19. November 2013

Nach dem 9. November 1938 - Terror und Entrechtung mit System

Mit diesem so winzigen wie versteckt untergebrachten verlogenen sechszeiligen Einspalter berichteten Thüringer Zeitungen am 10. November 1938 über die nächtliche Verbrechensorgie der Nazis.

Mit 80 Mitgliedern gehörte die seit 1880 bestanden habende jüdische Gemeinde in Ilmenau zu den kleineren und verfügte deshalb auch statt einer Synagoge lediglich über einen Betsaal in der Burggasse. Dennoch hatte sie das Gesicht der Stadt und vor allem ihr Geschäftsleben wesentlich mitgeprägt. Daneben gab es eine Reihe jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die den alten Glauben abgelegt hatten und somit nicht der jüdischen Gemeinde angehörten. Für die nazistischen Judenhasser machte das freilich keinen Unterschied - Drangsalierung, Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung geschahen unabhängig von Religionszugehörigkeit oder Konfessionslosigkeit. Über die Ereignisse in Ilmenau ist bereits vieles veröffentlicht worden, weshalb hier nur daran erinnert werden soll, dass beim zynisch und verharmlosend „Kristallnacht“ genannten Pogrom vom 9. November 1938 der Betsaal aufgebrochen, das Inventar auf den Markt geschleppt und dort verbrannt wurde. Man fühlt sich an die Scheiterhaufen des Mittelalters erinnert, als Menschen jüdischen Glaubens für alle Schrecknisse der damaligen Zeit wie Pestepedemien verantwortlich gemacht wurden und deshalb einen grausamen Tod erleiden mussten. Ebenso ist bekannt, dass sich beim Novemberpogrom – und nicht nur bei diesem – vor allem die Angehörigen der von Staatssekretär Fritz Reinhardt begründeten Reichsfinanzschule ganz besonders unrühmlich hervortaten. Nicht umsonst verfügte diese Einrichtung auch über einen eigenen SA-Sturm und damit über eine für derartige Terroraktionen gedrillte stets einsatzbereite brutale Schlägertruppe. Was in Ilmenau geschah, war in seinem Ausmaß allerdings kaum mit dem zu vergleichen, was sich in jener Nacht der lodernden Synagogen in nahezu allen größeren Städten abspielte. Doch wer nun glaubt, die Presse des „Dritten Reiches“ habe über diese allerorten stattgefundene Verbrechensorgie auch in dementsprechenden Maße berichtet, der irrt: Nicht großangelegte oder gar triumphierende Berichterstattung war angesagt, sondern Verschweigen und Verharmlosen. Die Geschehnisse sollten möglichst nicht nach außen dringen, vor allem nicht im Ausland groß bekannt werden. Schließlich stand nicht nur das ohnehin längst ramponierte Ansehen des „Dritten Reiches“ auf dem Spiel, sondern vor allem für die weitere Aufrüstung und Kriegsvorbereitung außerordentlich wichtige Wirtschaftsbeziehungen. Zudem waren bei den Plünderungen und Brandschatzungen trotz zuvor verkündeter Verbote in einer kräftig angeheizten und vielerorts unbeeinflussbar gewordenen Stimmung Millionenwerte vernichtet oder geraubt worden, weshalb sich die Nazi-Führung mit dem Novemberpogrom wirtschaftlich ins eigene Fleisch geschnitten hatte. So äußerte Hermann Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan in einer Besprechung am 11. November 1938 unter anderem: „Denn, meine Herren, diese Demonstrationen habe ich satt. Sie schädigen nicht den Juden, sondern schließlich mich, der ich die Wirtschaft als letzte Instanz zusammenzufassen habe.“ Gegen den Pogrom an sich hatte er nichts, sondern nur gegen die den geplanten und als „Arisierung“ bezeichneten Raub jüdischen Eigentums beeinträchtigenden Plünderungen und Zerstörungen, die überdies die durch die Aufrüstung ohnehin bereits recht angespannte Versorgungslage verschärften: „Wenn in Zukunft schon Demonstrationen, die unter Umständen notwendig sein mögen, stattfinden, dann bitte ich nun endgültig sie so zu lenken, daß man sich nicht in das eigene Fleisch schneidet.“ Diese Haltung gipfelte bekanntlich in seinem Ausspruch: „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet.“

