24. September 2014

Vor 50 Jahren: Frohe Ferien in der Sächsischen Schweiz

Geschafft – 300 m über dem Elbtal entschädigt der herrliche Ausblick für die Strapazen des Aufstiegs auf den Lilienstein. Im Hintergrund zeigt sich die Festung Königstein. Aufnahme: Walter Ranke (t)/Archiv Verfasser

Vier Jahre, von 1961 bis 1965, war das Pößnecker Lehrer-Ehepaar Edith und Walter Ranke an der Polytechnischen Oberschule Krölpa tätig, bis es dann an eine andere Schule wechselte – immer rastlos und umtriebig, voller Ideen und dem Drang, Neues auszuprobieren. Neben dem „normalen“ Unterricht in Fächern wie Mathematik, Physik und Zeichnen beispielsweise lag ihnen vor allem eine sinnvolle, interessante und erlebnisreiche Freizeitgestaltung ihrer Schülerinnen und Schüler am Herzen. Da ging es nicht nur um die Arbeitsgemeinschaft „Modellbau“ und zahlreiche Wochenend-Aufenthalte in der Jugendherberge Schloss Brandenstein, sondern vor allem um Sommerferien, die jedem Teilnehmer in bester Erinnerung bleiben. Begonnen hatte es schon 1962 mit einer zweiwöchigen Wanderung durch das Saaletal, der 1963 ein Aufenthalt im Ferienlager der Maxhütte Unterwellenborn in Tannenbergsthal bei Klingenthal gefolgt war. Als mit den Sommerferien 1964 der Übergang von der Klasse 7 b zur 8 b bevorstand, kam der Vorschlag, mit der Sächsischen Schweiz eine der landschaftlich reizvollsten und romantischsten Gegenden kennenzulernen. Die Jungen waren alle mit Begeisterung dabei, zumal viele von ihnen schon in den Jahren zuvor teilgenommen hatten. Aber auch von den Mädchen fuhren die meisten mit - eine beachtliche Entwicklung, hatten doch 1962 gerade einmal zwei von ihnen das Abenteuer gewagt oder besser gesagt wagen dürfen. Da waren wohl noch zu viele Eltern skeptisch gewesen... Die Bahnfahrt mit Aufenthalten in Gera, Leipzig und Dresden war damals natürlich ein kleines Abenteuer für sich, gab es doch fast nur Dampfloks und vorwiegend eingleisige Strecken. Doch als das erste Ziel, die Jugendherberge Schöna, erreicht wurde, waren alle Strapazen vergessen. Von dort ging es jeden Tag zu einem anderen Ziel – einmal stand das schöne Waldbad auf der Tagesordnung, dann eine Wanderung am Ufer der Elbe, wo der rege Schiffsverkehr ungeteiltes Interesse fand, bis hin zur tschechoslowakischen Grenze. So abenteuerlich und kräftezehrend der Aufstieg auf den Lilienstein auch war, oben angekommen wurde man mit einem herrlichen Blick über die großartige Landschaft mehr als genug entschädigt. Auf einer ungewöhnlichen Doppelrumpf-Fähre ging es hinüber nach Rathen und von dort zur Felsenbühne. Unvergesslich geblieben ist die Aufführung von Schillers „Die Räuber“ vor dieser wundervollen Naturkulisse ebenso wie die Bootsfahrt auf dem von der Lokomotive genannten Felsengruppe beherrschten Amselsee sowie der Besuch von Burg Hohnstein und der dortigen Gedenkstätte für die Opfer des als Folterstätte berüchtigten Nazi-KZ. In Bad Schandau stand die Kirnitzschtalbahn für eine Fahrt zum Lichtenhainer Wasserfall bereit und die war in dem kleinen Straßenbahn-Triebwagen eigentlich schon ein Abenteuer für sich: Dichtgedrängt standen die Fahrgäste und Glück hatte, wer an einem der durch Scherengitter gesicherten Einstiege seinen Platz gefunden hatte und frische Luft schnappen konnte. Die Wanderung zum Kuhstall und über den Kleinen und den Großen Winterberg freilich ließen das ebenso bald vergessen haben wie der Blick über die wildromantische Landschaft. Wer die Sächsische Schweiz besucht und den Aufstieg zur Bastei unterlässt, der hat freilich etwas verpasst. Doch bei einer solchen Ferienwanderung war dieses Ziel natürlich ebenso ein Muss wie der Aufstieg zur Festung Königstein. Dass die Welt oftmals ein Dorf ist, war auf dem Bahnhof der Stadt zu erleben, gab es doch eine ganz unerwartete Begegnung mit Herrn List, damals einer der beiden Sportlehrer an der Krölpaer Schule, der hier mit seiner Frau Urlaub machte. Die letzten Tage gehörten natürlich Dresden, wo sich die aus kleinen Bungalows bestehende Jugendherberge in einem weitläufigen parkartigen Gelände befand. Vieles erinnerte noch an die schreckliche Bombennacht des 13. Februar 1945, doch war die Stadt ein einziger Bauplatz und so manches war unter großen Mühen und Entbehrungen schon längst wieder hergestellt worden: Der Zwinger mit dem berühmten Kronentor und der Gemäldegalerie wurde ebenso besucht wie der Zoo und die Fahrt mit der Pioniereisenbahn im Großen Garten war natürlich ein so einmaliges wie hochinteressantes Erlebnis. Dort fuhren schließlich richtige Dampfloks, die im Aussehen an eine Schnellzuglok bei der großen Eisenbahn erinnerten, und noch dazu auf schmalster Spur – ganze 381 mm beträgt der Abstand zwischen den Schienen! Lilliputspurweite nennt man das und die gibt es außer bei zeitweilig bestehenden Ausstellungs- und Vergnügungsbahnen nur noch bei der Pionier- bzw. Parkeisenbahn am Leipziger Auensee. Bei all den schönen Erlebnissen vergingen diese vierzehn Tage eigentlich viel zu schnell, doch Ferien währen nun einmal nicht ewig. Leider sollte es das letzte Sommer-Abenteuer werden, verließen doch mit dem Ende der achten Klasse viele die Krölpaer Schule – einige für immer, andere wechselten in eine Spezialklasse der Betriebsberufsschule in der Maxhütte oder gingen zur Erweiterten Oberschule. Da waren dann wohl viele Pläne schon allzu unterschiedlich geworden...

