9. April 2014

Ein Märtyrer wird geschaffen

Diese Ansichtskarte zeigt das dem Märtyrerkult um Rudolf Eck gedient habende und nach Ende des Zweiten Weltkrieges beseitigte Denkmal am Stadtrand von Gehren.

Wozu braucht es Märtyrer und was haben Schleiz und Langewiesen gemeinsam? Das Wort Märtyrer an sich wird vom griechischen „martys“ abgeleitet und heißt eigentlich nichts anderes als Zeuge. Mit dem Aufkommen des Christentums und dem Beginn von Christenverfolgungen wandelte sich die Bedeutung allmählich und bezeichnete alsdann Menschen, die ihrer Überzeugung treu blieben und dafür Folter und Tod erleiden mussten. Den Nachgeborenen sollte ihre Standhaftigkeit Vorbild und Anlass zu andauernder Ehrung und Verehrung sein. Im Deutschen hat sich auch der Begriff „Blutzeuge“ eingebürgert, der vor allem im „Dritten Reich“ in einem ausufernden Märtyrerkult, beispielsweise um die beim Hitler-Putsch am 9. November 1923 in München ums Leben gekommenen Nazis sowie den SA-Sturmführer Horst Wessel, eine außerordentlich wichtige Rolle spielte. Die Propaganda sprach von den „Blutzeugen der Bewegung“. Was nun Schleiz und Langewiesen anbetrifft, so haben sie eigentlich nichts weiter gemeinsam als dass es sich in beiden Fällen um thüringische Kleinstädte handelt. Allenfalls ließe sich noch anführen, dass in ersterer mit Johann Friedrich Böttger der Erfinder des europäischen Hartporzellans geboren wurde und Langewiesen in späteren Jahrhunderten zu den Herstellungsorten des „Weißen Goldes“ gehörte. Es gibt aber noch eine dritte, freilich recht unrühmliche Verbindung, wie der „Schleizer Zeitung“ vom Sonnabend, dem 13. August 1938, im langen Zweispalter „NS.-Musterschule in Schleiz eröffnet“ und dann nochmals der Ausgabe vom Freitag, dem 19. August 1938, unter dem Titel „Die erste Rudolf-Eck-Schule in Thüringen geweiht“ zu entnehmen ist. Zu jener feierlichen Weihe, mit der die bisherige Volksschule zur „Nationalsozialistischen Knaben-Musterschule“ erhoben wurde und jenen Namen erhielt, hatte sich eingefunden, was damals Rang und Namen besaß: Kreisleiter Paul Theuerkauf, Gaufrauenschaftsleiterin Betty Köhler, Landrat Paul Berk und Schulrat Bauerschmidt. Die Namensverleihung erfolgte durch Paul Thodte, mit der Nummer 2527 seit 1925 „Alter Kämpfer“, Kreisabschnittsleiter und Ortsgruppenleiter der NSDAP sowie als Erster Beigeordneter Stellvertreter des Oberbürgermeisters der Kreisstadt. Anschließend enthüllte er ein Porträtbild des Namensgebers und eine Gedenktafel. Bei dieser „NS.-Musterschule“ blieb es freilich nicht, wurde doch in Gehren bei Ilmenau gar ein pompöses Denkmal errichtet.

