11. Februar 2014

Das blanke Entsetzen stand Darwin im Gesicht ...

 

Von Frank Hildner 

 

Jedes Schulkind kennt Charles Darwin (1809 -1882), der heute zu recht als Begründer der Evolutionstheorie im Biologieunterricht behandelt wird. Doch wiederholt gab und gibt es in der Wissenschaftsgeschichte Überraschungen, die einem breiten Publikum verborgen bleiben. So trifft am 18. Juni 1858 in Down House, dem Landgut Darwins, ein dicker Umschlag aus Ternate ein (Inselwelt der Molukken). Alfred Russel Wallace (1823 - 1913) heißt der Absender. Charles Darwin erlitt den größten Schock seines Berufslebens, als er den Inhalt des Briefes las. Auf zwanzig Seiten hat Wallace eine Theorie skizziert, die der Darwins zum Verwechseln ähnelte. Nicht nur, dass er eine Evolution mit gemeinsamer Abstammung vorschlägt, sondern auch einen Mechanismus, der sich fast genau mit Darwins natürlicher Auslese deckt. „Ich habe niemals ein auffallenderes Zusammentreffen gesehen; wenn Wallace meinen handschriftlichen Sketch (engl. Skizze) aus dem Jahre 1842 hätte, hätte er keinen besseren kurzen Auszug machen können! Selbst seine Begriffe stehen jetzt als Überschriften über meinen Kapiteln".! Darwin ist am Boden. Jahrelang hat ein anderer parallel die gleichen Gedanken gedacht, die gleichen Beispiele gesammelt, die gleichen Argumente formuliert. Und dafür hat er nicht mal nach Galapagos gemusst. Die Inseln, auf denen Wallace forschte, liegen in Südostasien. Und dort lassen sich ähnliche Phänomene studieren und dieselben Prinzipien erkennen. Ständig haben Menschen unabhängig voneinander dieselben Eingebungen gehabt. Aber das sich eine radikal neue Idee wie die natürliche Auslese so identisch zweimal entwickelt, ragt aus der Wissenschaftsgeschichte heraus. Darwin ist ratlos. „All meine Originalität ist zertrümmert". Diese Abhandlung enthält „genau dieselbe Theorie wie die meinige", sie war „wundervoll im Ausdruck und vollkommen klar", musste Darwin neidlos anerkennen. 2 Doch Darwin ist zögerlich, findet es unsympathisch, der Priorität wegen zu schreiben. Andererseits würde er sich ärgern, wenn jemand vor ihm, seine Thesen publizierte. Er beginnt einen Entwurf anzufertigen, doch der bleibt in der Schublade. Gleichzeitig sammelt er weitere Informationen von Zoologen, Botanikern, Anatomen und Züchtern. Sogar Wallace bittet er um Exemplare aus dessen asiatischer Sammlung. Sein Gegenspieler im fernen Indonesien kann es kaum fassen. Ein anerkannter Naturwissenschaftler bittet ihn um Hilfe. Und dann ermuntert der Mann, den er äs Vorbild verehrt, auch noch, seine theoretischen Arbeiten fortzusetzen. Er spornt den jungen Wallace als Konkurrenten geradezu an, als er ihm mitteilt, dass er seit zwanzig Jahren seine Notizen auswerte und jetzt sein Werk zur Veröffentlichung vorbereite. Darwin muss wohl Wallace unterschätzt haben. 3

