14. Oktober 2010

Abbau Ost: Wohnraumliquidierung statt blühender Landschaften

Abbau Ost. Die Bilder von Uwe Pohlitz waren 2009 auf der „photokina“ in Kön, der bedeutendste Messe für Fotografie, ausgestellt.

Anfang der siebziger Jahre sang Reinhard Lakomy vom Ende aller Wohnungsprobleme in der DDR im Jahr 1990. Mit einem riesigen Kraftaufwand wurde das enorme Problem angegangen. Gebaut wurde so schnell wie nur möglich. Wer selber einmal in einer feuchten Wohnung ohne Bad mit Ofenheizung leben musste, kann mitreden, mit welcher Freude man in die „Platte“ einzog. In ihrer Nachbarschaft befanden sich Arbeitsplätze, entstanden gleichzeitig Kindergärten, Schulen, Kultureinrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten. Die Mieten waren bezahlbar. Man kann sich über Bauästhetik streiten, ob aber die heutige Quader-, Glas- und Metallarchitektur in die historisch gewachsene Altstadt passen, ist auch eine Geschmacksfrage.

Nach dem Anschluss der DDR an die BRD vor 20 Jahren wurde die „Platte“ erst einmal gründlich schlecht geredet. Die Bewohner wurden stigmatisiert. Nach dem Verlust von Millionen Arbeitsplätzen sahen sich vor allen Dingen Fachkräfte gezwungen, in andere Bundesländer oder ins Ausland abzuwandern.

Mit großem Werbeaufwand wurde der Bau von Einfamilienhäusern auf der grünen Wiese auf Pump angekurbelt. Die Plattenbausiedlungen wurden immer leerer, der Leerstand führte zu Verwahrlosung und vermittelt Trostlosigkeit. Häuser, ganze Stadtteile entstanden aus Mitteln des Volksvermögens und wurden nach nur 25 bis 30 Jahren Nutzung der Abrissbirne freigegeben. Noch heute müssen für dieses, von den Menschen der DDR erarbeitete Vermögen, Kredite an die Banken gezahlt werden. Vor einiger Zeit wurden durch entsprechende Institute Untersuchungen durchgeführt. Dabei stellte man fest, dass in absehbarer Zeit bezahlbarer Wohnraum knapp wird. Diese Erkenntnis ist bereits bittere Realität. Aus Mieteinnahmen maximale Profite zu erwirtschaften, ist auch ein Ziel der neoliberalen Baupolitik. Eine kurze Chronologie des Erfurter Wohngebietes Nordhäuser Straße gibt auf jeden Fall Grund, einmal nachzudenken. Der Bauabschluss war im Jahr 1985. Es gab eine hervorragende Infrastruktur. Bahn, Straßenbahn und Busanschluss, Kindergärten, Schulen, Post, Friseur, Apotheke, Sparkasse, Poliklinik, Kaufhalle, ein Kulturzentrum mit Gaststätten, Theater, Kino, Konzertsaal, Galerie, Ballettraum, Sport- und Klubräume. Das Kultur und Freizeitzentrum wurde 1995 endgültig geschlossen und dem Verfall preisgegeben. Ab 2004 wurde begonnen, die Mieter und Gewerbetreibenden zu verdrängen. 2007 wurde damit Ernst gemacht, Wohngebäude einschließlich Gewerberäume abzureißen. Ganze Straßenzüge sind verschwunden. Bei der vorhandenen Infrastruktur hätte es auch andere Lösungen gegeben. Diese waren offensichtlich nicht gewollt und passte auch nicht in das politische Konzept. Man kann zwar argumentieren, dass es nun mehr Grünflächen gibt und der Wind noch besser durch die Straßen bläst, bezahlbarer Wohnraum fehlt trotz alledem. Foto und Text: Uwe Pohlitz