31. Mai 2011

Vor 40 Jahren – Verschwörung im Politbüro

Ein Bild, das heutige Kirchenobere wie CDU-Politiker am liebsten vergessen machen möchten – Walter Ulbricht am 18. August 1964 im vertrauensvollen Gespräch mit dem thüringischen Landesbischof Dr. Dr. Moritz Mitzenheim, den Verfechter eines unversöhnlichen Konfrontationskurses zwischen Staat und Kirchen in der DDR deshalb der „Anbiederei“ zeihen.

Glaubt man der MDR-Sendung „Geschichte Mitteldeutschlands“, dann tranken in einer Leipziger Vorstadtkneipe die Leute seelenruhig und völlig uninteressiert ihr Bier, als sich der damals 25jährige Tischler Walter Ulbricht im November 1918 in Feuer redete und die Anwesenden aufrief, die gerade begonnene Revolution zu unterstützen. Nur eine junge Arbeiterin namens Martha Schmellinsky soll sich für ihn so begeistert haben, dass sie ihn wenig später aus Liebe heiratete und dieser Leidenschaft 1920 Tochter Dora entspross. Wie dann die Novemberrevolution in der Messestadt Fuß fassen konnte, und zwar so nachdrücklich, dass auch durch Leipziger Druck König Friedrich August III., nachdem er zuvor die Nachrichten aus Kiel und Berlin noch ungläubig mit den Worten „Derfn diedn das?“ aufgenommen hatte, zur Abdankung gezwungen war, natürlich nicht ohne den sprichwörtlichen Bettel mit dem Ausspruch „Machd doch eiern Drägg alleene!“ hingeschmissen zu haben, bleibt freilich das Geheimnis der Macher dieser Sendung.


Man mag den Kopf darüber schütteln, was mit Gunter Schoß einer der bekanntesten und beliebtesten DDR-Schauspieler da unter die Leute brachte, aber er sagte selbst einmal, dass er lediglich der Moderator ist, dem die Texte vorgeschrieben werden. Sicher, mit drohender Arbeitslosigkeit im Nacken tut mancher manches, was er sonst nie tun würde, und andererseits gehört wohl heutzutage schon eine gehörige Portion Zivilcourage dazu, in einer Zeitung wie „Thüringer Allgemeine“ öffentlich zu bekennen „Ich habe nie in diese BRD gewollt.“ Jedenfalls soll Walter Ulbricht laut dieser Sendung nichts anderes denn ein ausschließlicher „Machtmensch“ gewesen sein, dem es um nichts Höheres denn Erhalt, Sicherung und Mehrung seiner persönlichen Macht gegangen sein soll. Abgesehen davon, dass der bürgerliche Politiker, dem es nicht um solches gehen würde, erst noch geboren werden muss, erklärt solcher Tunnelblick überhaupt nicht, weshalb er dazu erst Sozialist werden musste: Wem es nur um Macht an sich zu tun ist, der muss sich schließlich nicht mit den Herrschenden anlegen, um deren Gesellschaft umzukrempeln, der kann auch (und sehr viel besser) Karriere machen, indem er sich deren Interessen andient.


Walter Ulbricht hätte solcherart Verbiegung vor Konflikten mit der politischen Strafjustiz ebenso bewahrt wie vor späterem Exil und lebensgefährlichen Aufrufen per Grabenlautsprecher, um Wehrmachtsangehörige im Kessel von Stalingrad vor einem sinnlosen Tod zu bewahren. Folglich muss an diesem Walter Ulbricht mehr dran gewesen sein, als der MDR zu bieten gehabt hatte, etwas, das mit dem Streben nach einer Gesellschaft sozialer Gerechtigkeit im Zusammenhang stand. Im übrigen war selbst die Sicht des MDR hartgesottenen Antikommunisten und blindwütigen DDR-Hassern immer noch nicht geschichtsverdrehend und verdammend genug, weshalb sie den Sender umgehend der „DDR-Verklärung“ ziehen. Doch die Zeiten, in denen selbst ein sich so gern seriös gebendes Nachrichtenmagazin namens „Spiegel“ in seinen Ausgaben 40/1962 und 40/1964 den damaligen ersten Mann der DDR mit blankem Hass, Hohn und Häme übergießen und dabei viel Falsches unter die Leute bringen konnte, sind schon lange vorbei. Den Gipfel der Hinterhältigkeit, die beim MDR lediglich etwas gemildert war, bildete die hämische Behauptung, die von den Herrschenden in Arbeitslosigkeit, Armut, Not und Elend gehaltenen Unterschichten hätten von den „kommunistischen Eiferern und Erlösungsmissionierern“ und ihren „Heils-Versprechungen“, ihrer „schwärmerischen Begeisterung“ für das „Paradies aller Werktätigen“ gar nichts wissen wollen, so, als wäre es höchstes Glück für sie, dass Krupp weiterhin Krupp und Krause bis in alle Ewigkeit Krause bliebe. Überdies verhöhnte der „Spiegel“ in den genannten Ausgaben den oftmals nicht allzu hohen und zu manchem schwerwiegenden Fehler geführt habenden Bildungsstand prominenter KPD-Politiker, lästerte über einen „Schmalspur-Marxismus“, wobei die Hauptursachen geflissentlich unterschlagen wurden: Schließlich waren es doch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die jenes so auf Seriosität bedachte Magazin bedingungslos verteidigte, die Kindern aus den unteren Schichten den Zugang zu höherer Bildung verwehrt hatten. Gerade dort konnten die wenigsten und wenn überhaupt, dann nur unter großen Entbehrungen, das notwendige Schulgeld für Realschule oder Gymnasium, von Fach- und Hochschulen ganz zu schweigen, aufbringen, weshalb der großen Mehrheit nur die achtklassige kapitalistische Volksschule mit Rohrstock-Pädagogik und Schmalspur-Unterricht blieb.Dass es auch spätere Parteifunktionäre gab, die im Gegensatz zu einem Menschen wie Walter Ulbricht stehenblieben, anstatt lebenslang danach zu streben, ihr Wissen zu erweitern und zu vertiefen, steht auf einem anderen Blatt.


Dass Walter Ulbricht von Irrtümern, Fehlern und Fehlleistungen nicht frei war, vielmehr als stellvertretender Vorsitzender der SED (1946 - 1950), dann Generalsekretär1 (1950 – 1953) und schließlich Erster Sekretär ihres Zentralkomitees einen sehr erheblichen Beitrag zur Umwandlung in eine „Partei neuen Typus“ und damit ihre Stalinisierung leistete, ist ebenso unbestritten wie seine Rolle bei der Ausschaltung innerparteilicher Kritiker, was nach dem 17. Juni 1953 fast zu seinem Sturz geführt hätte. Nicht geringere Verantwortung lud er mit der Unterdrückung jeglicher Fehlerdiskussion nach diesen Ereignissen auf sich, zumal sich die Probleme nur nach gründlicher Analyse der Ursachen und nicht einfach „im Vorwärtsschreiten“ lösen ließen. Gleiches betrifft die Zeit nach dem XX. Parteitag der KPdSU, in dessen Auswertung die unter Stalin erfolgten Entartungen, Verwerfungen und Verbrechen am Ende auf den Kult um seine Person verengt wurden. Mit innerparteilichen Kritikern pflegte er, vor allem in den Zeiten der berüchtigten Parteiüberprüfungen und Parteisäuberungen in den 1950er Jahren, einen sehr rauhen Umgang: Parteiverfahren, Parteistrafen, Kaltstellung oder Abschiebung auf einflusslose Posten, unter anderem bei Karl Schirdewan, Erich Wollweber und Wilhelm Zaisser, bis hin zu Gerichtsprozessen und Haftstrafen wie bei Walter Janka und Wolfgang Harich waren an der Tagesordnung. In einigen Fällen von falschen Anschuldigungen wurde auch rehabilitiert, so bei Franz Dahlem, und mit dem nach dem 17. Juni 1953 in die Wüste geschickten Max Fechner söhnte er sich öffentlich wieder aus, wenn auch erst in den 1960er Jahren. Der Historiker Prof. Lothar Berthold bescheinigte ihm aus eigenem Erleben, Fehler durchaus eingesehen und korrigiert zu haben. Der unter Walter Ulbricht außer Landes getriebene Gerhard Zwerenz schrieb einmal: „Alle überwundenen Gegner Ulbrichts leben noch oder sind eines natürlichen Todes gestorben; nichts von Stalins blutrünstiger Rachsucht. Überhaupt viel Sachlichkeit, nüchterner, Fehler meidender Verstand und ein Mangel an Eitelkeit, der schon wieder ins Bedenkliche geht.“ Von seinen Gegnern, namentlich in der BRD, wurde ihm mehrfach vorgeworfen, gegenüber Feinden der DDR gnadenlos gewesen zu sein. Ja, bei nachgewiesenen Nazi- und Kriegsverbrechen wie im Falle des KZ-Arztes Dr. Fischer kannte er keine Gnade, genauso wie bei Personen, die als Agenten und Saboteure Menschenleben bewusst aufs Spiel gesetzt hatten. Dass ihm das in Bonn keine Freunde einbrachte, ist verständlich, wird doch der DDR bis heute jegliches Recht abgesprochen, sich gegen eine Politik zur Wehr zu setzen, die darauf gerichtet war, sie „zum Verschwinden zu bringen“ (Egon Bahr). Dass sich die BRD gern darauf berief, die Todesstrafe mit ihrer Gründung abgeschafft und damit der DDR über zwei Jahrzehnte etwas vorausgehabt zu haben, hatte bekanntlich einen gewaltigen Haken: Es ging nicht um Menschlichkeit, nicht um ethisch-moralische Gründe, auch nicht um Verhinderung von Justizmord, sondern ganz einfach darum, Nazi- und Kriegsverbrecher vor gerechter Strafe zu bewahren.

Andererseits ist die Entwicklung der DDR in den 1950er, vor allem aber in den 1960er Jahren, untrennbar mit der Person und Persönlichkeit Walter Ulbricht verknüpft und zwar so, dass ihm unvoreingenommene Historiker bescheinigen, zu den in der deutschen Geschichte nicht gerade überreich vorhandenen Staatsmännern von Format zu gehören. Im Vergleich mit ihm war sein langjähriger Bonner Widerpart Heinrich Lübke als Staatsoberhaupt der BRD eher kleingeistig, weniger gebildet und wegen seiner zahlreichen Ausrutscher2 auf nationalem und internationalem Parkett begehrter Stichwortgeber für Kabarettprogramme. Nichts desto trotz taten die bundesdeutschen Medien alles in ihren Kräften stehende, um Walter Ulbricht mit Hohn und Häme zu übergießen, um ihn lächerlich zu machen. Ein gefundenes Fressen war da sein sächsischer Dialekt, der schließlich nahezu allen Schauspielern in Filmen, die in der DDR handeln sollten – wohlgemerkt: sollten – in den Mund gelegt wurde, um Authentizität vorzugaukeln, was biedere Bundesbürger zu der irrigen Annahme verführte, das in der DDR von Kap Arkona bis Fichtelberg gesprochene Deutsch sei eben jenes so gern belächelte Sächsisch. Dazu kam seine Fistelstimme, die es Zuhörern schwer machte, seinen Reden über längere Zeit und vor allem mit gespanntem Interesse oder gar Begeisterung zu folgen.

Da mag so mancher Delegierte eines Parteitages zwischen 1950 und 1967 sehnlichst das Ende der Ansprache erwartet haben. Dass Walter Ulbricht für dieses gesundheitliche Problem auf Grund einer 1928 in der UdSSR erlittenen und bleibende Schäden zur Folge gehabt habenden Kehlkopfentzündung nichts konnte, wussten nur die wenigsten. Hohn und Häme jedenfalls sind ein schlechter Ersatz für eine sachliche Auseinandersetzung, sie haben stets etwas von Kleingeisterei und politischer Primitivität an sich.


