14. Juni 2011

Vor 70 Jahren – mit dem „Unternehmen Barbarossa“ in den Untergang

Kurz vor dem Überfall – am Grenzfluss Bug, 22. Juni 1941, 3.00 Uhr morgens.

Vor 70 Jahren – mit dem „Unternehmen Barbarossa“ in den Untergang

 

Es ist seit jeher Praxis aggressiver Politik und ihrer vom Welteroberungswahn befallenen Verfechter, sowohl Gegner als auch eigene Bevölkerung zunächst über die wahren Absichten zu täuschen, um dann um so überraschender und wirkungsvoller losschlagen zu können. Vor allem Blitzkriegsstrategie lebt von Täuschung und Überraschung sowie der damit beabsichtigten Ohnmacht des Gegners, die ihn zur Wehrlosigkeit verdammen und so dem eigenen Sieg sichere Garantien geben soll: Bis Mai 1941 hatte die Wehrmacht des „Dritten Reiches“ auf diese Weise halb Europa erobert – Österreich, die Tschechoslowakei, Polen, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Dänemark, Norwegen, Jugoslawien und Griechenland stönten unter dem Joch der Besatzung und gnadenloser Ausplünderung. Da war es kein Wunder, dass die Reingewinne deutscher Konzerne sprunghaft in die Höhe schnellten: Auto-Union 2.061.136 Reichsmark, Vereinigte Industrie-Unternehmungen (Zu den Aufsichtsratsmitgliedern gehörte u.a. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach) 13.755.000 Reichsmark, Essener Steinkohlenbergwerke (Aufsichtsratsvorsitzender: Dr. Friedrich Flick) 3.150.000 Reichsmark. Da konnten sich die Herren zufrieden zurücklehnen, dieser Krieg lohnte sich, bekam ihnen allen wie seinerzeit schon der Erste Weltkrieg wie eine Badekur. Doch der Appetit kommt bekanntlich beim Essen und es gehört ohnehin zu den ehernen Gesetzen der kapitalistischen Profitgesellschaft, auch mit 13 Millionen nicht zufrieden zu sein, sondern diesen weitere hinzuzufügen. Da konnte von einem schnellen Kriegsende keine Rede sein, zumal es nicht nur die Konkurrenten in Großbritannien und den USA auszuschalten, sondern vor allem den „Sowjet-Bolschewismus“ zu vernichten galt: Der nämlich konnte sämtlichen Großkonzernen in aller Welt gefährlich werden, hatte die Sowjetunion doch ungeachtet aller Unzulänglichkeiten, schwerer Fehler, Fehlleistungen und auch Verbrechen gezeigt, dass es ohne Profitgesellschaft möglich ist, die Masse der Menschen von Not und Elend, von Armut, Hunger und Analphabetentum zu befreien. Nach dem blutigen Abwürgen von deutscher Novemberrevolution sowie der finnischen, estnischen, lettischen, bayerischen, slowakischen und ungarischen Räterepubliken mochte die Gefahr nicht akut sein, doch gemäß dem Grundsatz, wonach der kluge Mann vorzubauen habe, war für die Zukunft Sorge zu tragen. Das hieß zuallererst, den „Sowjet-Bolschewismus“ ein für allemal auszurotten und sodann die Reichtümer des riesigen Landes zu eigenem Nutz' und Frommen an sich zu reißen. Doch mit der UdSSR bestand ja immerhin der am 23. August 1939 abgeschlossene Nichtangriffsvertrag und zum anderen galt es, für einen Blitzkrieg gegen den größten Staat der Erde gut vorbereitet zu sein, und zwar so, dass die Vorbereitungen nicht einmal im eigenen Lande bemerkt werden konnten: Wie mit jenem Vertrag in Zukunft umzugehen war, hatte Hitler der Wehrmachtsführung bereits während einer Beratung in der Neuen Reichskanzlei am 23. November 1939, also ein Vierteljahr nach dessen Abschluss, klargemacht - „Verträge werden nur so lange gehalten, wie sie zweckmäßig sind.“ Damit wusste jeder der Beteiligten, was die Stunde geschlagen hatte, weshalb die alsbald ergehen sollenden Anweisungen keine Überraschungen darstellten. So bereitete dem Chef der Abteilung I des Amtes „Ausland-Abwehr“, Generalleutnant Hans Pieckenbrock, der im August 1940 ergangene Befehl, die Aufklärungsarbeit, im Klartext: Spionage, gegen die UdSSR zu verstärken, keinerlei Erstaunen, im Gegenteil, Derartiges war geradezu erwartet worden. Auch für das Armee-Oberkommando 18 kam die im Juni 1940 übermittelte Weisung, mit seinen 24 Divisionen, darunter drei Panzer- und drei motorisierten, in das besetzte Polen zu verlegen, nicht überraschend. Am 29. Juli schließlich beauftragte der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, General Alfred Jodl, die Abteilung „Landesverteidigung“ mit der Ausarbeitung der Pläne für einen Ostaufmarsch. Was an der sowjetischen Grenze an Baumaßnahmen und technischen Vorbereitungen notwendig war, wurde bis in die letzte Einzelheit mit dem am 9. August erlassenen und den Decknamen „Aufbau Ost“ tragenden Befehl geregelt. Die Ausarbeitung der Operationspläne erfolgte unter Leitung von General Franz Halder und seines engsten Mitarbeiters Generalleutnant Adolf Heusinger, dem Chef der Operationsabteilung. Am 5. und nochmals am 17. Dezember wurden diese in Besprechungen bei Hitler eingehend beraten und fanden schließlich in jenem Dokument vom 18. Dezember, das sich „Weisung Nr. 21“ nannte, allerhöchste Billigung: „Die deutsche Wehrmacht muß darauf vorbereitet sein, auch vor Beendigung des Krieges gegen England Sowjetrußland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen (Fall Barbarossa). ... Entscheidender Wert ist darauf zu legen, daß die Absicht eines Angriffs nicht erkennbar wird. ...“ Von nun an liefen die Kriegsvorbereitungen auf Hochtouren: Bereits am 1. Februar 1941 legte das Oberkommando des Heeres die bis in jede Einzelheit ausgearbeitete Aufmarschanweisung vor, am 30. April unterzeichnete Hitler eine weitere „Geheime Kommandosache“ - „Zeitplan Barbarossa. Der Führer hat entschieden: Beginn Barbarossa = 22. Juni = ab 23. Mai Höchstleistungsfahrplan.“ Doch das alles war nur eine Seite der Vorbereitungen für das größte und letzten Endes katastrophalste militärische Abenteuer der Geschichte: Hermann Göring mobilisierte als „Beauftragter für den Vierjahresplan“ die Wirtschaftsfachleute von Wehrmacht und Großkonzernen zur Ausarbeitung der Pläne für die wirtschaftliche Ausplünderung des Landes. Dazu erließ mit General Thomas der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes, „nebenbei“ auch Aufsichtsratsmitglied in Göring-Konzern und Borsig-AG, folgende Richtlinie: „Angesichts des großen Aufgabenkreises ist eine großzügige Ausgestaltung der Organisation mit entsprechend zahlreichen Kräften notwendig. Die Hauptaufgabe der Organisation wird in der Erfassung von Rohstoffen und in der Übernahme aller wichtigen Betriebe bestehen. Für die letztere Aufgabe werden zweckmäßigerweise von Anfang an zuverlässige Persönlichkeiten deutscher Konzerne eingeschaltet, da nur mit Hilfe ihrer Erfahrungen von Beginn an eine erfolgreiche Arbeit geleistet werden kann.“ So entstand zwei Monate vor dem Überfall der „Wirtschaftsstab z.b.V. Oldenburg“, Anfang Juni präsentierte Göring die in lediglich 100 Exemplaren ausgefertigte dickleibige „Grüne Mappe“, in der es unter anderem hieß: „Soviel wie möglich Lebensmittel und Mineralöl für Deutschland zu gewinnen ist das wirtschaftliche Hauptziel der Aktion. Daneben müssen sonstige Rohstoffe aus den besetzten Gebieten der deutschen Kriegswirtschaft zugeführt werden. ... Völlig abwegig wäre die Auffassung, daß es darauf ankomme, in den besetzten Gebieten einheitlich die Linie zu verfolgen, daß sie baldigst wieder in Ordnung gebracht und vordringlich in Ordnung gehalten werden müßten... Nur diejenigen Gebiete werden wirtschaftlich gefördert und vordringlich in Ordnung gehalten werden müssen, in denen bedeutende Ernährungs- und Mineralölreserven für uns erschlossen werden können.“ Nach derart gründlichster Vorbereitung stand nicht nur der „Wirtschaftsstab z.b.V. Oldenburg“ am 22. Juni 1941 Gewehr bei Fuß, auch die deutschen Mineralölkonzerne hatten vorgearbeitet und die „Kontinentale Öl AG“ aus der Taufe gehoben, in deren Aufsichtsrat neben anderen der Bankier Hermann Josef Abs saß.