 

In Thüringer Zeitungen, die ja hinsichtlich des politischen wie auch des überregionalen Teils zentral beliefert wurden, etwa durch die Agentur „Deutsches Nachrichtenbüro“ (DNB), erschien jedenfalls am Donnerstag, dem 10. November 1938, lediglich ein ganze sechs Zeilen umfassender und vom Inhalt her im Grunde nichtssagender Einspalter, der noch dazu ganz unten platziert wurde, weshalb er in der breitangelegten Berichterstattung zum als Anlass für den Pogrom genommenen Pariser Attentat nahezu unterging. Mehr oder weniger flüchtige Leser hätten die Nachricht deshalb glatt übersehen können. Sie bezog sich zudem nicht einmal auf Thüringen, sondern auf den Pogrom im anhaltischen Dessau. Der schreckliche Begriff „Pogrom“ kam dabei selbstverständlich nicht vor, eher vermittelte der Text den Eindruck eines mehr oder weniger harmlos gewesenen und deshalb nahezu unbedeutenden lokalen Ereignisses: „In Dessau ist es zu spontanen Demonstrationen gegen die Juden gekommen. Die Dessauer Bevölkerung machte ihrem Abscheu der feigen Mordtat in Paris gegenüber Luft. Die Polizei wurde zum Schutze der Juden eingesetzt. Trotz ihrer hellen Empörung hielten sich die Massen soweit zurück, daß es zu keinen ernsthaften Ausschreitungen kam.“ Verharmlosender, vor allem jedoch verlogener ging es wohl kaum noch! Spontan war gar nichts, es sollte nach außen lediglich so aussehen, zumal die passende Pogromstimmung nach den Schüssen in der Pariser Botschaft des „Dritten Reiches“ in den am 8. November erschienenen Zeitungen mittels umfangreicher Artikel unter Schlagzeilen wie „Feiger jüdischer Mordanschlag“ und „Jüdische Mordbanditen“ mit aller Macht geschürt worden war. In seiner Rede vor dem Führerkorps der NSDAP zur Feier des Hitler-Putsches vom 9. November 1923 in München hatte Propagandaminister Joseph Goebbels die Richtung unmissverständlich vorgegeben: „Die Partei tritt nach außen nicht als Urheber der Demonstrationen in Erscheinung.“ Dass in Wahrheit jeder NS-Funktionär wusste, was er zu tun hatte, bestätigte der Bericht des Obersten Parteigerichts der NSDAP vom 13. Februar 1939, wenn auch recht verklausuliert: „So hat wohl jeder der im Rathaussaal anwesenden Parteiführer die Weisung des Pg. Dr. Goebbels, daß die Partei diese Demonstrationen nicht zu organisieren habe, so aufgefaßt, daß die Partei als Organisator nicht in Erscheinung treten solle; Pg. Dr. Goebbels wird sie auch so gemeint haben, denn die politisch interessierten und darüber hinaus aktiven Kreise, die für solche Demonstrationen in Frage kommen, stehen eben in der Partei und ihren Gliederungen. Sie konnten selbstverständlich nur durch Dienststellen der Partei und der Gliederungen mobilisiert werden.“ Der Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, hatte zudem am 9. November 1938 sämtliche Dienststellen der Geheimen Staatspolizei per Blitztelegramm angewiesen, „ ... soviele Juden – insbesondere Wohlhabende – festzunehmen als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können.“ SS-Gruppenführer Heinrich Müller hatte als Chef der Gestapo diese Weisung in einem weiteren Fernschreiben wie folgt präzisiert: „1. Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, daß Plünderungen und sonstige Ausschreitungen unterbunden werden können. ... 3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von 20-30000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch diese Nacht. ... “ Dass und wie mit „echter deutscher Gründlichkeit“ geplant worden war, verdeutlichte ebenso die in jenem Fernschreiben enthaltene Weisung, historisch bedeutsame Dokumente und wertvolle Kunstgegenstände sicherzustellen, bevor die Synagogen in Brand gesetzt wurden. Ganz in diesem Sinne war auch das Handeln des Ilmenauer Bürgermeisters Walther, der nach der von ihm angeordneten Schließung des „Berliner Warenhauses“ dessen Plünderung und Zerstörung verhinderte, damit Immobilie, Warenbestände und sonstige Werte unbeschädigt für die geplante „Arisierung“ zur Verfügung standen. Menschenschicksale dagegen waren unwichtig, wie die spätere Verhaftung und Verschleppung in Konzentrations- und Vernichtungslager zeigen sollte. Dabei wurde keineswegs wahllos zugeschlagen, nichts wurde dem Zufall überlassen: Bereits lange vor 1938 waren für die NSDAP und ihre Gliederungen Geheimmaterialien erstellt worden, in denen sämtliche Unternehmen und Geschäfte mit jüdischen Inhabern aufgeführt wurden. Diese Schwarzen Listen waren nicht nur nummeriert und mit dem Vermerk „Nur für Mitglieder der NSDAP und Angehörige der NS-Gliederungen versehen“, sie stimmten ihre „Nutzer“ mit so primitiven wie verlogenen und brutalen Losungen wie „Wer beim Juden kauft, hilft dem Weltbolschewismus!“ und „Wer vom Juden frißt, stirbt daran!“ auch ideologisch auf den kommenden Terror ein. Eine gewaltige Panne hatte es denn aber doch gegeben, durch die sich alles offizielle Gerede vom „spontanen Volkszorn“ vor allem dem Ausland gegenüber sehr schnell als Lüge entlarvte: Vielerorts hatten sich Angehörige der NSDAP und ihrer Gliederungen entgegen den Weisungen nicht in Zivil am Pogrom beteiligt, sondern in voller Uniform gewütet.