Doch entscheidend ist etwas ganz anderes: Er war Visionär und dennoch Realist genug, um zu wissen, dass die Befreiung vom Faschismus die einmalige Chance bot, nach jener Liedzeile zu handeln, die da lautet „Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut!“, dass es aber der größte Fehler sein würde, dabei den sowjetischen Gesellschaftsaufbau blindlings zu übernehmen. Wie Derartiges zwangsläufig ausgeht, musste er nicht mehr erleben, wobei natürlich auch ihm jene Einsicht nicht sofort, sondern in einem langwierigen, schwierigen und sicher zuweilen auch schmerzhaften Erkenntnisprozess kam. Eingedenk der durch die westlichen Besatzungszonen ausgelösten staatlichen Zerreißung und deren Folgen blieb nur die Möglichkeit, in der DDR eine Gesellschaft sozialer Gerechtigkeit aufzubauen, aufzubauen gerade unter Bedingungen, die mehr als nur ungünstig waren. Das erforderte bekanntlich neben dem Wiederaufbau der weitgehend zerstörten oder demontierten Industrie den Aufbau völlig neuer Wirtschaftsstrukturen und musste nicht nur angesichts sowjetischer Kontrolle be-, sondern vor allem auch der wütenden Bekämpfung durch die Kalten Krieger in Bonn und Berlin (West) widerstehen. Walter Ulbricht wusste, dass das Schicksal der DDR untrennbar mit dem der UdSSR verknüpft war, ebenso klar hatte er jedoch auch erkannt, dass der „große Bruder“ wie jede andere Großmacht eben eigene Interessen verfolgte, die häufig nicht mit denen des kleineren Partners übereinstimmten. Er kannte den engen Spielraum, der ihm zur Verfügung stand, doch er unternahm das Wagnis, den gesetzten Grenzen bei Notwendigkeit die Stirn zu bieten, um wenigstens ihre Erweiterung zu versuchen: Als Josef Stalin den einstigen westlichen Alliierten mit seiner bekannten Note vom 19. März 1952 den Rückzug vom deutschen Boden unter der Bedingung, einen einheitlichen und vor allem neutralen, entmilitarisierten Staat zu schaffen, angeboten hatte, entsprach das zwar den Interessen der UdSSR und der Sicherung des Friedens in Europa, bedeutete aber gleichzeitig eine Preisgabe der DDR. Insgesamt war das Angebot ohnehin unrealistisch, denn ihm lag die schwerwiegende Illusion zugrunde, damit den Rücken frei zu bekommen. Doch die USA und ihre Verbündeten dachten in keinem Augenblick daran, ihren Kalten Krieg um das „roll back“ dessen, was sie unter Kommunismus verstanden, aufzugeben.


Die Würfel waren bei ihnen deshalb längst gefallen, die Einbindung der BRD in das aggressive NATO-Bündnis beschlossene Sache, weshalb die ihnen sowieso missliebige Note umgehend der Ablehnung verfiel. In dieser für die Zukunft der DDR schwierigen und ungewissen Lage brachte Walter Ulbricht die UdSSR in Zugzwang, als er auf der II. Parteikonferenz am 9. Juli 1952 unter dem begeisterten Beifall der Delegierten den „planmäßigen Aufbau der Grundlagen des Sozialismus“ - wohlgemerkt: der Grundlagen, noch nicht des Sozialismus selbst – verkündete. Ein den Sozialismus anstrebender Verbündeter aber konnte in Moskau nicht wie eine heiße Kartoffel fallengelassen werden, jedenfalls damals nicht. Frank Schumann nennt das in seinem Buch „Lotte und Walter“ einen „Staatsstreich, gleichsam ein Putsch von oben, der Bismarcksches Format hatte“ und der angesehene britische Publizist Sebastian Haffner schrieb 1966, er sei „der erfolgreichste deutsche Politiker nach Bismarck und neben Adenauer“. Mag sein, dass er sich auch selbst retten wollte, doch zuallererst ging es ihm um die Rettung des „Projektes DDR“, darum, der Welt zu zeigen, dass ein anderes, ein friedliebendes Deutschland der sozialen Gerechtigkeit nicht nur notwendig, sondern auch zu verwirklichen war. Er besaß Weitsicht und die Fähigkeit, in strategischen Dimensionen zu denken, was ihn zu der Erkenntnis geführt hatte, dass das sowjetische Beispiel längst nicht mehr Aufbruch, sondern nur noch Stagnation bedeutete. Ohne weitreichende Korrekturen würde es unweigerlich in der Sackgasse enden. Viele redeten und reden noch heute über einen „Prager Frühling“, doch früher als dieser begann der „Berliner Frühling“ und der sollte nach Walter Ulbrichts Vorstellungen so ganz anders enden, nämlich nicht im Grabe, das ihm seine Nachfolger schließlich bereiteten. Jener „Berliner Frühling“ hatte auch keinerlei Gemeinsamkeiten mit dem, was in Prag hinter den Kulissen des von Alexander Dubček verkündeten „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ unter dem Beifall aus Washington und Bonn, dort ganz besonders aus den Reihen der Sudetendeutschen Landsmannschaft, zusammengebraut wurde:In einem Interview für die Jugendzeitung „Mladá Fronta“ sollte der einst als „Chefreformer“ gefeierte Ota Šik am 2. August 1990 schließlich die Katze aus dem Sack lassen: „... wir konnten damals nicht alle unsere Ziele voll präsentieren... Also war auch der dritte Weg ein verschleierndes Manöver. Schon damals war ich überzeugt, daß die einzige Lösung für uns ein vollblutiger Markt kapitalistischer Art ist.“ Gleichfalls erklärte Šik 1990: „Wir, der Kern der ökonomischen Reformer, versuchten in Prag damals eben nicht den Kommunismus zu reformieren. Unser eigentliches Ziel war, ihn abzuschaffen und ein neues System aufzubauen... Heute ist es ein direkter Übergang zur kapitalistischen Marktwirtschaft... Der Begriff der Reform war ein Zugeständnis an die Machtverhältnisse.“ Was schließlich als eine Art Teufelszeug in der Versenkung verschwand, das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖS), bedeutete dagegen ebenso wie das Jugendkommuniqué „Der Jugend Verantwortung und Vertrauen“ die Modernisierung von Staat und Wirtschaft, in der Endkonsequenz also die Abkehr vom sowjetischen „Grundmodell“. Abweichend von dem in Prag offiziell Verkündeten sollte es in der DDR um einen „modernen Sozialismus“ mit einem klaren Programm dazu gehen, einem Programm, das durchaus das einzige wirklich solide Alternativkonzept seit 1917 gewesen sein könnte. Natürlich war Walter Ulbricht nicht allwissend und unfehlbar, doch da, wo ihm selbst die Kenntnisse fehlten, holte er stets mehrere Meinungen ein, suchte vor allem bei wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Fragen den Rat führender Wissenschaftler, wie unter anderem in Prof. Manfred von Ardennes Lebenserinnerungen „Ein glückliches Leben für Forschung und Technik“ nachzulesen ist. Er holte Fachleute ins Politbüro, die, wie der leider mit 46 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommene Landwirtschaftsminister Georg Ewald ihr Handwerk von der Pike auf gelernt hatten, von der Sache also etwas verstanden. Für ihn war es selbstverständlich, in Betriebe, Genossenschaften und Einrichtungen zu gehen, um mit Arbeitern, Ingenieuren und Leitern über aktuelle Fragen zu sprechen wie er ebenso auch privat den Kontakt zu Menschen suchte: Ältere Einwohner Ilmenaus erinnern sich noch, wie er mit seiner Frau Lotte bei Aufenthalten im ZK-Heim Gabelbach häufig durch die Stadt ging, Geschäfte aufsuchte, mit den Leuten sprach, wenn er nicht schon gleich selbst angesprochen worden war, tauchte eines Sonntags überraschend in den Saalfelder Feengrotten auf – einfach so, ohne Anmeldung, ohne offizielle Begleitung und gestelzte Reden, ganz einfach als Mensch eben und natürlich als Politiker, der sich jenseits schwülstiger Erfolgsberichte gern direkt Volkes Meinung einholte. Rief schon all das bei Leonid Iljitsch Breshnew als dem neuen ersten Mann im Kreml tiefstes Misstrauen hervor, so verfolgte er auch alsbald Walter Ulbrichts Bestrebungen, mit der BRD zu einer Verständigung zu gelangen, mit größtem Argwohn. Mag sein, dass auch bei einem Mann seines Alters nicht auszuschließen gewesene nationale Sentimentalitäten und Illusionen über eine doch noch mögliche Wiedervereinigung vorhanden waren, wogegen allerdings sein Einsatz für die weltweite Anerkennung der DDR spricht, doch klar ist auf jeden Fall eines: Die erfolgreiche Entwicklung einer gesellschaftlichen Alternative auf deutschem Boden wurde durch das von unverhohlener, in erster Linie von der BRD ausgegangener, Feindschaft geprägte gegenseitige Verhältnis behindert, erschwert, gebremst, und zwar immer mit ausschließlichem Nutzen für das in Bonn verfolgte Ziel, sie am Ende gänzlich zu verhindern.


Walter Ulbricht wusste, dass sich beide deutsche Staaten in einem solchen Kampf auf Leben und Tod sinnlos verschleißen würden. Er setzte auf den friedlichen und ehrlichen Wettstreit der Systeme, auf die Politik der friedlichen Koexistenz also. Im Jahre 1966 waren auch in Bonn allen Widerständen zum Trotz die Zeiten vorbei, wo Briefe aus dem Staatsratsgebäude oder dem Ministerrat einfach ungeöffnet und mit der Bemerkung „Annahme verweigert“ zurückgeschickt werden konnten. Was die längst vergessenen „Ruhrnachrichten“ einst orakelt hatten, nämlich „Diese sogenannte DDR, deren Existenz im übrigen nur auf Ruinenfledderei beruht, wird das Jahr 1950 kaum er-, geschweige denn überleben.“, war ein Wunschtraum Kalter Krieger geblieben. Um nun den Eindruck zu erwecken, man sei gesprächsbereit, und die Sache im Sinne der Alleinvertretungsanmaßung dennoch abwürgen zu können, wurde nicht mehr zur offenen Ablehnung, sondern zu einem hinterhältigen Mittel gegriffen, von dem man wusste, dass solcherart Bedingungen unannehmbar waren: Mit dem rasch zusammengebastelten „Gesetz zur befristeten Freistellung von der deutschen Gerichtsbarkeit“ wurden die führenden Politiker der DDR faktisch zu Verbrechern erklärt, denen man für die Zeit ihres Aufenthaltes auf bundesdeutschem Hoheitsgebiet „großzügig“ freies Geleit zusicherte.


