17. Dezember 2013

Vor 65 Jahren: Dem Grundsatz „Erst besser arbeiten, dann besser leben“ zum Durchbruch verholfen

Adolf Hennecke, wie ihn viele gekannt haben – vor Ort im Schacht, das Gesicht gezeichnet von der Schwere der Arbeit, aber auch von Nachdenklichkeit, Konzentration, Entschlossenheit und Willensstärke.

„Der Hunger ist auch eine Witwe vom Krieg.“, heißt es in Erwin Strittmatters bekanntem Kinderbuch „Tinko“. Der Hunger plagte viele nach dem bislang schlimmsten aller Kriege, vor allem, als er auf das Land zurückgeschlagen war, dessen herrschende Klasse ihn vom Zaune gebrochen hatte. Überall nichts als rauchende Trümmer, verseuchtes Land und Menschen, die entwurzelt, ziellos und verzweifelt versuchten, wenigstens das nackte Leben notdürftig zu bewahren. Dazu kamen die geistigen Trümmer, die der Faschismus bei den meisten hinterlassen hatte und die es schwer machten, nicht einen neuen schlechthin, sondern den richtigen Anfang zu finden. Zum Wiederaufbau bedurfte es nicht nur einer klaren Zielstellung, sie erforderte auch und vor allem Arbeit, geistige wie schwere körperliche. Doch wie sollte man gerade letztere mit bescheidenen, weil wegen der allgemeinen Knappheit streng abgemessenen Rationen und daher knurrendem Magen überhaupt zuwege bringen? So mancher forderte deshalb „Erst mehr essen, dann besser arbeiten!“, doch woher sollte man dieses „mehr“ nehmen? Die sowjetische Besatzungsmacht konnte allenfalls in eng begrenztem Maße helfen, litt doch die eigene Bevölkerung angesichts der von deutscher Hand in der UdSSR angerichteten schweren Zerstörungen selbst großen Mangel. Aber zeigten die westlichen Besatzungszonen denn nicht, dass es mittels „Marshall-Plan“ vorwärts ging? Waren die Menschen dort nicht immerhin satter und zufriedener? Dazu muss man freilich wissen, dass jenes damit bezeichnete, auf den US-amerikanischen Außenminister George C. Marshall zurückgehende „Europäische Wiederaufbau-Programm“ (European Recovery Program – ERP) niemals als uneigennützige Hilfe gedacht, sondern erstens an politische Bedingungen geknüpft und zweitens für die Eigner des US-amerikanischen Industrie-, Finanz- und Agrarkapitals ein außerordentlich einträgliches Geschäft war: Die sich daran beteiligenden Staaten waren selbstverständlich zur aktiven Unterstützung der Politik des „Eindämmens des Kommunismus“ („Containment Policy“) verpflichtet, wobei der Inhalt des Begriffs „Kommunismus“ sehr verschiedene und ebenso sehr seltsame Auslegungen erfuhr. So galt der US-amerikanischen Politik schon die unter der liberalen Regierung von Guatemalas Präsident Jacobo Arbenz Guzmán am 17. Juni 1953 beschlossene Bodenreform als „Griff des Kommunismus nach Amerikas weichem Unterleib“. Ab 1950 sollte jene „Politik des Eindämmens“ immer aggressivere Formen annehmen und damit zur „Politik des Zurückdrängens des Kommunismus“ („roll back“) werden, zu deren Bestandteilen unter anderem eine als „Politik der Stärke“ bezeichnete, Beschaffung und Einsatz von Massenvernichtungswaffen einschließende militärische Hochrüstung, großzügige Duldung und Unterstützung blutiger Diktaturen sowie brutale militärische Einmischung wie auf der koreanischen Halbinsel sowie in Indochina gehörten. Neben dieser aggressiven, den Weltfrieden gefährdenden war auch die psychologische Seite von nicht zu unterschätzender Bedeutung: Wer satt war, der war auch zufrieden, vor allem aber lebte er seither in dem Glauben, dass es allen Menschen mit den als Verursacher der bislang größten Katastrophe in der deutsche, europäischen und Weltgeschichte abgewirtschaftet habenden alten Eliten doch „viel besser“ ginge als mit „den Roten“ und ihrer sozialen Revolution. So galten voller Bauch, antikommunistische Indoktrination und Förderung politischen Desinteresses als wesentliche Garanten für die Verhinderung der weiteren „Expropriation der Expropriateure“ in Europa und darüber hinaus in aller Welt. Wenn es dann doch einmal vorkommen sollte, dass große Teile der Bevölkerung unzufrieden waren und mittels Streiks und Demonstrationen aufbegehrten, dann wurden durch Einsatz aller Machtmittel sehr schnell die Grenzen von ansonsten lauthals gepriesener Freiheit und Demokratie mit ganzer Brutalität gezeigt: Als die zur wirtschaftlichen Spaltung dessen, was noch vom einstigen Deutschland übriggeblieben war, geführt habende separate Währungsreform in Kraft gesetzt wurde, hatte der neue Wirtschaftslenker Ludwig Erhard auch eine sofortige Freigabe der Preise verfügt und das sogar gegen den Willen Konrad Adenauers. Die dadurch ausgelöste Teuerungswelle bewirkte neben machtvollen Protesten den ersten und bis heute einzigen Generalstreik in der Geschichte und Vorgeschichte der BRD, der durch die Besatzungsmächte auch mittels Einsatz von Panzern brutal niedergeschlagen wurde.

