22. Oktober 2010

Wie der Deutsche Jude Ralph Rebock nach Chicago kam

mSeine Eltern Hans und Ruth wurden 1902 und 1906 geboren, die Mutter in Schmalkalden, der Vater in Gotha. Die Stammbäume der beiden jüdischen Familien sind in der Region seit 1760 bzw. 1769 belegt. So gut wie nie soll es Spannungen oder Konflikte mit Nachbarn, Behörden oder gar den Obrigkeiten gegeben haben. Ruth und Hans durchlebten als Heranwachsende den 1. Weltkrieg. Ein Bruder von Ruth wurde schwer verwundet. Das Ende des Krieges am 11. November 1918 prägte sich deshalb besonders stark in ihre Erinnerung ein. Dem Krieg folgten politisch und wirtschaftlich schwierige Zeiten. Die Inflation fraß Ersparnisse, riss auch kleine Unternehmer und Gewerbetreibende in den Strudel zur Armut.
Ruth und Hans heirateten in Gotha im Mai 1933. Im darauf folgenden Jahr wurde ihr Sohn Ralph geboren. Nach und nach, für die Eltern zuerst fast unmerklich, änderte sich die politische Stimmung gegenüber den jüdischen Mitbürgern. Nach der Verabschiedung der Nürnberger (Rassen-) Gesetze war ihnen klar, sie würden eine schwere Zukunft haben. Aber der Gedanke, ihr Leben könnte auf dem Spiel stehen, der kam ihnen nicht. Mit der Zeit „griffen“ die Gesetze. Sie durften nicht mehr überall einkaufen, nicht mehr jeden Arzt besuchen. 
1937 begannen die Behörden, jüdische Kinder von den Schulen zu weisen. Ralphs Cousine, damals 12 Jahre alt, wurde von einem anderen Onkel nach Chicago eingeladen, um weiterhin eine Schule besuchen zu können. Die Eltern des Mädchens blieben in Deutschland und bezahlten es später mit dem Leben. Jetzt begannen Ruth und Hans ernsthaft zu überlegen, ob sie nicht doch auswandern sollten. In der zuständigen deutschen Behörde in Berlin verfügte man, dass nur ein Familienteil die USA besuchen dürfe. Die Mutter fuhr zu ihren Verwandten nach Chicago. Dort erzählte man ihr von den Schwierigkeiten, in die Vereinigten Staaten von Amerika einwandern zu dürfen. Ein Beamter der Chicagoer Stadtverwaltung besorgte aber immerhin die richtigen Formulare und erklärte haarklein das nötige Verfahren. So ausgestattet und mit ein wenig Hoffnung fuhr Ruth zurück nach Gotha. Der Rest des Jahres 1937 und der größte Teil des Folgejahres vergingen mit den verschiedensten Reisevorbereitungen und dem Ausfüllen der unzähligen Anträge. Einen Termin bei der Botschaft der USA in Berlin erhielten sie für den 10. November 1938. 
Um unter gar keinen Umständen zu spät zu kommen, reisten sie schon am 8. November von Gotha nach Berlin. Am nächsten Morgen sahen sie vom Hotelzimmerfenster aus Flammen. Synagogen brannten. Stunden später rief die Haushaltshilfe aus Gotha an und bedauerte, dass der „Englischunterricht ausfallen“ müsse. Im Klartext: Für Herrn Rehbock sei es besser, nicht nach Gotha zurück zu kommen. Er wurde hier von den deutschen Behörden gesucht. Den Tag und die darauf folgende Nacht verbrachten sie irgendwie und sind pünktlich am Morgen des 10. November in der Botschaft der USA. Die Anforderungen der Bürokratie waren streng und als um 17:00 Uhr der Botschaftsarbeitstag zu Ende ging, waren noch nicht alle Papiere fertig. Also noch einmal unterschlüpfen und am Folgetag alles zu Ende bringen. Ein Schild erwartete die Familie am nächsten Morgen: „Wegen Feiertag geschlossen“. Der 11. 11. – der letzte Tag des ersten Weltkriegs, der „Tag des Waffenstillstands“ ist (bis heute als „Tag der Veteranen“) ein arbeitsfreier Tag! Dem wachhabenden Soldaten schilderten sie ihre verzweifelte Lage. Er schickte einen Kurier in die Privatwohnung des Botschafters. Und dieser kam und vollendete die Ausstellung der Papiere höchstpersönlich. Das Visum war erteilt! Doch der Vater Hans befand sich weiterhin in Gefahr, weil er in Gotha gesucht wurde. Er tauchte unter in der Reichshauptstadt. Viele Tage lang pendelte Mutter Ruth mit der Bahn täglich (!) zwischen Gotha und Berlin hin und her, bereitete Gepäck vor und brachte es nach Berlin. Irgendwann gelang es Hans, jemanden zu finden, der ihn im Flugzeug mit nach London nahm.
Mutter und Sohn Ralph sollten mit dem Zug nach Amsterdam reisen, von dort weiter nach London, um als Familie wieder vereint, mit dem Schiff über den „großen Teich“ zu fahren. 
An der deutsch-holländischen Grenze wurden sie aus dem Zug geholt und einer Leibesvisitation unterzogen. Ihnen war verboten, mehr Geld als 10 Reichsmark oder Schmuck und Kunstgegenstände mitzuführen. Man verhieß ihnen, mit dem nächsten Zug weiter fahren zu dürfen. War das aber einer nach Amsterdam oder vielleicht einer zurück ins Unglück, gar, wie Ralph viel später erfuhr, ein Transport in eines der vielen Vernichtungslager?
Ein unbekannter Holländer tippte Mutter auf die Schulter, flüsterte, sie sollte mit ihrem Jungen auf sein Zeichen hin auf den Bahnsteig soundsoviel rennen und dort sich unbedingt in den abfahrenden Zug drängeln. Es war der Bummelzug nach Amsterdam. Sie waren frei, so wie Holland 1938 noch ein freies Land war.
Seine Retter, so sagt Ralph Rehbock am 23. September im Gothaer Arnoldi-Gymnasium den Schülern der 9. und 10. Klassen, seien einfache Menschen gewesen, der Angestellte der Chicagoer Stadtverwaltung, der die richtigen Antragsformulare besorgte, das jüdische Dienstmädchen in Gotha, das der Polizei nicht verriet, wo die Eltern zu finden waren, aber anrief, um den „Englischunterricht“ abzusagen, der Wachsoldat vor der amerikanischen Botschaft, der dafür sorgte, dass der Botschafter von der Zwangslage der Familie erfuhr und der unbekannte freundliche Holländer.
Warum aber waren es so wenige, die nicht wegschauten? Mit dieser Frage hat Herr Rehbock die Schüler erst einmal allein gelassen. Nicht ohne zu versprechen, dass er gern mit ihnen in Verbindung bleiben wolle, zum Beispiel mittels elektronischer Post.

Lothar Adler
Foto: Hans Stengel/Arnoldischule