Im Grunde genommen war eine durchgreifende und wirksame Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft mit dem Ziel der Erhöhung der Leistungsfähigkeit einschließlich Senkung des Aufwandes, vor allem durch die Nutzung neuester wissenschaftlich-technischer Erkenntnisse, und der umfassenderen demokratischen Teilnahme der Bevölkerung an Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen nur in einer gemeinsamen Aktion aller RGW-Staaten möglich. Doch dem standen der eherne Führungsanspruch von KPdSU und UdSSR, der keine eigenständige Politik der Partnerländer duldete, Unwille und Unfähigkeit zur Überwindung des gesellschaftlichen Konservatismus durch die Parteiführung unter Leonid Iljitsch Breshnew und das stetige Misstrauen, damit könne eher dem Gegner genützt werden, ebenso entgegen wie die häufig eigensüchtigen Interessen einzelner Mitgliedsländer und der viel zu unterschiedliche Entwicklungsstand der Volkswirtschaften: Mit Ausnahme von DDR und Tschechoslowakei hatten sie alle als rückständige Agrarländer mit nur schwach entwickelter Industrie anfangen müssen. So blieb der DDR offensichtlich nur die Möglichkeit, durch das Beispiel zu wirken. Hatte er in Nikita Sergejewitsch Chrustschow, der Walter Ulbricht im übrigen sehr schätzte, noch einen verständnisvollen Partner gehabt3, so waren nach dessen Sturz Restauration und Stagnation Tür und Tor geöffnet worden. Leonid Iljitsch Breshnew als „Königsmörder“ und Nachfolger betrachtete die Reformbestrebungen nicht nur mit größtem Misstrauen, er versuchte auch, seinen Partner wie einen Schuljungen abzukanzeln und zurechtzuweisen. Menschen mit eigenen Gedanken mochte er nicht, ihm waren die Dutzendmenschen lieber, die seinen eigenen, jedoch keineswegs immer anspruchsvollen Gedankenflügen widerspruchslos folgten. Wie sein „Famulus“ Erich Honecker witterte er hinter allen Bestrebungen zur Modernisierung der Gesellschaft und zur Korrektur von Wegen, die sich als falsch erwiesen hatten, den Arm der Konterrevolution, das heimliche Wirken der Kräfte, die, um es mit dem vom späteren US-Präsidenten und erbarmungslosen Kommunistenhasser Ronald Reagan verkündeten Anspruch auszudrücken, das angebliche „Reich des Bösen“ auf den „Müllhaufen der Geschichte“ kehren wollten. Er war weder willens noch in der Lage, zwischen ehrlichen auf der einen und mit dem genannten Ziel nur vorgetäuschten Reformen solcher Leute wie eben dem bereits erwähnten Ota Šik auf der anderen Seite zu unterscheiden. So war ihm Walter Ulbricht auch als Theoretiker suspekt, dessen Erkenntnis, dass der Sozialismus eine über längere Zeiträume bestehende relativ selbständige Phase beim Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft darstellen müsse, von ihm, der meinte, beim Aufbau des Kommunismus schon mittendrin zu sein, scharf zurückgewiesen wurde. Die Erkenntnis, dass ausgerechnet der als Nachfolger im Amt des Ersten Sekretärs vorgesehene Erich Honecker mit Breshnews Billigung die Verschwörung anführte, der Brutus mit dem Dolch im Gewande also gleich neben seinem Cäsar saß, bedeutete für Walter Ulbricht eine tiefe Erschütterung. Rückgängig machen ließ sich nun nichts mehr, weshalb ihm nur die Möglichkeit blieb, sich gegen Breshnews Schützling so lange wie möglich zu behaupten. Sein am 30. Juni 1970 unternommener Versuch, den seit 1963 mit der Vertretung des Ersten Sekretärs im Falle seiner Abwesenheit betrauten Erich Honecker diese Aufgabe zu entziehen, endete mit dessen umgehender Beschwerde in Moskau. Auf Druck des ersten Mannes im Kreml sah sich Walter Ulbricht schließlich am 7. Juli zur Rücknahme dieser Entscheidung gezwungen. War seine Weitsicht samt Klugheit und Kühnheit bei der angesichts seines fortschreitenden Alters unvermeidlichen Auswahl eines geeigneten Nachfolgers auf der Strecke geblieben? Hatte er aus Greisensentimentalität gehandelt? Wohl kaum, eher ist eine Verlegenheitslösung zu vermuten, denn Kampfgefährten wie Friedrich Ebert und Hermann Matern waren nahezu gleichaltrig, Werner Lamberz mit noch nicht ganz 40 Jahren zu jung, so dass sich das alte Sprichwort, wonach der Einäugige unter den Blinden der König sei, geradezu aufdrängen muss. Gewiss, Erich Honecker hatte seine Verdienste, die ihm, notorische Antikommunisten ausgenommen, niemand absprechen wird – Widerstandskämpfer mit immerhin 10 Jahren Zuchthaus, 10 Jahren durch die Nazis gestohlener Jugend also, Initiator Antifaschistischer Jugendausschüsse, Mitbegründer und erster Vorsitzender der FDJ, führend beteiligt an der für die andere Seite, wo man sich schon dicht am Ziel geglaubt hatte, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, völlig überraschenden und unvorhergesehenen Schließung der Staatsgrenze am 13. August 1961, womit er sich deren unauslöschlichen Hass für alle Ewigkeit zugezogen hatte. Doch ihm fehlte die Fähigkeit zu gesellschaftlichen Visionen, zu Realismus und zu strategischem Denken, er war eher ein Mann für Tagesaufgaben, fürs Taktische, noch mehr aber wohl fürs Taktieren und Intrigieren, ein Mann, der nichts so sehr liebte wie schnelle Erfolge und dabei Aufwand sowie langfristige und auch durchaus mögliche negative Folgen außer Acht ließ. Ausgerechnet er erlaubte sich, was in Kommunistischen Parteien seit Jahrzehnten als eine der schwersten Verfehlungen geächtet war – die Spaltung der Parteiführung durch Fraktionsbildung, nicht offen natürlich, sondern äußerlich kaum wahrnehmbar, hinter den Kulissen. Zunächst arbeitete der „Verlegenheits-Kronprinz“ heimlich gegen den Ersten Sekretär – hatte dieser zur Politbüro-Sitzung Vorlagen eingereicht, die ihm nicht in den Kram passten, nutzte er in Fällen von Walter Ulbrichts Abwesenheit seine Vertretungsbefugnis, um die Behandlung des jeweiligen Dokuments zu verhindern.


Ein Günter Schabowski ist gewiss kein Musterbeispiel für Lauterkeit, doch wenn er schreibt, dass Erich Honeckers damalige Dienstbeflissenheit nur vorgetäuscht war, um sich beim Ersten Sekretär beliebt, vor allem aber unentbehrlich zu machen, um ihn dann desto wirkungsvoller zu hintergehen, dann darf man ihm das wohl unbesehen glauben. Wie der 1985 durch ihn gemaßregelte Herbert Häber angibt, hielt sich Erich Honecker auch willfährige Zuträger wie Joachim Herrmann, die ihn über alles, was er gegen Walter Ulbricht verwenden konnte oder was seinen Auffassungen zuwiderlief, auf dem Laufenden hielten. Mit der Zeit wurde er noch dreister: Wie weit er schon gehen konnte, dabei natürlich immer in der Gewissheit, beim allmächtigen ersten Mann in Moskau genügend Rückendeckung zu haben, testete er bekanntlich auf jener berüchtigten 11. Tagung des ZK vom 15. bis 18.12.1965, wo er als Hauptredner zu aller Überraschung nicht wie vorgesehen in erster Linie zu Wirtschaftsfragen sprach, sondern einen gewaltigen ideologischen Rundumschlag unternahm, der in der Folgezeit zu einer bislang so beispiellosen wie unheilvollen Disziplinierung und Nivellierung vor allem auf dem Gebiet von Kultur und Kunst sowie Jugend- und Medienpolitik führen sollte. Walter Ulbricht ist hier anzulasten, dass er dies duldete, weil er unter anderem befürchtete, westliche Musik wie Rock'n roll und Beat sowie Mode würden die Jugend negativ beeinflussen. Derartige Befürchtungen waren nicht aus der Luft gegriffen, denn vor allem seitens bundesdeutscher Politik und Propaganda war das selbstverständlich gewollt: Wer sich für Jeans und nicht für das FDJ-Hemd begeisterte, nützte den Bestrebungen, die DDR „zum Verschwinden zu bringen“, wobei die von Partei- und FDJ-Funktionären zum Teil sehr rigoros vertretenen Meinung, FDJ-Hemd und Jeans „passten nicht zusammen“, dem erst recht Vorschub leistete. Wem Radio DDR oder DT 64 nicht die Musik bot, die er als Jugendlicher gern hörte, der wandte sich eben RIAS, Deutschlandfunk oder Radio Luxemburg zu, womit gleich noch die erwünschte politische Beeinflussung ermöglicht wurde. Das hatten weder der einstige Vorsitzende der FDJ noch Walter Ulbricht begriffen, wobei es sich in seinem Falle zweifellos auch um einen Generationskonflikt handelte. In seiner Jugendzeit hatte die ältere Generation in Sachen Musik, Mode und Kunst ebenfalls einen anderen Geschmack und lehnte den der Jüngeren ab. Wirtschaftspolitisch wurden zudem die Weichen für eine Rücknahme des von der sowjetischen Partei- und Staatsführung mit Argwohn und Misstrauen betrachteten „Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ sowie die allmähliche Entmachtung Walter Ulbrichts und seiner Anhänger gestellt. Diese 11. Tagung richtete einen bis dahin kaum für möglich gehaltenen politischen Schaden an – sehr zur Freude vor allem der in Bonn betriebenen feindseligen Politik. Dass Musikrichtungen nicht verboten werden konnten, sondern in deren Rahmen eigenes zu schaffen war, wurde erst allmählich begriffen.


Nicht Walter Ulbricht, wie in bundesdeutscher Politik und Propaganda gern behauptet, war der „Mann Moskaus“, sondern Erich Honecker, der in seinen Ansichten ganz offensichtlich Leonid Iljitsch Breshnew bedingungslos folgte: Nicht nur, dass er, wenn auch nach anfänglichem Zögern, dann aber völlig überhastet, 1972 die auf Vorschlägen aus der CDU und dann auch aus LDPD und NDPD beruhende und den Staatshaushalt erhebliche Summen kostende Umwandlung privater und halbstaatlicher Unternehmen sowie industriell produzierender PGH in volkseigene Betriebe durchsetzte und anschließend seinem „Ziehvater“ schriftlich Vollzugsmeldung erstattete, er sorgte auch für die nahezu vollständige „Anpassung“ von Partei- und Staatsstrukturen an die in KPdSU und UdSSR üblichen. Beispiele dafür sind die Änderung seiner Amtsbezeichnung von „Erster Sekretär“ in „Generalsekretär“ und die 1976 erfolgte Besetzung der Funktion des Volkskammerpräsidenten durch Horst Sindermann und damit durch die SED. Bis dahin waren mit LDPD (Prof. Johannes Dieckmann, 1949 bis zu seinem Tode 1969) und CDU (Gerald Götting, 1969 bis 1976) Bündnispartnerinnen der SED vertreten, doch Leonid Iljitsch Breshnew brachte es beim Empfang einer Partei- und Staatsdelegation in Moskau nicht einmal fertig, in seiner Ansprache den Präsidenten der Volkskammer mit „Freund“ anzureden, sondern machte aus ihm eben den protokollarisch falschen „Teuren Genossen Götting“. Auch der nie vergebene und völlig übertrieben klingende militärische Rang „Marschall der DDR“ war genauso eine Nachahmung sowjetischen Vorbilds wie der Titel „Held der DDR“. Das mögen Äußerlichkeiten gewesen sein, gewiss, doch auch sie zeigen schon zur Genüge, wie bedingungslos der neue Mann an der Spitze von Partei und Staat bemüht war, die dortigen Verhältnisse getreulich zu kopieren – zumindest bis 1986, als durchsickerte, wofür der nun im Kreml sitzende große „Reformer“ in Bonn wirklich gelobt wurde, nämlich für die in Aussicht gestellte endgültige Preisgabe der DDR und damit seines treuesten und trotz aller Probleme wirtschaftlich immer noch besser als die UdSSR dastehenden Verbündeten. Walter Ulbricht jedenfalls ließ sich nicht so schnell wie erhofft aus dem Sattel heben, weshalb die um Erich Honecker gescharten Verschwörer, insgesamt 13 an der Zahl, zu hinterhältigen Mitteln griffen, um ihr Ziel zu erreichen: Am 21. Januar 1971 wandten sie sich in einem, natürlich hinter dem Rücken des Ersten Sekretärs, abgefassten und eine große Zahl, von Subjektivismus, Selbstüberschätzung, Unfehlbarkeitsglaube, Starrsinn, Missachtung des Politbüros und seiner Beschlüsse bis zur Gefährdung des Verhältnisses „zur KPdSU und den anderen Bruderparteien“ reichender, Anschuldigungen enthaltenden Brief an Leonid Iljitsch Breshnew. Sie wussten genau, dass dieses Schreiben politischer Sprengstoff war, den sie sich freilich nicht trauten, selbst zu zünden, darum wurde der erste Mann in Moskau mit dem Schlußsatz „Wir erwarten Ihre Antwort und Hilfe.“ ersucht. Breshnew erschien ihnen als Sprengmeister erfahrener und auf Grund seiner herausragenden Stellung natürlich wirkungsvoller, womit sie sich auch nicht verrechnet hatten. Schließlich waren einige Formulierungen bewusst so gewählt worden, dass sich der gern als bedeutender Theoretiker verstehende erste Mann der KPdSU auch persönlich getroffen, folglich sogar zum Handeln gegen Walter Ulbricht gezwungen sehen musste: „Aus vielen Bemerkungen und manchem Auftreten geht hervor, dass sich Genosse Walter Ulbricht gern auf einer Stufe mit Marx, Engels und Lenin sieht.“ Der Formel „Mit kommunistischem Gruß“ folgten zehn Unterschriften von Mitgliedern und drei von Kandidaten des Politibüros: Hermann Axen, Gerhard Grüneberg, Kurt Hager, Erich Honecker, Günter Mittag, Erich Mückenberger, Horst Sindermann, Willi Stoph, Paul Verner, Herbert Warnke, dazu Werner Jarowinsky, Günther Kleiber und Werner Lamberz. Nicht unterzeichnet hatten Friedrich Ebert, Hermann Matern, Alfred Neumann, Albert Norden sowie Walter Halbritter und Margarete Müller. Allerdings ist aus bisherigen Veröffentlichungen nicht ersichtlich, ob sie die Unterzeichnung ablehnten oder ihnen der Brief gar nicht erst vorgelegt worden war. Zumindest Hermann Matern konnte ihn ohnehin nicht mehr unterschreiben, er verstarb am 24. Januar 1971, also drei Tage nach der Abfassung des Schreibens. Überhaupt nicht erwähnt ist Georg Ewald, der von 1963 bis zu seinem Tode 1973 und somit zum fraglichen Zeitpunkt ebenfalls Kandidat des Politbüros war. Erich Mückenberger gab später gegenüber Lotte Ulbricht an, jenes Verdikt über Walter Ulbricht wäre den meisten nur zum Unterschreiben vorgelegt, ihnen der genaue Inhalt aber gar nicht zur Kenntnis gegeben worden. Ob Schutzbehauptung oder nicht, wenn es denn tatsächlich so war, dann zeugt derartige Praxis zumindest von einem sehr eigenen Verständnis von innerparteilicher Demokratie. Selbst wenn man allen oder zumindest einzelnen Vorwürfen in jenem Schreiben ein bestimmtes Maß an Berechtigung einräumt, so zeugt allein schon die Methode, sich des „Übervaters“ in Moskau zu bedienen, von Unehrlichkeit, Hinterhältigkeit und nicht zuletzt Feigheit. Im erst vier Jahre nach dessen Tode erschienenen Buch über Mitunterzeichner Hermann Axen „Ich war ein Diener der Partei“ versuchte dieser ein differenzierteres Bild über Walter Ulbricht zu zeichnen, wies aber den Vorwurf eines Komplotts entschieden zurück und gab an, der Brief sei auf Anregung des sowjetischen Botschafters in der DDR, Pjotr Abrassimow, geschrieben worden, zudem der Erste Sekretär nach verschiedenen Gesprächen und Diskussionen mit Mitgliedern des Politbüros bereits vorher zum Amtsverzicht bereit gewesen und Leonid Iljitsch Breshnew habe mit ihm sehr lange und sehr freundschaftlich gesprochen, von einer Erpressung könne keine Rede sein. Gegen diese Version spricht allerdings der nach dem 3. Mai 1971 gepflegte Umgang des Politbüros sowohl mit Walter als auch mit Lotte Ulbricht. Hermann Axen warf Walter Ulbricht weiter eine Neigung zu Überspitzungen und Übertreibungen, die Überschätzung der realen Möglichkeiten der Volkswirtschaft samt Überbeanspruchung des Nationaleinkommens für die Entwicklung von Wissenschaft und Technik sowie eine Vernachlässigung der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung vor. So berief er sich auf eine Äußerung von Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, wonach die DDR zwar unter Umständen zum Bau eines Raumschiffs, aber nicht zur Sicherung der Versorgung mit Scheuerlappen und Senfgläsern in der Lage sei. Allerdings nahm die sogenannte Versorgungsdiskussion vor allem ab Ende der 1970er Jahre, also erst unter Erich Honecker, einen immer breiteren Raum ein. Häufig war dabei freilich nicht mehr erkennbar, wo die Grenze zwischen tatsächlich vorhandenen Problemen und der Verselbständigung der Diskussion lag, die Kritik also ausschließlich um der Kritik willen sowie mit Überspitzungen und Übertreibungen geführt wurde. Zudem ernteten Parteisekretäre aus Grundorganisationen des Kreises Ilmenau, die sich dabei darauf beriefen, dass vor allem die Versorgung mit Südfrüchten unter Walter Ulbricht besser gewesen sei, harsche Kritik seitens des Sekretariats der Kreisleitung und mussten sich in rüdem Tonfall belehren lassen, das sei politisch falsch. Soweit Walter Ulbricht tatsächlich die Möglichkeiten der DDR hinsichtlich der Entwicklung von Wissenschaft und Technik überschätzte und auch angesichts seines Alters zu ungeduldig wurde, war das zu einem Gutteil den Ratschlägen Günter Mittags zu verdanken, der zunächst zu den Reformkräften und den Schöpfern des NÖS gehörte, dann aber rasch seine Fahne in den Wind hängte und seinem neuen Chef bereitwilligst half, das eigene Werk zu Grabe zu tragen. Hermann Axen bestätigte aber auch, dass die DDR damals frei von jeglicher Auslandsverschuldung war, da Verbindlichkeiten umgehend zurückgezahlt wurden.