Der durch den Marshall-Plan nicht nur geförderte, sondern garantierte Absatz von infolge des Kriegsendes in den USA nicht, im zerstörten Europa jedoch dringend benötigten Erzeugnissen bewahrte deren Konzerne nicht nur vor einer drohenden Überproduktionskrise, sondern bescherte ihnen geradezu märchenhafte Gewinne. Zur Bezahlung der Warenlieferungen mussten die an jenem Programm teilnehmenden Länder bei US-amerikanischen Großbanken Kredite aufnehmen, womit sie sich hoch verschuldeten und diesen ebenfalls märchenhafte Gewinne ermöglichten. Sie saßen somit einerseits in der Falle der friedensgefährdenden Bedrohungspolitik und andererseits in der Schuldenfalle. Folglich kam eine Beteiligung der von der UdSSR befreiten Staaten und Gebiete wie auch der Sowjetunion selbst am Marshall-Plan unter keinen Umständen in Frage. So mussten zwangsläufig andere Mittel und Wege gefunden werden, um aus dem Teufelskreis aus eigener Kraft auszubrechen. Das hieß nicht und konnte auch niemals heißen, sich wie weiland Lügenbaron von Münchhausen am eigenen Zopfe aus dem Sumpf ziehen zu sollen, zumal von ideologischen Phrasen niemand satt wurde. Es galt vielmehr ein Beispiel zu schaffen, mit denen erstens der Beweis erbracht werden konnte, dass der Teufelskreis zu durchbrechen, und das zweitens verallgemeinerungswürdig war. Diese Aufgabe war zuerst dort zu lösen, wo nicht nur auf Grund der Schwere der Arbeit die höchsten Rationen zugeteilt wurden und damit eine wichtige Voraussetzung für ein Mindestmaß an hoher körperlicher Leistungsfähigkeit vorhanden war, sondern dem auch eine außerordentlich wichtige volkswirtschaftliche Bedeutung zukam: Das war der Bergbau und damit die Grundlage für die Steigerung der Energieerzeugung sowie den Wiederaufbau des Verkehrswesens, der Schwer- und der Chemieindustrie. Die Aufgabe, ein solches Beispiel zu schaffen, konnte nur ein Arbeiter übernehmen, der über die dazu notwendigen Voraussetzungen verfügte: Das waren außer Klassenbewusstsein sehr gute Fachkenntnisse, Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit sowie gründliche Arbeitsvorbereitung, ebenso aber auch viel Mut, Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen. Es wäre nämlich so naiv wie illusionär gewesen, anzunehmen, auf die Nachricht von einer gelungenen Hochleistungsschicht hin würden sich Tausende vor Begeisterung jubelnde Arbeiter umgehend ans Werk machen und dem Initiator nacheifern wollen. Nein, es war im Gegenteil mit harscher Ablehnung und Verweigerung zu rechnen, hatten doch viele die kapitalistische Normenschinderei noch in schlechtester Erinnerung. „Normenbrecher“ hatten bei ihren Kollegen kein Ansehen, eher waren sie verhasst, galt doch den Unternehmern jegliche Übererfüllung als Vorwand für die weitere Verschärfung der Arbeitshetze und damit der Ausbeutung. Noch nie hatte Normenüberbietung im Kapitalismus zu wesentlich höherer Entlohnung, wohl aber zur Steigerung von Unternehmergewinnen geführt. Antifaschistisch-demokratische Verhältnisse samt Enteignung vor allem der Nazi- und Kriegsverbrechern gehört habenden Betriebe führten nicht von selbst zu der Erkenntnis, dass nunmehr höhere Produktionsergebnisse und damit Normenüberbietung im Interesse der Werktätigen selbst lagen. Das alles war gründlich zu bedenken gewesen, bevor überhaupt an die Vorbereitungsarbeiten für die erfolgreiche Schaffung eines solchen Beispiels gegangen werden konnte.

 

Als deshalb die Wahl auf den Steinkohlebergbau im Zwickau-Oelsnitzer Revier und da im Karl-Liebknecht-Schacht auf den Bergmann Adolf Hennecke fiel, war letzterer keineswegs begeistert. Sein zuvor angesprochener Kollege Franz Franik, der wenig später ebenfalls mit Höchstleistungen von sich reden machen sollte, hatte abgelehnt gehabt, fürchtete er doch altem Denken geschuldete Ausgrenzung als „Normenbrecher“. Der am 25. März 1905 im westfälischen Meggen geborene Adolf Hennecke genoss bei seinen Kumpeln hohes Ansehen, galt er doch als „Durchreißer“, der nicht nur mit Muskelkraft, sondern auch „mit Köpfchen“ zu Werke ging: Er besaß viel Erfahrung, nahm die Aufgaben mit Überlegung in Angriff, wusste, an welcher Stelle des Flözes die Kohle am leichtesten zu brechen war, wie man das Werkzeug ansetzt, ohne mehr Kraft als unbedingt erforderlich aufzuwenden, und sorgte sich ebenso um dessen gründliche Pflege und Wartung. Das richtige Augenmaß bei der Auswahl der zur Sicherung des Abbauortes zu setzenden Stempel ersparte oftmals den Griff zu Axt und Säge, brachte also wertvollen Zeitgewinn, was natürlich der Fördermenge zugute kam. Adolf Hennecke war stets auch ein politisch bewusst handelnder Mensch, hatte vor 1933 der Roten Gewerkschafts-Opposition angehört, war am 1. Januar 1946 der SPD beigetreten und so mit dem Vereinigungsparteitag Mitglied der SED geworden. In vielen Diskussionen zur Lage im Zwickau-Oelsnitzer Revier war er durch sachliche Kritiken und gut durchdachte Vorschläge zur Lösung von Problemen aufgefallen. Am 9. Oktober 1948 fand dann die entscheidende Beratung von Vertretern der Landes- und der Kreisleitung der SED, der Gewerkschaft und der Betriebsleitung sowie Journalisten der von der Sowjetischen Militärverwaltung herausgegebenen Zeitung „Tägliche Rundschau“ mit Adolf Hennecke und weiteren Kumpeln statt. Was hier besprochen wurde, musste streng vertraulich bleiben, um das Vorhaben nicht zu gefährden: Nach langer und gründlicher Diskussion einigten sich die Teilnehmer, in Auswertung der vorangegangenen drei Tagungen des Parteivorstandes der SED und nach dem Vorbild des sowjetischen Häuers Alexej Stachanow eine Hochleistungsschicht zu organisieren. Als Termin wurde mit Bedacht der 13. Oktober gewählt, hatten doch an genau diesem Tag vor einem Jahr der FDGB-Bundesvorstand zur Verwirklichung des Befehl Nr. 234 der Sowjetischen Militärverwaltung aufgerufen, mit dem wichtige sozialpolitische Maßnahmen zur Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung in Kraft getreten waren. Mit der von Adolf Hennecke eingegangenen Verpflichtung, die für eine Schicht geltende Norm von 6,3 m³ mit mindestens 250 % zu erfüllen, sollte gezeigt werden, dass eine Überbietung grundsätzlich möglich war.