Der fünfundzwanzigjährige Alfred Wallace bricht im Revolutionsjahr 1848 von Liverpool auf in Richtung Brasilien. Als Achtes von neun Kindern musste er mit dreizehn die Schule verlassen. Seine weitere Bildung verschaffte sich der Autodidakt in Bibliotheken. So beeindruckten ihn die Reisebeschreibungen Alexander v. Humboldt (1769 - 1859) und Darwins Weltumsegelung, welche er gleich zweimal liest. Dies verstärkt seinen Wunsch, auch Naturforscher zu werden. Wallace war auch mit dem Werk von Thomas Malthus (1766 - 1834) vertraut und hatte sich die gleiche Frage wie Darwin gestellt: Kann man den Kampf ums Überleben, ums Dasein (engl. struggle for existence) bei Nahrungsknappheit, die Malthus der Menschheit prophezeite, nicht auf die übrige Natur übertragen? Vier Jahre bleibt Wallace im Amazonasbecken. Da er nicht die Mittel eines Darwin besitzt, muss er seine Reisekosten selbst erbringen. Er sammelt soviel er verstauen kann, um es Museen und wohlhabenden Briten verkaufen zu können. Dann passiert das Unfassbare. Das voll beladene Schiff fängt Feuer und sinkt. Seine gesamte Sammlung geht verloren. Nur ein paar Notizbücher kann er mit ins Beiboot retten. Wallace hat nun nichts zu verkaufen, aber viel zu berichten. Er, publiziert über Vögel, Schmetterlinge und Affen des Amazonas. Dabei macht er eine interessante Bemerkung: die einundzwanzig Affenarten, die er gesichtet hat, unterscheiden sich jeweils auf den zwei Seiten großer Flussarme. Die Gewässer wirkten also wie Barrieren, genauso wie in Darwins Modell. Er wurde als Naturforscher anerkannt und die Royal Geographical Society beauftragte ihn, den malaiischen Archipel zu erforschen. 1855, in einer Monsunpause, veröffentlichte er den Aufsatz „Über das Gesetz, welches das Entstehen neuer Arten reguliert hat". Darwin liest den Text in einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift und verkennt die Brisanz. Er will erst seine Arbeit über die Rankenfüßer, das sind Kleinkrebse, vollenden. Doch Darwin war etwas unruhig geworden und bittet befreundete Wissenschaftler um Rat. Der Anatom Thomas Henry Huxley (1825 - 1895) überschüttet ihn mehr mit Fragen, während der Botaniker Joseph Dalton Hooker (1817 - 1911) und der Geologe Charles Lyell (1799 - 1875) sofort erkennen, dass Darwin viel weiter als Jean Lamarck (1707 - 1778) gedacht hat. Da Lyell auch den Text von Wallace kannte, mahnte er zur Eile. Obwohl selbst Kreationist, drängt er Darwin seine Gedanken endlich zu veröffentlichen. „Raus mit der Theorie, lass sie ein Datum annehmen..." forderte er. Als ehrlicher Wissenschaftler wollte Darwin den ahnungslosen Kollegen in Fernost aber nicht hintergehen. Er wusste, dass die Geschichte ihm eine solche Sünde nicht verzeihen würde. Lyell schlägt deshalb vor, die Arbeiten gemeinsam zu veröffentlichen. Rechtzeitig, fast in letzter Minute, konnten Lyell und Hooker die Beiträge, auf die Tagesordnung der ehrwürdigen Linne-Society setzen. Die Sitzung fand ohne Darwin statt, dessen behinderten Sohn verstorben war. Die Mitglieder der Linne-Gesellschaft nahmen die Beiträge ohne Kommentar an. Sie erkannten nicht einmal den radikal neuen Inhalt. Aber Darwins Priorität war damit gesichert. Sein Text trug das Datum 1844, eindeutig vor Wallaces Gedankengut, der aus der Fremde seine Zustimmung erteilt. Stolz, gemeinsam mit Darwin seinen Aufsatz veröffentlicht zu haben, zeigte er sich großmütig und prägte sogar den Begriff Darwinismus. Hätte er seine Ausarbeitungen nicht an Darwin geschickt, sondern den Text anderswo publiziert, stünde ihm das Vorrecht der Erstveröffentlichung für immer zu. So blieb er Zweiter, aber nicht ganz vergessen, denn als Mitbegründer der Biogeographie ging Wallace trotzdem in die Wissenschaftsgeschichte ein. Bei der Untersuchung der regionalen Verbreitung der Tierarten hatte er feststellen können, dass sich die Fauna Südostasiens von der Fauna Australiens grundlegend unterscheidet. Daher wird die geografische Linie, welche die asiatische Fauna Orientalis von der australischen Fauna Australis trennt, nach Vorschlag von Thomas Huxley bis heute als „Wallace - Linie" bezeichnet.

In späteren Jahren wandte sich Wallace dem Spiritismus zu und beschäftigte sich mit obskuren Dingen wie Tischerücken, Geisterfotografie und ähnlichem. Friedrich Engels (1820 - 1895), der auch Wallace als Naturforscher kannte, besuchte mit Freunden einige Vorstellungen und machten sich über die Scharlatanerie lustig. Engels beschrieb Wallaces spiritistisches „Spätwerk" in seinem Artikel „Die Naturforschung in der Geisterwelt". 4 Alfred Rüssel Wallace starb am 7. November 1913 in Dorsel, Südengland. Er wurde 90 Jahre alt. Das Verhalten der beiden Männer, die so, völlig getrennt, zu den gleichen Resultaten gelangten, gehört zu den ethisch erhabensten Momenten in der Geschichte der Biologie. Wallace blieb Darwin zeitlebens zutiefst verbunden.

Anmerkungen:

  1. Jürgen Neffe, Darwin. Das Abenteuer des Lebens, München 2008, S. 281

  2. Ilse Jahn, Charles Darwin, Leipzig 1982, S. 82

  3. Darwin-Wallace. Dokumente zur Begründung der Abstammungslehre, hrsgg. von Gerhard
    Heberer, Stuttgart 1959, S 6

   4.   Marx-Engels-Werke, (Anti-Dühring), Berlin 1962, Bd. 20, S. 337- 347 Zwei Fotorepros Wallace , Bildsammlung Humboldt-Uni zu Berlin


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