Übertreibungen und Überspitzungen hat es tatsächlich gegeben: In der UdSSR meinte Nikita Sergejewitsch Chrustschow bekanntlich damals, die USA kurzfristig wirtschaftlich überholen zu können, was sich auch auf die DDR übertrug. Ein Beispiel dafür sind die Prognosen hinsichtlich einer alsbaldigen Überflügelung der BRD beim Pro-Kopf-Verbrauch von Butter, ein Ziel, das weder kurzfristig erreichbar noch im Interesse der Volksgesundheit wünschenswert war. Ebenso wurde Chrustschows Begeisterung für die in Ländern mit mildem Klima durchaus sinnvollen Rinderoffenställe und eine zu einseitige Konzentration auf den Maisanbau - „Der Mais, der Mais, wie jeder weiß, das ist die Wurst am Stengel.“ - anfangs kritiklos geteilt, wobei die blinde Nachahmung dessen, was „sowjetische Erfahrungen“ genannt wurde, auf den als gelernter Schlosser von keiner Sachkenntnis getrübten damaligen Sekretär für Landwirtschaft Erich Mückenberger zurückging. Belächelt wurde Walter Ulbrichts – übrigens vom Vorsitzenden des Forschungsrates Prof. Peter Adolf Thiessen stammende - Forderung „Überholen ohne einzuholen!“, wobei freilich die Frage nach der Grenze zwischen realistischer Zukunftsvision und Wunschvorstellung aufzuwerfen ist. Dabei dürften wohl nur wenige begriffen haben, dass diese Forderung letztlich darauf abzielte, sich in wissenschaftlich-technischer Hinsicht nicht sklavisch an der kapitalistischen Welt zu orientieren, um dann vielleicht Erzeugnisse und Verfahren mühsam nachzuerfinden oder für teure Valutamittel zu importieren, sondern die eigenen Kräfte, das eigene Potenzial wirksamer zu nutzen, um nicht immer nur nachzukleckern, sondern neue, kürzere Wege zu suchen und so eines Tages selbst mitzubestimmen. Des weiteren warf Hermann Axen Walter Ulbricht vor, hinsichtlich einer Wiedervereinigung wie schon vorstehend erwähnt Illusionen anzuhängen und deshalb die Bestrebungen, die weltweite diplomatische Anerkennung der DDR zu erreichen, sozusagen auf „Sparflamme“ zu fahren. Ersterem ist durchaus zuzustimmen, gegen den zweiten Vorwurf spricht allerdings die Tatsache, wie in Bonn getobt wurde, als das Staatsoberhaupt der DDR mit seinem Besuch in Ägypten 1965 einen ersten wichtigen Durchbruch im Hinblick auf eine alsbaldige Anerkennung im kapitalistischen Teil der Welt erreichte. Dagegen sprechen auch die bei nahezu jeder Unabhängigkeitserklärung einer Kolonie im afrikanischen und asiatischen Raum verkündete Bereitschaft zur Anerkennung des jeweiligen neuen Staates, beispielsweise im Falle der Malediven, und der dann allerdings nicht behandelte Antrag auf Aufnahme der DDR in die UNO. Warum die Bereitschaft der DDR zur Anerkennung bei der jeweils anderen Seite damals nur selten auf Resonanz stieß, hatte wiederum der „Spiegel“ in seinem Bericht über die Belgrader Konferenz der blockfreien Staaten ans Tageslicht gebracht, wo er so hämisch wie trumphierend erklärte, dass es zwar kaum Vorbehalte gegen die DDR gegeben habe, ebenso keinen verbalen Druck aus Bonn, denn dort hatte man ein viel wirksameres Mittel – den Wink mit der „harten“ D-Mark! Die nämlich erwies sich der „Hallstein-Doktrin“ als haushoch überlegen. So wurde die Aufrechterhaltung der diplomatischen Blockade unter schamloser Ausnutzung des schweren kolonialen Erbes erkauft, politischer Druck durch finanzielle Abhängigkeit ausgeübt, womit für die DDR eine auf „Sparflamme“ betriebene Politik eigentlich gar nicht in Frage kommen konnte.

Zudem wurde Walter Ulbricht wegen seiner Bestrebungen heftig heftig kritisiert, das Verhältnis zur Volksrepublik China, die als bevölkerungsreichstes Land unter Mao Tse-Tung bekanntlich ungeachtet ihrer wirtschaftlichen Rückständigkeit einen Führungsanspruch innerhalb der sozialistischen Länder erhob und deshalb eine tiefe Feindschaft zur UdSSR entwickelt hatte, allmählich zu verbessern. Es ist sicher müßig, darüber zu spekulieren, ob es sich angesichts der nach dem Tode Maos eingetretenen rasanten wirtschaftlichen und politischen Entwicklung des Riesenreiches um eine Zukunftsvision oder um rein praktische Überlegungen handelte. Eines hatte er dabei auf alle Fälle erkannt – der Aufbau einer Gesellschaft sozialer Gerechtigkeit wurde durch bis zur offenen und an der sowjetisch-chinesischen Grenze in einigen Fällen bereits militärisch ausgetragenen Feindschaft reichende Uneinigkeit erschwert, behindert, verzögert, was lediglich den geschworenen Feinden einer solchen Gesellschaft nützte. Da sich die DDR im Gegensatz zur UdSSR nicht unmittelbar im Konflikt mit der Volksrepublik China befand, sah er die Möglichkeit, durch Übernahme einer Vermittlerrolle zur Entspannung der gefährlichen Lage beizutragen.