Neben Göring fiel mit Alfred Rosenberg, dem „Chefideologen“ der NSDAP, einem zweiten hochrangigen Nazi-Funktionär eine herausragende Rolle bei der Vorbereitung des Überfalls auf die UdSSR zu: Am 20. April 1941 ernannte ihn Hitler zum „Beauftragten für die Zentral-Bearbeitung der Fragen des Osteuropäischen Raumes“. Mit anderen Worten, dem künftigen „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ oblagen alle Planungen für die spätere Besatzungspolitik, also die Organisierung des faschistischen Terror-, Unterdrückungs- und Vernichtungsapparates. Er lieferte nicht nur die ideologische Begründung für die in jener „Grünen Mappe“ zusammengefassten Planungen zur Ausplünderung der besetzten Gebiete, sondern traf ebenso Festlegungen zur Behandlung der dortigen Bevölkerung: „Die deutsche Volksernährung steht in diesen Jahren zweifellos an der Spitze der deutschen Forderungen an den Osten. ... Wir sehen durchaus nicht die Verpflichtung ein, aus diesen Überschußgebieten das russische Volk mitzuernähren. ... Zweifellos wird eine sehr umfangreiche Evakuierungspolitik notwendig sein, und dem Russentum werden sicher sehr schwere Jahre bevorstehen.“ Garant für die buchstabengetreue Umsetzung der letzten Worte Rosenbergs in so grausame wie brutale Wirklichkeit war mit Heinrich Himmler der „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei“, der dafür von Hitler mit Sondervollmachten ausgestattet wurde. In dessen Auftrage unterzeichnete der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, am 13. März 1941 als „Geheime Kommandosache“ die „Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nr. 21 – Fall Barbarossa -“, in der es hieß: „Im Operationsgebiet des Heeres erhält der Reichsführer SS zur Vorbereitung der politischen Verwaltung Sonderaufgaben im Auftrage des Führers, die sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben. Im Rahmen dieser Aufgaben handelt der Reichsführer SS selbständig und in eigener Verantwortung ...“. So wurden auf Himmlers Befehl vier Wochen vor dem Überfall die alsbald ob ihrer Grausamkeiten und Brutalitäten berüchtigt und gefürchtet werden sollenden „Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei (SIPO) und des SD“ gebildet und in den grenznahen Raum zur UdSSR verlegt.

Während die Generalstabsoffiziere der für den Überfall vorgesehenen Einheiten natürlich in die Planungen eingeweiht waren, wurden die Mannschaften ganz bewusst in dem Glauben gehalten, der nächste Schlag werde gegen Großbritannien geführt und die beispielsweise für die 123. Infanteriedivision angeordneten Übungen von Waldgefechten und dem Erstürmen von Bunkern im Raum Schirwindt in Ostpreußen würden lediglich aus Gründen der militärischen Geheimhaltung nahe der sowjetischen Grenze stattfinden. Dass sie sich bereits im Bereitstellungsraum befanden und wenig später als Bestandteil der Heeresgruppe Nord am Überfall auf die UdSSR beteiligt sein würden, wurde verschwiegen. Auch die Zivilbevölkerung erlebte einige aufsehenerregende Maßnahmen, die darauf hindeuteten, dass die Invasion gegen Großbritannien nunmehr unmittelbar bevorstünde: Da geschah im Mai 1941 etwas noch nie Dagewesenes – der „Völkische Beobachter“ und damit das offizielle Organ der Nazi-Partei wurde plötzlich beschlagnahmt! Mitarbeiter der Gestapo sammelten bei den Zeitungshändlern alle verfügbaren Exemplare ein und tauschten sie gegen neue aus. Findige Zeitungsleser, die noch Erstexemplare besaßen, verglichen natürlich beide Ausgaben miteinander und stellten überrascht fest, dass in der jetzigen ein Artikel von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels fehlte, ein Artikel, in dem die Besetzung der Insel Kreta gefeiert wurde und der mit der vielsagenden Drohung schloss „Was heute auf Kreta geschehen ist, kann morgen auch eine andere Insel treffen.“ Was konnte das in den Augen des einfachen „Parteigenossen“ oder „Volksgenossen“ anderes bedeuten als dass es nun ernsthaft gegen Großbritannien gehen würde, der „VB“ folglich nur aus Gründen der militärischen Geheimhaltung zurückgezogen worden war?

Ausgezeichnet im Bilde waren dagegen die Männer einer Spezialeinheit, deren Existenz nicht mehr als einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt war – die „Division zur besonderen Verwendung 'Brandenburg'“. So war deren 10. Kompanie bereits Wochen vor dem 22. Juni nach dem ostpreußischen Schönwalde verlegt worden, einem Dorf, das tagsüber nahezu ausgestorben erschien und ein Bild tiefsten Friedens abgab. Nachts aber verwandelte es sich in ein Heerlager, schwere Lastkraftwagen brachten ihre geheimnisvolle Ladung in am Ortsrand befindliche Lagergebäude, die am Tage den Eindruck einer ganz gewöhnlichen Feldscheune machten: Kisten über Kisten wurden abgeladen, Lieferant – die „Abwehr“, der Geheimdienst der Wehrmacht also, Inhalt – Uniformen der Roten Armee. Damit war auch dem sprichwörtlichen „Schützen A... im letzten Glied“ klar, welche Aufgabe die „Brandenburger“ hatten: Sie sollten gegen jedes Kriegsvölkerrecht in Uniformen des Gegners kämpfen, um sowohl dessen Militärangehörige als auch Angehörige der Sicherheitsorgane und die Zivilbevölkerung zu täuschen, so getarnt in das sowjetische Hinterland eindringen, dort wichtige Straßen- und Eisenbahnbrücken sowie Verkehrsknoten besetzen und diese bis zum Eintreffen der Wehrmacht halten. Dass viele „Brandenburger“ wie auch Angehörige anderer Sondereinheiten mit grundsätzlich gleicher Aufgabenstellung diesen Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht bei ihrem Kampf zwischen den Fronten mit dem Leben bezahlten, ist in Harry Thürks Roman „Die Stunde der toten Augen“ nachzulesen.

