24. Oktober 2013

Vom Glasbläser zum Professor – Friedrich Heyder aus Gehren

Das Internet-Lexikon WIKIPEDIA nennt mit Johann Michael Bach, seiner Tochter Maria Barbara als erster Ehefrau von Johann Sebastian Bach und dem aus Köln stammenden Schauspieler Udo Kier drei Persönlichkeiten, deren Wirken mit Gehren eng verbunden ist. In Zukunft wird dort wohl der Name einer vierten Persönlichkeit erscheinen müssen, die in den Mauern des Städtchens das Licht der Welt erblickte und der mit Sicherheit nicht an der Wiege gesungen worden war, einmal ein Wissenschaftler von Rang zu werden: Friedrich Heyder setzte sich nach dem Abitur noch einmal auf die Schulbank, um in Ilmenau den Beruf des Glasbläsers zu erlernen – ein bis zum Beginn der 1960er Jahre nicht unüblich gewesener Weg, um das Studium nicht nur mit dem Zeugnis der Hochschulreife, sondern auch schon mit praktischen beruflichen Erfahrungen zu beginnen. Ein knappes Jahrzehnt lang gab es das dann als Abitur mit Berufsausbildung (nicht zu verwechseln mit der nach der 10. Klasse drei Jahre dauernden Berufsausbildung mit Abitur) auch ganz regulär: Zwei Tage in der Woche praktische Ausbildung gemäß dem aus dem vorhandenen Angebot ausgewählten Beruf im Betrieb, davon alle zwei Wochen einen Tag in der Berufsschule, und die übrigen vier Tage normaler Unterricht in der Erweiterten Oberschule. Mit dem Facharbeiter- und dem Abiturzeugnis in der Tasche begann der junge Friedrich Heyder sein Chemiestudium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, das er 1971 mit dem akademischen Grad eines Diplom-Chemikers abschloss. Bei hervorragenden Studienleistungen eröffnete sich die Möglichkeit, dem regulären ein Forschungsstudium anzuschließen, das zur Promotion führte. Damit wurde die Festkörperchemie das Fachgebiet, dem er sich von nun an widmete. Zwei Jahre später begann er seine erfolgreiche Tätigkeit in der Abteilung Forschung des VEB Kombinat Keramische Werke Hermsdorf, einem der bedeutendsten Hersteller von Elektroporzellan. Hochspannungsisolatoren, Ferritkerne, Magnete, Schaltkreise, Kondensatoren, Widerstandsnetzwerke und viele andere für die Elektro- und Elektronikindustrie wichtige Materialien, Bauteile und Bauelemente trugen das Markenzeichen „KWH“. Fortan waren Elektroporzellan und Oxidkeramik die Fachgebiete, mit denen sich Friedrich Heyder sehr intensiv beschäftigte. Im Jahre 1979 folgte schließlich die Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften (Dr. rer. nat.) und damit auch die Voraussetzung für seine 1985 ausgesprochene Berufung als Dozent an die bekannte und sehr angesehene Ingenieurschule für Elektrotechnik und Keramik Hermsdorf. Seine Arbeitsgebiete waren sehr umfangreich, sollte doch den dort ausgebildeten künftigen Ingenieuren ein tiefgründiges und anwendungsbereites Wissen vermittelt werden: Physikalische Chemie der Keramik, Keramische Werkstoffe, Konstruktions- und Funktionskeramik sowie wissenschaftlich-technische Entwicklungsarbeit und Betreuung von Ingenieurabschlussarbeiten. Neuem stets aufgeschlossen war sich Dr. Friedrich Heyder stets darüber im klaren, dass es nicht ausreichte, lediglich vorhandenes Wissen und damit einmal Gelerntes zu vermitteln, sondern sich ebenso ständig weiterzubilden, um künftigen Anforderungen gerecht werden zu können. So befasste er sich vor allem mit neuen Verfahren der Keramik, der Applikation technischer Keramiken, dem Plasmaspritzen als thermischem Beschichtungsverfahren zur Oberflächenbehandlung sowie der Anwendung von Standardsoftware in der Elektronischen Datenverarbeitung, um nur einige dieser Gebiete zu nennen.