Bisher hatte Walter Ulbricht noch alle Demontageversuche, sowohl von innen als auch von außen vorgenommene, überstanden, den selbstverschuldeten von 1953 ebenso wie den des bundesdeutschen Magazins „Stern“, als Ende 1961 in der BRD seine in Hamburg verheiratet gewesene Schwester Hildegard Niendorf (1899 bis 1973) und der einst Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD) gewesene und 1928 in die USA ausgewanderte jüngere Bruder Erich (1901 bis 1973) in New York „entdeckt“ worden waren: Politik und Propaganda der BRD hatten bekanntlich in jener Zeit schwer an den in der DDR mit unwiderlegbaren Dokumenten untermauerten Enthüllungen über die faschistische Vergangenheit hochrangiger Politiker, Juristen und Militärs zu kauen gehabt. Jetzt schien die Gelegenheit gekommen, es dem ersten Mann in „Pankoff“4 heimzuzahlen, nachdem die emsigen „Stern“-Reporter den längst nicht mehr aktuellen und viel Schaden angerichtet habenden Befehl Nr. 2 der Sowjetischen Militäradministration (SMA) ausgegraben hatten. Nach diesem durften einstige Westemigranten, in Kriegsgefangenenlagern der westlichen Alliierten interniert Gewesene sowie Personen mit Verwandtschaft im kapitalistischen Ausland nicht mit hohen Partei- und Staatsfunktionen betraut werden, ein dem bekannten Misstrauen Stalins geschuldetes Verbot, dem seinerzeit beispielsweise Paul Merker, Franz Dahlem und Willy Kreikemeyer zum Opfer gefallen waren. Nun sollte daraus in mehrfacher Hinsicht politisches Kapital geschlagen werden – mit der Behauptung, Walter Ulbricht habe diese Verwandtschaft verschwiegen, sollte er der Lüge überführt und so zum Rücktritt gezwungen werden. Die an den Opfern jenes Befehls festgemachte scheinheilige Forderung nach „Gerechtigkeit“ war auf das gleiche Ziel gerichtet. Die Tatsache, dass zwischen den Geschwistern bereits seit fast drei Jahrzehnten kein Kontakt mehr bestand, sollte ausgenutzt werden, den „Mauerbauer“ als Mann, der angeblich nicht einmal vor der Trennung von der eigenen Familie zurückgeschreckt habe, der Unmenschlichkeit zu zeihen. Der Schuss ging freilich nach hinten los, denn Walter Ulbricht hatte seine Verwandtschaft im kapitalistischen Ausland unter anderem im Parteifragebogen vom 17. März 1951, also 10 Jahre vor jener „Entdeckung“, mit den Vermerken „Westdeutschland“5 bzw. „USA“ und „Aufenthaltsort unbekannt“ angegeben6. Blieb der Versuch also für ihn folgenlos, so eben nicht für die in der selbsternannten „freien Welt“ lebenden Geschwister und deren Kinder, die trotz fehlender Kontakte samt öffentlicher Beteuerung dieser Tatsache in eine Art „Sippenhaftung“ genommen wurden und sich somit über etliche Jahre der Aufmerksamkeit diverser Geheimdienste „erfreuen“ durften. Was also den antikommunistischen Intriganten vom „Stern“ gründlich missglückt war, sollte nun dem sich als Kommunisten verstehenden intriganten „Kronprinzen“ glücken: Jenem mit Blick auf den bevorstehenden VIII. Parteitag abgefassten denunziatorischen Schreiben nach Moskau sollte nun als nächster Akt der Verschwörung die Verhinderung der Teilnahme Walter Ulbrichts am vom 30. März bis zum 9. April 1971 stattfindenden XXIV. Parteitag der KPdSU folgen, wozu hinter dem Rücken des zur Kur weilenden Ersten Sekretärs gar ein „interner Beschluss“ gefasst worden war. Als der Plan nicht aufging, da er zur peinlichen Überraschung der Verschwörer zur Eröffnung anwesend war, wurde die Taktik geändert und auf den Frontalangriff gesetzt: Am 12. April nahm sich Erich Honeckers „Mentor“ Leonid Iljitsch Breshnew persönlich den ersten Mann der DDR vor und presste ihm schließlich die Zusage ab, auf sein Amt als Erster Sekretär zu verzichten. Der von ihm bereits in früheren Jahren gebrauchte Satz „Ohne uns ist die DDR nichts!“ machte deutlich, dass er sowohl die politische als auch die wirtschaftliche Abhängigkeit des kleineren deutschen Staates gnadenlos ausnutzte, um sich sein Wohlverhalten in jeder Lage zu sichern. Skrupellos bediente er sich der Mittel, die bereits Josef Stalin benutzt hatte und die der „große Reformer“ Michail Sergejewitsch Gorbatschow dann zu höchster Wirkung entfalten sollte, als er die von Anfang an in ihrer Existenz bedrohte DDR ihrem ärgsten Feind auslieferte. Nicht weniger skrupellos nutzte der erste Mann im Kreml die Abhängigkeit der DDR von sowjetischen Rohstoff- und Materiallieferungen aus, denn mit jenem Satz hatte er auch die wirtschaftlichen „Instrumente“ gezeigt – bei einer Unbotmäßigkeit brauchte er nur die Erdöllieferungen aussetzen zu lassen. Wollte also Walter Ulbricht das „Projekt DDR“ nicht auf solche Weise gefährden, blieb ihm nur, sich der Erpressung zu beugen. Davon erfuhren allerdings die Mitglieder des Politbüros erst am 23. April, wozu sie überdies noch zwischen den Zeilen der äußerlich nichtssagenden Formulierungen lesen mussten: „... Das Politbüro des ZK der SED dankt Genossen Leonid Iljitsch Breshnew für das Verständnis und die Zustimmung zu dem von Genossen Walter Ulbricht unterbreiteten Vorschlag. Es bewertet die Ergebnisse der Konsultation als eine große Hilfe des Politbüros des ZK der KPdSU und persönlich des Generalsekretärs des ZK der KPdSU, Genossen Leonid Iljitsch Breshnew, für die weitere Entwicklung der kontinuierlichen marxistisch-leninistischen Politik der SED, ....“ Im Gegensatz zu Erich Honecker hatte Leonid Iljitsch Breshnew offenbar noch ein gewisses Maß an Achtung vor Walter Ulbricht, als er dem Anführer der „Prätorianergarde“ empfahl, wenigstens die äußere Form zu wahren und dem auf so hinterhältige Art zum Abtreten gezwungenen großen alten Mann ein ihm würdiges Amt geben zu lassen. So wurde die seit 1954 im Statut nicht mehr vorgesehene Funktion des „Vorsitzenden der SED“ wieder aus der Versenkung geholt, wobei die Wahl in dieses nunmehr reine Ehrenamt letztlich eine leere Geste blieb, denn der „Königsmörder“ wollte und sollte künftig allein bestimmen. Da brauchte er keinen letztlich doch noch über ihm sitzenden überschlauen Weisen, bei dem er sich zumindest Rat holte, bevor er Entscheidungen traf, und von dem er bei möglichen Verfehlungen gar Tadel zu erwarten hatte. Dem Inhalt jenes folgenschweren Schreibens nach zu urteilen, ist bei Walter Ulbricht auch Kritik am Ersten Sekretär möglich und üblich gewesen, was Hermann Axen in seinen Erinnerungen bestätigte. Jetzt allerdings sollte der Wind alsbald in eine ganz andere Richtung pfeifen: Als sich der nunmehrige Vorsitzende der SED am 26. Oktober 1971 eine kritische Bemerkung zu seinem ungeliebten Nachfolger gestatten sollte, wurde er von Willi Stoph mit den Worten „Es ist nicht erlaubt, gegen den Ersten Sekretär des ZK der SED zu polemisieren.“, und nicht nur von diesem, rüde abgekanzelt. Hermann Axen bestätigte, dass es unter Erich Honecker weder eine kritische Diskussion noch eine Kollektivität der Parteiführung gegeben hat.


So kam denn jener so denkwürdige wie folgenschwere 3. Mai 1971, auf dem Walter Ulbricht die bittere Pille endgültig schlucken und auf der 16. Tagung des ZK zur großen Überraschung der nicht eingeweihten Mitglieder und Kandidaten das als „Bitte“ verbrämte Ergebnis von Verschwörung und Breshnewscher Erpressung verkünden musste. Die unüberbrückbaren politischen Differenzen spielten dabei natürlich keinerlei Rolle, die durften allein schon deshalb nicht öffentlich werden, um dem Gegner „keine Angriffsfläche“ zu bieten. Es merkte auch kaum jemand, dass mit diesem vorzeitigen Wechsel Walter Ulbricht praktisch jede Einflussmöglichkeit auf die Vorbereitung des VIII. Parteitages, insbesondere den Rechenschaftsbericht und die Erarbeitung der notwendigen Beschlussvorlagen, genommen wurde. Doch derartiges war ja auch gar nicht notwendig, schließlich würde niemand einem bald 78jährigen den eigentlich wohlverdienten Rückzug aufs Altenteil verübeln wollen. Er konnte im Gegenteil würdig und gar noch mit Tränen in den Augen ehrenvoll verabschiedet werden, wobei Tränen der Rührung bei vielen der Anwesenden zweifellos echt waren und von Herzen kamen, die der Verschwörer dagegen entweder geheuchelt oder solche der Freude über den gelungenen Staatsstreich. Und außerdem schien der im Statut gar nicht verankerte neue Titel „Vorsitzender der SED“ doch zum Ausdruck zu bringen, dass er trotzdem weiter gebraucht und eine ihm angemessene Rolle in der Partei – die des „Übervaters“ gewissermaßen - spielen würde, während der „Erste Sekretär“ da doch mehr nach bloßer Geschäftsführung klang. Und dann wurde ihm ja auch noch der Vorsitz des Staatsrates und damit das Amt des Staatsoberhauptes belassen. Dass dieses wie überhaupt die Stellung des Staatsrates im politischen und staatlichen Gefüge alsbald ebenfalls nur noch der reinen Repräsentation dienen sollten, ahnte wohl kaum einer der nicht dem Politbüro bzw. dem Sekretariat angehörenden Mitglieder und Kandidaten des ZK. Ein Wunder war das nicht, woher sollten sie auch den entsprechenden Abschnitt jenes berüchtigten Briefes nach Moskau kennen: „... Dabei wäre es gleichzeitig geboten, die bisher übertriebenen und künstlich ausgeweiteten Befugnisse des Staatsrates zu beschränken. Die Tätigkeit des Staatsrates, die heute oft dazu benutzt wird, um ohne das Politbüro Entscheidungen zu treffen, wäre der Kontrolle des Politbüros zu unterstellen. ...“ Entscheidungen auf höchster Ebene zu treffen, stand nach Meinung der Verschwörer einzig und allein dem Politbüro zu, basta! Das freilich führte denn auch zu einer übergroßen und unkontrollierbaren Machtstellung dieses Parteiorgans und vor allem des Ersten Sekretärs persönlich. Anstelle einer politischen Führung gesellschaftlicher Prozesse wurde nun endgültig in den Staat hineinregiert, der Staatsapparat verkam vollends zum bloßen Exekutivorgan der Parteiführung. Die Walter Ulbricht von Hermann Axen vorgeworfene Verquickung von Partei- und Staatsämtern, die er am Beispiel der einstigen Tätigkeit als Generalsekretär und Erster Stellvertretender Ministerpräsident belegte, wurde unter Erich Honecker nicht beseitigt oder wenigstens verringert, sondern zu im schlechten Sinne höchster Blüte geführt. Öffentliche Auftritte Walter Ulbrichts wurden von nun ab nicht nur wesentlich seltener, sie verkamen zur reinen Repräsentationsaufgabe. Es reichte, dass er anwesend war, Orden verlieh und Glückwunschschreiben verlas, auf politische Inhalte Einfluss zu nehmen, war ihm weitgehend verwehrt. Wie sehr der Staatsrat und vor allem er selbst bereits ins Abseits gedrängt worden waren, machten die mit schöner Regelmäßigkeit in der Tagespresse veröffentlichten und vom Inhalt mehr langweilenden Glückwunschschreiben an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im In- und Ausland, beispielsweise zu Geburtstagen oder anlässlich der Wahl in ein wichtiges Partei- oder Staatsamt, deutlich: Nach den meist im Wortlaut abgedruckten Lobeshymnen des neuen Ersten Sekretärs folgte lediglich der lapidare Satz „Der Vorsitzende des Staatsrates, Walter Ulbricht, gratulierte ebenfalls.“ Zumindest konnte die Öffentlichkeit dem entnehmen, dass er noch da war. Damit im Sinne Erich Honeckers ja nichts schief gehen konnte, ließ er zusätzliche „Sicherungen“ einbauen: Zunächst schrieb er dem nominellen Staatsoberhaupt eine tägliche Arbeitszeit von höchstens drei oder vier Stunden vor und erließ ein Reiseverbot, natürlich immer mit der Begründung, es gehe um die Schonung seiner Gesundheit. Bei Sitzungen durfte er nicht länger als zwei Stunden anwesend sein, seine Redezeit wurde auf höchstens 15 Minuten beschränkt. Damit war der Parteivorsitzende, der immerhin auch noch Mitglied des Politbüros war, von jeglicher Diskussion und Entscheidung politischer Fragen weitgehend ausgeschlossen, zumal er keinen Einfluss auf die Tagesordnung mehr hatte. Entgegen der Verfassung wurde die neue Funktion des „Amtierenden Stellvertreters des Vorsitzenden des Staatsrates“ geschaffen, mit der Friedrich Ebert betraut wurde, der nur allzu gern seinem 1925 verstorbenen gleichnamigen Vater auf den Stuhl eines Staatsoberhauptes gefolgt wäre. Fortan nahm er die Aufgaben Walter Ulbrichts wahr und blieb auch dann im Staatsratsgebäude, wenn der gewählte Vorsitzende anwesend war und seine Amtsgeschäfte selbst führte. Sogar die Einrichtung des Arbeitszimmers ließ der neue Erste Sekretär ändern – die umfangreiche Büchersammlung des gewählten Staatsoberhauptes wurde aus den Schränken entfernt und, wie bei Frank Schumann nachzulesen ist, durch „den üblichen Polit-Tinnef“, also bei Auslandsreisen erhaltene Gastgeschenke oder Mitbringsel von Staatsgästen ersetzt. Ob diese der reinen Dekoration dienenden Gegenstände einen mehr oder minder großen ideellen, materiellen oder künstlerischen Wert hatten, spielte kaum eine Rolle. Für Erich Honecker, dem nachgesagt wird, nie privat eine Theater- oder eine Opernaufführung besucht zu haben, musste es nicht unbedingt wichtig sein, ob es sich um Kunst oder Kitsch handelte. Die Parteipresse, einschließlich der Bezirkszeitungen, veröffentlichte keine von Walter oder Lotte Ulbricht geschriebene Leserbriefe mehr, wobei es dazu oftmals nicht erst einer Anweisung aus dem ZK-Gebäude bedurfte: Parteijournalisten hatten gewöhnlich ein feines Gespür für die politische Großwetterlage und waren daher in Sachen Selbstzensur geübt. Warum also sollte man sich unnötigerweise einen Anranzer vom zuständigen ZK-Sekretär einhandeln? Ja, Erich Honecker scheute sich nicht einmal, jeden Schritt seines Vorgängers mit Argusaugen zu verfolgen, wobei er ihn selbst im Urlaub nicht aus den Augen ließ: Erhalten sind vom Ersten Sekretär persönlich abgezeichnete Schreiben, in denen Personen wie beispielsweise Dr. Rudi Georgi, der Minister für Verarbeitungsmaschinen- und Fahrzeugbau, und Karl Mewis, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Marxismus-Leninismus, über Begegnungen mit Walter Ulbricht während des Urlaubs und die dabei geführten Gespräche genauestens Bericht erstatteten. Darin waren selbst Belanglosigkeiten wie allgemeine Fragen nach dem Gesundheitszustand oder der Familie wiedergegeben worden – auch ein Beleg für den von abgrundtiefem Misstrauen, Pedanterie, Kleinkrämerei, Kleingeisterei und Bürokratie geprägten Arbeitsstil des neuen ersten Mannes.


