22. September 2015

Krölpa vor 55 Jahren – VOM ICH ZUM WIR

Der am 1. September 1960 enthüllte Gedenkstein, aufgenommen am 29. Juni 1991, und damit kurz vor seiner Beseitigung zwecks Geschichtsentsorgung, mit der sich die dafür verantwortlich Gewesenen keineswegs ein Ruhmesblatt geschrieben haben. Foto: hjw

Von Hans-Joachim Weise 

 

 

Krölpa bei Pößneck am ersten September 1960 – Weltfriedenstag, Mahnung und Aufforderung zugleich, alles zu tun, damit die Menschheit niemals wieder von Kriegen heimgesucht werden kann, lag doch das Ende der bislang letzten großen Katastrophe in der deutschen, europäischen und Weltgeschichte gerade einmal 15 Jahre zurück. An diesem Tag war (fast) der ganze Ort auf den Beinen, da es galt, auf einer Grünfläche im Winkel zwischen Raniser und Gräfendorfer Straße einen Gedenkstein einzuweihen. Es war nicht irgendein Stein, sollte doch die in erhabenen Lettern herausgemeißelte Inschrift von einem neuen Abschnitt in der Entwicklung der Gemeinde und dabei natürlich zuallererst der Landwirtschaft künden. Nicht umsonst war ein davor angelegtes kleines Blumenbeet durch mit der Schaffung größerer Ackerflächen überflüssig gewordene und die maschinelle Bearbeitung behindernde Grenzsteine eingefasst worden. Bürgermeister Fritz Meyer war erschienen, mit ihm Gemeindevertreter, Mitglieder von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, Vertreter von Betrieben, namentlich der MTS, sowie von Parteien und Organisationen, Schulklassen und zahlreiche Einwohner. Es war ein festliches Ereignis mit Musik, Gesang und Rezitationen und nach der von Fritz Meyer gehaltenen Ansprache war es schließlich soweit: Unter viel Beifall wurde das von Steinmetzmeister Werner Born geschaffene Monument aus in der Sächsischen Schweiz gebrochenem Sandstein enthüllt. „VOM ICH ZUM WIR 1960“ lautete der Text, kurz und prägnant, doch hinter diesen wenigen Worten steckte ein ganzes Programm, nämlich die nahezu völlige Umwälzung von bislang Gewohntem. Der Stein sagte nicht mehr und nicht weniger, als dass Krölpa nun vollgenossenschaftlich war, wie es damals hieß. Alle Bauern des Ortes wirtschafteten inzwischen gemeinsam, freilich noch nicht in einer einzigen großen Genossenschaft. Nein, es gab damals ihrer vier mit drei unterschiedlichen Typen: Im Ortsteil Zella und im Unterdorf war je eine LPG Typ I gegründet worden, in der lediglich die Feldarbeit gemeinsam betrieben wurde. Grünland und Vieh wurden weiterhin individuell betreut, wobei die Möglichkeit bestand, auch das Grünland genossenschaftlich zu bewirtschaften und einen gemeinsamen Viehbestand aufzubauen. Zugkräfte und Gebäude konnten gegen Bezahlung eingebracht werden. Drei Mittelbauern hatten sich zum recht seltenen Typ II „Kotschauperle“ zusammengeschlossen, bei dem das Ackerland genossenschaftlich bewirtschaftet sowie Maschinen, Geräte und Zugvieh gemeinsam genutzt wurden. Ebenso gab es eine genossenschaftliche Viehhaltung. Andere Bauern waren der schon seit 26. März 1953 bestehenden LPG Typ III „Anders Potzingk“ beigetreten. Hier wurden Boden, Viehbestände, Maschinen und soweit möglich auch Wirtschaftsgebäude gemeinsam genutzt, wobei jedes Mitglied das Recht hatte, daneben noch eine individuelle Hauswirtschaft zu betreiben. Bis dahin freilich war es ein langer, harter und steiniger Weg gewesen, der von mancher Auseinandersetzung, auch solcher ideologischer Art, begleitet worden war, nicht nur, weil im anderen deutschen Staat von dem gehässig und bösartig gemeinten Wort „Zwangskollektivierung“ geprägte Angriffe die Runde machten. Ach, man soll da lieber seinen eigenen Verstand gebrauchen und wer die damalige Zeit selbst