21. April 2015

70. Jahrestag der Befreiung: „Volkssturm“ – das letzte Aufgebot der Nazis

Sie konnten nichts mehr retten – von einem kriegsversehrten Unteroffizier befehligte, mehr ängstlich denn siegessicher blickende fünfzehn- und sechzehnjährige Hitlerjungen sowie schon auf die 60 zugehende Männer wurden sinnlos geopfert, um die Abrechnung mit der Nazi-Führung hinauszuschieben.

Von Hans-Joachim Weise 

 

Es gibt wohl keinen Bericht über die letzten Monate der vor 70. Jahren geendet habenden bislang größten Katastrophe in der deutschen, europäischen und Weltgeschichte, in der die Rolle jener „Volkssturm“ genannten Militärorganisation nicht wenigstens Erwähnung findet. Der Name erinnert an Joseph Goebbels' theatralischen Ausruf „Nun, Volk, steh' auf und Sturm, brich los!“ und erweckt den Eindruck, es habe sich um eine alles vernichtende unüberwindliche Streitmacht gehandelt. Die Wahrheit indes sah anders aus, waren doch die zum „Volkssturm“ einberufenen fünfzehn- bis sechzehnjährigen Hitlerjungen ebenso wie die teilweise schon mehr als 60 Jahre zählenden Männer nur noch das letzte Aufgebot einer fanatischen Nazi-Führung. Nicht ohne Grund hatte der einstige Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, bei seiner Vernehmung im luxemburgischen Bad Mondorf 1945 zugegeben: „Im Jahre 1944 wurde mir klar, dass es nicht mehr möglich sei, den Krieg mit militärischen Mitteln zu gewinnen.“ Der Krieg war also längst verloren und dennoch sollte der sinnlose Kampf auch dann noch „bis zum Endsieg“ fortgesetzt werden, als das „Großdeutsche Reich“ nur noch aus dem Bunker der Reichskanzlei und einem quadratkilometergroßen Trümmer- und Ruinenfeld bestand. Hitler hatte bekanntlich schon 1943 geschrieben „Wir werden nicht um elf Uhr aufgeben. Wir werden den Kampf sogar noch fünf Minuten nach zwölf fortsetzen!“ und so wollte diese Führung nicht abtreten, ohne das von ihr beherrschte Volk mit in den Untergang gerissen zu haben: „Wenn wir schon gehen müssen, dann schlagen wir die Tür fest hinter uns zu!“, weshalb Hitler seinem Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Albert Speer, mit wohl kaum noch zu überbietender eiskalter Menschenverachtung erläuterte: „Wenn der Krieg verloren geht, wird auch das Volk verloren sein. Dieses Schicksal ist unabwendbar. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil: Es ist besser, selbst diese Dinge zu zerstören, uns selbst zu vernichten. Denn das Volk hat sich dann als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ost-Volk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach dem Kampf übrigbleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.“ So war auch der gemäß Erlass Hitlers vom 25. September 1944 ganz bewusst am 18. Oktober, dem Tag der Völkerschlacht bei Leipzig, aufgestellte „Volkssturm“ untrennbarer Bestandteil dieses auf der berüchtigten „Taktik der verbrannten Erde“ beruhenden menschenverachtenden Untergangsszenarios. Darin befahl er „den totalen Einsatz aller deutschen Menschen“ zur „Führung eines unerbittlichen Kampfes überall dort, wo der Feind den deutschen Boden betreten will“. Mit welchem Fanatismus, aber auch welcher Verzweiflung sich Mitglieder der Nazi-Führung an die Hoffnung klammerten, mit jenem letzten Aufgebot noch irgendetwas zu ihren Gunsten wenden zu können, zeigte ein Brief, in dem Hitlers Intimus, Reichsleiter Martin Bormann, nach der Bestätigung des Erlasses an seine Frau Gerda schrieb: „Ich fühle mich wie eine junge Mutter.