Der die Weichen in eine völlig andere Richtung stellen sollende VIII. Parteitag fand dann ohne Walter Ulbricht statt. Freilich, er war gewählter Delegierter und er sollte als Parteivorsitzender auch die Eröffnungsrede halten, dann aber kam alles ganz anders: Am 14. Juni 1971 war er gemeinsam mit den Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros noch zum Empfang der sowjetischen Delegation zum Parteitag auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld gewesen. Was sich nach Augenzeugenberichten dort abspielte, spottet jeder Beschreibung, war ein alarmierendes Zeichen für einen eklatanten Mangel an Höflichkeit, Achtung und Feingefühl beim neuen ersten Mann, denn Erich Honecker schob Walter Ulbricht plötzlich sehr unsanft zur Seite und drängte sich vor, um den die Gangway herunterkommenden Leonid Iljitsch Breshnew unbedingt als erster begrüßen zu können. Diese Demütigung, noch dazu in aller Öffentlichkeit, nahm den gesundheitlich ohnehin angeschlagenen Parteivorsitzenden so mit, dass er am Abend in seiner Wohnung einen Kreislaufzusammenbruch erlitt. Der Parteitag fand ohne ihn statt, seine bereits vorbereitete Rede wurde von Hermann Axen verlesen. Die hier gefassten Beschlüsse sollten die bisherigen Verhältnisse grundlegend umkehren: Die Wirtschaftspolitik hatte unter Walter Ulbricht eine Stärkung der Ökonomie verfolgt, die allerdings zu Lasten der Konsumtion gegangen war, worauf jenes Zitat von Armeegeneral Heinz Hoffmann Bezug nahm. Die DDR hatte hier immer ein schwerwiegendes Problem, von dem ihre Partnerländer nicht oder zumindest in viel geringerem Maße betroffen waren – sie befand sich an der Trennlinie zu einem System, das es trotz aller behaupteten Überlegenheit so trauriger- wie beschämenderweise nötig hatte, ein „roll back“ dessen, was dort unter Kommunismus verstanden wurde, im allgemeinen und das „Verschwinden“ der DDR im besonderen mit allen Mitteln zu erreichen. So wurden gemäß der von den rechten SPD-Führern Kurt Schumacher und Ernst Reuter entwickelten „Magnettheorie“ durch Marshall-Plan und staatliche Subventionen Millionen über Millionen aufgewendet, um die BRD und die selbsternannte „Frontstadt“ Berlin (West) mit ihrer offenen Grenze zur DDR zu „Schaufenstern der freien Welt“ auszubauen. Insbesondere nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre musste das ganz einfach Wirkung zeigen, zwar nicht bei allen, aber doch bei vielen: Warum sollte man sich gemäß Ulbrichtschem Programm auf Jahre und Jahrzehnte hinaus mühsam abschinden, sich nichts oder kaum etwas gönnen, wo es doch im kapitalistischen Deutschland und in Berlin (West) unter den alten Eliten scheinbar viel leichter und noch dazu materiell wesentlich besser zu gehen schien? Dass jene Eliten mit zwei in Katastrophen endenden Weltkriegen gewaltiges Unheil angerichtet und dieserhalb ihren Führungsanspruch längst verspielt hatten, wurde bei vielen mehr und mehr vergessen, je lauter das „Wirtschaftswunder“ gepriesen wurde. Dass viele Bundesbürger und Einwohner von Berlin (West) daran gar nicht teilhaben konnten, weil sie eben weiterhin zu denen gehörten, die ganz unten bleiben mussten, kam nur den wenigsten in den Sinn. Doch anstatt ein wissenschaftlich begründetes gesundes Verhältnis zwischen den Investitionen in die Produktion auf der einen und den in die Konsumtion auf der anderen Seite zu finden, wurde unter dem Schlagwort „Beseitigung von Disproportionen“ nicht mit Augenmaß korrigiert, sondern das Verhältnis einfach umgedreht. Angesichts des unter Walter Ulbricht doch relativ gut bestellten Feldes konnte sein Nachfolger aus dem Vollen schöpfen, was jedoch bekanntlich nur kurze Zeit gutging. Spätestens zu Beginn der 1980er Jahre waren die Vorräte aufgebraucht, die von Günter Mittag selbstherrlich bestimmte Wirtschaftspolitik war nur noch darauf gerichtet, zu kommandieren und zu dirigieren; sie musste sich schließlich notgedrungen auf das Stopfen von Löchern beschränken, wodurch wiederum anderswo neue Löcher aufgerissen wurden. Die Unzufriedenheit weiter Teile der Bevölkerung wuchs zusehends und damit auch die Zahl derer, die unter allen möglichen Vorwänden mit der DDR brachen und alles daransetzten, in den vermeintlich goldenen Käfig des Kapitalismus zu gelangen. Als noch dazu der ausgerechnet von den Leuten, die das „Reich des Bösen“ auf „den Müllhaufen der Geschichte“ fegen wollten, so hochgelobte „Reformer“ in Moskau namens Michail Sergejewitsch Gorbatschow ab 1986 hinter den Kulissen ernsthaft begann, die DDR an ihren ärgsten Feind auszuliefern, war der Boden für 1989 bestellt, nunmehr konnte endgültig darangegangen werden, den kleineren deutschen Staat sturmreif zu schießen. Dazu bedurfte es nicht einmal mehr des von Konrad Adenauer erträumten „Marschs der Bundeswehr durch das Brandenburger Tor“, es reichte ein eigentlich ganz harmloses kleines gelbes, von der Form her an eine Rakete erinnerndes Geschoss: Zumindest bei all den DDR-Bürgern, denen tieferes Nachdenken eine zu anstrengende und zeitraubende Beschäftigung war, trug die Banane den Sieg über das Wohnungsbauprogramm davon. Viele der so Verführten, von denen sich auch eine beträchtliche Anzahl bereitwilligst und gierigst hatte verführen lassen, erkannten ihren folgenschweren Irrtum erst, als es schon zu spät war.

Walter Ulbricht musste das alles nicht mehr miterleben – nachdem er in der Nacht vom 18. zum 19. Juni 1971 eine weitere Herzattacke erlitten hatte, ging es nur noch bergab. Am 30. Juni kam das Politbüro in sein Wohnhaus, um zum 78. Geburtstag zu gratulieren, unangemeldet, überfallartig, Lotte und Walter Ulbricht waren völlig überrumpelt. Das ADN-Bild ging um die Welt und es ist wohl schwer zu beweisen, dass die Verbreitung ausgerechnet dieses Fotos nicht von Erich Honecker gewollt und abgesegnet worden war: Da saß ein gebrechlicher Greis in Morgenrock und Hauspantoffeln im Großvaterstuhl, zu dem sich der „Königsmörder“ scheinbar demütig hinunterbeugte, um den obligatorischen Blumenstrauß zu überreichen, während seine Suite mit gespannter Aufmerksamkeit zusah, so, als wolle sie die Wirkung testen. Die hinterhältige Absicht mag nicht jeder Zeitungsleser und Fernsehzuschauer sofort erkannt haben, doch es dürfte ebenfalls schwerfallen, den Beweis dafür anzutreten, dass nicht vorgesehen war, Walter Ulbricht, dem zusammen mit seiner Frau nur noch übrigblieb, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, der Lächerlichkeit preiszugeben. Der Dramatiker Peter Hacks schrieb dazu Jahre später das Gedicht „Der Fluch“, in dessen dritter Strophe es heißt.

 

Wie er saß, so hergerichtet,
Wagten sie sich kühn in seine Nähe,
Auch ein Photokünstler ward verpflichtet,
Daß sein Zeugnis an die Presse gehe
Und die Menge, kenntlich abgelichtet,

Wie sie ihn besichtigten, besähe.
Doch der Oberste der Dilettanten

Machte sich zum Festtagsgratulanten.

Was in den nächsten Jahren folgen sollte, drückte er zu Beginn der fünften Strophe so aus:

 

Oh, mein Bau steht fest, hat Dach und Wände
Kein bestauntes oder schnelles Ende
Hab ich Deiner Wut vorherzusagen.
Selbst ein Narr braucht Zeit, den abzutragen.
Zehn, zwölf Jahre geb ich dir, ein langes
Dauerleiden deines Niederganges.

 

Doch die Rachsucht des „Königsmörders“ kannte offenbar keine Grenzen: Noch zu Lebzeiten des einst so Geehrten wurde das für die 1973 bevorstehenden X. Weltfestspiele umgebaute „Walter-Ulbricht-Stadion“ in „Stadion der Weltjugend“ umbenannt. Auf dem Plenum im September gab der Nachfolger Walter Ulbrichts Krankenakte in Umlauf – eine in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung wohl einmalige Niedertracht! Als der so Gedemütigte wieder einigermaßen auf den Beinen war und entgegen den Erwartungen zur Sitzung des Politbüros am 26. Oktober kam, wo er diese Vorgehensweise sowie die hinter seinem Rücken erfolgte Übernahme der Funktion des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates durch Erich Honecker berechtigt und heftig kritisierte, wurde er von allen Anwesenden nicht nur im Stich gelassen, sondern wie ein dummer Schuljunge abgekanzelt – siehe das bereits erwähnte Zitat Willi Stophs. Dass ihn die Volkskammer im November 1971 nochmals zum Vorsitzenden des Staatsrates wählte, war zwar nicht mehr zu verhindern gewesen, doch Günter Mittag hatte bereits durchblicken lassen, dass auch das eigentlich nicht gewollt gewesen war. Zur „Sicherheit“ wurde deshalb für Friedrich Ebert die bereits erwähnte Aufpasserfunktion geschaffen. Die Demütigungen sollten auch weiterhin kein Ende nehmen und eine der wohl schlimmsten geschah 1972 im Warnemünder Hotel „Neptun“, damals die modernste und internationalen Ansprüchen genügende Einrichtung in der DDR, deren Bau von Walter Ulbricht persönlich gefördert worden war: Als Fidel Castro im „Neptun“ weilte, hatte er auch das Ehepaar Ulbricht für einen Tag zu sich eingeladen. Beim Betreten der Eingangshalle zwang Werner Lamberz Hoteldirektor Klaus Wenzel mit der Begründung, Erich Honecker wolle die beiden hier nicht sehen, den immerhin Partei- und Staatsratsvorsitzenden umgehend des Hotels zu verweisen – eine Peinlichkeit, die bereits einem Skandal gleichkam! Diese Behandlung war auch für Fidel Castro als Staatsgast und Einlader des Ehepaares Ulbricht eine Beleidigung. Dass derartige demütigende, ja, menschenverachtende Behandlungen mit zur beschleunigten Untergrabung der Gesundheit beitrugen, ist nicht von der Hand zu weisen. So war nun allen Widerständen und Anstrengungen zum Trotz am Ende des achten Lebensjahrzehnts der physische und psychische Verfall nicht mehr aufzuhalten. Letztmalig konnte er am 30. Juni öffentlich auftreten, um im Staatsratsgebäude die Glückwünsche zum 80. Geburtstag entgegenzunehmen, sitzend, weil ihm Stehen nicht mehr zuzumuten war. Auch diese Festveranstaltung war auf Weisung Erich Honeckers gemäß Politbürobeschluss penibel vorbereitet und für das Protokoll Festlegungen erlassen worden, die eine weitere Demütigung darstellten: Die Einladung ausländischer Gäste wurde ebensowenig zugelassen wie eine im Anschluss an die offizielle Gratulationscour vorgesehene private Feier mit geladenen Gästen. Immerhin konnte sich das Politbüro im letzten Punkt noch dazu durchringen, eine Delegation des Kombinats VEB Leuna-Werke „Walter Ulbricht“ einzuladen und auch Vertreter seiner Geburtsstadt Leipzig durften anwesend sein. Erich Honecker überreichte nach dem Verlesen des Glückwunschschreibens des ZK der SED, in dem wie üblich der gesamte Lebenslauf des Geehrten heruntergebetet wurde, obwohl er den selbst am besten kennen musste und in dem natürlich jeder Schritt seiner politischen Laufbahn ungeachtet der Tatsache, dass auch Irrungen und Wirrungen nie auszuschließen sind, als „folgerichtig“ galt, den Orden „Großer Stern der Völkerfreundschaft“ - nicht den höchsten, den „Karl-Marx-Orden“! - und den von der sowjetischen Staatsführung verliehenen „Orden der Völkerfreundschaft“, worüber die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF in der BRD mit mürrischem Unterton zu vermelden hatten: „SED-Chef Honecker verlieh dem Jubilar zwei Orden.