Doch wer war dieser Rudolf Eck? Das abgebildete Pressefoto zeigt einen noch recht kindliche Gesichtszüge tragenden und daher eher einem Schuljungen ähnelnden Siebzehnjährigen in einer SA-Uniform, wie sie in den Anfangsjahren der Nazi-Partei üblich war. Geboren worden war er am 16. Februar 1907 als Sohn des aus Langewiesen stammenden Erfurter Maschinenbaumeisters Oswald Eck und seiner Frau Emma. Im Jahre 1910 zog die Familie in die Heimatstadt des Vaters, wo Rudolf Eck denn auch die Volksschule besuchte. Er wurde, jedenfalls in Zeitungen des „Dritten Reiches“, als aufmerksam, fleißig und begabt geschildert und besuchte anschließend die Berufsmittelschule, um den gleichen Beruf wie der Vater zu erlernen. Wie er zur damals noch gar nicht so bedeutenden, durch den von Adolf Hitler jedoch geschickt genutzten Prozess gegen die Putschisten vom 9. November 1923 sehr bekannt gewordenen und zu diesem Zeitpunkt verbotenen Nazi-Bewegung fand, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall wurde er sehr schnell im „Jungsturm“ aktiv, wo er es zunächst bis zum Untersturmwart brachte. Beim (nicht mit der gleichnamigen Nazi-Rock-Band zu verwechselnden) „Jungsturm“ handelte es sich um die später zu einem der Vorläufer der HJ gewordene Jugendabteilung der SA. Im Alter von 17 Jahren gründete Rudolf Eck in Langewiesen eine eigene Abteilung dieses Jungsturms und wurde auch deren Anführer. Am 2. März 1924 hatte er in Jena am „Deutschen Tag“, einem jährlichen Treffen militanter rechtsgerichteter Vereinigungen, teilgenommen. Über seinen Tod berichtete „Die Henne“ vom 6. März 1924 in einem ganze acht Zeilen umfassenden Einspalter: „Langewiesen, 5. März. In der vergangenen Nacht wurde bei der Heimkehr von einer im 'Stadthaus' Gehren stattgefundenen 'Spinnstube' der 17 Jahre alte Rudolf Eck von hier erschlagen. Er wurde gegen Morgen an der Peripherie von Gehren liegend mit einer schweren Beule am Kopfe aufgefunden und nach dem Gehrener Krankenhause transportiert, wo er, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben, seinen Geist aufgab. Als Täter kommen drei junge Leute in Frage, die festgenommen und bereits ein Geständnis abgelegt haben.“ Da der Begriff „Spinnstube“ jüngeren Generationen kaum noch geläufig sein dürfte, sei hier „Meyers Konversationslexikon“ aus den Jahren 1888/1890 befragt, das dazu folgende Auskunft gibt: „Licht- oder Spinnstuben sind Orte einer sehr lebendigen dörflichen Kultur, die darauf abzielte, Arbeit und Leben miteinander zu versöhnen. Die Spinnstube wird abwechselnd auf dem einen oder anderen Hof abgehalten, die Frauen und Mädchen spinnen, die Burschen machen Musik, oder es werden Volkslieder gesungen, Hexen- und Gespenstergeschichten erzählt und allerlei Kurzweil dabei getrieben. Die Spinnstuben dienten nämlich nicht nur dem Broterwerb, sondern waren Nachrichtenbörsen und kritisches Forum sowie Ort für jugendliche Sexualkultur und feuchtfröhliche Ausgelassenheit. Wegen der dabei vorkommenden Ausschreitungen in sittlicher Beziehung mussten in verschiedenen Ländern Spinnstubenordnungen, d. h. polizeiliche Regelungen bezüglich der Zeit und Dauer des Beisammenseins, erlassen werden, im Bereich des ehemaligen Kurhessen wurden sie bereits 1726 gänzlich verboten. Von diesen Geselligkeiten sind weit über Mitteleuropa hinaus zahlreiche Volkserzählungen, historische Abbildungen und Spinnstubenlieder überliefert.“ Es handelte sich zu jener Zeit folglich um eine Vergnügungsveranstaltung vor allem für Jugendliche, die hier auf Partner- oder Partnerinnensuche gingen und wo es gelegentlich auch zu Streitereien und handfesten Auseinandersetzungen kam, wenn sich mehrere Bewerber uneins waren. Zeugen des Vorfalls gibt es leider keine mehr und wenn doch, dann müssten diese bereits 100 Jahre alt sein. Befragte ältere Einwohner von Gehren berichteten aus Erzählungen von Eltern und Großeltern zu diesem Ereignis, dass es sich auch im Falle Rudolf Ecks um eine gewaltsame Auseinandersetzung wegen eines Mädchens gehandelt hatte, bei der er tragischerweise ums Leben kam. Folgt man jedoch jenen Presseveröffentlichungen von 1938, ist davon auszugehen, dass er vor allem versucht hatte, diese Veranstaltung zur Verbreitung von Nazi-Propaganda und zur Werbung neuer Mitglieder zu benutzen und dabei auf erheblichen Widerstand stieß. Der offenbar sehr hitzige und aggressive Wortwechsel zwischen ihm und jenen drei Personen weitete sich demzufolge auf dem Heimweg zu einer für ihn tödlich geendet habenden Schlägerei aus.