Frühaufsteher, die am Morgen dieses 22. Juni 1941 nach alter Gewohnheit das Radio einschalteten, mussten wie üblich etwas warten, bis sich die Röhren des im Volksmund „Goebbelsschnauze“ genannten „Volksempfängers“ erwärmt hatten. Konnten sie sich dann aber ganz den auf sie herabprasselnden Superlativen widmen, von denen sowohl die alltäglichen Erfolgsmeldungen über die „geniale Politik des Führers“ wie auch die Siegesmeldungen von den aktuellen Kriegsschauplätzen beherrscht wurden, so war das heute gänzlich anders: Es begann zunächst, wie es seit 1939 immer begonnen hatte – aus dem Lautsprecher tönte die emphatische Stimme des Herrn „Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda“: „Deutsches Volk! In diesem Augenblick vollzieht sich ein Aufmarsch, der in Ausdehnung und Umfang der größte ist, den die Welt bisher gesehen hat.“ Dann die üblichen Fanfarenklänge samt Ankündigung einer Sondermeldung, die dieses Mal freilich bei vielen Bedenken, ja Bestürzung auslöste: „Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: An der sowjetrussischen Grenze ist es seit den frühen Morgenstunden des heutigen Tages zu Kampfhandlungen gekommen!“ Jäh erwachte das Land, ruckartig, ernüchtert - „Krieg mit den Russen?“ Da wurde denn doch so mancher der bislang mit überschäumenden Siegesmeldungen Verwöhnten, ja Übersättigten skeptisch - „Rußland? Wenn das man gutgeht!“ Zunächst jedenfalls schien auch alles gutzugehen – punkt 3.30 Uhr fiel eine gewaltige Streitmacht aus 181 Divisionen und 18 Brigaden mit 4,6 Millionen Soldaten, 4.300 Panzern, rund 4.000 Flugzeugen und mehr als 42.000 Geschützen, dazu 9 Divisionen der Satellitenstaaten, auf einer vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer reichenden 3.000 km langen Front und ohne Kriegserklärung in die Sowjetunion ein, nachdem die Angehörigen der „Division Brandenburg“ ganze Arbeit geleistet hatten. Auf den litauischen Fluren, auf den Straßen, in den Wäldern und den Orten im westlichen Teil der Bjelorussischen und der Ukrainischen SSR, auf der Ostsee, im Luftraum und alsbald auch am Schwarzen Meer sowie in den Wald-, Seen- und Sumpfgebieten der Karelischen SSR entbrannte ein Kampf auf Leben und Tod. In einer Tiefe bis zu 400 km bestimmten von nun an das Dröhnen von Panzer- und Flugzeugmotoren, das Heulen der Granaten, das Pfeifen der nach unten sausenden Bomben und das Krachen der explodierenden Geschosse, rasch vordringende Infanteriekolonnen, brennende Städte und Dörfer sowie aus den Kampfgebieten fliehende und oftmals verzweifelte Menschen das Geschehen der ersten Kriegstage. Der nach politischen Auseinandersetzungen mit dem seinerzeitigen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß in die DDR übergetretene Major der Bundeswehr Bruno Winzer schrieb über die brutale und grausame Kriegführung der Wehrmacht, in der er damals als Oberleutnant gedient hatte, in seinen Lebenserinnerungen „Soldat in drei Armeen“ unter anderem: „Über uns heulten die Granaten aller Kaliber wie ein ungeheurer Orkan und schlugen mit Urgewalt in die schlafenden Dörfer, zerfetzten Wohngebäude und Ställe, zerrissen Menschen und Tiere. Lodernde Brände erhellten das Gelände, den schmalen Streifen, über den hinweg wir nach Osten rasten.“ Die völlig überraschten Einheiten der Roten Armee in den westlichen Grenzgebieten leisteten so lange wie möglich verbissenen Widerstand, doch sie waren mit 2,7 Millionen Mann, 1.540 Flugzeugen, darunter vielen schon veralteten Typen, 1.475 mittleren und schweren Panzern neuester Bauart bei einer Gesamtzahl von 1.800 und rund 37.500 Geschützen, die der Flotten und Flottillen eingerechnet, den Eindringlingen zahlenmäßig wie materiell-technisch hoffnungslos unterlegen. Von einzelnen Widerstandsnestern wie der sich trotz massiertem Feuer der 45. Infanteriedivision bis zum 14. Juli, in einzelnen Forts gar bis zum 20. Juli haltenden Grenzfestung Brest und einer Reihe erfolgreicher und das Vordringen einer beträchtlichen Zahl von Wehrmachtseinheiten erheblich verzögernder Gegenstöße abgesehen, blieb der Roten Armee nur der schnelle Rückzug – die „Blitzkriegsstrategie“ schien aufzugehen. Ihre in deutsch-faschistische Kriegsgefangenschaft geratenen Angehörigen wurden gegen jedes Kriegsvölkerrecht in Konzentrationslager verschleppt, politische Kommissare und jüdische Sowjetbürger sogar meist auf der Stelle ermordet. In den Konzentrationslagern fielen den dortigen Massenmordaktionen fast 41.000 sowjetische Soldaten zum Opfer – etwa 14.000 in Dachau, ungefähr 10.000 in Sachsenhausen, rund 8.500 in Buchenwald, 8.320 in Auschwitz und 3.135 in Mauthausen. Zu den Einheiten der Wehrmacht gesellten sich solche der für ihre besonders grausame, rücksichtslose und brutale Kriegführung berüchtigten Waffen-SS; ihnen auf den Fuß folgten die des Himmlerschen Terror- und Unterdrückungsapparates aus Polizei und Einsatzgruppen und natürlich die des Ausplünderungsapparates für Industrie, Landwirtschaft und Bodenschätze in Gestalt des „Wirtschaftsstabes z.b.V. Oldenburg“.

