21. Mai 2014

Arnstadt – Neudietendorf: ein Beispiel verfehlter Verkehrspolitik

Diese Maschine mit der Nummer 242 144-4 hatte vor 30 Jahren, am 15. Mai 1984, den elektrischen Zugbetrieb auf dem Streckenabschnitt nach Neudietendorf eröffnet. Sie war gleichzeitig die erste im Bahnbetriebswerk Arnstadt beheimatete Elektrolok. Foto: H.-J. Weise

Als am 1. Juli 1983 mit dem ersten Spatenstich die Elektrifizierung des stark belasteten Streckenabschnittes Neudietendorf - Arnstadt begann, wurde ein neues Blatt in der Geschichte dieses wichtigen Eisenbahnknotens aufgeschlagen. Gut 77 Reisezüge nach bzw. von Erfurt, Saalfeld, Meiningen und Ilmenau fuhren den Hauptbahnhof der ältesten Stadt Thüringens an. Darunter waren mit sieben D-Zügen und dem Städte-Express „Rennsteig“ acht schnellfahrende. Zwischen Arnstadt und Grimmenthal bei Meiningen verkehrten täglich acht voll ausgelastete Güterzugpaare des allgemeinen Wagenladungsverkehrs. Bei Bedarf fuhren zusätzlich fünf Ganzzüge für Kohle, Kies und Holz. Ein ebenfalls beachtlicher Güterverkehr war nach und von Saalfeld sowie nach und von Ilmenau zu bewältigen. Insgesamt 17 Gleisanschlüsse zu Betrieben im Arnstädter Stadtgebiet erbrachten zudem ein sehr hohes örtliches Frachtaufkommen. Alle Reisezüge des Fernverkehrs mussten in Erfurt Hauptbahnhof von bzw. auf elektrische Lokomotiven umgespannt werden, für den Güterverkehr geschah das zumeist in Neudietendorf. Beide Bahnhöfe waren außerordentlich hoch belastet, weshalb es sich anbot, durch die Weiterführung des Fahrdrahtes einen Teil dieser Umspannaufgaben nach Arnstadt zu verlagern, damit die Durchlassfähigkeit der Strecke Erfurt - Suhl - Meiningen zu erhöhen und gleichzeitig beachtliche Mengen an Dieselkraftstoff einzusparen. Erwartungsfroh sahen deshalb nicht nur die Eisenbahner dem 15. Mai des Jahres 1984 entgegen, als der langersehnte elektrische Betrieb eröffnet wurde: Es war ein bewegender Augenblick, als in Anwesenheit der an den Bauarbeiten beteiligten Ingenieure und Arbeiter sowie von Vertretern aus Politik und Wirtschaft das weiße Band durchschnitten wurde. Unter dem Beifall der zahlreichen Gäste setzte Lokführer Horst Salzer mit der in frischem Lack glänzenden 242 144-4 die erste elektrische Lokomotive des Bahnbetriebswerkes Arnstadt in Bewegung und beförderte mit ihr den Personenzug 9042 in das 10 km entfernte Neudietendorf und von dort weiter nach Erfurt Hauptbahnhof. Zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag war an der Maschine eine vom Kollektiv Köhler/Nutsch gestaltete Plakette mit dem Motiv der Wachsenburg angebracht worden.

Das Umspannen von Diesel- auf Elektroloks und umgekehrt brachte Arnstadt zudem noch einen Halt des Städte-Express „Rennsteig“ und somit eine weiter steigende Bedeutung im Reiseverkehr. Das Anwachsen des Verkehrsaufkommens führte bis 1986 zur Beheimatung einer zweiten Elektrolok, fünf Jahre später waren bereits sieben im Bestand.

Doch nach dem Willen der Deutschen Bahn AG sollte nach nicht einmal 15 Jahren Schluss sein. Zum Fahrplanwechsel im Mai 1992 erfolgte die Auflösung des E-Lok-Bestandes und kurz vor dem 14. Jahrestag der Inbetriebnahme wurde die Fahrleitung abgeschaltet. „Nicht wirtschaftlich“, lautete die lakonische Erklärung. Ja, wenn man die Züge des Fernverkehrs so zusammenstrich, dass zuletzt nur noch ein bescheidenes Interregio-Paar übrig blieb, wenn durch die staatliche „Treuhandanstalt“ mit der Zerschlagung der Industrie der Bahn Güter- und Berufsverkehr und mit der Schließung betriebs- bzw. gewerkschaftseigener Ferienheime der Urlauberverkehr weitgehend genommen wurden, überdies mit Duldung der Bahn, dann konnte man das freilich leicht sagen.

Einstmals sollte die als Zusatzleistung der Reichsbahndirektion Erfurt erfolgte Elektrifizierung des Abschnittes Neudietendorf - Arnstadt Grundlage für eine spätere Umstellung der stark belasteten Gesamtstrecke Erfurt - Suhl - Meiningen sein. Doch anstatt nach dem mit vielen schönen Politikerreden am 28. September 1991 vollzogenen Lückenschluss zwischen Meiningen und dem bayerischen Mellrichstadt sowie der erneuten Inbetriebnahme der Verbindungskurve Grimmenthal – Ritschenhausen am 23. Mai 1993 weiter in die Strecke zu investieren, sie wieder zweigleisig auszubauen und den elektrischen Betrieb schrittweise von Arnstadt bis nach Schweinfurt auszudehnen, um eine durchgehende elektrifizierte Verbindung zwischen Berlin und Stuttgart einzurichten (die es, allerdings nicht elektrisch, bereits vor 1945 gab), wird das Geld lieber in eine fragwürdige ICE-Neubaustrecke gesteckt, deren Fertigstellung weiter auf sich warten lässt. Mittlerweile wurde zwar viel Geld investiert, das Gleis für den Einsatz von Neigezügen ertüchtigt und neue Signaltechnik installiert, doch weder die Eingleisigkeit beseitigt noch die Strecke aufgewertet. Mit dem Regional-Express als höchster Zuggattung dient sie weiterhin nur noch dem Regionalverkehr. Zudem nützt die schönste Neigetechnik recht wenig, wenn sie wegen technischer Mängel häufig abgeschaltet werden muss und somit Fahrzeitverlängerungen in Kauf zu nehmen sind.

Da es nicht gelungen ist, genügend Druck von unten für eine umweltverträglichere Verkehrspolitik und damit für die wieder intensivere Nutzung des elektrischen Betriebes zu machen, erinnern weiterhin nur noch die einsam und funktionslos in die Höhe ragenden, ihres Fahrdrahtes längst beraubten Masten an die Zeit, als es im Fernverkehr elektrisch von Berlin bis nach Arnstadt ging. In seltsamem Kontrast dazu stand der in Anwesenheit zahlreicher Regional- und Lokalpolitiker am 1. Mai 2004 auf den Namen „Arnstadt“ getaufte ICE-Neigezug, der eigens dafür von einer Diesellok in den Hauptbahnhof geschleppt werden musste.


H.-J. Weise