18. Juni 2014

Auch ehemalige Funktionäre der NSDAP sahen ihre Stunde wieder gekommen

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F005191-0040 / CC-BY-SA

An jedem 17. Juni entdecken Politiker, nach deren Ansicht millionenfache Arbeitslosigkeit, Billigstlöhne, geringfügige Beschäftigungen, Ein-Euro-Jobs und eine endlose Feilscherei um Mindestlöhne ebenso normal sind wie Armut per Gesetz, Rente mit 67 und gefährliche Kriegsabenteuer, ihr großes Herz für Arbeiter in der DDR. Dabei hatte der nun in jeder Hinsicht unverdächtige RIAS in seiner Sendung zum 25. Jahrestag der Ereignisse im Juni 1978 unter anderem Ausschnitte aus einer wenige Tage zuvor gehaltenen Rede Otto Grotewohls gebracht. In dieser kritisierte der Ministerpräsident der DDR die zum Auslöser von Unzufriedenheit und Unruhen gewordenen administrativen Normenerhöhungen als schweren Fehler und verkündete deren Rücknahme. Sodann berichtete ein Zeitzeuge über das Geschehen in den Leuna-Werken, dass dort betriebsfremde Personen am Hauptgebäude eine Kundgebung organisiert hatten, auf der dazu aufgerufen worden war, in den Streik zu treten, den Werkschutz zu entwaffnen, die Arbeiter anderer Betriebsteile zu holen und nach Halle zu marschieren. Beim Einmarsch in das dortige Stadtzentrum wurde das bekanntermaßen mit „Deutschland, Deutschland über alles“ beginnende Deutschlandlied angestimmt. In der Stadt war zu diesem Zeitpunkt bereits das Gefängnis gestürmt und vor allem dort wegen Nazi- und Kriegsverbrechen Einsitzende befreit worden, von denen sich etliche sofort und unwidersprochen zu Wortführern der Demonstrierenden machen konnten. So sprach bei der Ankunft der Leuna-Arbeiter gerade eine Frau und rief dazu auf, nach Berlin zu fahren und die Regierung zu stürzen. Dazu kam es jedoch nicht, weil die Menge beim Anrollen der ersten sowjetischen Panzer die Flucht ergriff. „In Halle“, so beendete der Zeuge seinen Bericht, „ist kein einziger Schuss gefallen.“ Andernorts ging es, was heutige Politiker gewöhnlich außer Acht lassen, nicht nur wesentlich gewalttätiger und brutaler zu, auch ehemalige Funktionäre der NSDAP und ihrer Gliederungen sahen ihre Stunde wieder gekommen. Ebenso gab es etliche Fälle von Lynchmorden, wobei der an Willy Hagedorn in Rathenow wohl einer der bekanntesten ist: Nach zahlreichen schweren Misshandlungen wurde er in die Havel gestoßen, wo mehrere der ihn noch mit einem Boot verfolgenden Jugendlichen brutal mit den Ruderpatschen auf ihn einschlugen. Als es zuvor gewaltsam abgedrängten Volkspolizisten endlich gelang, den Mann zu befreien und ins Krankenhaus zu bringen, war er nicht mehr zu retten. Auslöser des brutalen Lynchmordes war übrigens eine vom „RIAS-Warndienst“ verbreitete schwarze Liste gewesen. Ob einige der Beteiligten erkannt und zur Verantwortung gezogen wurden, war aus den bisherigen Veröffentlichungen nicht zu erfahren. Sollte das aber der Fall gewesen sein, kann man sicher sein, dass aus heutiger offizieller Sicht nicht der Ermordete, sondern sie als Opfer gelten.


H.-J. Weise