Woher rührten diese Anfangserfolge des Aggressors und der mit ihm verbündeten Satellitenstaaten, wo lagen die wesentlichen Ursachen für die anfänglich so schweren Niederlagen der Roten Armee? Wie bekannt ist, vertraute die sowjetische Führung zu sehr auf die wenigstens vorübergehende Einhaltung des Nichtangriffspaktes, wie der Rede Josef Stalins vom 3. Juli 1941 zu entnehmen ist: „Wir haben unserem Lande für anderthalb Jahre den Frieden gesichert sowie die Möglichkeit, unsere Kräfte zur Abwehr vorzubereiten, falls das faschistische Deutschland es riskieren sollte, unser Land trotz des Paktes zu überfallen. Das ist ein unbestreitbarer Gewinn für uns und ein Verlust für das faschistische Deutschland.“ Der letzte Satz war freilich viel eher ein Wechsel auf die Zukunft, denn jene anderthalb Jahre waren angesichts der Umstände ein viel zu kurzer Zeitraum und zudem hatte gerade Josef Stalin persönlich viel zu sehr auf die relative, also wenigstens vorübergehende Vertragstreue des „Dritten Reiches“ gesetzt und dafür die von Kundschaftergruppen wie der von Dr. Richard Sorge in Tokio geleiteten Organisation „Ramsay“ - die schon im März recht genaue Angaben zum Angriffszeitraum mitgeteilt hatte – und der Berliner „Roten Kapelle“ unter Lebensgefahr frühzeitig übermittelten Warnungen nicht ernst oder zumindest nicht ernst genug genommen. Damit konnte auch die Tapferkeit einzelner Angehöriger der Wehrmacht, denen nach Kenntnis des Angriffstermins das Gewissen schlug oder die innerlich ohnehin seit langem antifaschistisch eingestellt waren und deshalb wie der Soldat Alfred Liskow in der Nacht zuvor unter Einsatz des eigenen Lebens den Grenzfluss Bug durchschwammen und sowjetische Grenzwachen warnten, allenfalls noch einige Notmaßnahmen zur Abwehr auslösen. Entscheidend war auf jeden Fall, dass sich die Rote Armee von dem während der als „Große Säuberung“ verbrämten stalinistischen Terrorperiode gegen ihre fähigsten Kommandeure geführten Schlag noch längst nicht erholt hatte. Viele von ihnen waren unter falschen Anschuldigungen kaltgestellt, verbannt, noch mehr aber verhaftet und nach dubiosen Gerichtsverhandlungen dem Kugelhagel der Erschießungskommandos zum Opfer gefallen. Den inzwischen nachgezogenen jüngeren Kommandeuren fehlte die notwendige Erfahrung, zudem befand sich die Rote Armee immer noch in einer Phase der Umstrukturierung und der Umrüstung auf neue und vor allem moderne Waffen. In den von der Roten Armee nach dem faktischen Zusammenbruch des polnischen Staates ab 17. September 1939 in Besitz genommenen nunmehrigen Westgebieten der Bjelorussischen und der Ukrainischen SSR – die diesen im Zuge der Beteiligung Polens an den antisowjetischen Interventionskriegen im Frieden von Riga 1921 entrissen worden waren – befanden sich die staatlichen, wirtschaftlichen und militärischen Strukturen immer noch im Aufbau. Zudem war die UdSSR zur weiteren Aufrechterhaltung einer starken militärischen Präsenz im Fernen Osten gezwungen, da sie auch mit einem Angriff des mit dem „Dritten Reich“ verbündeten militaristischen japanischen Kaiserreichs rechnen musste, weshalb der Verlegung starker Truppenkontingente nach Westen zunächst ein entscheidendes Hindernis im Wege stand. Erst nachdem die Gruppe „Ramsay“ aus Tokio Entwarnung funken konnte, besserte sich die Lage. Allerdings stellte hier das sehr weitmaschige Verkehrs-, vor allem das Eisenbahnnetz in dem flächenmäßig großen Land ein wesentliches Problem dar, denn zum einen waren für die Verteidigung wichtige Betriebe sowie deren Beschäftigte einschließlich der Familienangehörigen aus den vom Feind bedrohten Gebieten in kürzester Frist nach Osten zu evakuieren, andererseits die Front im Westen wirksam mit neuaufgestellten Einheiten und dem erforderlichen Nachschub zu versorgen.

So rollte die gewaltige Feuerwalze der Aggressoren scheinbar unaufhaltsam gen Osten, dank der Überlegenheit ihrer Luftwaffe und des Überraschungseffekts konnten die meisten Flugzeuge und Panzer der Roten Armee schon am Boden zerstört werden. Am 16. Juli waren die Grenzschlachten abgeschlossen, Litauen, Lettland, der Süden Estlands, das westliche Bjelorussland und die westliche Ukraine sowie große Teile des Moldau-Gebietes erobert. Kollaborateure, die von einer Wiederherstellung der alten bürgerlichen Verhältnisse träumten, stellten sich nicht nur bereitwilligst zur Verfügung, sondern hatten zuvor schon geholfen, durch Sabotage- und Diversionsakte das Vordringen der Aggressoren zu erleichtern. Alsbald sollte gerade aus diesen Gebieten so mancher die Uniform der Waffen-SS tragen wie auch bei der „Endlösung der Judenfrage“ eifrig mithelfen. In mehreren Kesselschlachten, so ab 28. Juni bei Minsk und Białystok, ab 27. Juli bei Uman und ab 21. August bei Kiew wurden bedeutende sowjetische Truppenkontingente eingeschlossen und vernichtet. Der 24. Juli brachte das Ende sowjetischer Verbände bei Mogiljow, der 1. August das der bei Roslawl eingesetzten Einheiten, am 9. September war das gesamte Gebiet der Estnischen SSR erobert. Die im Norden von finnischen Truppen unterstützten Aggressoren standen vor Leningrad. Am 3. Oktober verkündete Hitler triumphierend: „Bis zum heutigen Tage ist jede Aktion genauso planmäßig verlaufen wie einst im Osten gegen Polen, dann gegen Norwegen und endlich gegen den Westen und auf dem Balkan. Ich spreche das erst heute aus, weil ich es heute sagen darf, daß dieser Gegner bereits gebrochen ist und sich nie mehr erheben wird!“ Fünf Tage später verkündete der „Größte Feldherr aller Zeiten“ gar völlig siegestrunken, mit dem „letzten gigantischen Hieb“, der „über alle Maßen gelungen“ sei, werde „das Schicksal Europas für die nächsten 1000 Jahre entschieden.“ Am 10. Oktober posaunte der „Völkische Beobachter“ in fetten Lettern und ebenso fett unterstrichen: „Der Feldzug im Osten entschieden!