 

Die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 war eindeutig der Höhepunkt in der faschistischen Politik der planmäßigen Drangsalierung, Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger vor dem Zweiten Weltkrieg, aber noch lange nicht der Schlusspunkt. Der Begriff „planmäßig“ sagt aus, dass die als Begründung für die Entfesselung der Pogromnacht genommene Verzweiflungstat des aus Polen stammenden staatenlosen jüdischen Jugendlichen Herszel Grünspan (polnisch Grynszpan) vom 7. November nicht mehr war als der lange gesuchte passende Anlass, denn: Der durch ihn getötete Ernst vom Rath stand als Legationsrat der Pariser Botschaft des „Dritten Reiches“ zwar in einer etwas herausgehobenen Funktion des diplomatischen Dienstes, die jedoch innerhalb der nazistischen Hierarchie vergleichsweise untergeordnet war. Hitler erhöhte ihn erst wenige Stunden vor seinem Tode am 9. November gleich um drei Rangstufen zum Gesandtschaftsrat I. Klasse, um der bevorstehenden Mord- und Brandorgie eine glaubhaftere Rechtfertigung geben zu können. Eine wesentlich bedeutendere Funktion hatte der am 4. Februar 1936 der Verzweiflungstat des jüdischen Studenten David Frankfurter zum Opfer gefallene Landesleiter der NSDAP in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, gehabt, doch hier war die Nazi-Führung auffallend zurückhaltend gewesen. Innenminister Wilhelm Frick hatte im Einvernehmen mit Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß gleich am nächsten Tag gar jegliche Ausschreitungen gegen jüdische Bürger verboten gehabt: Am 6. Februar sollten die in Garmisch-Partenkirchen stattfindenden Olympischen Winterspiele eröffnet werden, für Berlin standen die Sommerspiele bevor. Da durfte es unter keinen Umständen zu einer Verschärfung der ohnehin angespannten außenpolitischen Lage kommen. Außerdem waren erst ein knappes halbes Jahr zuvor die berüchtigten Nürnberger Rassengesetze erlassen, die Mehrheit der deutschen Bevölkerung also noch nicht ausreichend an massenhafte Gewalt und Verbrechen gewöhnt worden. Ein zu diesem Zeitpunkt organisierter Pogrom hätte auch das Propagandabild vom für Europa, ja die ganze Welt in jeder Hinsicht vorbildlichen „Dritten Reich“ nachhaltig zerstört. Zwei Jahre später sah das angesichts des mit der Annexion Österreichs und der tschechischen Grenzgebiete entfachten nationalistischen Taumels, vor allem aber angesichts der inzwischen weit fortgeschrittenen Kriegsbereitschaft der Wehrmacht schon anders aus, so dass die Nazi-Führung nunmehr die Zeit für gekommen sah. Hätte es die Schüsse von Paris nicht gegeben, so wäre zweifellos ein anderer Anlass gesucht und gefunden worden. Auf jeden Fall war erreicht worden, was die Nazi-Führung erreichen wollte – mit dem Pogrom war eine Stimmung geschaffen worden, die es ermöglichte, die weitere Demütigung und Entrechtung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht nur Schlag auf Schlag fortzuführen, sondern dieser mit entsprechenden Gesetzen und Verordnungen ein juristisches Mäntelchen umzuhängen. Letztlich galt es also den Tod in Paragrafen und die Paragrafen in den Tod zu verwandeln. Dazu bedurfte es keines von der Kette gelassenen und am Ende vielleicht kaum noch beherrschbaren Mobs mehr, weshalb Propagandaminister Joseph Goebbels bereits am 11. November alle weiteren Aktionen verbot: „Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung bzw. der Verordnung dem Judentum erteilt werden.