Fünfzehn Jahre später jedenfalls sollten dem Vorfall ausschließlich politische Hintergründe unterstellt werden; da hieß es, er sei auf dem Heimweg von einem „Werbemarsch nach Gehren“ im „Schutze der Nacht meuchlings von drei marxistischen Mordbuben überfallen und erschlagen“ worden. Er sei „als ein grenzenlos begeisterter Kämpfer für Adolf Hitler“ gestorben. So wurde er denn auch unter der Schlagzeile „Er starb für Deutschland!“ zu einem „Blutzeugen der Bewegung unseres Heimatgaues“ erhoben, „der im Alter von 17 Jahren sein Leben für Deutschland und seinen Führer gegeben hat“. Sein der Schleizer Volksschule verliehener Name sollte deshalb „das Gedächtnis an diesen Blutzeugen der Bewegung Thüringens als mahnendes Vorbild in den Herzen unserer Schuljugend lebendig erhalten.“ Die Thüringer Nazi-Partei hatte sich einen der faschistischen Verblendung dienenden jugendlichen Märtyrer geschaffen, wobei sie freilich nicht die einzige war, die sich des so tragisch ums Leben Gekommenen bemächtigen sollte: Konservative und nationalistische Kräfte hatten das schon gleich nach seinem Tode getan, wobei sich eine bislang nicht zu klären gewesene Ungereimtheit zeigt. Die am 10. März 1924 stattgefundene Trauerfeier zählte laut „Die Henne“ vom 11. März so viele Gäste, dass sie der Friedhof nicht zu fassen vermochte, wurde doch deren Anzahl auf nicht weniger als 3.000 beziffert. In der Meldung ist jedoch weder von der NSDAP noch der SA die Rede, vielmehr wird hier Rudolf Eck als „Jungdo-Mann“ bezeichnet. Dieser „Jungdeutsche Orden“ war eine der zahlreichen nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg vorwiegend von ehemaligen Offizieren gegründeten nationalistischen Vereinigungen, die von allen diesen die wohl bekannteste und bedeutendste war. Die Uniform ähnelte der des militaristischen konservativ-monarchistischen „Stahlhelm-Bund der Frontsoldaten“, als Abzeichen diente ein schwarzes Malteserkreuz auf weißem (heraldisch silbernem) Grund, die Gliederung des Verbandes folgte dem Vorbild des „Deutschen Ritterordens“. Die Ideologie war ein Sammelsurium aus Verklärung von mittelalterlichem Reich und Ritterorden, Ideen der Wandervogel-Bewegung, pseudosozialistischen und pseudo-basisdemokratischen Vorstellungen, Antisemitismus, deutschtümelndem Nationalismus und rechtsliberalem Gedankengut. Die Weimarer Republik wurde bejaht, der Versailler Vertrag einerseits bekämpft und andererseits für einen Ausgleich mit Frankreich geworben. Dementsprechend bunt war auch die Mitgliedschaft, sie reichte von Anhängern liberaler Ideen, vorwiegend aus dem rechtsliberalen Spektrum, bis zu konservativ-nationalistischen Kräften, von denen eine beträchtliche Anzahl, vor allem in Nordbayern, die NSDAP mehr oder weniger offen unterstützte und schließlich im Laufe der Zeit zu ihr überging. Da jedoch jenes Pressefoto den zum Märtyrer Gemachten in einer SA-Uniform zeigt, dürfte die Bezeichnung „Jungdo-Mann“ auf Unkenntnis oder einem Irrtum des Berichterstatters für „Die Henne“ beruhen. Dass sich jedenfalls auch ganz schnell andere konservativ-nationalistische Kräfte seiner bemächtigten, bestätigt die mit neun Zeilen ebenfalls nur kurze einspaltige Pressemeldung von der Trauerfeier: Neben acht „Jungdo-Abordnungen aus anderen Gauen mit Bannern“ (Hier kann allerdings wiederum eine Verwechslung mit dem „Jungsturm“ vorliegen.) hatten sich „drei farbentragende Vereine aus Ilmenau mit ihren Bannern“, also am Technikum studierende Mitglieder konservativ, antisemitisch und republikfeindlich ausgerichteter elitärer Korporationen, und der Langewiesener Kriegerverein eingefunden. Einer „der hiesigen Gesangsvereine sang Grablieder“ und unter „der eindrucksvollen Rede des Geistlichen blieb kein Auge tränenleer.“ Demzufolge muss der Langewiesener „Jungsturm“-Führer in solchen konservativ-nationalistischen Kreisen eine größere Rolle gespielt haben als aus den bislang aufgefundenen Unterlagen hervorgeht. Ansonsten wäre die Trauerfeier nicht weit über den Charakter einer allenfalls noch von Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen besuchten familiären Angelegenheit hinausgegangen. Mitglieder von sich als eine Art „Elite der Nation“ verstehenden, sowohl auf Arbeiter und Angestellte als auch die als pöbelhaft und plebejisch geltende SA und deren als ungehobelte Emporkömmlinge bewertete Führer hochmütig herabsehenden Korporationen hätten sich anderenfalls kaum auf dem Friedhof eingefunden, und dies erfolgte gewöhnlich „in vollem Wichs“, wie das Tragen von Uniform mit Degen, Stulpenstiefeln und Kappe genannt wurde. Allerdings scheuten diese Kräfte bei der Bekämpfung von Weimarer Republik und Versailler Vertrag auch keineswegs das schließlich in der „Harzburger Front“ vom 11. Oktober 1931 gipfelnde Bündnis mit der Nazi-Partei und waren dafür durchaus bereit, ihr elitäres Gehabe zeitweilig hintenanzustellen. Die Teilnahme an dieser Trauerfeier war gewissermaßen die Vorwegnahme solchen Bündnisses im Kleinen.