“ Das Besondere an der „totalen Mobilisierung“ für den „Volkssturm“ bestand darin, dass sie nicht den Militärbehörden, sondern den örtlichen Führungen der Nazi-Partei oblag, wurden dessen Einheiten doch von den Ortsgruppen-, den Kreis- und den Gauleitern befehligt. Die Idee zur Aufstellung einer solchen „Garde der Todgeweihten“ stammte von NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann, der auch den politischen Oberbefehl übernahm, und dessen Militärberater Generalleutnant Adolf Heusinger, bis 1944 Chef der Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres. Der Stab des „Volkssturms“ wurde bei Bormanns Stab untergebracht. In seinem Erlass ernannte Hitler den Stabchef der SA, Wilhelm Schepmann, zum „Inspekteur für die Schießausbildung“, und den Korpsführer des „NS-Kraftfahrerkorps“ (NSKK), Erwin Kraus, zum „Inspekteur für die motortechnische Ausbildung“. Sämtliche weitere Funktionen konzentrierten sich samt und sonders in den Händen des „Reichsführers SS“, Heinrich Himmler, den Hitler zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt hatte: militärische Organisationen, Bewaffnung und Ausrüstung. Ebenso erließ er die militärischen Ausführungsbestimmungen und war für den Kampfeinsatz verantwortlich. Bei der durch von den NSDAP-Kreisleitern bestimmten Ärzten vorgenommenen Musterungen wurde nach dem Grundsatz „Zum I. und II. Aufgebot ist jeder tauglich, der Waffen tragen und gebrauchen sowie kleinere Märsche ausführen kann.“ verfahren. Selbst Kranke und Körperbehinderte wurden einberufen, soweit sie noch Wach- und Sicherungsdienste verrichten konnten, und sogar „politisch oder kriminell vorbelastete und sonstige schwierige Elemente“. Als Bormann dann allerdings die Gefahr möglicher antifaschistischer Beeinflussung erkannte, befahl er am 9. Dezember 1944, als politisch unzuverlässig geltende Personen aus dem „Volkssturm“ auszuschließen und „den örtlich zuständigen Dienststellen der Geheimen Staatspolizei namhaft zu machen“. Die zum „Volkssturm“ Eingezogenen wurden dem nazistischen Wehrgesetz unterstellt, was schlimme Folgen für jeden hatte, der sich diesem sinnlosen und die Kriegslage überhaupt nicht wenden könnenden letzten Aufgebot zu entziehen versuchte. Neben der SS machte auch die berüchtigte Feldgendarmerie, deren Angehörige nicht nur wegen ihres sogenannten Ringkragens, einem mittels Kette um den Hals gehängten Blechschild mit der Aufschrift „Feldgendarmerie“, „Kettenhunde“ genannt und als solche gefürchtet waren, Jagd auf alle, die das verbrecherische Morden nicht mehr mitmachen wollten. Schätzungsweise mehr als zehntausend Menschen fielen unter den Kugeln ihrer Erschießungskommandos oder wurden am nächsten Straßenbaum erhängt. Es gehörten viel Mut und Risikobereitschaft dazu, dem Gestellungsbefehl nicht Folge zu leisten oder die zugewiesene Einheit zu verlassen und unterzutauchen. So berichtete Toni Schröder (1910 bis 2005) aus Ilmenau, deren Mann Kurt nach mehrjährigen Haftstrafen wegen antifaschistischer Tätigkeit zum berüchtigten Strafbataillon 999 eingezogen worden war, einmal, wie sie ihren damals fünfzehnjährigen Sohn Heinz versteckt hatte, um ihn vor dem „Volkssturm“ und damit der Gefahr eines sinnlosen Todes zu bewahren.