 

Natürlich konnte eine solche Überbietung nicht ausschließlich eine Einzelleistung sein, sondern letztlich immer eine kollektive: An diesem 13. Oktober 1948 waren sie zu dritt – Adolf Hennecke als Häuer vor Ort im Abbaufeld, dazu Georg Baumann und Franz Schwintek zur Bedienung der Förderanlage und zur Kontrolle der technischen Ausrüstung. Alle drei waren sie Mitglieder der SED und sie fuhren an diesem Tage früher als gewöhnlich, nämlich um 5.00 Uhr, in den Schacht ein, um nicht durch das bei Schichtwechsel übliche Gedränge kostbare Zeit zu verlieren. Nur wenige Eingeweihte wussten um das Vorhaben, von dessen Gelingen ein großer Teil der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung abhing. Adolf Hennecke begab sich zum Abbauort 232, wo schon eine besonders günstige Stelle ausgesucht worden und mit der Kreideinschrift „Stehenlassen“ gekennzeichnet worden war. Diese Stelle sollte denn auch in späteren Auseinandersetzungen, vor allem bei von Medien in den Berliner Westsektoren und den westlichen Besatzungszonen geführten Hetz- und Verleumdungsfeldzug eine Rolle spielen. Doch wie bereits gesagt ging es nicht um die Propagierung einer allgemeinen Normerfüllung von 387 % und mehr, sondern um den Beweis, dass eine notwendige Überbietung der Fördermenge grundsätzlich möglich war, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt wurden. Natürlich war Adolf Hennecke aufgeregt, wusste er doch, was vom Ergebnis dieser Schicht abhing. Entscheidend war aber seine Überzeugung, dass er es schaffen würde; immerhin hatte er auch ohne besondere Vorbereitungen schon mehr als einmal Normerfüllungen bis zu 190 % erreicht. Heute aber wurde von ihm noch wesentlich mehr erwartet und deshalb hatte er sich für diese Schicht einen Abbauort ausgesucht, an dem er seine bergmännischen Fähigkeiten voll entfalten konnte: Bei einer Flözhöhe von 1,80 m und einer Tiefe von 1,50 m ließ es sich verhältnismäßig gut arbeiten. Hier konnte das im Bergbau übliche Fördermittel, die Rutsche, dichter an die Kohle herangefahren und auch tiefer angelegt werden. So konnte ein Teil der gebrochenen Kohle gleich auf das Transportband fallen, wodurch zeitraubende und kräftezehrende Schaufelarbeit gespart wurde. Freilich war diese Erleichterung nicht an allen Abbauorten möglich, zudem erforderte diese Arbeitsweise große bergmännische Erfahrung. Das galt vor allem für die Ausnutzung des Gebirgsdruckes, der die Kohle zum Abbröckeln brachte, wenn der Häuer an der Unterseite des Flözes ansetzte, wodurch Hohlräume entstanden, in die das gebrochene Gut hineinrutschte. Das erforderte gründliches Fachwissen, denn sonst konnte es bei dieser Methode für den Bergmann auch gefährlich werden. Drei Aufgaben hatte Adolf Hennecke dabei zu erfüllen – das Brechen der Kohle mit dem Presslufthammer oder dem Pickel, das Wegräumen auf das Fördermittel und den Ausbau des Abbauortes. Auf seine Kondition konnte er sich verlassen, so weit, so gut, das aber allein reichte keineswegs, um das angestrebte Ziel zu schaffen: Vor Arbeitsbeginn waren alle technischen Einrichtungen und der Zustand der Arbeitsgeräte besonders gründlich zu überprüfen gewesen, damit ihr ordnungsgemäßer Zustand gewährleistet war. Das gesamte technische Personal hatte dafür zu sorgen, dass Schachtförderung, Holzzufuhr und Luftregelung störungsfrei vonstatten gingen. Im Grunde waren das Selbstverständlichkeiten, doch im Arbeitsalltag gab es, zumal in der an technischen Störungen wie Stromausfällen und fehlenden Ersatzteilen nicht gerade armen Nachkriegszeit, viele Situationen, wo das nicht ohne weiteres möglich war.

 