Drei Wochen danach kam am 24. Juli der wohl bislang schwärzeste Tag in seinem Leben – Walter Ulbricht erlitt einen Schlaganfall7, fiel danach gar ins Koma. Der Einladung zur Eröffnung der X. Weltfestspiele konnte er nicht mehr Folge leisten, zumal Nieren- und Lungenprobleme seinen Zustand noch weiter verschlimmerten. Lotte Ulbricht war damit klar, dass nichts mehr zu retten war und sie sich nur noch in das Unabänderliche fügen konnte. Sie sah deshalb keinen Sinn mehr darin, das Leben ihres Mannes um einige Tage oder wenigstens um Stunden verlängern zu lassen und ließ ihn nach Hause holen. Dem Politbüro und vor allem Erich Honecker persönlich dürfte das gar nicht so recht gewesen sein, denn ein Ableben Walter Ulbrichts während der X. Weltfestspiele musste eine schwierige Lage entstehen lassen. Dennoch blieb der Parteiführung keine andere Wahl als sich auf diesen Fall einzustellen, wobei es müßig ist, darüber zu spekulieren, ob jene bekannte Verlautbarung, wonach „die Weltfestspiele, die so großartig und eindrucksvoll begonnen haben“, auch dann unverändert weitergehen sollten, „wenn das Schlimmste“ für ihn selbst einträte, wirklich von ihm selbst stammte. Dieses Schlimmste für ihn selbst trat dann auch tatsächlich während der Weltfestspiele ein, am 1. August 1973 um 12.55 Uhr schloss Walter Ulbricht seine Augen für immer. Die Nachricht über das Ableben einer so prominenten Persönlichkeit konnte freilich nicht zurückgehalten, sie musste zwangsläufig am gleichen Tage veröffentlicht werden. Das ganze Land war tief betroffen und auch die bis dahin so fröhlich gewesenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der X. Weltfestspiele reagierten mit Trauer und Bestürzung. Doch da war ja immerhin noch jene Verlautbarung, die sagte „Lasst Eure Fröhlichkeit selbst dadurch keine Minute unterbrechen.“, was bei einem solchen Großereignis wohl als vertretbar angesehen werden kann – ein Abbruch hätte sicher ungeahnte Folgen gehabt. Obwohl die Fahnen im ganzen Land deshalb erst am 7. August auf Halbmast gesetzt wurden, blieb selbst der Tote noch ein Ärgernis für seinen Nachfolger: Walter Ulbricht war in diesen sieben Tagen keineswegs schon fast vergessen, weshalb alle Hoffnung, die nun einmal nicht zu umgehenden Trauerfeierlichkeiten schnell und ohne großes Aufsehen über die Bühne zu bringen, fahren gelassen werden musste: Obwohl es an diesem Morgen regnete, wurde die Schar derer, die im Staatsratsgebäude von ihm Abschied nehmen wollten, nicht kleiner. Bis in die Innenstadt reichte die Schlange und sowohl Freund als auch Feind waren genötigt zur Kenntnis zu nehmen, dass es der großen Mehrheit tatsächlich ein Bedürfnis war, einem bedeutenden Menschen die letzte Ehre zu erweisen. Die Zeit der Aufbahrung musste sogar verlängert werden. Erich Honecker kam nicht umhin, selbst die Trauerrede zu halten, doch wie er die, noch dazu mit seiner unangenehm hohen und sich häufig überschlagenden Stimme, zelebrierte, erinnerte sie mehr an einen Rechenschaftsbericht an den Parteitag. Da war nichts von menschlicher Wärme und Herzlichkeit zu spüren gewesen, sie wirkte eher kühl, distanziert und geschäftsmäßig. Es war, als entledige er sich lediglich einer lästigen Pflicht. In den Medien freilich hatte er alles getan, um nur nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, er sei zwei Jahre zuvor der Brutus gewesen, der den Dolch geführt hatte: Mit Eifer war er darauf bedacht, dass auch ja möglichst viele Bilder veröffentlicht wurden, auf denen er gemeinsam mit Walter Ulbricht zu sehen war, dabei stets lächelnd, dienstbeflissen, des „Chefs“ unentbehrlicher und ihm stets treuer, zuverlässiger und freundschaftlich verbundener Helfer, sein „getreuer Eckard“ eben und somit dessen Nachfolge am würdigsten. Parallelen zum schnauzbärtigen Georgier Josef Dschugaschwili sind unverkennbar – der ließ sich auf Gemälden auch niemals als Konkurrent um die Macht, sondern als der treue Freund und unentbehrliche Helfer Lenins darstellen, was nur diesen einen Eindruck erwecken sollte: Lenin konnte so genial sein wie er wollte, ohne die uneigennützige Hilfe seines treuesten Kampfgefährten wäre der Sturm auf den Winterpalast bestenfalls ein russisches Wintermärchen geworden. Stalin hatte es also vorgemacht, wie man sich selbst in den Mittelpunkt drängen konnte, ohne dass dieses Vordrängen überhaupt bemerkt wurde. Man musste dazu nur gerissen genug sein und es elegant zu tun wissen. Erstaunlich war außerdem, welche Würdigungen Walter Ulbricht da fand, wo er am meisten als Unperson galt – in der kapitalistischen Welt: So schrieb mit der „New York Times“ am 2. August 1973 eine der angesehensten und meistgelesenen US-amerikanischen Zeitungen – kein drittklassiges Provinzblättchen also – über ihn, unter seiner Führung sei die DDR zu einem der zehn wirtschaftlich stärksten Industrieländer der Welt aufgestiegen. Walter Ulbricht hatte den laut Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger allenfalls ein „Gebilde“ sein sollenden Staat bis an die Schwelle der weltweiten Anerkennung geführt – auch das wurde ihm in der kapitalistischen Welt mit einigem Erstaunen bestätigt. Der nun keineswegs der DDR-Freundlichkeit zu verdächtigende „Deutschlandfunk“ strahlte ein früheres Interview aus, in dem er auf die Frage, ob er angesichts der Entwicklung seines Staates glücklich und zufrieden sei, lächelnd geantwortet hatte: „Ob ich glücklich bin? Ja, ich bin glücklich. Ob ich zufrieden bin? Nein, man sollte nie zufrieden sein.“ Das war eine Eigenschaft, an der es seinem Nachfolger fast völlig gebrach: Unter ihm machte sich eine gefährliche Selbstzufriedenheit breit, die in der längst bis zum Überdruss strapazierten Formel von der „klugen Politik der Partei“ ihren beredtesten Ausdruck fand.


Von nun an wurde es still um Walter Ulbricht. Nein, zur Unperson wurde er nicht erklärt, das wäre bei vielen Menschen auf Unverständnis gestoßen. Erich Honecker hätte sich derartiges vermutlich auch nicht gewagt, obwohl kaum jemals ein Politiker von jähen Wendungen frei ist und es auch nicht wenige ihrer Art gibt, die Hass- und Rachegefühlen gegenüber einstigen Rivalen freien Lauf lassen. So etwas aber hätte die der Öffentlichkeit unterbreitete Art und Weise des Abtretens von Walter Ulbricht als eines verdienstvollen, aber nunmehr aus Alters- und Gesundheitsgründen den kommenden Beanspruchungen verständlicherweise nicht mehr gewachsenen Partei- und Staatsführers an jenem 3. Mai 1971 mindestens in den Verdacht gerückt, eine Lüge gewesen zu sein. Damit hätten sich das Politbüro und Erich Honecker persönlich nur geschadet. Doch Parteijournalisten haben wie gesagt ein feines Gespür für die politische Großwetterlage, sie wissen folglich, was gewünscht ist und was besser ungeschrieben oder ungesagt bleiben sollte. So erschöpfte sich die Erwähnung Walter Ulbrichts in den Folgejahren in dürren Meldungen darüber, dass anlässlich seines Geburts- oder seines Todestages in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde ein Kranz oder ein Blumengebinde niedergelegt worden war, im Auftrage Erich Honeckers natürlich. Nun, es musste ja auch niemand erwarten, dass sich der neue erste Mann jedesmal persönlich an sein Grab bemühte, das war allenfalls bei runden Jubiläen erforderlich. Jedenfalls konnte niemand behaupten, Walter Ulbricht sei dem Vergessen preisgegeben worden. Gelegentlich machten auch Gerüchte die Runde: Lotte Ulbricht lebe in der Schweiz, hieß es einmal, was dem Unbedarften doch nur eines sagen konnte, nämlich, dass es ein Zerwürfnis mit der nunmehrigen Partei- und Staatsführung gegeben haben müsse, in dessen Folge sie mit DDR und SED gebrochen habe. Schließlich war ja auch Stalins Tochter Swetlana zwischenzeitlich in die Schweiz übergesiedelt, was durch die bürgerlichen Medien weidlich ausgeschlachtet worden war. Dann wieder wurde in Arbeitskollektiven diskutiert, nein, das stimme nicht, Lotte Ulbricht sei lediglich zur Kur. Einmal war dabei von der Schweiz, ein anderesmal von Jugoslawien die Rede, wobei der bösartige Unterton bei manchen nicht zu überhören war: „Die darf dorthin und wir nicht!“


In Leipzig freilich gingen die Uhren etwas anders, zumal SED-Stadtleitung und Rat der Stadt nicht vergessen hatten, dass Walter Ulbrichts Verhältnis zu seiner Geburtsstadt nicht einzig und allein durch die von ihm zu verantwortende Beseitigung der historischen Universitätskirche bestimmt war. Ob die Gründe dafür wirklich ausschließlich politischer, am Ende gar offen kirchenfeindlicher Natur waren, wie antikommunistische und nicht gerade sehr sachlich argumentierende Kritiker behaupten, ist bislang nicht bewiesen. Zumindest stehen dem die Bemühungen Walter Ulbrichts um ein ausgewogenes und sachliches Verhältnis zu den evangelischen Kirchen entgegen, die ihren Höhepunkt in den Gesprächen mit dem thüringischen Landesbischof Dr. Dr. Moritz Mitzenheim sowie bekannten Theologen wie Prof. Dr. Emil Fuchs erreichten. Auf keinen Fall darf zudem außer Acht gelassen werden, dass die gleichen Leute zum Abriss historisch wertvoller Bausubstanz in der BRD wie des im Krieg zwar teilzerstörten, aber wiederaufbaufähig gewesenen Braunschweiger Schlosses ebenso schweigen wie sie die Aufbau-Euphorie der 1950er und 1960er Jahre ausblenden. Aus heutiger Sicht ist es freilich sehr leicht, damalige Fehlentscheidungen zu kritisieren, denn im Nachhinein ist man oftmals schlauer. Derartige Handlungen sind nicht entschuld-, aber eben nur aus den damaligen Verhältnissen und den seinerzeitigen, auch überzogenen und überspitzten Ansichten über schöne und moderne Stadtgestaltung erklärbar. Für den Wieder- wie für den Neuaufbau Leipzigs hat Walter Ulbricht jedenfalls viel getan, Sportforum mit Zentralstadion, Schwimmstadion, Hockeystadion und Festwiese entstanden ebenso mit seiner Unterstützung wie die Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) und damit eine bislang einmalige Konzentration von Lehr-, Forschungs-, Übungs- und Wettkampfstätten, nicht zu vergessen das neue Opernhaus. Es bedarf wohl keines besonderen Hinweises, dass jene so scharfzüngigen Kritiker der Beseitigung der historisch wertvollen Universitätskirche kein Wort zur in der BRD erfolgten Abwicklung der DHfK haben verlauten lassen. Die Schulleitung der 43. POS, also der Schule, die Walter Ulbricht von 1899 bis 1907, als sie noch 5. Bezirksschule hieß, besucht hatte und in der er auch als erster Mann von Partei und Staat mehrfach zu Gast war, beantragte im Herbst 1973, der Einrichtung seinen Namen zu verleihen. Schüler befassten sich in Forschungsaufträgen mit seinem Leben und Wirken, eine ständige Wandzeitung informierte darüber, zudem gab es regelmäßig Heimatkundestunden an seinem Geburtshaus und zu Lotte Ulbricht wurde selbstverständlich Verbindung aufgenommen. Man mag es kaum glauben, doch es dauerte volle sieben Jahre, bis die SED-Bezirksleitung Leipzig die Zustimmung aus dem „Großen Haus“ am Berliner Werderschen Markt erreichen konnte. Es brauchte viel Zeit, bis sich dort die Erkenntnis Bahn brach, dass mit Walter Ulbricht so nicht umgegangen werden konnte, sondern vielmehr endlich auf den ihm gebührenden Platz in der Geschichte zu stellen war. Erste Schritte dazu waren ein ganzseitiger Beitrag in „ Neues Deutschland “ vom 30. Juni 1978, die Herausgabe einer Sammlung von Aufsätzen durch den Dietz-Verlag und eine anlässlich des 30. Jahrestages der DDR im Beisein von Lotte Ulbricht vor seinem Geburtshaus vorgenommene Ehrung. Schließlich bemühte sich gar der einstige „Königsmörder“ Erich Honecker in der Autobiografie „Aus meinem Leben“ um eine entkrampftere Darstellung seines Vorgängers. Am 6. Mai 1980 war es schließlich auch soweit, dass der 43. POS aus Anlass des 35. Jahrestages der Befreiung in Anwesenheit von Lotte Ulbricht und dem Sekretär der SED-Bezirksleitung Dietmar Keller der Ehrenname „Walter Ulbricht“ verliehen wurde. Auf einem feierlichen Appell übergab Oberbürgermeister Dr. Karl-Heinz Müller die Urkunde an Schuldirektor Lothar Nitzsche. Erstaunlich war hier, welche Aufmerksamkeit dieses doch eigentlich mehr lokale Ereignis im anderen deutschen Staat fand, der den Geehrten zu Lebzeiten gern mit seinem Hass und seiner Häme überzogen hatte: Schon begannen wilde Spekulationen über eine „Ulbricht-Renaissance“ ins Kraut zu schießen und ZDF-Reporter Dieter Zimmer, der Anfang 1980 Filmaufnahmen machen konnte, sah in den vorhandenen Zeugnissen über eine Ehrung „eine Art von Devotionalienschrein“. Am 30. Juni 1983 wurde an der Schule eine neue Gedenktafel, die dritte ihrer Art übrigens, angebracht. Gleichfalls im Jahre 1983 erschien im Dietz-Verlag „Walter Ulbricht – Ein biographischer Abriß“ von Heinz Voßke. Selbstverständlich gab es darin keinen Platz für mindestens Problematisches wie eben Erich Honeckers so verhängnisvoll gewesene Überrumpelung auf der 11. ZK-Tagung 1965 oder die Vorgänge um jenen „Königsmord“ von 1971, doch ein durchaus nicht unwesentlicher Schritt zu einer sachlichen und gerechten Bewertung Walter Ulbrichts und seines Wirkens war damit getan. Beim Treffen mit Veteranen des Aufbaus stand Lotte Ulbricht am 2. Oktober 1984 beim Abschlussfoto in der ersten Reihe, gemeinsam mit Wilhelmine Schirmer-Pröscher (LDPD, Alterspräsidentin der Volkskammer) und Eleonore Staimer (jüngste Tochter Wilhelm Piecks, von 1958 bis 1969 Gesandte bzw. Botschafterin der DDR in der SFR Jugoslawien) und, unmittelbar an ihrer Seite, man mochte es kaum glauben – Erich Honecker. Am 21. Mai 1989 lichtete das kurz zuvor von Lotte Ulbricht getaufte Motorschiff „Walter Ulbricht“ den Anker, um seine Jungfernreise anzutreten.