Für ihre Bekleidung mussten die zum „Volkssturm“ Eingezogenen selbst sorgen, weshalb sie, mit Ausnahme der Angehörigen der Hitlerjugend, fast ausnahmslos als lediglich durch eine Armbinde gekennzeichnete bewaffnete Zivilisten auftraten. Ausgerüstet mit Handfeuerwaffen, Handgranaten und propagandistisch als „Wunderwaffen“ gepriesenen reaktiven Panzerabwehrbüchsen, im Durchhaltejargon „Panzerfaust“ genannt, war der militärische Wert dieses letzten Aufgebots gleich Null, was Wilhelm Keitel im Nürnberger Prozess auch offen zugab. Der für das I. Aufgebot (1.850 Bataillone) und das II. Aufgebot (4.860 Bataillone) ermittelte Bedarf an Waffen konnte weder aus Beständen von Polizei, Grenzschutz und Industrie noch aus laufender Neuproduktion gedeckt werden. So standen statt der benötigten 4.000.000 Karabiner 98 k nur 38.000 zur Verfügung, von den ermittelten 5.000 Geschützen war kein einziges vorhanden und die 100.000 Panzerfäuste erwiesen sich als völlig unzureichender Ersatz für die geforderten 40.260 „Panzerschrecks“. Die von der Rüstungsindustrie in aller Eile entwickelte „Volksmaschinenpistole“ konnte schon aus Zeitmangel ebenso wenig in den benötigten Stückzahlen geliefert werden wie „Volksgewehr“ und „Volkshandgranate“. Auch mit Beutewaffen, so den wenig feldbrauchbaren italienischen Karabinern, war die Lage nicht zu bessern. Die Truppen der alliierten Armeen ließen sich zudem weder durch Panzersperren noch die sogenannten „Wunderwaffen“ aufhalten und der Versuch, damit Panzer zu vernichten, war fast immer ein Himmelfahrtskommando: Die am häufigsten eingesetzte „Panzerfaust 30“ hatte, wie der Name schon sagt, eine Reichweite von lediglich 30 Metern, weshalb der Schütze möglichst nahe herankommen musste. So konnte er sehr leicht zum Ziel für das Maschinengewehr eines Panzers oder auf diesem aufgesessene motorisierte Schützen werden. Vor allem aber löste jeder Beschuss die sofortige und verheerende Antwort der vorrückenden alliierten Einheiten aus, deren massierter Angriff auf die sinnlos verteidigte Ortschaft meist zahlreiche Tote und Verletzte sowie zerstörte Gebäude zur Folge hatte. Wenn der Vormarsch in einigen Fällen überhaupt aufgehalten werden konnte, dann allenfalls um wenige Stunden, die das „Dritte Reich“ auch nicht vor seinem endgültigen Ende bewahrten.