miterlebt hat, sollte sich sachlich und unvoreingenommen erinnern anstatt blindlings gerade gängiger politischer Linie zu folgen. Die Genossenschaften in Landwirtschaft, Handel, Handwerk und Gewerbe sowie im Wohnungs- und Bankenwesen waren keine Erfindung der DDR. Nein, die Anfänge der Genossenschaftsbewegung auf deutschem Boden gehen bis in das Jahr 1846 zurück. Zu ihren Vordenkern zählten beispielsweise Wilhelm Haas (1839 – 1913), Victor Aimé Huber (1800 – 1869), Karl Korthaus (1859 – 1933), Eduard Pfeiffer (1835 – 1921) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 – 1888). Auf landwirtschaftlichem Gebiet war es vor allem Wilhelm Haas, auf dessen Ideen verschiedene Arten von Zusammenschlüssen beruhten und der den Genossenschaftsgedanken auch international verbreitete. Hauptaufgabe war es, durch gemeinsames Wirken bei der Kreditbeschaffung, der Versorgung mit Saatgut und Düngemitteln, dem Kauf von Landmaschinen, dem Verkauf und der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse sowie der maschinellen Erledigung von mit viel Aufwand verbundenen Arbeiten wie dem Dreschen dem Diktat der großen Handels- und Bankunternehmen, Lebensmittelhersteller, Landmaschinenproduzenten und nicht zuletzt dem Konkurrenzdruck der Rittergüter zu begegnen. Zwänge verschiedenster Art, die gemeinsames Handeln erforderten, waren folglich immer vorhanden. Beim Übergang vom einzelbäuerlichen zum genossenschaftlichen Wirtschaften sah das nicht viel anders aus, wenngleich sich die Ursachen von denen in früheren Jahrzehnten unterschieden: Eine nach Überwindung der schlimmsten Hinterlassenschaften des Krieges notwendige Erhöhung der Lebensqualität erforderte die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht. Eine Aufhebung der Rationierung war nur durch eine bessere Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und der Industrie mit Rohstoffen möglich. Das überstieg die Kraft einzelbäuerlicher Familienbetriebe, selbst wenn alle, von den Kindern bis zu den Groß- oder gar Urgroßeltern, mitarbeiteten. Tätigkeit in der Landwirtschaft unter den damaligen Bedingungen war Schwerarbeit, die Menschen und Zugtiere im Laufe der Zeit überforderte und an der Gesundheit zehrte. Bäuerinnen waren meist gleich dreifach belastet – durch Feld- und Stallarbeit, Haushalt und Kindererziehung. Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf die gesundheitliche Verfassung. Bei Kindern zählte, sofern sie schon alt genug waren, vor allem die Arbeitskraft. Da gab es häufig zu wenig Zeit zum Lernen und Spielen. So mancher Betrieb musste deshalb Hausfrauen als Hilfskräfte beschäftigen, doch ging diese Zeit unwiderruflich zu Ende. Wer die Knochenarbeit nicht gewohnt war, auch kaum landwirtschaftliche Kenntnisse besaß, hielt das meist nicht lange durch und gab auf. Frauen, die mit solcher Tätigkeit großgeworden waren, zogen es, zumindest nach Abschaffung der Lebensmittelkarten 1958, ebenfalls vor, nicht mehr für einen Stundenlohn von 60 bis 70 Pfennigen, das Essen und einmal im Jahr einen Sack Futter für das eigene Kleinvieh „ins Feld zu gehen“, wie man damals sagte. Zudem nahmen immer mehr eine Arbeit in Betrieben und Einrichtungen auf, wodurch die Zahl der als nichtarbeitende Bevölkerung Eingestuften sank. Für eine maschinelle Bearbeitung waren viele Flächen zu klein und selbst die dafür geeigneten Traktoren der MAS bzw. MTS RS 02/22 „Brockenhexe“ und RS 03/30 „Aktivist“ konnten wegen der notwendigen Fahrten von einem Handtuchfeld zum nächsten nicht immer rationell eingesetzt werden. Viel günstiger war da die Zusammenlegung von Äckern, doch das ging eben nur bei gemeinsamem Wirtschaften.