Die Jahre ab 1990 brachten einen tiefen Einschnitt in Stellung und Bedeutung der Ingenieurschule und somit auch in den Lehrbetrieb: Den wichtigsten Betrieb der Stadt, die Keramischen Werke, deren Bestehen 1949 ausschlaggebend für die Gründung dieser Bildungseinrichtung gewesen war, ließ die Breuelsche „Treuhandanstalt“ auf einen als „Tridelta“ firmierenden Rest zusammenschrumpfen. Vielen anderen Betrieben, die einst befähigte Mitarbeiter zur Ausbildung nach Hermsdorf delegiert oder bevorzugt Absolventen der Schule zur Verjüngung ihres ingenieurtechnischen Personals eingestellt hatten, erging es nicht besser. Zudem kannte die bundesdeutsche Bildungslandschaft keine Ingenieurschulen mehr, weshalb 1994 die letzten Absolventen in die Praxis entlassen wurden. Den 1997 vollzogenen Zusammenschluss der nunmehrigen Fachschule für Technik und Gestaltung mit Einrichtungen der Berufsausbildung zum Staatlichen Berufsschulzentrum erlebte Friedrich Heyder schon nicht mehr, da er als bereits vor 1989 über die Grenzen der DDR hinaus bekannter und anerkannter Wissenschaftler auf dem Gebiet der technischen Keramik 1992 einem Ruf der Fachhochschule Koblenz gefolgt war.

Dieser Weg war eher untypisch gewesen, verlief doch damals die Wanderung vor allem von West nach Ost, wo sich beschäftigungslosen Politikern und Akademikern genügend Ersatzperspektiven boten. Die Koblenzer Schule berief ihn in eine Professur für die Fachgebiete Allgemeine Keramik, Baukeramik und Thermische Verfahrenstechnik (Trocknungsprozess) im Diplomstudiengang Werkstofftechnik Glas und Keramik. Bei Studenten und Lehrkörper fand nicht nur sein hohes Engagement in der Lehre, sondern auch die von ihm angeregte enge Zusammenarbeit mit der Ziegel-, der Fliesen- und der Steinzeugröhrenindustrie viel Anerkennung. Kriterium der Wahrheit war für ihn immer die Praxis gewesen, ebenso aber legte er großen Wert auf die theoretische Weiterbildung der Fachleute aus den einschlägigen Industrieunternehmen. Gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie rief er die Lehrgänge für Mitarbeiter der Herstellerbetriebe ins Leben, die von den Teilnehmern durchweg positiv aufgenommen wurden. Nicht weniger engagiert wirkte er im Fachausschuss 2 „Rohstoffe“ der Deutschen Keramischen Gesellschaft, wobei er als Mitglied des Redaktionskomitees Inhalt und Erscheinungsbild der „Keramischen Zeitschrift“ entscheidend mitprägte. Ebenso gefragt und geschätzt war sein fachlicher Rat beim Industrieverband Fliesen und Platten. Doch was hier bislang unbekannt war und daher als etwas völlig Neues galt, hatte sich als enge Zusammenarbeit von wissenschftlicher Theorie und industrieller Praxis in der DDR schon über Jahrzehnte bewährt gehabt.

Von 1999 bis 2003 wirkte er als Dekan am Fachbereich Werkstofftechnik Glas und Keramik der Fachhochschule Koblenz. Zudem war er im Jahre 2000 Mitinitiator und Mitgründer des Bildungs- und Forschungszentrums Keramik (BFZK). Als Mitglied in den Beiräten des Forschungsinstitutes für anorganische Werkstoffe - Glas und Keramik - (FGK) und im CeraTechCenter (CTC) oblag ihm eine hohe Verantwortung bei der fachlichen Begleitung und Mitgestaltung von deren Entwicklung. Die große Wertschätzung, die seine Tätigkeit erfuhr, widerspiegelte sich ebenso in der zweimaligen Berufung zum Prodekan seines Fachbereiches. Prof. Dr. Friedrich Heyder, dessen Geburtstag sich am 10. April 2013 zum 65. Male jährte, hatte noch viele Pläne, die er verwirklichen wollte. Eine schwere Krankheit riss ihn jedoch schon am 23. Januar 2011 aus seinem schaffensreichen Leben. Die Fachhochschule Koblenz würdigte ihn als einen Hochschullehrer, „der auf dem Gebiet der Keramikwerkstoffe und Technologien als Fachmann weithin sehr anerkannt und stets für seine Studentinnen und Studenten ein kompetenter Ansprechpartner war“ und dessen Tod nicht nur an seiner Wirkungsstätte, sondern auch in der Welt der technischen Keramik eine große und nur schwerlich zu schließende Lücke riss.

 

Hans-Joachim Weise

 

Quellen:

http://www.hermsdorf-regional.de/personen-kwh

„Ziegelindustrie International“, Ausgabe 03/2011

http://www.hermsdorf-regional.de/schulen/berufsschule

Bild: http://www.hermsdorf-regional.de/personen-kwh