Diese gründliche Vorbereitung half, bei allen Arbeitsgängen wertvolle Zeit einzusparen. Zudem ging die Arbeit an diesem Tage gut voran, Adolf Hennecke konnte die Kohle gleichmäßig und kräftesparend brechen. Trotz im Bergbau immer wieder auftretender kleiner Zwischenfälle zeichnete sich bereits zur Frühstückspause um 11.00 Uhr ein beachtliches Ergebnis ab. Beim Schichtschluss um 13.15 Uhr schlug die Stunde der Wahrheit: Ortsführer und Steiger kamen zur Abnahme. Nach ihrer Feststellung war alles in Ordnung, Adolf Hennecke hatte auch noch genügend Zeit herausgearbeitet gehabt, um die Sicherung des Stollens zu überprüfen. Als Tagesergebnis wurde eine geförderte Menge von 24,4 m³ Steinkohle festgestellt, was einer Normerfüllung von 380 % entsprach. Bei genauem Nachrechnen wurde noch ein Fehler entdeckt, mit dessen Berichtigung ein Ergebnis von 387 % feststand. Adolf Hennecke und seine Mitstreiter waren glücklich und besorgt zugleich, standen sie doch vor der bangen Frage, wie diese Leistung von ihren Kollegen aufgenommen werden würde. Noch bevor Presse und Rundfunk über das Ereignis berichteten, hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im gesamten Revier verbreitet. Die Reaktionen bestätigten, dass die geäußerten Befürchtungen keineswegs grundlos gewesen waren. So erhielt der BGL-Vorsitzende des Oelsnitzer Reviers, Paul Voitel, empörte Anrufe von Gewerkschaftsfunktionären anderer Schächte, darunter diesen: „Paul, seid ihr denn verrückt geworden? Wie könnt ihr einen Normbrecher engagieren und noch dazu feiern? Das ist gegen jede gewerkschaftliche Tradition!“ Es war vielerorts noch nicht begriffen worden, dass die Kohle nicht mehr im Interesse der Gewinnsucht der Grubenherren gefördert wurde, sondern dass es nun galt, selbst Herr im eigenen Hause zu sein und dieser Aufgabe auch gerecht zu werden. Mit der Leistung Adolf Henneckes stand Neues gegen Altes und damit die bange Frage, wer sich für das Neue und damit für eine neue Einstellung zur Arbeit entscheiden würde. Sepp Zach, einer seiner engsten Freunde, schilderte in dem von Regina Hastedt verfassten Buch „Die Tage mit Sepp Zach“ die Haltung vieler nach dieser Rekordschicht: „... Wir schwiegen beharrlich und sahen weg, wenn der Adolf kam. Mit so einem wollten wir nichts zu tun haben. Adolf ging zu den Kumpeln, von denen er gemeint, sie seien seine besten Freunde. Er bat, er bettelte fast. Er sah nur kalte Schultern, hörte faule Ausreden, Vorwürfe. Wir wollten nicht...“ Es bedurfte harter und zäher Diskussionen, bis am 16. und 17. Oktober erstmals 134 Kumpel des Karl-Liebknecht-Schachtes, zumeist Mitglieder der SED, sogenannte Stoßschichten fuhren, in denen mehr als die übliche Menge Kohle gefördert wurde. Dabei wurden teilweise 200 % Normerfüllung erreicht. Doch noch immer gab es Ablehnung, mindestens aber Zurückhaltung. Um endlich den notwendigen Durchbruch zu erreichen, entschlossen sich zwei im gesamten Revier bekannte und geschätzte Bergarbeiterfunktionäre zu einer Hochleistungsschicht: Sozialdirektor Otto Braun, Abgeordneter des Sächsischen Landtages und mit 63 Jahren nach dem Bergbaugesetz eigentlich schon Rentner, und sein Sekretär Josef Latta fuhren am 19. Oktober in den Schacht ein. Mehrere Jahre schon hatten sie nicht mehr unter Tage gearbeitet, doch sie wollten beweisen, dass die Überbietung der Norm vor allem von der Einstellung zur Arbeit abhing und dass sich ein Bergmann keineswegs kaputtschinden musste. Obwohl die Bedingungen wegen technischer Störungen an diesem Tage nicht günstig waren, schaffte Otto Braun immerhin 120 %, Josef Latta brachte es auf 137 %. Dass gerade ersterer unter diesen Bedingungen und in seinem Alter eine solche Leistung vollbracht hatte, zwang viele zum Nachdenken und zum Umdenken. Nun war das Eis gebrochen, weitere Bergleute folgten dem Beispiel Adolf Henneckes, zum einen aus politischer Überzeugung, zum anderen aus materiellem Interesse: Im Bergbau und einigen anderen Industriebereichen galt der progressive Leistungslohn, wobei der gezahlte Lohn nach Überschreitung der Norm schneller als die Leistung stieg. Hatte beispielsweise Adolf Hennecke bei einer Normerfüllung von 200 % in einer Schicht durchschnittlich 30 Mark verdient gehabt, waren es am 13. Oktober 100 Mark. Darüber hinaus wurden noch Prämien gezahlt. Was die VVB Steinkohle für die Hochleistungsschicht als Prämie bereitstellte, mochte in späteren Jahren ein Lächeln oder vielleicht auch ungläubiges Staunen hervorrufen, damals waren es lebensnotwendige Dinge, an denen es allerorten mangelte: einmal Anzugstoff, 1,5 kg Fett, 3 Schachteln Zigaretten, eine Flasche Branntwein und 50,- Mark. Dass er sich diese Prämie mit seinen beiden Kumpeln Georg Baumann und Franz Schwintek teilte, war ihm eine Selbstverständlichkeit. Zudem zeigten andere Bergleute, dass auch die hier erreichten 387 % noch überboten werden konnten – Paul Berndt brachte es im Freitaler Revier auf 600 %, Franz Franik schaffte am 28. Oktober im Brückenbergschacht des Oelsnitzer Reviers 522 %. Diese im Steinkohlebergbau erbrachten Leistungen galt es alsbald zu verallgemeinern, ohne in Schematismus und Überspitzungen zu verfallen, von denen die damalige Zeit freilich nicht frei war. Es bedurfte großer Überzeugungsarbeit, um auch in anderen Industriezweigen die Bereitschaft zu außergewöhnlichen Leistungen zu erreichen. Selbst Werktätige, die bereits als Aktivisten hervorgetreten waren, hatten Zweifel. Deshalb erhielt Adolf Hennecke einen alten Pkw „Adler“ und den Auftrag, in andere Betriebe zu fahren, um seine Arbeitsmethode zu erläutern und zu beweisen, dass bessere Ergebnisse möglich waren, ohne sich gemäß dem im Kapitalismus geltenden Grundsatz „Akkord ist Mord!“ kaputtzuschinden: So diskutierte er mit dem Häuer Otto Käsberg, Brigadier einer kleinen Gruppe von Bergleuten in Kulkwitz bei Leipzig, wo noch ein Restposten Braunkohle unter Tage abgebaut wurde, somit die Bedingungen recht ähnlich waren. In anderen Industriebereichen galten auch andere Bedingungen, doch eine entscheidende Erfahrung konnte in nahezu jedem Betrieb verallgemeinert werden – das war die Verbesserung der Arbeitsorganisation! Hier vor allem junge Menschen einzubinden, sie zu befähigen, nach dem späteren Grundsatz „Der Jugend Verantwortung und Vertrauen!“ bei der Überwindung alter, überlebter Ansichten voranzugehen, war bereits im April 1948 die Jungaktivistenbewegung ins Leben gerufen worden. Durch Adolf Henneckes bahnbrechende Tat erhielt sie neuen Auftrieb und so war es keine Frage, dass er beim vom 21. bis 23. November 1948 in Zwickau stattgefunden habenden Jungaktivistenkongress des Landes Sachsen zur Diskussion sprach und bei Erfahrungsaustauschen gefragter Gesprächspartner war. Der grundsätzlichen Notwendigkeit „Erst besser arbeiten, dann besser leben!“ war zum Durchbruch verholfen worden, andererseits war gerade die damalige Zeit nicht frei von ideologischen Überspitzungen und Übertreibungen. Derartiges zeigte sich unter anderem in Bestrebungen, sowjetische Erfahrungen schematisch propagieren und übernehmen zu wollen, ohne zu überprüfen, in welchem Maße unter den eigenen Verhältnissen Notwendigkeit und Anwendbarkeit gegeben waren. Kritische Meinungen dazu konnten so auch schnell als „Feindschaft zur Sowjetunion“, mindestens aber als „politische Unreife“ ausgelegt werden. Dass und wie gerade Versuche einer Schematisierung häufig im Misserfolg endeten, wird unter anderem in Erwin Strittmatters Romantrilogie „Der Wundertäter“ sehr anschaulich vor Augen geführt. In der Aufbau-Euphorie der damaligen Zeit wurde mancherorts nicht begriffen, dass nicht jeder Betrieb „seinen Hennecke“ haben konnte oder gar musste. Zeit- und Materialersparnis war überall erforderlich und die von Adolf Hennecke vorgelebte neue Einstellung zur Arbeit Grundvoraussetzung dafür. Es konnte aber niemals um ein bloßes Vorantreiben von Prozentzahlen und damit um Tonnenideologie gehen, sondern um Erzeugnismengen, die erstens gebraucht wurden, zweitens produzierbar waren und drittens eine hohe Qualität besaßen. Somit waren die Schaffung einer wissenschaftlich begründeten Planung und einer wissenschaftlichen Arbeitsorganisation sowie die Entwicklung eines engen Zusammenwirkens von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Arbeitern, letztlich also eines neuen, auf gegenseitiges Vertrauen, Verantwortung und Achtung gegründetes Verhältnis zwischen Arbeitern und Angehörigen der Intelligenz, die Verbindung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit den Erfahrungen der besten Arbeiter die aus den Anfängen der Aktivistenbewegung zu ziehenden Lehren. Adolf Hennecke schrieb dazu unter anderem: „... Ich bin mir darüber klar und habe das immer wieder zum Ausdruck gebracht, daß es nicht möglich ist, solche Spitzenleistungen jeden Tag zu vollbringen. Ich wollte mit meiner Leistung nur zeigen, daß es bei einer gesunden Einstellung zur Arbeit, durch verbesserte Arbeitsmethoden und kluge Anordnung möglich ist, eine allgemeine Leistungssteigerung zu erreichen. Ich wollte ein Beispiel dafür schaffen, daß wir durch bessere Organisation der Arbeit, durch verbesserte Arbeitsmethoden zu neuen Ergebnissen kommen und unsere Produktion unter allen Umständen steigern können, um damit aus den heutigen Engpässen herauszukommen.“