Das zu erreichen war aber gerade das Schwierige, hing doch nicht nur jeder Bauer an seinem Stück Land und mochte es höchst ungern hergeben, auch wenn es weiterhin sein Eigentum blieb. Zudem hielt so mancher am Althergebrachten fest, verhielt sich Neuem gemäß dem Grundsatz „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ zumindest misstrauisch. Am aufgeschlossensten standen dem Genossenschaftsgedanken noch viele der ohnehin wenig Zugvieh und Maschinen besitzenden Klein- und Neubauern gegenüber. So hatten sich bereits vor 1952 in einigen Orten Betriebe zusammengeschlossen, freilich mit sehr unterschiedlichem Ergebnis. Es fehlten die notwendigen Erfahrungen, weshalb sich manche der frühen Genossenschaften wieder auflösten oder auch aufgelöst werden mussten, weil auf der politischen Ebene die Zeit für solche Zusammenschlüsse als noch nicht reif angesehen wurde. Wirtschaftlich gut dastehende Mittelbauern waren dagegen trotz der tagtäglichen Schinderei zögerlich oder gar ablehnend. Manche wollten nicht einmal mit sich reden lassen und verschlossen das Hoftor. Ganz rabiate nahmen gar die Mistgabel oder ließen gleich die Hunde von der Kette. Wer mit Bauern reden wollte, um sie am Ende von den Vorteilen gemeinsamen Wirtschaftens wirklich überzeugen zu können, der musste selbst in der Landwirtschaft großgeworden und mit ihren Problemen vertraut sein. Phrasen brachten dagegen ebenso wenig Erfolg wie durch die politische Ebene geschaffener Termindruck und der vor allem in den 1950er Jahren vorhanden gewesene Hang zu Überspitzungen und Übertreibungen. Wohl kaum ein anderer hat das, wenn auch im Hinblick auf die Kunst, treffender ausgedrückt als der Dramatiker Peter Hacks: „Eingestandenermaßen ist die Kunst eine Waffe. Eingestandenermaßen ist ein Holzhammer eine Waffe. Nach Aristoteles folgt hieraus nicht, dass die Kunst ein Holzhammer sein müsse. Es folgt eher, dass die Kunst eine um so bessere Waffe sei, je bessere Kunst sie ist.“ Am Ende waren es, auch in Krölpa, häufig Bäuerinnen, die mit nüchternem Blick erkannten, dass die Arbeit leichter werden konnte, und die Eintrittserklärung noch vor den Männern unterschrieben. Freilich war die Gründung einer LPG nicht der zur schnellen Lösung aller Probleme führende Königsweg. Sie stellte nicht mehr, aber auch nicht weniger als einen Anfang dar, war doch gemeinsames Wirtschaften, sollte es zum Vorteil aller werden, erst noch zu erlernen. Dass dieser Prozess letztlich erfolgreich war, zeigt die Tatsache, dass sich zwischen Kap Arkona und dem Vogtland ungeachtet aller seit 1990 wieder ausgefochtenen ideologischen Grabenkämpfe von der „Zwangskollektivierung“, erzwungenen Flächenstillegungen und staatlichen Prämien für als Wiedereinrichter bezeichnete Rückkehrer zum bäuerlichen Familienbetrieb nach wie vor rund 1.000 Agrargenossenschaften behaupten.