Dabei wurde der Öffentlichkeit gegenüber freilich verschwiegen, dass sich nicht nur das Tempo des Vormarschs von anfangs 20 bis 30 Kilometern am Tag mittlerweile auf ein Zehntel verringert hatte, sondern mit dem weiteren Vordringen die Front auf Grund der geografischen Verhältnisse auch immer länger wurde. Es war abzusehen, dass dafür die eigenen Kräfte allmählich nicht mehr ausreichen würden, da somit für einen Frontkilometer immer weniger Soldaten und Geschütze zur Verfügung standen. Zwischen dem 5. und 9. Juli geführte sowjetische Gegenschläge im Zentrum der Front sowie die am 10. Juli begonnene Smolensker Verteidigungsoperation ließen die Aggressoren in diesem Raum für acht Wochen auf der Stelle treten, ja, ab 30. Juli sah sich die Heeresgruppe Mitte gezwungen, vom Angriff zur eigenen Verteidigung überzugehen. Dazu kam ein ab 12. August südlich des Ilmen-Sees geführter sowjetischer Gegenschlag. Der am 11. September begonnene faschistische Angriff auf Leningrad musste nach vierzehn Tagen abgebrochen werden, die Eroberung des Zentrums der Oktoberrevolution sollte schließlich auch nach 900 Tagen Blockade nicht gelingen. Die Aggressoren schafften es nicht, die sowjetische Front zu sprengen; zudem büßten sie bis zum Herbst eine halbe Million Mann und die Hälfte ihrer Panzer ein. Mittlerweile hatten auch die nach Osten verlagerten Betrieb mit der Wiederaufnahme der Arbeit begonnen – häufig noch unter schwierigsten Bedingungen: Während an den Werkhallen gebaut wurde, standen die Maschinen im Freien, die vorerst in rasch zusammengezimmerten, meist primitiven Baracken untergebrachten Beschäftigten arbeiteten bei bitterster Kälte, Sturm und Schneeschauern. Und dennoch gelang es im Laufe des Jahres 1942 unter unglaublichen Anstrengungen, die Front nach und nach mit den dringend benötigten Waffen und Geschützen zu versorgen. Bis zum Ural und weiter reichten die Bombenflugzeuge der faschistischen Luftwaffe längst nicht. So schufen die sowjetischen Konstrukteure, Ingenieure und Arbeiter im sicheren Hinterland moderne Waffen, die sich denen der faschistischen Aggressoren sehr bald als überlegen, mindestens aber als ebenbürtig erweisen sollten: Bekannt ist, dass Hitler einen Tobsuchtsanfall bekam, als ihm nach der Untersuchung erbeuteter Panzer des Typs T 34 von Fachleuten vorgeschlagen wurde, diesen sofort nachbauen zu lassen. Das Filmepos „Befreiung“ zeigt eine Szene, in der ihm der neueste Wehrmachts-Panzer vorgeführt und dessen Panzerung vom aus einem solchen T 34 abgefeuerten Geschoss durchschlagen wurde: Mit dem vorwurfsvollen Satz „Ein einziges Geschoss eines T 34, meine Herren!“ verließ er genervt das Übungsgelände. Mehr und mehr begannen den Aggressoren moderne Jagdflugzeuge wie die Jak-3 aus dem Konstruktionsbüro von Alexander Jakowlew, Schlachtflugzeuge wie die Il-2 von Sergej Iljuschin und Bomber wie die Tu-2 von Alexander Tupolew das Leben schwer zu machen, von den reaktiven Geschosswerfern BM 8, bei der Roten Armee liebevoll „Katjuscha“ genannt, bei der Wehrmacht dagegen als „Stalinorgeln“ gefürchtet, gar nicht zu reden.


Aus dem „Blitzkrieg“ mit seinen „Blitzsiegen“ begann im Herbst 1941 ein zähes und verbissenes Ringen zu werden, bei dem die Truppen der Roten Armee zwar nach wie vor zurückweichen mussten, doch das Tempo dieses Zurückweichens hatte sich erheblich verlangsamt. Jeder ihrer Soldaten wusste, dass hinter ihnen Moskau lag und dass die Hauptstadt ebenso wenig wie Leningrad preisgegeben werden durfte. Es ging nicht nur um die politische, sondern auch um die moralische Bedeutung, vor allem aber darum, mit der Verhinderung ihrer Einnahme durch die Aggressoren, die bereits den Druck von Einladungen und Eintrittskarten für ihre Siegesparade auf dem Roten Platz vorbereiteten, eine erste entscheidende Wende des Kriegsverlaufes zu erzwingen. So, wie Napoleon Bonaparte 1812 nur noch eine für ihn nunmehr wert- und nutzlose, weil an allen Ecken und Enden brennende Stadt vorgefunden hatte, weshalb ihm nichts anderes als der Rückzug übrigblieb, so sollte die Wehrmacht des „Dritten Reiches“ bereits vor den Toren scheitern. Auf dieses Ziel waren alle Kräfte zu konzentrieren, dafür mussten alle Reserven mobilisiert werden. Einer Niederlage der Aggressoren vor Moskau kam zwangsläufig eine bedeutende Signalwirkung zu, wurde doch damit ein wichtiges Zeichen für den Kampf um die Befreiung Europas, ja der ganzen Welt, von der Geißel des Faschismus gesetzt. Was dann von Wehrmachts-Generalität und Goebbels-Propaganda als die Hauptursachen der späteren schweren Niederlagen hingestellt wurde, die alle Wege in kaum noch passierbare Schlammwüsten verwandelnde herbstliche Regenzeit und die eisigen Winter des osteuropäischen Kontinentalklimas, widerlegte einerseits die mittels pseudowissenschaftlicher „Rassentheorien“ begründete „Überlegenheit der germanischen Rasse“ und zeigte andererseits mit allem Nachdruck das Scheitern der „Blitzkriegsstrategie“. Die Verantwortlichmachung von „General Winter“ diente einzig und allein der Täuschung der eigenen Soldaten und der eigenen Bevölkerung, zumal Soldaten und Kampftechnik der Roten Armee den gleichen Bedingungen ausgesetzt waren. Die Führung des „Dritten Reiches“ hatte angesichts der schnellen und leichten Siege in West- und Südeuropa ihre Kräfte über- und die der UdSSR maßlos unterschätzt. Ihre so raschen wie umfassenden Anfangserfolge beim Vernichtungskrieg im Osten hatten sie zusätzlich in der Fehleinschätzung bestärkt, sie habe es mit einem „Koloss auf tönernen Füßen“ zu tun. Sie hatte auch nicht mit dem Kampfeswillen der Angehörigen der Roten Armee und der Haltung der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger des überfallenen Landes gerechnet, vor allem nicht damit, dass im Rücken der Aggressoren eine nach und nach erstarkende Partisanenbewegung operierte, die den Nachschub sowie die Moral der Besatzungstruppen erheblich beeinträchtigte. Dieser Entwicklung wie in allen anderen besetzten Ländern auch durch gnadenlosen Terror entgegenzuwirken verstärkte nur den Widerstand. Wenn der Winter den Angehörigen der Wehrmacht viel mehr zu schaffen machte als denen der Roten Armee, dann in erster Linie aus dem Grunde, dass die „Blitzkriegsstrategie“ einen schnellen und natürlich für die Aggressoren siegreichen Abschluss der Kämpfe noch im Herbst vorsah, weshalb lediglich ein Fünftel der eingesetzten Kräfte als Besatzungstruppen überwintern sollte. Dementsprechend besaß auch nur jeder fünfte Angehörige der Wehrmacht eine geeignete Winterausrüstung und ausreichende Reserven waren nicht vorhanden. Dennoch war die Rote Armee der Wehrmacht auch im November 1941 noch keineswegs im Vorteil: Wohl gab es eine geringe zahlenmäßige Überlegenheit, doch es mangelte nach wie vor an großen Panzer- und motorisierten Verbänden sowie an modernen Waffen und der dazugehörigen Munition. Die Industrie konnte, auch und gerade angesichts der noch im Aufbau befindlichen evakuierten Betriebe, weder den laufenden Bedarf in voller Höhe decken, noch gleichzeitig die neuaufgestellten Verbände ausstatten. Andererseits hatten die für sie über alle Maßen verlustreichen Kämpfe im Sommer und im Herbst seitens der Aggressoren nicht nur den Einsatz aller Reserven, sondern auch die Heranführung zusätzlicher Kräfte notwendig gemacht. Die schweren, vor allem aber völlig unerwarteten Verluste hatten Kampfgeist und Angriffswucht der bislang so sieggewohnten Truppen geschwächt. Zur Wiederherstellung der erforderlichen Truppenstärke fehlten Ende 1941 mehr als 340.000 Mann. Noch verfügten die Aggressoren freilich über eine deutliche Überlegenheit bei Artillerie, vor allem über mehr Geschütze zur Panzer- und zur Fliegerabwehr, und Panzern, bei diesen in erster Linie durch die Konzentration der Kräfte auf einige Frontabschnitte. Diese Überlegenheit musste allerdings immer stärker eine vorübergehende werden, denn jede Dauerhaftigkeit stand und fiel mit dem Nachschub und der war bereits unsicherer denn je, da er von der Durchlassfähigkeit und Sicherheit der Transportwege abhing: Zum einen behinderten schon die unterschiedlichen Spurweiten der Eisenbahnnetze einen reibungslosen Verkehr und zum anderen reichte das Lok- und Wagenmaterial trotz Einsatzes aller verfügbaren Fahrzeuge sowohl der Reichsbahn als auch der Bahnen der besetzten Länder überhaupt nicht aus. Weder war eine Umspurung der Strecken in den eroberten Gebieten der UdSSR in großem Umfang, vor allem aber in kurzer Zeit möglich, noch war dem Problem mit von Normal- auf Breitspur umgestellten Dampfloks der Reichsbahn und der Bahnen der besetzten Länder beizukommen, zumal sie für die kalten osteuropäischen Winter überhaupt nicht geeignet waren. Die deshalb notwendige Entwicklung und der Bau einer speziellen „Kriegslok“ wurden erst in Angriff genommen. Die größte Schwierigkeit aber bereitete der immer wirksamer und umfangreicher werdende Partisanenkampf. Durch Beschädigung von Gleis- und Signalanlagen sowie Sprengung von Brücken, aber auch ganzen Zügen erlitten die Aggressoren sehr empfindliche und vor allem nachhaltige Verluste, die durch den „Schienenkrieg“ immer größer werdende Unsicherheit der Eisenbahnstrecken als den Hauptwegen des Nachschubs ließ die Kampfmoral zusätzlich sinken. Zudem sollte sich die Hoffnung des Oberkommandos des Heeres (OKH), die eigenen Truppen in den Wintermonaten einigermaßen ungestört auffrischen und die Verluste ausgleichen zu können, in keiner Weise erfüllen: In völliger Verkennung des inzwischen eingetretenen tatsächlichen Kräfteverhältnisses wurde der Roten Armee zwar die Fähigkeit zu Angriffen in einzelnen Frontabschnitten, nicht aber zur Vorbereitung und Führung einer großen Gegenoffensive zugetraut, zumal die Heranführung mehrerer Armeen aus Mittelasien, Sibirien und sogar dem Fernen Osten gar nicht bemerkt worden war. Dennoch hatte sich das Kräfteverhältnis am entscheidenden Frontabschnitt zwischen Selisharowo und Jelez noch nicht zugunsten der Roten Armee entwickelt. Die hier eingesetzten drei Fronten waren der Heeresgruppe Mitte sowohl personell als auch technisch unterlegen, lediglich bei den Fliegerkräften war die Lage besser. Trotzdem sah die sowjetische Führung den Zeitpunkt der Entscheidung für gekommen, wie Generalleutnant Konstantin Rokossowski später notierte: „Vom Soldaten bis zum Armeeoberbefehlshaber spürten wir alle, daß die Tage der Entscheidung gekommen“ waren und fuhr fort „Die im Schmelztiegel der Gefechte gestählte Armee war sich des Ausmaßes ihrer Verantwortung bewußt.“ So sollten nach dem am 30. November bestätigten Plan für die Gegenoffensive die Flanken der Heeresgruppe Mitte nördlich und südlich von Moskau durch Stoßgruppierungen angegriffen werden, um die Einheiten der Aggressoren zurückzuwerfen, ihnen so hohe Verluste wie möglich zuzufügen und so die unmittelbare Gefahr für die Hauptstadt zu beseitigen.