 

Natürlich fand die Tat Adolf Henneckes nicht nur in der Sowjetischen Besatzungszone ein großes Echo, und zwar wie bereits geschildert im positiven wie auch im negativen Sinne: Die „Tägliche Rundschau“ hatte am 15. Oktober über seine Tat berichtet, kurz darauf folgten auch der Rundfunk in der Sowjetischen Besatzungszone sowie weitere Tageszeitungen. In den Berliner Westsektoren und den westlichen Besatzungszonen waren die Medien anfangs sehr zurückhaltend. Es dauerte eine Weile, bis es in den Köpfen der Wirtschaftskapitäne und der Herren der öffentlichen Meinungsmanipulation dämmerte, dass da etwas für sie Ungeheures und Ungeheuerliches geschehen war – diese Leistung war Teil des Klassenkampfes gegen das Wiedererstarken des Monopolkapitals und seiner Helfershelfer! In diesem Falle nun waren Spitzenleistungen und Normenüberbietung nicht zu ihrem Nutzen, sondern zu ihrem Schaden, gefährdeten sie doch die Wiederherstellung ihrer Machtpositionen. So wurden umgehend Presse und Rundfunk mobilisiert, um die Tat Adolf Henneckes zu verleumden, herabzuwürdigen und lächerlich zu machen. Beispielhaft dafür stand jener über ihn verbreitete, an Dummheit und Geistlosigkeit wohl kaum noch zu überbietende Witz: „Hennecke kommt mit 30 cm Stoff zum Schneider und bestellt einen neuen Anzug. Der nimmt Maß und antwortet: 'Kommen Sie in einem Jahr wieder, da wird der Stoff reichen.'“ Die erbrachte Leistung wurde lautstark angezweifelt, die Hochleistungsschicht sei „getürkt“ gewesen, hieß es. Ein Professor aus den westlichen Besatzungszonen schrieb, Adolf Hennecke hätte für das genannte Ergebnis pro Minute zwei Zentner Kohle schaufeln müssen, was keineswegs zu schaffen gewesen sein könnte. Der so Angegriffene erwiderte ihm: „Wenn Sie wollen, machen wir Ihnen mal vor, daß wir sogar mehr als zwei Zentner schaffen. Da können Sie ruhig dabei zusehen.“

 

Den Arbeitern in der Sowjetischen Besatzungszone wurden nun genau die gewerkschaftlichen Kampfmethoden angepriesen, die vordem gegen die Kapitaleigner eingesetzt werden mussten, um ihren Interessen Nachdruck zu verleihen und die deshalb von diesen mit allen Mitteln bekämpft worden waren. Neben den tagtäglichen Hetz- und Verleumdungsfeldzügen in Presse und Rundfunk mangelte es nicht an Versuchen, Arbeiter durch Beschimpfung, Beleidigung, Gerüchte und Lügen bis hin zu körperlicher Gewalt einzuschüchtern. Ausgerechnet von den Kreisen, die für Arbeiter außer Billigstlöhnen, Antreiberei sowie schlechten Arbeits- und Lebensbedingen nichts übrig hatten, wurde er als „Arbeiterverräter“ abgestempelt. Sich in Wort und Tat zur Aktivistenbewegung zu bekennen, konnte mitunter lebensgefährlich sein. Beispielsweise wurde der Adolf Hennecke zur Verfügung gestellte Pkw beschädigt, Fensterscheiben seiner Wohnung eingeworfen, Morddrohungen verbreitet. Josef Wuiciak, Mitglied der CDU und einer der ersten Aktivisten im Kupfererzbergbau, erhielt einen Brief mit Morddrohungen und der Zeichnung eines Galgens. Eines Tages wurde seiner Frau gar das Gerücht zugetragen, er sei im Schacht tödlich verunglückt. Mir solchen Methoden wurden nicht nur Angehörige terrorisiert, sondern auch Familien entzweit. Manche Hochleistungsschichten wurden zu Fehlschlägen, in einigen Fällen auf Grund von damals nicht seltenen Havarien und verschlissener Arbeitsgeräte, in anderen aber auch durch bewusste Sabotage. Ganz besonders unrühmlich tat sich bei diesen Hetz- und Verleumdungsfeldzügen ein Mann hervor, der im in den Berliner Westsektoren geschaffenen Separatparlament bei der liberal-demokratischen Fraktion (später FDP) untergeschlüpft war: Carl-Hubert Schwennicke war nicht nur Mitglied der NSDAP, sondern auch Abwehrbeauftragter des Oberkommandos der Wehrmacht und Agent der Gestapo gewesen. Nun gab er sich als lupenreiner Demokrat und sollte es alsbald zum Vorsitzender der FDP in Berlin (West) bringen. Als Lizenzträger des von der britischen Militärverwaltung genehmigten Blattes „Montags-Echo“ spielte er eine äußerst unrühmliche Rolle bei der Hetze gegen die Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone. In gekonntem Wortspiel glossierte damals der „Eulenspiegel“-Vorläufer „Frischer Wind“: „Wir brauchen keinen Schwennicke, sondern einen Hennecke!“