“ Sogleich erging die erste Anordnung, mit der Heinrich Himmler als Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei „Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden gelten, ...“ jeglichen Waffenbesitz verbot und strengste Strafen androhte: „Zuwiderhandelnde werden in Konzentrationslager überführt und auf die Dauer von 20 Jahren in Schutzhaft genommen.“ Am gleichen Tage folgten in der Presse erstmals Berichte, die zumindest auf auch in anderen Orten stattgefunden habende Pogrome schließen ließen. Diese gewissermaßen in homöopathischer Dosierung erfolgte Berichterstattung war freilich genauso verharmlosend und verlogen wie jene winzige Notiz vom Vortage gewesen: Im Anschluss an Goebbels' Weisung und Himmlers Anordnung wurde lediglich erwähnt, dass sich auch in Berlin und Leipzig der angebliche „Volkszorn“ erhoben, sprich der brutalste Antisemitismus ausgetobt hatte. In der Meldung wurde natürlich ebenso behauptet, die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger seien selbst die Brandstifter gewesen und hätten somit ihre eigenen Gotteshäuser zerstört. Dass von Aachen bis Königsberg, von Flensburg bis Klagenfurt die Synagogen gebrannt hatten und allerorten geplündert, zerstört und auch gemordet worden war, wurde weiterhin mit keinem Wort erwähnt. Während die illegale KPD mit ihrer Erklärung „Gegen die Schmach der Judenpogrome!“ das ungeheuerliche Verbrechen geißelte, rechtfertigte es der Landeskirchenrat der Thüringer Evangelischen Kirche in der von Landesbischof Sasse unterzeichneten Erklärung mit dem bezeichnenden Titel „Wider die Juden.“ Die weltweite Empörung zwang die Nazi-Führung schließlich zur öffentlichen Stellungnahme: Im „Völkischen Beobachter“ rechtfertigte Propagandaminister Joseph Goebbels in einem von vielen Regional- und Lokalzeitungen am 12. November nachgedruckten umfangreichen Beitrag die Verbrechensorgie, wobei er nicht nur die Mär vom „spontanen Volkszorn“ aufrechterhielt, sondern auch dem „deutschfeindlichen Ausland“ die Schuld dafür gab. Dort würden die Vorgänge nicht nur übertrieben und entstellt, vielmehr sollte die Verzweiflungstat Herszel Grünspans „ein Signal für die gesamte Judenheit im Kampf gegen Deutschland“ gewesen sein, doch die „Geduld des deutschen Volkes“ sei „nun erschöpft“. Zwar kam er nicht umhin, zuzugeben, dass es „Demolierungen“ gab, leugnete jedoch ungeachtet dessen weiterhin alle Plünderungen und Brandstiftungen ebenso wie die Tatsache, dass die Pogromnacht organisiert worden war. Überheblich und zynisch gab er dem Ausland den „Rat“, „die Lösung der Judenfrage“ doch „besser dem deutschen Volk zu überlassen“.