Am 5. und 6. Dezember begann die sowjetische Gegenoffensive, bei der von Kampfflugzeugen unterstützte starke Stoßgruppierungen der Kalininer und der Westfront die Stellungen der Heeresgruppe Mitte angriffen. In von beiden Seiten erbittert geführten und verlustreichen Kämpfen wurden am 11. Dezember Solnetschnogorsk, am 15. Dezember Klin und am darauffolgenden Tag Kalinin befreit. Die Panzergruppen 3 und 4 mussten an die Flüsse Lam und Rusa, die 9. Armee auf den Ort Stariza zurückweichen, wobei sie die aufgegebenen Gebiete in der Art der „Taktik der verbrannten Erde“ gründlich verwüsteten. Erst hier konnte der sowjetische Angriff in eilends ausgebauten Stellungen vorübergehend aufgehalten werden. Südlich der Hauptstadt erreichten die Truppen der Westfront am 12. Dezember Stalinogorsk (Nowomoskowsk), weshalb die 2. Panzerarmee unter großen Verlusten den Rückzug aus dem Frontbogen zwischen Tula und Jefremow antreten musste. Die Einheiten der Südwestfront befreiten am 9. Dezember Jelez und setzten ihren Vormarsch in Richtung Werchowje fort, wobei sie westlich von Jelez einen Teil der 2. Armee einschlossen und vernichteten. Mitte Dezember gingen auch die übrigen Armeen der Westfront zum Angriff über, schließlich konnten die Truppen der Aggressoren um 190 bis 250 Kilometer nach Westen zurückgeworfen werden. Die Kampfkraft ihrer Verbände wurde durch den Verlust von 4.000 Geschützen und rund 18.000 Kraftfahrzeugen erheblich geschwächt, die Beweglichkeit zudem stark gemindert. Dazu kam ein durch die bereits erwähnten Nachschubprobleme bedingter großer Mangel an Winterbekleidung und Verpflegung sowie Frostschutzmitteln für Waffen und Fahrzeuge, was deren Gebrauchsfähigkeit stark einschränkte. Immer mehr Soldaten fielen durch Erkrankungen und Erfrierungen aus, was die Kampffähigkeit noch weiter schwächte. Die Wehrmachtsführung versuchte mit allen Mitteln, die in die Front der Heeresgruppe Mitte geschlagene große Bresche zu schließen: Am 6. Dezember verbot Hitler jeglichen Rückzug, 12 Tage später wiederholte er den Befehl, die Stellungen bis zum letzten Mann zu halten, in äußerst scharfer Form: „Unter persönlichem Einsatz der Befehlshaber, Kommandeure und Offiziere ist die Truppe zum fanatischen Widerstand in ihren Stellungen zu zwingen, ohne Rücksicht auf durchgebrochenen Feind in Flanke und Rücken.“ Wo der Rückzug dennoch unumgänglich war, sollte das jeweilige Gebiet bei der Räumung ohne jede Rücksichtnahme zerstört und verwüstet werden. So befahl das OKH in einem Fernschreiben unter anderem:„5. Gefangene und Einwohner rücksichtslos von Winterbekleidung entblößen. 6. Alle aufgegebenen Gehöfte niederbrennen.“ Im dementsprechenden Befehl des Infanterieregiments 52 hieß es: „Um eine restlose Zerstörung herbeizuführen, sind sämtl. Häuser abzubrennen, dazu besonders bei Steinhäusern vorheriges Auffüllen mit Stroh, vorhandene Steinbauten sind zu sprengen, insbes. müssen auch die vorhandenen Keller zerstört werden.“ Bei Abschluss des erzwungenen Rückzugs waren 640 Dörfer und Ortschaften völlig sowie 1.640 teilweise verwüstet, Industrieanlagen und Verkehrseinrichtungen gesprengt oder vermint. Weltbekannt Kultur- und Gedenkstätten, so das Tschaikowski-Haus in Klin, das Leo-Tolstoi-Museum in Jasnaja Poljana und das Kloster Neu-Jerusalem in Istra, waren zerstört. Dieses barbarische Wüten war nicht lediglich das Ergebnis blinden Gehorsams gegenüber den als unantastbar geltenden „Führerbefehlen“, es war ebenso der Ausdruck jenes der Wehrmacht wie der gesamten Bevölkerung im „Dritten Reich“ systematisch anerzogenen und von vielen so willfährig wie freudig verinnerlichten faschistischen Ungeistes vom Herrenmenschentum, der einen beredten Ausdruck in jener von lachenden Soldaten präsentierten Tafel mit dem zynischen und menschenverachtenden Text „Der Russe muß sterben, damit wir leben. - Die stramme 6. Kompanie - Kersten, Hauptm. und Komp.-Chef“ fand.


