7. Mai 2014

Eine Gedenkstätte antifaschistischer Widerstandskämpfer in Suhl Heinrichs

Am 4./5. April eine jeden Jahres führt die Basisgruppe der VVN/BdA Südthüringen auf dem Friedhof in Suhl Heinrichs eine Gedenkveranstaltung durch. Im Auftrag des Bündnisses für Demokratie, Toleranz- gegen Rechtsextremismus und unserer Vereinigung pflegen wir (mein Mann und ich) die Gedenkstätte ganzjährig. Ende März wird sie gemeinsam mit einigen Helfern aufwändig saniert- Farbanstrich der Mauer, Pflanzenschnitt, Entfernen von Unkraut und Moos, Laub, Nadeln u.a.. Einige Fördermittel erhalten wir vom Bündnis. Ernst König, Erhard Schübel, Gottlieb Heß- drei Heinrichser Bürger im aktiven Widerstand gegen Faschismus und Krieg- ihrer und den über 250 Antifaschisten unserer Region gedachten wir auch in diesem Jahr am 4. April. Die ca. 30 Teilnehmer stimmten wir mit dem Lied “Der einfache Frieden”, gesungen von Gisela May, ein. Schon das war ein emotionales Erlebnis . Die Gedenkansprache durfte ich diesmal wieder halten. Wir konnten, wie immer, den Sohn Hans von Erhard Schübel gemeinsam mit seiner Ehefrau und Tochter begrüssen. Am 4. April, genau vor drei Jahren führten wir die Buchpremiere zu unserer Gemeinschaftsarbeit (Dr. Gerd Kaiser, Elke Pudszuhn, Dagmar Schmidt) ”Aufrecht und stark”- Frauen und Männer aus Suhl und Umgebung im Widerstand gegen Faschismus und Krieg , durch. Zuvor, am 19. März 2011, hatten wir unsere Arbeit auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. ( Erschienen im Verlag Edition Berlin.) Wir haben den ermordeten Antifaschisten ein Gesicht gegeben, sie dem Vergessen entrissen. Und heute können wir sagen, hunderte von diesen Büchern sind in Händen von Interessierten, nicht nur in Suhl, auch in Ilmenau, Hildburghausen,Sonneberg, Erfurt, Jena, Berlin, Weimar, Wismar, München, Marburg u.a. Städten. Warum dieses Datum? Ende März/Anfang April 1945 waren die Tage des “Tausendjährigen Reiches” bereits gezählt. Suhl war schon von den amerikanischen Truppen befreit. Da war die Hoffnung der Eingekerkerten auf baldiges Ende der Qualen, da waren die Gedanken der Familienangehörigen schon bei einem Wiedersehen, aber bald folgte schmerzliche Gewissheit. Hans Schübel schreibt später über seinen Vater: Am 28. März 1945 ”wurde mein Vater….vom 2. Senat des Volksgerichtshofes zum Tode verurteilt. Diese sogenannten Richter haben Namen und Titel, wie SA- Obergruppenführer Günther, Kammergerichtsrat Dr. Reimers, Landesgerichtsrat Welp sowie Volksgerichtsrat Dr. Koehler…. Eine Woche später wurde Erhard Schübel in der Nacht vom 4. zum 5. April im Webicht bei Weimar hinterrücks erschossen. Mit ihm die Suhler Antifaschisten Guido Heym und Robert Gladitz.” Insgesamt 149 Kämpfer gegen Faschismus und Krieg. Getötet mit Kopfschuss und in Bombentrichtern verscharrt. Im Todesurteil, das im Original vorliegt, wurde Erhard Schübel kommunistische Mundpropaganda, Verbreitung illegaler Schriftstücke, Sammlung von Spenden, Herstellung organisatorischen Zusammenhalts durch politische Aussprachen sowie sonstige umstürzlerische Tätigkeit zur Last gelegt. Der Volksgerichtshof kam aber auch nicht umhin, festzustellen, dass “Erhard Schübel ein geschulter Funktionär war, deshalb auch bei seinen Gesinnungsgenossen ein besonderes Ansehen genoss und schliesslich auch einen Meisterposten im Betrieb begleitete.” Denn es war bekannt, dass viele Menschen, ob Kollegen, Einwohner, Freunde oder Bekannte stets seinen Rat und Antworten auf ihre Fragen suchten sowie sein fachliches Wissen schätzten. Nicht zuletzt über seine geliebte Bienenzucht. Am Schluss des Todesurteils heisst es grotesk: “Weil Schübel verurteilt ist, muss er auch die Kosten des Verfahrens tragen.” Den Angehörigen war weder das Todesurteil noch die Ermordung E. Schübels in den letzten Kriegstagen bekannt. Marie, seine Ehefrau, die ein schweres Los trug, wartete noch bei Eintreffen der Alliierten auf ihren Mann. Erst spät erfuhr sie von seinem Tod. Ein Grab als Stätte des Gedenkens gibt es nicht. Auch deshalb dieser Ort. Die Strasse, in der das Wohnhaus der Familie steht, trägt den Namen Erhard Schübel. In Suhl Neundorf gab es eine Erhard Schübel- Schule. Die Gedenktafel wurde nach dem Anschluss der DDR gestohlen. Ernst König, seinen Namen finden wir ebenfalls an der Statue, wurde am 5. Januar 1945 zusammen mit den Widerstandskämpfern der Friedberggruppe im Lichthof des Landesgerichtes Weimar enthauptet. Ihm zu Ehren wurde in Heinrichs eine Strasse benannt . Am 29. Mai 2010 weihten wir dort für Ernst König ein Stolperstein ein. Gottlieb Heß, dessen Name am Fusse der Statue eingemeisselt ist, wurde am 13. November 1943 im KZ Buchenwald ermordet. Die Heinrichser Widerstandskämpfer gehörten Gruppen an, die in ihren Wohngebieten, in den Rüstungsbetrieben und auch überregional wirkten. Sie boykottierten den Nachschub der Kriegsproduktion, verbreiteten Nachrichten von ausländischen Sendern über den Kriegsverlauf, fertigten Flugblätter an