25. August 2015

Probleme lösen, indem wir nach vorne schauen

Karl-Heinz Voigt (links) engagiert sich seit seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1946 für den Antifaschismus. Am 31. August feiert er seinen 90. Geburtstag. Foto: Elke Pudszuhn

„Spuren im Herzen“

 

Zeitzeugen, die vom Grauen der Nazidiktatur und vom 2.Weltkrieg erzählen können, gibt es immer weniger. In bester Verfassung und dazu überaus auskunftsfreudig ist Karl-Heinz Voigt, der am 31. August seinen 90. Geburtstag feiern wird. In seinen Buch „Die Spur im Sand verweht, Spuren im Herzen bleiben“, hat er viele Geschichten aus seinem Leben in vier Gesellschaftssystemen aufgeschrieben. UNZ traf sich mit dem Antifaschisten und sprach mit ihm über sein Leben und seine Sicht auf das Weltgeschehen.  

 

 

Vater von den Nazis ins KZ gesperrt

 

Als Voigt 1925 in Großbreitenbach geboren wurde, schien die Welt noch in Ordnung. Die bürgerliche Weimarer Republik befand  sich in ihrer kurzen Blüte. Das Leben im Thüringer Wald war hart, bot für Voigt und seinen Bruder Horst aber auch schöne Seiten. 1929 änderte sich das. Nicht nur wegen der auch über Deutschland hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise. Der Vater wurde KPD-Landtagsabgeordneter in Thüringen und war fortan nur noch selten zu Hause. Der Glasmacher Arno Voigt war ein guter Vater, der gerne mit seinen Söhnen Ski- und Schlittenfahren ging. Das letzte Mal im Februar 1933. Nach dem Reichstagsbrand ergingen Haftbefehle gegen Kommunisten, auch gegen Arno Voigt.  Er entschied sich, im Untergrund gegen den Faschismus zu kämpfen. Doch am 5. März 1935 wurde er in Katzhütte festgenommen. Es folgten drei Jahre Zuchthaus und anschließend „Schutzhaft – wie es die Nazis zynisch nannten – im KZ Buchenwald. Im Gegensatz zu vielen anderen überlebte Arno Voigt und kehrte nach dem Krieg zur Familie zurück. 

 

 

In der Kindheit Solidarität gelernt

 

 

Für Karl-Heinz und seinen Bruder hatte die Mutter während seiner Abwesenheit nur fünf Reichsmark pro Woche. Das reichte geradeso für Brot und das Lebensnotwendigste. „Das waren damals Lebensumstände, die ich heute niemanden wünsche.“  Nur davon hätte die Familie nicht überleben können. „Wenn wir in dieser Zeit nicht den vom Vater geerbten Acker gehabt hätten, wären wir eingegangen. Wir brauchten, um das Land zu bewirtschafte,n auch Hilfe. Andere haben uns geholfen und wir halfen denen. So konnten wir uns mit einer Solidaritätsbewegung durch eine schwere Zeit schlagen. So haben wir schon in der Kindheit Solidarität gelernt. Daraus hat sich ein ganzes Leben lang eine Bereitschaft ergeben, anderen Menschen zu helfen.  Das hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen“.  So auch heute. Deswegen ging Voigt  zu einer Infoveranstaltung über die Unterbringung von Flüchtlingen in Erfurt. „Ich gehe  dahin, weil ich und meine Familie auf die Solidarität anderer angewiesen war. Deshalb war und ist das meine Pflicht.“  

 

 

1944 schwer verwundet in Kriegsgefangenschaft

 

 

Karl-Heinz Voigt, kann diese Menschen gut verstehen, denn er weiß genau, was Krieg bedeutet. Nach seiner 1940 begonnenen Ausbildung zum Werkzeugmacher in Suhl, wurde er im August 1943 mit 17 in den von Hitlerdeutschland entfesselten Krieg gezwungen. Ein Jahr später erlitt er bei Paris einen Kopfschuss. Schwer verletzt wurde er von US-Soldaten gefangen genommen und überlebte. Zunächst in einem Lager in Oxford und später in mehreren Stationen in den USA. 1946 kehrte er, wenn auch durch die Kriegswunde bis heute schwerbeschädigt, in die Heimat zurück. Immer wenn er hört, dass junge Menschen sinnlos in Afghanistan sterben müssen, schmerzt die alte Wunde. „Krieg war und bleibt das Interesse des Großkapitals und deren Regierungen. Lediglich die Rüstungsindustrie macht Millionen Gewinne“, fasst Karl-Heinz Voigt zusammen.

