22. März 2011

Wahrheitssucher – immer mit offenem Gesicht

Alle Hände voll zu tun: Landolf Scherzer beim eifrigen signieren seiner Bücher nach einer Lesung in Erfurt. Foto: Uwe Pohlitz

Mitte der 80er Jahre, Weimar, Erich-Wendt-Klub, Thüringer Schriftsteller zogen Bilanz ihrer Arbeit, ihres Schreibens, prüften kritisch eigene Positionen. Sind wir offen und ehrlich und immer kritisch genug? Inge von Wangenheim (1912 – 1993), seit über 50 Jahren Kommunistin, Schauspielerin, Romanautorin und Essayistin, bat ums Wort. Sie lenkte die Aufmerksamkeit auf die jüngste Publikation des in Suhl lebenden Autors Landolf Scherzer „Fänger & Gefangene. 2386 Stunden vor Labrador“ (Greifenverlag Rudolstadt, 1983).

Sie sprach leidenschaftlich von den besonderen Qualitäten dieses Buches (das ich damals noch nicht kannte). Vermittelte ihr Lese-Erlebnis, wünschte sich, dass mehr noch als bisher die Schriftsteller ungeschminkt den Arbeits- und Lebensalltag der Menschen hier und heute darstellen sollten. Scherzers Buch war, wie auch das anderer kritischer Autoren, zur Bückware in DDR-Buchhandlungen geworden. Nun, erneut gelesen, erregend großartig, sensibel, spannend, sympathisch, wie er unter DDR-Hochseefischer geht und sich dort all ihren Härten und Nöten aussetzt. Keine Helden – selbstbewusste Menschen, die auch ihre Sehnsüchte haben. 


Grund-Sätzen verpflichtet


Fast 30 Jahre später: „Letzte Helden“ (Aufbau-Verlag 2010). Reportagen über Männer und Frauen, die in den 80er Jahren der DDR für ihre vorbildlichen Leistungen als „Held der sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet worden waren. Wie leben sie heute? Wie sehen sie die Welt von damals? Erneut ein erregendes Lese-Erlebnis, spannend, berührend, prall wie das Leben.

Der Autor bleibt sich treu. „Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit . . .“, eine Feststellung des berühmten Egon Erwin Kisch, den man „Rasender Reporter“ nannte. Kischs Erkenntnis und die journalistischen Erfahrungen eines aus der Schweiz stammenden Mentors, Jean Villain, den Scherzer während seines Studiums in Leipzig kennen lernte, gingen ihm mit den Jahren in Fleisch und Blut über. Wahrheit ist das edelste Rohmaterial der Kunst,

Präzision ihre beste Behandlungsweise (Kisch). Scherzer  brauchte nicht zu rasen, die Realitäten trieben ihn um in die Tiefen und Untiefen des Lebens. 


„Bewährung“ und Bewahrung


Der 1941 in Dresden Geborene studierte Anfang der 60er Jahre in Leipzig Journalistik, wurde nach einigen Jahren wegen unorthodoxer Auffassungen „geext“ und zur „Bewährung“ nach Suhl geschickt (Zeitung „Freies Wort“). Erste Bücher über Land und Leute in der DDR folgten. Nach „Fänger & Gefangene“ (1983) und dem Aufsehen erregenden Report „Der Erste“ (1989) – er hatte hierin den sehr verantwortungsvollen, schwierigen Alltag eines 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung von Bad Salzungen beschrieben – gelangten Scherzers Erkundungen in den Fokus heißer Debatten: einfach sagen, was los ist, was Sache ist und offen darüber reden.

Das Meininger Theater erarbeitete mit großem Enthusiasmus eine Bühnenfassung des „Ersten“. Der Erfurter  Intendant Bodo Witte lud die Meininger nach Erfurt ein. Die notwendige öffentliche Diskussion über Probleme und Konflikte wurde schnell von  den politischen Ereignissen überrollt. 

Als dann im Osten die Arbeitsplätze zu Hunderttausenden vernichtet wurden, regte sich Widerstand.  Die neuen Stationen Scherzers schlugen sich in journalistischen Erkundungen nieder, die zu Büchern wurden. Einige Titel waren schnell in Bestsellerlisten. Scherzer beschrieb den  politischen Alltag eines aus dem Westen gekommenen CDU-Landrates („Der Zweite“, 1997), nahm teil am Hungerstreik der Bischofferöder  Kalikumpel 1993, die um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpften, durchleuchtete als Presse-Beobachter die politischen Winkelzüge und Tricksereien der Regierungsparteien in der Ära des Ministerpräsidenten Bernhard Vogel („Der Letzte“, 2000) und erkundete mit Freunden vom Tschernobylhilfe-Verein e.V. das 

Leben der russischen und ukrainischen Menschen in der Umgebung der mehr als 20 Jahre zurückliegenden Reaktorkatastrophe von 1986 (u. a. „Das Sarggeld von Uljanowna“, 2009).

Scherzer arbeitete nicht „verdeckt“ wie Günter Wallraff im Westen, sondern stets mit offenem Gesicht. Suchte Nähe, Tiefe, Widersprüche, ohne seine Gesprächspartner bedrängen zu wollen. Seine Recherche-Wege offenbarten nicht selten mehr an Wahrheiten als die ins Auge gefassten Zielpersonen. Mehrere ehemalige „Helden der Arbeit“ verweigerten sich, offen über sich zu reden, aus durchaus verständlichen Gründen. Aber: Der Weg ist das Ziel. Der Leser staunt, wie genau der Autor zuhört, beobachtet, erkundet.

„Letzte Helden“ lebt unter anderem von der Spannung, wie einer journalistisch „archäologisch“ jüngste Geschichte ausgräbt. Ohne sattsam bekannte Polit-Klischees. Er lässt sich nicht täuschen. 

Herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag am 14. April nach Dietzhausen!                              

Werner Voigt