 

Der erfahrene Bergmann vermittelte nicht nur seine Kenntnisse und Erkenntnisse, sondern lernte dabei ebenfalls dazu, bildete sich weiter und übernahm wichtige Aufgaben beim politischen und wirtschaftlichen Aufbau der DDR: Bis 1967 war er Abgeordneter der Volkskammer und Mitglied in deren Wirtschaftsausschuss, arbeitete von 1951 bis 1953 als Abteilungsleiter im Ministerium für Schwerindustrie, ab 1958 in der Abteilung Kohle und Energie der Staatlichen Plankommission und im Volkswirtschaftsrat. Seit 1966 wirkte er als Mitarbeiter des Ministeriums für Grundstoffindustrie, von 1954 an war er 19 Jahre lang auch Mitglied des ZK der SED. Das war keine „Karriere“, wie sie im Kapitalismus gang und gäbe ist, es war bewusste Arbeit, es war sein ganz persönlicher Einsatz für die Errichtung einer Frieden und sozialer Gerechtigkeit verpflichteten Gesellschaft. Er blieb im Gegensatz zu manch anderem, der zwar in der Aktivistenbewegung von sich reden gemacht hatte, mit neuen Aufgaben aber überfordert oder vom persönlichen Ruhm geblendet worden war, einfach und bescheiden. Freilich war auch er nicht vollkommen und so kam beim ihm, glaubt man einer Mitteilung an das „DDR-Kabinett Bochum“, manchmal weniger das Herzliche, sondern mehr das Rauhe des Bergmanns durch. Mit Thomas Mann erhielt er im August 1949 als einer der Ersten den neugestifteten Nationalpreis. Einem Arbeiter eine solch hohe staatliche Auszeichnung – das war im bürgerlichen Staat so unmöglich wie undenkbar! Von den 100.000 Mark, nicht nur damals, sondern in allen Jahren der DDR viel Geld, blieb ihm freilich recht wenig: Neue Kleider für die drei Töchter, ein neuer Pkw „EMW 240“, das war alles, was er davon für sich und seine Familie verwendete. Mit dem großen Rest half er anderen, die bedürftig waren, Einzelpersonen, FDJ-Gruppen, Sportvereinigungen. Was für die DDR normal war, hohe staatliche Auszeichnungen für Arbeiter, woraus in späteren Jahrzehnten leider auch teilweise ein schematisiertes und nicht immer gerechtes „Auszeichnungsunwesen“ werden sollte, war für die BRD so gut wie undenkbar: Einem vor vielen Jahren ausgestrahlten ARD-Bericht zufolge waren die mit dem Bundesverdienstkreuz geehrten Arbeiter an einer Hand abzuzählen gewesen und keiner hat den Orden bei besonderem Anlass in der Öffentlichkeit getragen: „Nur einmal, bei der Verleihung.“, war die Antwort auf diese Frage gewesen. Als Adolf Hennecke wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag am 22. Februar 1975 nach einem schweren und arbeitsreichen Leben seine Augen für immer schloss, wurde er von vielen Menschen betrauert, einstigen Kumpeln des zu diesem Zeitpunkt wegen Erschöpfung der Vorkommen bereits stillgelegten und umprofilierten Zwickau-Oelsnitzer Reviers ebenso wie von Angehörigen, Freunden und Genossen. Gleichwohl war die Tat vom 13. Oktober 1948 ein so wichtiges Signal, dass auch heutige „Diktatur-Aufarbeiter“ ihre liebe Not damit und folglich schwer daran zu kauen haben. So hieß es im Blatt „Mitteldeutsche Zeitung“ (vor 1990 „Freiheit“): „Gemeinsam mit der Zittauer Weberin Frida Hockauf avancierte Adolf Hennecke in der ein Jahr später gegründeten Deutschen Demokratischen Republik zu den Vorreitern der Aktivistenbewegung. Beide wurden von den Mächtigen des Arbeiter- und Bauernstaates bis zu dessen Ende 1989 als Vorbilder für die herausragenden Leistungen der sozialistischen Werktätigen gehandelt.“ Und weiter schrieb die vom Organ der Bezirksleitung Halle der SED zum Verlautbarungsorgan der Kölner Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gewendete Zeitung: „Nachdem sich Vorreiter Hennecke von der Politik einspannen ließ und nach Berlin ging, wuchs die Zahl seiner Feinde. In seinem Haus in Lugau gingen Scheiben zu Bruch, an seinem späteren Dienstwagen machten sich Reifenstecher zu schaffen. 'Rund um Hennecke gibt es noch viel zu erforschen', sagt Andrea Riedel, Leiterin des Bergbaumuseums in Oelsnitz: 'Wir behandeln Adolf Hennecke noch weitestgehend mit dem Erkenntnisstand aus der DDR'. Im Museum selbst wird das Kapitel 'Adolf Hennecke' bis zum kommenden Jahr völlig neu gestaltet, die Darstellungen aus sozialistischen Tagen dabei relativiert. 'Keinesfalls werden wir aber Hennecke aus unserem Museum verbannen.', sagt die Historikerin Riedel. Dessen Geschichte würde auch nach 55 Jahren noch genügend Stoff für eine Doktorarbeit bieten.“ Schon mit der Wahl von Begriffen kann man verleumden, verhöhnen, lächerlich zu machen versuchen: „Nach dem Vorbild Stachanows baute auch die DDR eine Heldenfigur auf, die durch herausragende Übererfüllung des Arbeitssolls für Leistungssteigerungen im Sinne des Sozialismus werben sollte.“, schrieb „DAMALS – Das Magazin für Geschichte“. Adolf Hennecke als „Heldenfigur“ und „Werbeträger“? Wer solche Begriffe verwendet, hat nichts begriffen, um so mehr, als es weiter hieß: „Hennecke erhielt für seine Heldentat neben Vergünstigungen und Sachleistungen ein Auto und eine gutausgestattete Wohnung; ein Luxus, der für normale DDR-Bürger erst nach vielen Jahren Wartezeit erreichbar war. … Seine ehemaligen Kollegen verurteilten ihn als Verräter und Akkordbrecher.