Am 30. Dezember 1941 war die sowjetische Front im Südwesten Moskaus auf die Linie Naro-Fominsk – Kaluga – Koselsk vorgetrieben worden, am 2. Januar 1942 gelang der Roten Armee der Durchbruch nordwestlich von Rshew. Einen Tag später wurden Verbände der Wehrmacht bei Suchinitschi eingeschlossen und am 8. Januar begann südlich des Ilmen-Sees eine Offensive, der am 9. Januar eine weitere auf den Waldai-Höhen folgte. Nach mehreren Durchbrüchen und Einschließungen von Einheiten der Aggressoren brach am symbolträchtigen 18. Januar, dem der Nazi-Führung wichtigen Gründungstag des Bismarck-Reiches 1871 und des Königreichs Preußen 1701, deren Südfront im Raum Isium/Barwenkowo. Von nun an wogten die Kämpfe um so erbitterter hin und her, auf beiden Seiten wechselten Durchbrüche und Einschließungen ab. Als diese blutigen und mit äußerster Härte geführten Auseinandersetzungen schließlich im Frühjahr 1942 abebbten, waren die zu Eroberung und Vernichtung der UdSSR ausgezogenen Truppen bis zu 400 Kilometer weit nach Westen zurückgeworfen worden. Die personellen Verluste beliefen sich auf rund 120.000 Mann, von denen ein beträchtlicher Teil Opfer der eisigen Kälte geworden war. Die Wiederherstellung einer zusammenhängenden faschistischen Front gelang erst im April 1942. Der Ausgang der Schlacht vor Moskau brachte noch nicht die entscheidende Wende im Kampf der Völker der UdSSR gegen die Eindringlinge, doch sie war ein sehr wichtiger Schritt dazu, der Auftakt gewissermaßen. Er gab den Anstrengungen zur Befreiung nicht nur des Sowjetlandes von der Herrschaft des Faschismus bedeutenden moralischen Auftrieb, waren doch hier der Mythos von der Unbesiegbarkeit sowie der „Anständigkeit“ und „Ritterlichkeit“ der Wehrmacht des „Dritten Reiches“ nachhaltig zerstört und das Scheitern der „Blitzkriegsstrategie“ aller Welt vor Augen geführt worden. Die faschistische Führung freilich hatte das keineswegs begriffen, weshalb sie den wichtigsten Ausweg aus dem Dilemma in personellen Konsequenzen sah: Mit dem Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, wurden die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen Süd, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, Mitte, Generalfeldmarschall Fedor von Bock, und Nord, Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb, sowie die Oberbefehlshaber der 2. Panzerarmee, Generaloberst Heinz Guderian, und der 4. Panzerarmee, Generaloberst Erich Hoepner, abgelöst, letzterer gar mit Schimpf und Schande aus der Wehrmacht ausgestoßen. Die schwere Niederlage vor Moskau hatte in der politischen und militärischen Führung des „Dritten Reichs“ zu einer ernsten Krise geführt, wobei die Meinungsverschiedenheiten keineswegs das faschistische Herrschaftssystem in Frage stellten, also ausschließlich taktischer Natur waren. Diese Tatsache wurde und wird auch weiterhin in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung nahezu ausgeblendet und die Ursachen nicht in der spätestens seit Kaiser Wilhelm II. besonders aggressiven und daher auch von maßloser Selbstüberschätzung geprägten imperialen und imperialistischen Politik der im 19. Jahrhundert bei der Aufteilung der Welt zu kurz gekommenen herrschenden Kreise des Deutschen Reiches, sondern ausschließlich beim „Dilettanten“ Hitler gesehen, der seine angeblich immer das Richtige im Blick gehabt habenden Militärs einfach „an den Rand gedrängt“ habe. Wie der bekannte Autorennfahrer und langjährige Präsident der Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens in der DDR, Manfred von Brauchitsch, in seiner Autobiografie „Ohne Kampf kein Sieg“ und dem danach gedrehten aufsehenerregenden gleichnamigen Fernsehfilm über seinen Onkel Walther von Brauchitsch berichtete, hatten die Militärs sehr schnell mit dem Aufbau jenes Mythos begonnen, der in den Schutzbehauptungen, die doch „so sachkundigen“ Generale hätten „immer nur gewarnt“ und „Herr Hitler ist an allem schuld!“ gipfelten. Mit anderen Worten – es wird bewusst und vorsätzlich der Eindruck erweckt, das „Unternehmen Barbarossa“ wäre unweigerlich gelungen, hätte die Generalität nur ihre Entschlüsse ungehindert durchsetzen können. Die verbrecherische Eroberungs-, Ausplünderungs-, Ausrottungs- und Vernichtungspolitik wird dabei mit keiner Silbe in Frage gestellt! Das wiederum heißt aber nichts anderes, als dass die Militärs mit Hitler grundsätzlich eines Sinnes waren und damit von keiner Schuld freizusprechen sind. Diese taktischen Meinungsverschiedenheiten haben zudem überhaupt nichts mit einem „Widerstandskampf“ der Generalität oder wenigstens einzelner Generale zu tun, wozu sie auch gern krampfhaft hochstilisiert werden.


Die faschistische Niederlage vor Moskau war übrigens keineswegs nur punktueller Art und damit etwa eine Einzelerscheinung, denn auch in anderen Frontbereichen wurden die Aggressoren zurückgedrängt: In erbitterten Auseinandersetzungen konnte nicht nur eine Vereinigung der durch die langwierigen und verlustreichen Kämpfe erschöpften 16. Armee mit der am Fluss Swir stehenden finnischen Südostarmee verhindert, sondern erstere zur Aufgabe des wichtigen Verkehrsknotenpunktes Tichwin gezwungen und bis Ende Dezember an den Wolchow zurückgeworfen werden. Die Befreiung Tichwins gab einerseits den Nachschubwegen in das eingeschlossene Leningrad eine höhere Sicherheit und erleichterte so die Lage der schwergeprüften Einwohner, sie zwang die Wehrmacht andererseits zum Abzug von Einheiten aus dem Vorfeld der Stadt, um die Front am Wolchow stabilisieren zu können. Bei den Kämpfen in dem fast unwegsamen, von Wäldern und Sümpfen beherrschten Gelände erlitt die Heeresgruppe Nord schwere Verluste an Menschen und Material. Der Plan, Leningrad vom Umland völlig abzuschneiden und durch Aushungern zur Aufgabe zu zwingen, war gescheitert. Im Süden entlastete die am 26. Dezember 1941 begonnene Landung von Einheiten der Transkaukasischen Front auf der Halbinsel Kertsch und in Feodossija die Besatzung der belagerten Festung Sewastopol auf der Krim und bannte die Gefahr eines Eindringens der Aggressoren in den Kaukasus über die Straße von Kertsch. Dieser Vorstoß bewirkte gemeinsam mit der zähen Verteidigung Sewastopols und einem verstärkten Partisanenkampf im Jaila-Gebirge, dass die Lage der 11. Armee nach den Worten ihres Oberbefehlshabers, Generaloberst Erich von Manstein, „tatsächlich an einem seidenen Faden“ hing.