Die Errichtung jenes pompösen Denkmals unweit der Stelle, wo Rudolf Eck aufgefunden worden war, zeugte auf jeden Fall davon, dass auch die Thüringer NSDAP Bedarf an einem Märtyrer und einer ihm gewidmeten Weihestätte hatte, um vor allem die Jugend im nazistischen Ungeist zu erziehen. Über jene drei 1938 als „marxistische Mordbuben“ bezeichneten Personen, die ihn während der nächtlichen Auseinandersetzung so schwer verletzt hatten, dass er starb, war in der Presse weder zum genannten Anlass in Schleiz noch in den Meldungen aus dem Jahre 1924 etwas zu erfahren. Namen, Alter und Tätigkeit sowie politische Gesinnung wurden nirgendwo genannt und die Gerichtsverhandlung lediglich mit zwei Sätzen erwähnt. So hieß es anlässlich der Einweihung der Schleizer „Musterschule“ unter anderem: „Auf Befragen des Landgerichtspräsidenten bei der Verhandlung, warum sie Eck überfallen und erschlagen haben, erklärte einer der Mordbuben, weil Eck einen Hitleranzug trug.“ Somit hatte die Teilnahme an jener „Spinnstube“ wohl tatsächlich weniger der Suche nach einer Partnerin gegolten, sondern war vielmehr ein durch provozierendes Auftreten geprägter Versuch der aggressiven Werbung für die Nazi-Bewegung. In aller Regel waren Polizei und Justiz der Weimarer Republik ihr gegenüber recht nachsichtig. Glaubt man überlieferten Erzählungen zu jenem Vorfall, so wurde mehr getan, um die wahren Hintergründe samt Tathergang zu vertuschen, als sie aufzuklären. Deshalb bleibt nur die Hoffnung, mit Hilfe weiterer Archivstudien, insbesondere durch Auffinden eines Berichtes von der Gerichtsverhandlung gegen die drei Beschuldigten, etwas mehr Licht in das noch vorhandene Dunkel bringen zu können. Erschwert wurde die Suche bislang auch durch den Umstand, dass im Stadtarchiv Langewiesen zwar Unterlagen zu einem Jugendlichen namens Rudolf Eck vorhanden sind, es sich hier aber um eine andere Person mit lediglich gleichem Namen handeln muss: Alter, Geburtsdatum und -ort stimmen mit den Veröffentlichungen von 1938 ebenso wenig überein wie Namen und Berufe der Eltern. Zudem gibt es ein von diesem selbst unterschriebenes Dokument, dass erst drei Wochen nach jenem Todesfall mittels Schreibmaschine entstand.


H.-J. Weise

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/4/artikel/ein-maertyrer-wird-geschaffen/