 

Gleich am 11. November wurde die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ erlassen. Danach war jüdischen Bürgern ab „1. Januar 1939 der Betrieb von Einzelhandelsverkaufsstellen, Versandgeschäften oder Bestellkontoren sowie der selbständige Betrieb eines Handwerks untersagt.“ Am 14. November wurde den Gedemütigten, Gequälten und Geschundenen zudem eine „Geldbuße“ von 1 Milliarde Reichsmark auferlegt, womit sie die ihnen zugefügten Schäden auch noch bezahlen und überdies selbst beseitigen mussten! Es folgten der umgehende Ausschluss aller jüdischen Studenten von den Universitäten und Hochschulen sowie der Schüler von den staatlichen Schulen, die Einschränkung von Wohnsitznahme und Bewegungsfreiheit, die Zwangsverschleuderung von Unternehmen sowie Haus- und Grundbesitz durch „Arisierung“, das Verbot des Besuchs von kulturellen Einrichtungen und Sportstätten, der Entzug von Führerscheinen und Kfz-Zulassungen, Berufsverbot für Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker und der Zwang zur Auswanderung. Mittels „Reichsfluchtsteuer“ wurden dabei vor allem vermögende jüdische Bürger geschröpft, die so oftmals nicht mehr als das nackte Leben retten konnten.

 

Was jüdische Menschen in einem künftigen Krieg erwartete, kündigte Hitler in seiner Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 mit nicht zu überbietender Deutlichkeit an – die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“. Bereits am 18. November 1938 war dem eine „Wohin mit den Juden?“ überschriebene Presseveröffentlichung vorausgegangen, in der höhnisch behauptet wurde, kein Land der Welt wolle die im „Dritten Reich“ Verfolgten und Bedrohten aufnehmen. Geradezu genüsslich wurden die doch erst durch die nazistische Rassenpolitik verursachten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Einwanderern und arabischen Einwohnern in der britischen Kolonie Palästina ausgeschlachtet. Gleiches betraf den in anderen Ländern mehr oder weniger offen vorhandenen Antisemitismus, dessen Verfechter selbstredend nach Kräften gefördert wurden. So erschien am 9. November eine Notiz, wonach sich zweifellos unter dem Einfluss des klerikalen Hlinka-Faschismus gestanden habende slowakische Studenten der Universität Bratislava (Preßburg) der Zusammenarbeit mit jüdischen Hochschullehrern und Studenten verweigerten. Selbstverständlich wurde auch beim Antisemitismus Martin Luthers Anleihe genommen, der den Nazis mit seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ passende Argumente lieferte, wie einem mit „Martin Luthers Rezept“ überschriebenen Beitrag vom 24. November 1938 zu entnehmen war. Der sich „Nationalsozialistisches Kampfblatt“ nennende Dresdener „Freiheitskampf“ verbreitete voll scheinheiliger Empörung, in Sachsen gebe es „25 Judenmillionäre“. Dieser Beitrag wurde von Thüringer Zeitungen am 25. November ebenso freudig aufgenommen wie eine Veröffentlichung in der im Ruhrgebiet erscheinenden „Nationalzeitung“, wonach „die Essener Juden“ ein Gesamtvermögen von 68.848.779 Reichsmark besäßen. Die millionenschweren Vermögen der „Arier“ Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Fritz Thyssen, Carl Friedrich von Siemens, Ernst Heinkel, Willi Messerschmdt oder Emil Kirdorf waren natürlich keiner Erwähnung wert, von einem empörenden Unterton dabei ganz zu schweigen.