und halfen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. Verräter hatten sich eingeschlichen –Klett und Häfner ihre Namen. Sie sorgten für ein jähes Ende der illegalen Tätigkeit. Nach einer grossen Verhaftungswelle folgten Hunger, Folter, unterlassene Hilfeleistungen bei Krankheiten, Misshandlungen an Leib und Seele. Ich kann es mir schwer vorstellen, wieviel Kraft und Standhaftigkeit dazu gehört, bei all diesen Grausamkeiten seine Überzeugung nicht zu verraten, dass Kriege und Faschismus für immer ausgemerzt werden müssen. Hervorgerufen werden diese Ausgeburten des Imperialismus durch das grenzenlose und über Leichen gehende Bestreben des Finanzkapitals nach Maximal- und Extraprofit, nach Rohstoffmärkten und Ausdehnung ihrer Machtbereiche..nachzulesen bei Karl Marx.. Im Schwur von Buchenwald, das Vermächtnis aller Antifaschisten,heisst es: “Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Welt steht. Der Aufbau einer Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel”. Das war 1945. Was ist daraus geworden? Obwohl der antifaschistische Widerstand bis in die letzten Kriegstage ein Kampf der Minderheiten auf Leben und Tod war, wurde er wahrgenommen- in der ganzen Welt- auch weil er seinem Wesen nach internationalistisch war. Aber heute, 24 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die BRD steht davon kaum noch etwas in den Geschichtsbüchern- ja, Stauffenberg und seine Verbündeten- das seien die einzigen Widerständler gewesen. Leute aus dem Bürgertum, die lange für Hitler kämpften und mit der nahenden Niederlage des deutschen Faschismus ihre Stunde kommen sahen. Unmittelbar nach dem II. Weltkrieg wurde im westlichen Teil Deutschlands damit begonnen, den antifaschistischen Widerstandskampf, der alle politischen und konfessionellen Richtungen einschloss, auszublenden und zu relativieren. Erhalten blieben grossbürgerlicharistokratische Macht-und Sozialstrukturen und Moralnormen sowie militaristische und monarchistische Traditionen und Vorstellungen. Die Bewältigung der nazistischen Vergangenheit hatte kaum eine Chance. Im ersten Bundestag haben 53 Abgeordnete der NSDAP angehört. 21 Minister und Staatssekretäre,100 Generäle und Admirale der Bundeswehr, 828 hohe Justizbeamte, Staatsanwälte und Richter, 245 leitende Beamte des Auswärtigen Amtes, der Botschaften und Konsulate,297 Beamte der Polizei und des Verfassungsschutzes hatten eine braune Vergangenheit. Höchste Ämter erhielten die Kriegsverbrecher Globke, Filbinger, Dregger, Seebohm und Oberländer. (Prof. Ludwig Elm: “Der Konservatismus in der BRD”) Warum betonen wir das immer wieder? Es ist doch alles schon so lange her. Brecht gibt die Antwort: “ Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch”- bis heute. Sind die meisten von den Genannten heute längst nicht mehr im Dienst, so haben sie dafür gesorgt, in ihren Ämtern Leute zu rekrutieren, die sich faschistischer Ideologie bedienen. Das spüren wir z.B., wenn Antifaschisten bei Blockaden und Demonstrationen gegen Neonazis von der Polizei abgedrängt, mit Wasserwerfern oder Pfefferspray verletzt oder verhaftet werden. Wie oft haben höhere Gerichte Aufmärsche oder Kundgebungen von Neonazis, die vorher durch Bürgermeister oder örtliche Gerichte verboten wurden, wieder genehmigt. Es ist fatal für diesen Rechtsstaat, der stets Meinungsfreiheit, Menschenrechte für sich in Anspruch nimmt, aber gleichzeitig zulässt, dass gegen eine Antifaschistin, eine der besten Geschichtslehrerinnen unserer Stadt, eine Hexenjagd veranstaltet wird, die ihresgleichen sucht. Die Vorwürfe sind lächerlich und entbehren jeder Grundlage. Unsere Solidarität gilt Heidemarie Schwalbe, aktives Mitglied unserer Basisgruppe und des Bündnisses für Demokratie, Toleranz- gegen Rechtsextremismus. Nicht nur der Konservatismus, sondern der Faschismus ist im Vormarsch- in Deutschland, in Frankreich, Spanien, Ungarn, Lettland, Estland, Litauen und nun auch in der Ukraine. Bei den Ereignissen um die Ukraine geht es ausschliesslich um politische, ökonomische und militärisch-strategische Interessen der USA und der europäischen Staaten. Ist es nicht eine Farce, wenn der Westen das Chaos erst heraufbeschworen hat und jetzt von einer Einmischung Putins in die inneren Angelegenheiten der Ukraine spricht? Was für ein Hohn für die Demokratie, wenn Volkeswille auf der Krim nicht akzeptiert wird. Was für eine internationale Schande, wenn BK Merkel und Aussenminister Steinmeier sich mit Faschisten einlassen, die bereits auf dem Maidan zu finden waren und jetzt in der Regierung der Ukraine ihr Unwesen treiben. Leute von der Swoboda- Partei, deren Mitglieder an der Seite der Hitlerfaschisten gegen die Sowjetunion gekämpft haben. Trotz wiederholter russischer Zusicherung, keine weiteren Gebiete in der Ukraine zu übernehmen, plant die NATO eine grössere Militärpräsenz in den osteuropäischen Mitgliedsstaaten. Die Bundesregierung ist mit von der Partie. Die Einkreisung Russlands durch

