5. April 2011

Wächterhaus – Ein Modellprojekt für junge Künstler

Die Wortschöpfung „Wächterhaus“ ist in unserem Sprachgebrauch relativ unbekannt, macht aber neugierig. Im traditionellen Lexikon war die Begriffssuche vergeblich. Dank Wikipedia kommt man dem Ganzen etwas näher. In Leipzig nahm die Sache offensichtlich ihren Beginn. Leerstehende Häuser in ziemlich verwahrlosten Zustand laden immer wieder zu Vandalismus, Brandstiftung und anderen nicht gewollten Aktionen ein. Ein Ärgernis für Nachbarn, Anlieger oder Grundstücksverwalter. Oft sind es unklare Besitzverhältnisse oder mangelnde finanzielle Möglichkeiten, welche eine gründliche Sanierung verhindern. Wenn das Dach dicht ist, kein Schwamm in den Mauern, die Fenster verschließbar und die Räume noch zu heizen sind, dann kann auch ein altes Haus mit neuen Leben erfüllt werden. Das ist die Grundidee der „Wächterhaus“-Vereine. Oft müssen erst einmal verworrene Besitzverhältnisse geklärt werden, um zu einer vernünftigen Nutzungsvereinbarung zu kommen. Sind diese Hürden genommen, gibt es eine Ausschreibung der nutzbaren Räume. Es sind vor allen junge, aber auch ältere kreative Menschen, welche bezahlbare Arbeitsmöglichkeiten zur Umsetzung ihrer künstlerischen Fähigkeiten suchen. Ein System der Kultur- oder Volkshäuser, wie in der DDR, gibt es nicht mehr. 

Eine Nutzung leerstehender Häuser auf eine begrenzte Zeit bringt allen Beteiligten Vorteile. Ein benutztes Haus unterliegt nicht mehr dem rasanten Zerfall. Die Nutzer sind zugleich „Wächter“ einer Immobilie. Eine Stadt wie Erfurt kam in der Vergangenheit jungen kreativen Leuten nicht gerade mit offenen Armen entgegen. Dabei wurde sicher nicht richtig erkannt, dass gerade diese Bevölkerungsgruppe eine interessante kulturelle und schöpferische Atmosphäre prägt. Andere Städte haben diese Zusammenhänge früher begriffen und zum Bestandteil ihrer urbanen Philosophie gemacht. In der Erfurter Talstraße, an einer der verkehrsreichsten Stellen der Stadt, entsteht die erste Wächterhausaktion. Offensichtlich hat die KoWo ihr Herz für neue Ideen entdeckt. 

Eine Malerin und Bildhauerin, eine schriftstellerische Debütantin, eine Architektin, ein Musiker und Tontechniker, ein Maler und Grafiker sowie ein Veranstaltungsgestalter – sie alle haben sich per Internet für die ausgeschriebenen Bedingungen beworben und bringen nunmehr Leben in das alte Haus.

Es entsteht gerade ein Tanzstück zu gemalten Bildern der Malerin G. Beyer.

Katrin Lindig, Studierende an der Erfurter Universität, kommt aus Frankfurt am Main, arbeitet an ihren Debütroman und schreibt Lyrik. Ihr Partner Björn Lindig experimentiert mit elektronischer Musik und betätigt sich als Tontechniker. Er stammt aus München. Beide empfinden, dass es in Erfurt sehr wohl eine kreative Atmosphäre gibt. In den großen Zentren scheint alles bereits fertig und vorhanden zu sein. In Thüringens relativ übersichtlichen Hauptstadt gibt es noch viele Entwicklungsmöglichkeiten. Man muss allerdings etwas tun, um den Dornröschenschlaf zu beenden. Dafür setzen sich die „Wächterhäusler“ geschlossen ein.

Es sind keine herkömmlichen Bewohner. Im Wächterhaus wird vor allen Dingen gearbeitet, experimentiert und kommuniziert. Gewohnt wird in außerhalb befindlichen Räumen. Das verlangt die Satzung.

Am 21. Mai 2011 wird es ein erstes gemeinsames „Wächterhausfest“ für die interessierte Öffentlichkeit geben. Die Besucher werden erleben, was es auf sich hat, mit einer „Temporären Verschmelzung kreativer Gedanken“. In der Parterrewohnung hat die Malerin ein zusammenhängendes Kunstwerk geschaffen und wird dieses öffentlich präsentieren. Den bereits fertigen Teil durfte ich für die UNZ-Leser schon einmal fotografieren und somit auch vorstellen. Es war ein faszinierender erster Eindruck. Katrin Lindig wird aus ihren Arbeiten lesen und auf Reaktionen der Besucher hoffen. Es ist ihr wichtig ins Gespräch zu kommen. Diese Eigenschaft lassen alle „Wächterhausleute“ erkennen.

Erfurt hat durchaus reale Bedingungen, dass sich ein derartiges Anliegen entfalten kann.

Die Entwicklung in anderen Städten, zum Beispiel  Berlin, sieht etwas anders aus. Viele junge Leute hatten sich im preiswerten Stadtbezirk Prenzlauer Berg niedergelassen und eine großartige kulturelle Szene entwickelt. Besserverdienende oder auch Juppis fanden es chic, sich in einer solchen Atmosphäre darzustellen. Die Preise stiegen und die Schöpfer der Szene wurden vertrieben. Die Kreativen zogen weiter nach Neukölln. Dort bahnt sich inzwischen die gleiche Entwicklung an, dafür wurde der Begriff Gentrifizierung gefunden. Ob es in der Thüringer Provinz zu ähnlichen Entwicklungen kommt, vermag noch niemand zu prognostizieren. Allerdings wäre es durchaus systemrelevant.

Die Wächterhausidee ist genial und braucht viel moralische Unterstützung, aber vor allen Dingen eine breite gesellschaftliche Anerkennung.


Foto und Text: 

Uwe Pohlitz