Von den für den sinnlosen Tod tausender „Volkssturm“-Angehöriger sowie die Folgen der völlig aussichtslos gewesenen Verteidigung gegen die vorrückenden Truppen der Anti-Hitler-Koalition Hauptverantwortlichen endete Adolf Hitler (1889 bis 1945) bekanntlich am 30. April durch Selbstmord. Hinsichtlich des Schicksals von Martin Bormann (1900 bis 1945) war lange Zeit unklar, ob er am 2. Mai beim Versuch, aus der Reichskanzlei auszubrechen, ums Leben gekommen war oder untertauchen konnte. Der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg verurteilte ihn deshalb 1946 in Abwesenheit zum Tode. Erst 1972 wurden in Berlin (West) bei Bauarbeiten zwei Skelette entdeckt, von denen eines nach langwierigen gerichtsmedizinischen Untersuchungen als die sterblichen Überreste Bormanns identifiziert werden konnte. Zwischen den Zähnen fanden sich Reste von Blausäure-Ampullen, was heißt, dass er sich angesichts der Aussichtslosigkeit, doch noch zu entkommen, durch Selbstmord seiner Verantwortung als einer der Hauptkriegsverbrecher entzogen hatte. Heinrich Himmler (1900 bis 1945), der zunächst untergetaucht war, wurde kurz vor dem Ende der in Flensburg immer noch amtierenden „Regierung“ Dönitz im niedersächsischen Meinstedt durch eine britische Militärstreife verhaftet, weil ihr die nagelneuen, auf den Namen Heinrich Hitzinger ausgestellten Ausweispapiere verdächtig erschienen. Noch vor Abschluss der Überprüfung seiner Identität entzog er sich am 23. Mai in Lüneburg durch Selbstmord seiner Verantwortung als einer der Hauptkriegsverbrecher. Wilhelm Schepmann (1894 bis 1970), nach Viktor Lutzes Unfalltod 1943 letzter Stabchef der SA, lebte nach dem Kriege unter falschem Namen im niedersächsischen Gifhorn, wurde 1949 vom britischen Geheimdienst SIS verhaftet und 1950 angeklagt. Zur Last gelegt wurde ihm jedoch nur, die Zeitung „Der Generalanzeiger“ zum Verzicht auf eine faschismuskritische Berichterstattung genötigt zu haben. Der Verurteilung zu neun Monaten Gefängnis folgten im 1954 angestrengten Berufungsverfahren nicht nur der Freispruch, sondern auch die Einstellung des Entnazifizierungsverfahrens und die Zahlung einer Pension für den früheren Volksschul-Lehrer. Über die Liste der bis 1961 bestanden habenden rechtsgerichteten Partei „Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (GB/BHE) war er bereits 1952 in den Kreistag des Landkreises Gifhorn und in die Gemeindevertretung eingezogen, 1956 gar zum stellvertretenden Bürgermeister von Gifhorn gewählt worden. Seiner Wiederwahl 1961 folgende starke Proteste zwangen ihn schließlich zum Rücktritt. Erwin Kraus (1894 bis 1966), nach dem Tod von Adolf Hühnlein 1942 letzter Korpsführer des NSKK, lebte seit Kriegsende unbehelligt in Freiburg im Breisgau. Zwar wurden 1953 gegen ihn Ermittlungen wegen der Ermordung des NSKK-Mitglieds Lukat eingeleitet, Ergebnisse waren jedoch bislang nicht auffindbar. Der nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 kurzzeitig inhaftierte Generalleutnant Adolf Heusinger (1897 bis 1982) hatte in einer „Denkschrift“ alle ihm bekannten Informationen über die Verschwörer preisgegeben. Bis zur Verhaftung durch US-amerikanisches Militär lebte er ab April 1945 als unauffälliger Zivilist im niedersächsischen Walkenried, stand bis 1948 unter alliierter Aufsicht, war Zeuge im Nürnberger Prozess und anschließend bis 1950 in der „Organisation Gehlen“, der Vorläuferin des BND, Leiter der Auswertung der gegen die UdSSR gerichteten Militärspionage. Außerdem betätigte er sich zusammen mit Generaloberst Franz Halder (1884 bis 1972) in der deutschen Abteilung der „Historical Division“, der kriegsgeschichtlichen Forschungsgruppe der US-Armee. Adolf Heusinger, Franz Halder und Reinhard Gehlen (1902 bis 1979) gehörten zu den maßgeblichen Schöpfern jener Legende, wonach die Generalität der Wehrmacht keine Mitverantwortung für die Planung des „Unternehmen Barbarossa“ genannten Überfalls auf die UdSSR trüge und Hitler letzten Endes der Alleinschuldige am Scheitern eines angeblich genialen Feldzugsplanes sei. Ab 1950 Berater der Bundesregierung, wurde er 1952 Leiter der Militärischen Abteilung im „Amt Blank“, dem Vorläufer des Bundesverteidigungsministeriums, und 1955 zum Generalleutnant der Bundeswehr ernannt. Im Vergleich zur Wehrmacht war Adolf Heusinger damit noch einen Dienstrang höher gestuft worden, entsprach doch der neue dem früheren General einer Waffengattung. Zwei Jahre später erfolgten die Beförderung zum General (entsprach dem Generaloberst der Wehrmacht) und die Ernennung zum Generalinspekteur der Bundeswehr. Als Vorsitzender des Militärausschusses der NATO und Mitinitiator von deren Nuklearstrategie wandte er sich ungeachtet der furchtbaren Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki mit allem Nachdruck gegen die Schaffung einer vom polnischen Außenminister Adam Rapacki vorgeschlagenen Atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa. Die ihm 1961von der UdSSR vorgeworfene Verantwortung für Kriegsverbrechen wurde ebenso wenig als Hindernis für die Benennung einer Kaserne in Hammelburg und einer Straße in Holzminden angesehen wie seine maßgebliche Beteiligung an der Planung des „Unternehmens Barbarossa“.

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/thema/detail/browse/2/artikel/70-jahrestag-der-befreiung-volkssturm-das-letzte-aufgebot-der-nazis/