Auch hier wird der große Unterschied zwischen der vor 65 Jahren gegründeten DDR und der kapitalistischen BRD sehr deutlich: Und wenn der kleinere, nichtkapitalistische deutsche Staat noch so verteufelt wird - er war kinderfreundlich und ermöglichte allen Kindern und noch dazu für wenig Geld frohe und erlebnisreiche Ferien. Unter Kohls Statthalter Lothar de Maiziére begann 1990 der große Kahlschlag, als Ferienlager reihenweise geschlossen und größtenteils dem Verfall preisgegeben wurden. Beispiele dafür sind Schloss Rathsfeld im Kyffhäuser-Gebirge, das Kinderferienlager im Ilmenauer Stadtteil Grenzhammer, dessen verfallene und durchnässte Baracken nach 24 Jahren endlich abgerissen worden, sowie verfallende Bungalows im Gehlberger Grund. Heutige Ferienfreizeiten kosten Geld und wer es als Arbeitsloser nicht aufbringen kann, muss entweder demütigende Bittgänge zu Sozialämtern unternehmen oder seine Kinder zu Hause lassen. Und noch eine Bemerkung - Edith und Walter Ranke stehen stellvertretend für viele Pädagoginnen und Pädagogen, die mit Engagemant, Ideenreichtum und Herzenswärme für die ihnen anvertrauten Kinder da waren. Sie taten das nicht, obwohl, sondern weil sie sehr aktive Mitglieder der SED waren und sie blieben sich auch nach 1989 allen Widrigkeiten und Anfeindungen treu.

 

H.-J. Weise