 

Am 21. Februar 1939 wurde die Ablieferungspflicht für Edelmetalle, Edelsteine und Perlen eingeführt. Anfang April 1939 erreichte die antijüdische Hetz- und Verleumdungskampagne mit der durch die Gaufilmstelle Thüringen organisierten Vorführung des Films „Juden ohne Maske“, einem Vorläufer von Eberhard Tauberts Hetzfilm „Der ewige Jude“, einen neuen Höhepunkt. Dazu hieß es unter anderem: „Der erste Teil des Filmes führte die ungeheure Gefahr der jüdischen Filmtendenzen vor Augen und zeigte an Hand einer Reihe von besonders charakteristischen Bildern die ganze Verkommenheit der Filmjünger aus dem 'auserwählten Volk'. Der zweite Teil des Filmes brachte einen Ausschnitt aus einem Film, in dem nur Juden als Schauspieler wirken. Dieser Ausschnitt stellt wohl das Geschmackloseste dar, was man sich überhaupt vorstellen kann. Unvergeßlich wird jedem Besucher die widerliche Fratze des Judenbengels sein, der die Hauptrolle in diesem Film spielt.“ Dann trat erst einmal Ruhe ein, weil sich Politik, Presse und Rundfunk mit Ergebenheitsbekundungen und rührseligen Berichten zu Hitlers 50. Geburtstag am 20. April geradezu überschlugen. Diese Ruhe war jedoch nur eine scheinbare, denn hinter den Kulissen der Jubelfeiern wurde der nächsten Unmenschlichkeit der letzte Schliff gegeben: Am 4. Mai trat ein „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ in Kraft. Es erlaubte, „Juden auch gegen ihren Willen aus deutschen Wohnhäusern zu entfernen“ und sie nicht nur in sogenannte „jüdische Häuser“ zu verbannen, sondern dort auch auf kleinstmöglichem Raum zusammenzupferchen. Am 11. Mai 1939 wurde über den Erlass eines Gesetzes zur Schaffung solcher „Judenhäuser“ berichtet: „Der Grundgedanke der gesetzlichen Regelung besteht darin, daß die Juden in bestimmten Häusern zusammengefaßt werden sollen. Die Bestimmung dieser Häuser darf jedoch nicht zu einer unerwünschten Ghettobildung führen. Es ist von allen durch das Gesetz gegebenen Möglichkeiten Gebrauch zu machen, um eine möglichst vollständige Trennung jüdischer und nichtjüdischer Hausbewohner zu erreichen.“ Diese Maßnahme diente nicht nur der weiteren Ausgrenzung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, sie erleichterte auch künftige Diskriminierungen, Pogrome und Verhaftungen, waren doch die Betroffenen auf Grund dieser Konzentration viel gezielter, einfacher und schneller aufzugreifen. In geradezu teuflischer Logik schloss sich dem am 6. Juli die Verordnung über eine „Reichsvereinigung der Juden“ an. Deren Aufgabe bestand in der zentralen Erfassung aller jüdischen Bürger – die Grundlage für die späteren Transporte in die Vernichtungslager war damit geschaffen.