Für die politische Führung des „Dritten Reiches“ und deren Auftraggeber allerdings waren diese schweren Niederlagen kein Anlass, ihre Ziele aufzugeben: Mittels Nachrichtensperre sowie verschärfter Zensur von Feldpost, Presse, Funk und Film wurde versucht, das Fiasko vor der eigenen Bevölkerung geheimzuhalten. Dazu schrieb der auf Grund seiner eigenen bitteren Erfahrungen zum Antifaschisten gewordene Oberst Luitpold Steidle, ab 1943 Frontbevollmächtigter des Nationalkomitees Freies Deutschland, in der DDR Minister für Gesundheit und Arbeit bzw. für Gesundheitswesen sowie Oberbürgermeister von Weimar: „Von dem, was sich vor Moskau abgespielt hatte, stand kein Wort in den Zeitungen. Alle Meldungen kaschierten die erdrückende sowjetische Offensive: Frontbereinigung, planmäßige Besetzung neuer Ausgangsstellungen, keine Ortsnamen.“ Trotz spürbarem Kräftemangel wurde der Eroberungs- und Vernichtungskrieg mit allen Mitteln fortgesetzt und eine neue abenteuerliche Operation begonnen. Dabei ging es nicht nur um Getreide und Erdöl – der Wunschtraum, den Kern der sowjetischen Streitkräfte zu zertrümmern, war immer noch nicht ausgeträumt, weshalb nun alle Anstrengungen auf den Südflügel der Front gerichtet wurden. Dabei schien das Kriegsglück tatsächlich auf Seiten der Aggressoren zu sein, zumal der Angriff nach ersten siegreichen Kämpfen um die strategische Initiative bei nur hinhaltendem Widerstand der infolge der vorangegangenen schweren Auseinandersetzungen um die Jahreswende 1941/42 noch geschwächten Roten Armee im Sommer 1942 bis an die Wolga und in den Kaukasus vorgetragen werden konnte. Als faschistischen Gebirgsjägern am 23. August gar die Erstürmung des 5.542 m hohen Elbrus (von der einheimischen Bevölkerung Mingi Tau genannt) gelang, überschlug sich die Goebbels-Propaganda angesichts der nun auf der Spitze des höchsten Berges des Kaukasus wehenden Hakenkreuzfahne in neuen Siegesmeldungen. Die „Scharten“ von Moskau, Tichwin und Kertsch schienen ausgewetzt, der weitere siegreiche Vormarsch unaufhaltsam. Doch die Vertreibung der Okkupanten aus dem Elbrus-Gebiet im Januar 1943 und die wegen des schlechten Wetters erst im Februar erfolgte Beseitigung ihrer Fahne durch eine sowjetische Gebirgseinheit standen symbolhaft sowohl für die schweren und erbitterten Kämpfe zur Befreiung vom Faschismus als auch für seine trotz Aufbietung aller Reserven, trotz Ausrufung des „Totalen Krieges“ nicht mehr aufzuhaltende Niederlage. Die Katastrophe von Stalingrad mit dem Untergang der 6. Armee bedeutete die endgültige und unumkehrbare Wende. Zweiundzwanzig Divisionen wurden sinnlos geopfert, mehr als 200.000 Menschen verloren ihr Leben im Kampf, durch Hunger, Seuchen und eisige Kälte sowie schwere Verwundungen, nur noch 91.000 erreichten den Weg in die sowjetische Gefangenschaft. Es folgten die Panzerschlacht von Kursk, die Landung US-amerikanischer Truppen auf der italienischen Halbinsel, das Ende des Afrika-Korps, die Landung anglo-amerikanischer Verbände in Frankreich und damit endlich 1944 die Eröffnung der zweiten Front. Am Schluss standen das schmähliche Ende des „Größten Feldherrn aller Zeiten“ und mit der Bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 der Untergang des die ganze Welt beherrschen sollenden Deutschen Reiches. Der den Beinamen „Rotbart“ tragende und daher in den italienischen Gebieten des Heiligen Römische Reiches „Barbarossa“ genannte deutsche Kaiser Friedrich I. kam auf dem III. Kreuzzug beim Baden im Flusse Saleph (heute türkisch Göksu - „Blaues Wasser“) ums Leben, die christlichen Kreuzzüge endeten schließlich in einer Katastrophe. Ein solches Ende hatten die Planer des bislang abenteuerlichsten und verheerendsten militärischen Unternehmens mit schließlich rund 50 Millionen Toten, 35 Millionen Versehrten und 20 Millionen Kriegswaisen sowie ungeheuren materiellen Schäden keineswegs vor Augen, als sie jenen Kaiser zu dessen Namenspatron erwählten. Doch „Nomen est Omen“ sagen die Lateiner, Name ist Vorbedeutung und so hatten sie damit – Ironie der Geschichte – das mit dem „Unternehmen Barbarossa“ eingeleitete katastrophale Ende des faschistischen Systems bereits auf dem Deckblatt festgeschrieben. Leider haben die Regierenden der sich als „Rechtsnachfolger“ jenes so schmählich untergegangenen Reiches betrachtenden BRD und ihre Auftraggeber daraus allenfalls eines gelernt – es „beim nächsten Mal besser“ machen zu wollen. Blieb der vom seinerzeitigen Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß proklamierte „Fall Rot“ zwangsläufig noch auf dem Papier, sahen sie die Zeit für so alte wie gefährliche und daher untaugliche Großmachtpolitik wieder gekommen, nachdem es gelungen war, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“ (Egon Bahr): Mit der Bundeswehr ist ungeachtet der Katastrophen von 1918 und 1945 wiederum eine deutsche Armee an Kriegen in aller Welt beteiligt, wobei die neue Katastrophe nicht erst am Ende steht, sondern längst schon eingetreten ist. So gilt für „DIE LINKE“ mehr noch als bisher, der diese Politik ablehnenden Mehrheit der Bevölkerung den Regierenden gegenüber eine kraftvolle Stimme zu geben.

 

Quellen:

1.      Autorenkollektiv (Leitung: Wolfgang Schumann und Karl Drechsler): „Deutschland im zweiten Weltkrieg“, Band 2, AKADEMIE-VERLAG, Berlin 1976

2.      Bachmann, Peter; Zeisler, Kurt: „Der deutsche Militarismus“, Band 2, 1. Auflage, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1983

3.      Bergschicker, Heinz: „Deutsche Chronik 1933 – 1945“, 1. Auflage, Verlag der Nation, Berlin 1981

4.      Minz, I. I., Prof.; Rasgon, I. M.; Sidorow, A. L.: „Der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion“, SWA-Verlag, Berlin 1947

5.      Polte, Wolfgang (Redaktion): „URANIA UNIVERSUM“, Urania-Verlag, Leipzig-Jena 1960

Hans-Joachim Weise