“ Selbstverständlich wurde auch die Geschichte zurechtgebogen, indem die Ursachen für die schlechte Wirtschaftslage in der Sowjetischen Besatzungszone ausschließlich der Reparations- und Demontagepolitik der UdSSR zugeschrieben wurden. Dass in der sowjetischen Führung zwei völlig entgegengesetzte Auffassungen dazu miteinander rangen, ist nicht neu: Eine ideologisch geprägte engstirnige, die so schnell wie möglich auch das Letzte aus dem zerstörten Land herausholen wollte, egal, was daraus wurde und ob es der UdSSR überhaupt nützte, und eine pragmatischere, weiterdenkende, die erkannt hatte, dass die von deutscher Hand angerichteten Zerstörungen nur mit Hilfe einer gut funktionierenden Wirtschaft in der Sowjetischen Besatzungszone so bald wie möglich wiedergutzumachen waren. Bis sich die zweite Auffassung durchgesetzt hatte, mussten leider Jahre vergehen. Die eigentliche Ursache aber, den vom deutschen Faschismus entfesselten Krieg, verschwieg dieses Geschichtsmagazin ebenso wie die Tatsache, dass die Zerstörungen zwischen Elbe und Oder ungleich größer waren sowie die westlichen Besatzungszonen ihren im Potsdamer Abkommen festgelegten Reparationsverpflichtungen gegenüber der UdSSR und Polen nur völlig unzureichend nachkamen, und stellte im Gegenzug den „Marshall-Plan“ verlogen als uneigennützige Hilfe hin, die scheinbar nur Dummköpfe ablehnen konnten: „Die sowjetische Besatzungszone litt unter den Folgen der Demontage durch die Sowjetunion. Als Reparationsleistungen wurden in vielen Wirtschaftsbereichen Betriebe demontiert und große Teile der Konsumgüterproduktion in die Sowjetunion abgeführt. Dagegen unterstützten die westlichen Staaten die von ihnen besetzten Gebiete mit dem neugegründeten Marshall-Plan, um einen raschen Wiederaufbau zu ermöglichen.“ Dass der „Marshall-Plan“ niemals uneigennützig war und welchem Zweck er diente, wurde bereits zur Genüge erläutert. „MDR Kultur“ hatte zu berichten: „Die DDR erklärte Hennecke anschließend zum 'Helden der Arbeit', er war das Aushängeschild der Aktivistenbewegung, machte Karriere bis ins SED-Zentralkomitee. Bei Betriebsräten und unter Kollegen aber galt er hingegen als Normbrecher.“ „Aushängeschild“, „Karriere“ - solche Begriffe mögen in der kapitalistischen Gesellschaft als Maßstäbe gelten, die sich, an eine völlig andere Gesellschaft schematisch angelegt, umgehend als dafür untauglich erweisen, und wer die Verwendung der Beschimpfung „Normbrecher“ derart pauschalisiert und verabsolutiert, der hat nicht begriffen, welch schwerer Erkenntnisprozess damals notwendig war. Und prompt fand sich am nächsten Tag der heutigen „Delegitimierern“ so passende wie genehme Kommentar zur Sendung: „So war das häufig im Sozialismus, der Masse ging es doch nur darum, das es schön bequem ist, gefördert von falschen Anreizen (billiger Wohnraum, billiges Brot usw.) Genauso wie viele noch 'mehr aus den Betrieben herausholten'. Diese Diebe tun sich heute damit rühmen. Das ist der eine Grund, warum der Staat kaputt ging, der andere war die desaströse Planung und Politik der SED.“ Selbst da, wo zähneknirschend zugegeben werden muss, welche Aufbauleistungen in der DDR vollbracht wurden, wird noch gekrittelt, abgewertet und verhöhnt, wie sich unschwer an den verwendeten Begriffen erkennen lässt: „Trotz der Kritik hat die SED ihr Ziel erreicht: Sie kann endlich einen Ober-Aktivisten vorführen. SED-Chef Walter Ulbricht will die kriegszerstörte Wirtschaft in Ostdeutschland aufbauen, doch Einheitslöhne spornen die Arbeiter nicht zu Höchstleistungen an. 1949 werden die Betriebsräte abgeschafft und 100.000 Aktivisten treiben die Arbeiter an. Ab 1950 vergibt die DDR offiziell die Auszeichnung 'Held der Arbeit', verbunden mit 10.000 Ost-Mark plus Vorteilen bei der Zuteilung von Neubauwohnungen und Urlaubsplätzen. … Hennecke macht Karriere, schafft es bis ins Zentralkomitee der SED, predigt Fleiß und Leistungsbereitschaft.“, hieß es anlässlich seines 35. Todestages beim Westdeutschen Rundfunk (WDR). Anlässlich der Vorstellung eines von seiner Tochter Hannelore Graff-Hennecke geschriebenen Buches holte sich die vom Organ der Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt der SED zum Verlautbarungsorgan des Konzerns Medien Union GmbH Ludwigshafen gewordene „Freie Presse“ den in Jena tätigen Professor für Geschichte Rainer Gries, um die Angelegenheit ins rechte, sprich antikommunistisch gefärbte Licht zu rücken: „Fotos wurden geschossen: Hennecke mit nacktem Oberkörper und dem Hammer als phallischem Accessoire. Fähigkeit des Proletariers. 'Das Bild zeigt die sublime Erotik der Arbeit', sagt Gries. Es wurde gleichsam zum Abziehbild der sozialistischen Idee. Die Propagandamaschine, noch in den Händen sowjetischer Militärs, lief an. Gries: 'Sie bot dem Volk Hennecke als Helden an.' Mit Schlagzeilen wie: 'Wir brauchen viele Henneckes' reagierten die Zeitungen. … Doch schon in Henneckes Sonderschicht, bei der er eben nicht unter regulären Bedingungen arbeitete, lag ein Moment des Betruges. Bereits hier keimte das Korn jener Selbsttäuschung, die bis zum Ende der DDR groteske Ausmaße annahm. 'Aus dem ,Einholen und Überholen', wie es in der Hennecke-Ära hieß, wurde bald das ,Überholen ohne Einzuholen'', analysiert Gries.“ Offenbar hatte der Professor den tieferen Sinn des in den 1960er Jahren von Walter Ulbricht verkündeten Anspruchs „Überholen ohne Einzuholen“ ebenso wenig begriffen wie so viele, die einst vollmundig darüber redeten, aber letztlich nicht danach handelten. Bei allen diesen Veröffentlichungen drängt sich die Frage geradezu auf, ob jemand, der sich vom schon durch Thomas Mann als „die Grundtorheit unserer Epoche“ erkannten und gegeißelten Antikommunismus leiten lässt, überhaupt willens und in der Lage ist, die Entwicklung in Sowjetischer Besatzungszone und DDR zu verstehen, geschweige denn auch nur ansatzweise einer gerechten Bewertung zu unterziehen.

