Ernst Toller, Gustav Klingelhöfer und Erich Mühsam erhielten Haftstrafen von 5, 5 1/2 bzw. 15 Jahren. Insgesamt forderte der weiße Terror in und um München rund 2.000 Opfer – sowohl durch standrechtliche Erschießung als auch durch von Sondergerichten verhängte Todes- und Zuchthausstrafen. Von den führenden Köpfen der Räterepublik gelang nur Max Levien die Flucht. Dagegen wurde der zunächst zum Tode verurteilt gewesene Mörder von Kurt Eisner zu einer Haftstrafe begnadigt und bereits 1924 aus dem Gefängnis entlassen. Der abgesetzte Ministerpräsident Hoffmann bildete am 31. Mai eine neue Regierung, wobei er sich nicht scheute, wie schon bei der Niederschlagung der Räterepublik ein Bündnis mit konservativen und republikfeindlichen Kräften einzugehen. Ironie des Schicksals – ein dreiviertel Jahr später sollten ihn die gleichen „Verbündeten“ mit Beginn des ihnen Oberwasser gebenden Kapp-Putsches zum Rücktritt zwingen.

An Kurt Eisner erinnern in München eine Stele und ein anlässlich des 70. Jahrestages seiner Ermordung eingeweihtes Denkmal. Dagegen sorgten gewendete DDR-Lokalpolitiker in Großzschachwitz bei Dresden 1990 für die Abschaffung des Namens „Eugen-Leviné-Straße“ und das nach ihm benannte Mühlhäuser Grenzregiment verfiel ohnehin der Eppelmannschen „Abwicklung“. Nach Rudolf Eglhofer waren ein Raketenschnellboot (1964), ein Flugkörper-Schnellboot (1985), das Ausbildungszentrum Weißwasser der NVA und eine POS in Rostock benannt. Auch diese Ehrungen und Würdigungen eines revolutionären Kämpfers wurden abgeschafft; so heißt das 1990 kurzzeitig von der BRD-Marine vereinnahmte und natürlich umbenannte, dann zur „Erprobung“ an die USA übergebene einstige Flugkörper-Schnellboot USNS*) „Hiddensee“. Das in München bereits 1925 errichtete Denkmal für Gustav Landauer wurde 1933 von den Nazis zerstört. An den 1934 im KZ Oranienburg ermordeten Erich Mühsam erinnern in mehreren Städten, so Berlin, Lübeck, Magdeburg und Rostock Gedenktafeln bzw. Straßennamen und ein Stolperstein. Gustav Klingelhöfer erhielt ein Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Zehlendorf, allerdings in erster Linie als Mitglied des Abgeordnetenhauses sowie des Senats von Berlin (West) und Abgeordneter (mit beratender Stimme) des Bundestages der BRD und natürlich als Gegner der Vereinigung von SPD und KPD 1946. Der steckbrieflich gesuchte Max Levien emigrierte 1921 nach Sowjetrussland bzw. in die UdSSR, wo er am 16. Juni 1937 den stalinistischen „Säuberungen“ zum Opfer fiel. Es gehört zu den untilgbaren Schandmalen führender Politiker, die sich Kommunisten nannten, dass sie gewissermaßen das nachholten, was die Konterrevolution ihm 18 Jahre zuvor zugedacht hatte. Zu den untilgbaren Schandmalen gewendeter DDR- wie auch bundesdeutscher konservativer und rechtssozialdemokratischer Politiker wiederum gehören sowohl das Totschweigen als auch das Verteufeln der damaligen revolutionären Kämpfe für eine Gesellschaft sozialer Gerechtigkeit, obwohl selbst die Geschichtsforschung in der BRD die Münchner Räterepublik einschließlich der Ursachen für ihre Entstehung und für ihr Scheitern inzwischen durchaus sachlich beurteilt. Und noch eines ist wichtig: Angesichts heutiger und staatlich geduldeter neonazistischer Umtriebe, die bekanntlich schon Todesopfer gefordert haben, gilt es alles zu tun, dass nicht eines Tages wieder Linke in großer Zahl „Tote auf Urlaub“ sind.

 

H.-J. Weise