Doch damals wie heute beschäftigen sich viele Menschen nicht mit den oft komplexen Fragen der Weltpolitik. Stattdessen werden Sündenböcke gesucht. Damals waren es die Juden und die Kommunisten. „Sie standen den Herrschaftsansprüchen des deutschen Großkapitals im Weg“. Heute sind es die Moslems und mehr nach die Asylsuchenden.  „Die faschistiche Ideologie nutzte die Krise damals aus. Aber die Krisen damals und  heute, sind nicht die schuld der Flüchtlinge. Wer die vorschieben will, kennt sich im Leben nicht aus. Die sind nicht Schuld am Krieg. Und ihnen zu helfen, ist etwas ganz Normales, Selbstverständliches“, sagt Karl-Heinz Voigt mit Blick auf den Fremdenhass, der sich durch Thügida  derzeit auf den Straßen immer wieder Bahn bricht.

Dabei ist das Flüchtlingsthema schon so alt wie Kriege, Verfolgung und Armut. Oft wird vergessen, dass auch Deutsche 1945 Flüchtlinge waren. Sich um diese Menschen zu kümmern, die traumatisiert von Diktatur und Krieg, ihre Heimat in Schlesien oder Ostpreußen verlassen mussten, war für ein von fast völlig zerstörtes Land eine Mammutaufgabe:  „Damals nannte man sie Umsiedler“, erinnert sich Voigt, der für FDJ und den FDGB diese Betreuung übernahm. Mit dem Bürgermeister von Großbreitenbach suchte er nach Möglichkeiten, diese Menschen unterzubringen. „Es gab bei vielen natürlich eine gewisse Zurückhaltung zu helfen. Aber diesen Hass und die Schimpfworte wie heute, hat es nicht gegeben.“ 

 

 

„Kein zurück in die DDR“

 

Wie so viele sah sich Karl-Heinz Voigt dem Schwur von Buchenwald verpflichtet und wollte am Aufbau einer besseren Welt mitwirken. „Damals fühlten wir uns als die Vollstrecker des Werkes von Goethe“, erinnert sich Voigt an eine Lesung mit Otto Grothewohl im Weimar „DNT“. Die DDR hat Karl-Heinz Voigt viel gegeben: Familie, Studium, später Direktor in einem Erfurter Betrieb. Dazu kamen unzählige Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit, immer im Gefühl „für den Frieden zu arbeiten“. 40 Jahre DDR hat er so mitgestaltet. Und nach der Wende? „Das Versprechen von blühenden Landschaften wurde nur für wenige Realität“, weiß Voigt, der sich gegen die Delegitimierung von Arbeits- und Lebensleistungen von Menschen aus der DDR wehrt. Aber: „Es gibt kein Zurück in die DDR – Geschichte rückwärts, das geht nicht. Wir müssen die Probleme lösen, indem wir nach vorn schauen!  Dass wir gegenwärtig in Thüringen eine linke Regierung haben, ist eine Notwendigkeit, um nach vorne zu schauen. DIE LINKE versucht Wege aufzuzeigen, etwas anders, etwas besser zu machen. Rückblick ist notwendig. Aber wir dürfen nicht allein beim Rückblick hängen belieben, sondern wir müssen fragen: Was lehrt uns die Geschichte, für die Zukunft anders zu machen?“  

 

 

Auf das Machbare konzentrieren

 

Was kann das für die Politik in Deutschland bedeuten? Ist das  rot-rot-grüne Thüringer Modell auch ein Weg  nach der Bundestagswahl 2017?  „Wir sollten und darauf konzentrieren, was machbar ist. In Thüringen oder anderen Ländern, geht sicher viel mehr als manche denken. Auf Bundesebene gibt es aber enge Grenzen, gerade was die Außenpolitik angeht. Wir sollten uns in der Opposition weiter gegen Auslands-einsätze der Bundeswehr aussprechen. Sicher, was wir in Thüringen gemeinsam mit SPD und Grünen schaffen, ließe sich auch im Bund besser machen. Aber, bevor das passiert, muss in der Außenpolitik vieles anders und vor allem besser gemacht werden!“  

 

 

Kampf gegen Faschismus geht weiter

 

 

Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus – davon ist die Welt im noch jungen 21. Jahrhundert leider weit entfernt. „Es gibt viele Formen des Faschismus und des Rassismus und wir werden uns darauf einrichten müssen, dass wir die dahinter steckende Ideologie noch lange bekämpfen müssen. Selbst der alte Antikommunismus wird heute, auch wenn es etwas weniger geworden ist, immer noch gepflegt.“  

Umso wichtiger ist es, dass Menschen wie Karl-Heinz Voigt, die Krieg und Nazidiktatur miterlebt haben, ihre Geschichte noch lange an die heutigen Generationen weiter geben. Denn Voigt hat vollkommen Recht: Der Kampf gegen den Faschismus wird noch lange weiter gehen, so lange his der Schwur von Buchenwald endlich erfüllt ist und eine Welt des Friedens und der Freiheit geschaffen wurde. Wie? Gemeinsam,  mit der Waffe der Solidarität!

 

th