 

Eines jedenfalls beweist all dieses feindselige Lob: Adolf Hennecke und seine bahnbrechende Tat sind genauso lebendig wie der Staat, in dem und für den er lebte und arbeitete. Viele von denen, die sich einst von den gemäß Ernst Reuters und Kurt Schumachers „Magnettheorie“ geschaffenen glitzernden und scheinbar übervollen Schaufenstern in der BRD und Berlin (West) blenden ließen, sind angesichts eigener Arbeitslosigkeit, eines Lebens im Unrecht von Armut per Gesetz, immer schlimmer werdender sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit sowie der schändlichen Kriegsbeteiligung schon lange ernüchtert. Sie vergleichen das ihnen 1990 so vollmundig Versprochene mit der rauhen kapitalistischen Wirklichkeit. Dieser Vergleich fällt auf vielen Gebieten nicht zugunsten des Kapitalismus aus, zeigt er doch auf, dass die Mehrheit kleine Vorteile viel zu teuer, da mit schweren Verlusten behaftet, erkaufen musste. Das freilich lässt bei den Verfechtern einer Gesellschaft, die es aller behaupteten Überlegenheit zum Trotz nötig gehabt hatte, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, die Alarmglocken schrillen. Um befürchteten Konsequenzen in Gestalt einer neuerlichen, aber gründlicher durchdachten und daher wirksameren sowie am Ende gar dauerhaften „Expropriation der Expropriateure“ frühzeitig zu begegnen, traten die „Delegitimierer“ in der irrigen Annahme, ihr Ziel durch Verteufelung, Schmähung und Verleumdung zu erreichen und so Angst vor antikapitalistischer Veränderung zu schüren, auf den Plan. Vor ihnen waren freilich schon die Wendehälse gekommen, jene Leute also, die sich der nunmehrigen Lage im Wissen um die uneingeschränkte Gültigkeit des Antikommunismus als Staatsdoktrin der BRD rasch angepasst hatten, wobei in den wenigsten Fällen zu erkennen war, ob sie schon immer so gedacht, solche Gesinnung aber geschickt verborgen, oder ob sie die bisherige aus Karrieregründen oder Angst um den Arbeitsplatz über Nacht bar jeden eigenen Gewissens einfach ausgetauscht hatten. Nicht nur die Gedenktafel an seinem einstigen Wohnhaus in Lugau wurde gestohlen, er wurde verleumdet und verteufelt. Besserwisser und offizielle Stellen taten alles, um ihre Schmutzkübel über ihn wie über die gesamte Aktivistenbewegung auszukippen. Selbstverständlich wurde für die Abschaffung der nach ihm benannten Straßen und Schulen gesorgt, wenngleich jene „Reiniger des Straßenbildes“ nicht überall Erfolg hatten: Die Bergarbeiterstadt Senftenberg, sorbisch Zły Komorow, hat noch ihre Adolf-Hennecke-Straße. Seine und die Leistungen vieler anderer Aktivisten sollten ebenso „delegitimiert“ werden wie die gesamte DDR. Damit wird einmal mehr bewiesen, dass alle schönen Worte von „Einheit“, „Vereinigung“ und „Wiedervereinigung“ allenfalls für das Reich der Geschichtslegenden taugen, jedenfalls so lange, wie die DDR dank des geschenkten Sieges als niedergeworfene Feindin behandelt wird. Doch das, was auf der Adolf Hennecke gewidmeten Gedenktafel im Bergbaumuseum Lugau steht, kann ihm keiner nehmen: „Der den Ring sprengte“.

 

H.-J. Weise

 

Quellen:

Barthel, Horst: „Adolf Hennecke“, in: „illustrierte historische hefte“, Nr. 16; Herausgeber: Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1979

ddr-kabinett-bochum.blogspot.com/.../adolf-hennecke-und-die-anfange-...‎ 

Kulke, Willy: „Der rennt wie Hennecke...“, in „DAMALS - Das Magazin für Geschichte“, Konradin-Medien GmbH Leinfelden-Echterdingen 2013

„Neue Erkenntnisse über Adolf Hennecke“, „MDR Kultur“, 13.10.2013

Ortel, Gabriele und Vesper, Karlen: „Der flinke Adolf“, in: „Neues Deutschland“, 29.03.2005

Prase, Eva: „Hennecke, der Normbrecher“, in: „Freie Presse“ vom 09.03.2011

Strittmatter, Erwin: „Der Wundertäter“, Erster Band, 26. Auflage 1982; 2. Band, 3. Auflage 1982; 3. Band, 8. Auflage 1982, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar

Strittmatter, Erwin: „Tinko“, 17. Auflage, DER KINDERBUCHVERLAG BERLIN, ohne Jahresangabe

„Vor 35 Jahren: DDR-Vorzeige-Bergarbeiter Adolf Hennecke stirbt“, „WDR“, 22.02.2010

„Vor 55 Jahren sorgte Adolf Hennecke für Aufsehen.“, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 11.10.2003

 

Bild: Adolf Hennecke, wie ihn viele gekannt haben – vor Ort im Schacht, das Gesicht gezeichnet von der Schwere der Arbeit, aber auch von Nachdenklichkeit, Konzentration, Entschlossenheit und Willensstärke.

Quelle: „... und der Zukunft zugewandt“, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1959