Erinnert werden muss aber auch an die völlig unterschiedlichen Gedenken zum 50. Jahrestag des Pogroms: Die Rede von Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) geriet zum Skandal, als er unter anderem von einem „politischen Triumphzug Hitlers“ in den Jahren 1933 bis 1938 sprach, der „selbst aus der distanzierten Rückschau und Kenntnis des Folgenden noch heute ein Faszinosum ist.“ Desgleichen sagte er im Hinblick auf die verfolgten jüdischen Bürger „Hatten sie sich nicht doch eine Rolle angemaßt, die ihnen nicht zukam? Mußten sie nicht endlich einmal Einschränkungen in Kauf nehmen? Hatten sie es nicht vielleicht sogar verdient, in ihre Schranken gewiesen zu werden?“ Dem Sturm der Entrüstung und des Protestes folgte der erzwungene Rücktritt. Dieser Skandal überdeckte gleichzeitig eine andere Affäre im Vorfeld dessen: Der Präsident des Zentralrates der Juden in der BRD, Heinz Galinski, hatte im Juni 1988 Erich Honecker und sodann Philipp Jenninger seine Idee von zwei parallelen Gedenkveranstaltungen in Volkskammer und Bundestag vorgetragen. Nachdem bekanntgegeben war, dass in der Volkskammer der Präsident des Verbandes der jüdischen Gemeinden in der DDR, Siegmund Rotstein, sprechen würde, drängten die Grünen darauf, Heinz Galinski eine Rede im Bundestag zu ermöglichen. Das lehnten die anderen Fraktionen nicht nur ab, sie verübelten ihm auch sein Gespräch mit Erich Honecker sowie den Besuch der Ausstellung „Und lehrt sie: Gedächtnis“ im Ephraim-Palais, die Annahme des Ordens „Stern der Völkerfreundschaft“ und die Teilnahme an der Sondersitzung der Volkskammer, zu der er als Ehrengast geladen war.

Und noch etwas ist am Ende anzumerken: Viele der an den antisemitischen Hetzfeldzügen in Presse, Film und Funk führend beteiligt gewesenen Personen kamen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur billig davon, sondern machten in der BRD erneut Karriere. Für die Politik des "roll back" dessen, was dort unter Kommunismus verstanden wurde, waren sie schließlich ungeachtet ihrer Rolle als Schreibtischtäter unentbehrlich. Diese beiden Beispiele waren beileibe keine Einzelfälle: Eberhard Taubert (1907 - 1976), Verfasser des Drehbuchs zum Hetzfilm "Der ewige Jude", war nicht nur Ministerialdirektor im Propagandaministerium, sondern als Beisitzer des "Volksgerichtshofes" an Todesurteilen gegen Widerstandskämpfer beteiligt gewesen. Ab 1946 war er für den britischen Geheimdienst tätig, ab 1947 für das US-amerikanische CIC, einen Vorläufer der CIA. In der BRD betätigte er sich an führender Stelle im "Volksbund für Frieden und Freiheit", einer vom der Bekämpfung der DDR dienenden "Ministerium für gesamtdeutsche Fragen" unterstützten extrem antikommunistischen Verband. Dieses Ministerium bescheinigte ihm noch eine Woche vor dem wegen seiner Beteiligung an Todesurteilen 1955 erzwungenen Rücktritt beim VFF "... Taubert ist ein Mann, den wir brauchen, und er ist auch unentbehrlich." Ab 1958 war er bei Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Berater für "Psychologische Kampfführung", zudem unterhielt er bis zu seinem Tode enge Verbindungen zu Nazi-Kreisen wie dem um Manfred Roeder. Fritz Kipper (1909 - 2002), war Regisseur dieses Hetzfilms und brachte es bei Joseph Goebbels bis zum Reichsfilmintendanten. Nach 1945 erhielt er zwar 2 Jahre Gefängnis, konnte aber in der BRD eine neue Karriere als Dokumentar- und Industriefilmer beginnen. Auch er blieb unbelehrbar und tat sich als Autor für die Rechtspresse hervor.

 

H.-J. Weise

 

Quellen:

Bergschicker, Heinz: „Deutsche Chronik 1933 – 1945“, 1. Auflage, Verlag der Nation, Berlin 1981

Eschwege, Helmut (Herausgeber): „Kennzeichen J“, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1981

 

Staatsarchiv Greiz

Tausk, Walter: „Breslauer Tagebuch 1933 – 1940“, herausgegeben von Ryszard Kincel, 1. Auflage, Rütten & Loening, Berlin 1975

 

 

 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/5/artikel/nach-dem-9-november-1938-terror-und-entrechtung-mit-system/