die NATO und Europa ist in vollem Gange. Auch der Teil des Schwures: “Nie wieder Krieg” ist nicht erfüllt. Mit der Beteiligung am Jugoslawienkrieg hat auch Deutschland das Völkerrecht gebrochen. Zahlreiche zivile Ziele wurden bombardiert. Es gab tausende Tote. Die NATO sprach von Kollateralschäden. Keiner der Minister der Schröderregierung und der ausländischen Beteiligten ist bis heute zur Verantwortung gezogen worden. Auch nicht Busch für den Irak- Krieg, den er mit einer Jahrhundertlüge begann. Deutschland entwickelt sich innerhalb von Europa immer mehr zur Grossmacht. Es ist doch offensichtlich, was Steinmeier, von der Leyen und Bundespräsident Gauck meinten, als sie auf der Münchener Sicherheitskonferenz forderten, dass die Bundesrepublik ihre angeblich bisher praktizierte Kultur der Zurückhaltung aufgeben und sich substanzieller aussen- und sicherheitspolitisch einbringen müsse. Also auch mit militärischer Beteiligung. Das zeigt doch: Dieses Europa ist nicht nur unsozial und neoliberal, sondern auch zunehmend militaristisch. Die BRD ist der drittgrösste Waffenexporteur- ich spreche von Kriegswaffen, Kriegsgerät, nicht von Jagd- und Sportwaffen. Sie tätigt 7 Prozent aller Rüstungsausfuhren weltweit. Auch deshalb verbietet sich, Suhl überall als Waffenstadt zu proklamieren. Es ist gut, dass Die Linke zu unserer Mitgliederversammlung im März in ihrem Programm einen entsprechenden Beschluss gefasst hat. Suhl ist die Stadt des Friedens- 1991 vom Stadtrat beschlossen. Wir erneuern auch heute unsere Forderungen: Europa muss eine friedliebende, soziale und solidarische Gemeinschaft werden Wir brauchen weder die NATO, noch die Bundeswehr. Letztere hat erst recht nichts in unseren Schulen zu suchen. Suhl muss eine Stadt frei von Neonazis, von Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit werden. Um mit Stephane Hessel zu sprechen: EMPÖRT Euch- wir brauchen eine wirksame ausserparlamentarische Arbeit, in der sich alle linken Kräfte vereinen und in der Öffentlichkeit Flagge zeigen. Das ist im Sinne des Vermächtnisses unserer antifaschistischen Widerstandskämpfer, vor denen wir uns in Ehrfurcht verneigen.

Dagmar Schmidt

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/4/artikel/eine-gedenkstaette-antifaschistischer-widerstandskaempfer-in-suhl-heinrichs/