Um so erschütternder und auch trauriger ist es, dass ausgerechnet in seiner Geburtsstadt, in der mit Energie und Zähigkeit gegen die im „Großen Haus“ am Werderschen Markt nicht unwillkommen gewesene Grabestille gerungen worden war, mit dem Herbst 1989 nicht nur eine neue Grabestille herbeidemonstriert, sondern der Bannfluch über Walter Ulbricht gleich mitverhängt wurde. Es ist wohl heute noch erstaunlich, wie groß die Zahl der sich so harmlos „Bürgerbewegte“ genannt habenden antikommunistischen Eiferer und Scharfmacher plötzlich war, die in ihrer Rigorosität dann nur noch von den gewendeten Bündnispartnerinnen der SED, allen voran dabei die gerade in Sachsen seitdem nicht nur schwarz, sondern tiefschwarz gefärbte CDU, überflügelt wurden. So wurde Walter Ulbricht und mit ihm viele, viele andere wieder und nun noch viel schlimmer zur Unperson gemacht, wozu selbstverständlich nicht nur die Abschaffung der nach ihm benannten Schule, sondern auch die Beschädigung, Beschmutzung und Entfernung der Gedenktafeln ebenso gehörten wie die Umbenennung von Straßen und Plätzen. Selbstredend wurde er auch aus der Liste der Leipziger Ehrenbürger getilgt, und zwar in einem Atemzuge mit Hindenburg, Hitler und Frick – die so falsche wie unselige und beleidigende Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus lässt grüßen! Aus MS „Walter Ulbricht“ musste ganz schnell ein MS „Thüringen“ werden, bevor es schließlich als „Shanghai Express“ nach Fernost verhökert wurde. Wer sich dem vom herrschenden Antikommunismus bestimmten Geschichtsbild widersetzt, darf sich auf schweren Beschuss mit Koffern voller politischer Rüpelhaftigkeiten gefasst machen: Als PDS-Vorsitzender Lothar Bisky einen zum 25. Todestag Walter Ulbrichts von Frank Schumann verfassten Beitrag veröffentlichte, in dem bei aller notwendigen und berechtigten Kritik an seinem Wirken kein anderes Fazit gezogen worden war als es Sebastian Haffner bereits 1966 getan hatte, dauerte es etwas, bis die bürgerliche Presse ihre Sprache wiedergefunden hatte. Dann aber schlug sie los, als sei sie tollwütig geworden, allen voran die Springer-Presse, deren Redakteuren wie schon Jahrzehnte zuvor der sprichwörtliche Schaum vor dem Munde stand: „Eine PDS, die Ulbricht als 'Staatsmann von Format' feiert, offenbart nicht nur höchst bedenkliche Demokratiedefizite, sie dankt damit auch als Partner für demokratische Parteien ab. Darüber sollten all die Sozialdemokraten noch einmal gründlich nachdenken, die sich von der SED-Nachfolgepartei tolerieren lassen oder demnächst ein Regierungsbündnis mit ihr eingehen möchten.“ Die im Kapitalismus Herrschenden begreifen genauso wenig wie die in ihrem Auftrage Regierenden und Propagierenden, dass sie auch bei akribischster Auflistung aller Fehler, Fehlleistungen und Verfehlungen sozialistischer und kommunistischer Politiker mit Unfreiheit durch Arbeitslosigkeit, Armut per Gesetz samt Kinder- und Altersarmut, Billigstlöhnen und Höchstpreisen, maßloser sozialer Ungerechtigkeit und den Katastrophen von 1918 und 1945 zum Trotz durchgepeitschter Kriegsbeteiligung auf Dauer nicht überzeugen können.


Ganz zum Schluss noch einige Angaben zu Privatem und Familiärem, da in den Fußnoten aus Platzgründen keine umfangreichen Erläuterungen möglich sind: Privates, in erster Linie Familiäres, kam bekanntlich bei Politikerinnen und Politikern der DDR fast nie in die Öffentlichkeit. Zum einen sollten Politik und Familie richtigerweise nicht miteinander verquickt werden, zumal im Lande weder Familienclans regieren noch die Spitzenämter in Partei und Staat durch eine Art Familiendynastie besetzt werden sollten wie das in der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik üblich ist. Zum anderen gab es keine Klatschpresse, die mit Skandalen und Skandälchen ihre Gewinne machte. Außerdem mochten Politikerinnen und Politiker der DDR nicht in negative Schlagzeilen geraten, schon gar nicht durch Affären, Alkohol am Steuer oder ergaunerte Doktortitel. Derartiges wäre in den bundesdeutschen Medien ohnehin nach Herzenslust ausgeschlachtet und zur Demontage benutzt worden und so manches auf welchem Wege auch immer Durchgesickerte wurde bekanntlich mit Kusshand genommen, um es aufgebauscht und mit mehr oder weniger zusammengereimten Einzelheiten ausgeschmückt mit politischem und finanziellem Gewinn in die Öffentlichkeit zu bringen. So war breiten Kreisen der Bevölkerung der DDR nahezu unbekannt, dass Walter Ulbricht 1920 die bereits erwähnte Ehe mit der Leipziger Näherin Martha Schmellinsky, wie er Mitglied der KPD und ab 1946 der SED, eingegangen war. Sie kannten sich übrigens nicht erst seit 1918, wie im MDR dargestellt, sondern waren schon seit 1915 befreundet. In der Biografie von Heinz Voßke wird diese Ehe erwähnt, allerdings nur kurz und mit dem Hinweis, die Eheleute hätten sich bald auseinandergelebt. Bei Frank Schumann findet man eine andere Darstellung: Das junge Glück war nicht von langer Dauer, da Walter Ulbricht bis zum Herbst 1921 wegen des Vorwurfs der Verbreitung „kommunistisch-spartakistischer Flugblätter“ per Haftbefehl gesucht wurde und für nahezu anderthalb Jahre untertauchen musste. Als er 1924 im Auftrage der Komintern nach Prag und dann nach Wien ging, war seine Frau bei ihm. In Wien erfolgte wieder eine Verhaftung mit mehrmonatigem Gefängnisaufenthalt und anschließender Abschiebung über Prag nach Leipzig. Zwei Jahre später nahm Walter Ulbricht Frau und Tochter für mehrere Wochen nach Moskau mit. Im September 1931 erfolgte wiederum eine Anklage vor dem Reichsgericht wegen „literarischen Hochverrats“ mit anschließender Verurteilung zu zwei Jahren Festungshaft8. Ansonsten wirkte Walter Ulbricht unermüdlich für die KPD, er war das, was im Volksmund gewöhnlich als „Arbeitstier“ bezeichnet wird. Dabei war er die meiste Zeit außerhalb Leipzigs tätig, fand nur selten Zeit für Heimfahrten, um sich auch der Familie zu widmen: In den Jahren 1921 bis 1923 arbeitete er in Erfurt als Politischer Leiter der KPD-Bezirksorganisation Großthüringen9, 1925 im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) in Moskau, war seit 1926 Reichstagsabgeordneter und seit 1929 Mitglied des Politbüros des ZK der KPD sowie Politischer Leiter der KPD-Bezirksorganisation Berlin-Brandenburg-Lausitz-Grenzmark10. Da blieb nur selten Zeit, wobei aus den bisherigen Quellen nicht ersichtlich ist, warum er seine Familie nicht etwa zu sich holte, wie sich das Verhältnis zur Tochter entwickelte, ob und wenn ja, wie er überhaupt seine Familie in seine Arbeit einbezog, wie intensiv briefliche Kontakte waren oder ob sich der Kontakt am Ende ausschließlich auf die finanzielle Unterstützung beschränkte. Offenbar schwanden auf Grund der häufigen und meist langandauernden Abwesenheit nicht nur Walter Ulbrichts Gefühle für Frau und Tochter, er war wohl auch anderen Frauen sehr zugetan und diese ihm: So ging er die erwähnte Beziehung mit der französischen Journal istin Rosa Michel ein, die er bereits während seiner Tätigkeit für das EKKI kennengelernt hatte. Seine Ehe bestand ab 1933 zwangsläufig nur noch formal, da er nach dem Machtantritt der Nazis in die Illegalität gehen musste. Am 5. August 1933 erließ das Amtsgericht Berlin auch offiziell Haftbefehl, am 27. Oktober gelang ihm die Flucht nach Paris. Außerdem wirkte er in Prag, Madrid und Barcelona, ab 1938 dann in Moskau. Ob er zumindest auf konspirativem Wege Verbindung zu seiner Familie hielt, lässt sich den vorhandenen Quellen nicht entnehmen. Die Lebensgemeinschaft mit Charlotte Wendt, geborene Kühn, die sich von ihrem Ehemann Erich Wendt getrennt hatte, begann bereits 1935 in Moskau, ein Jahr darauf wurde diese Ehe rechtskräftig geschieden. Ob und wie Walter Ulbricht nach seiner Rückkehr 1945 wieder Kontakt zu Ehefrau und inzwischen längst erwachsener Tochter hergestellt hat, lässt sich den durchgesehenen Quellen ebenfalls nicht entnehmen. Martha Ulbricht erklärte jedenfalls als Parteimitglied in den 1950er Jahren, dass sie in der Nazi-Zeit von der Gestapo bespitzelt wurde und ihr auch die Kosten für jenes Hochverratsverfahren vor dem Reichsgericht auferlegt worden waren, für deren Begleichung ein Teil der Wohnungseinrichtung zeitweilig gepfändet wurde. Weiter erklärte sie, dass sie 1949 „das Schwerste“ in ihrem Leben erleiden musste, als sie mit dem Scheidungsbegehren ihres Mannes konfrontiert wurde, in das sie schließlich im Interesse der Partei einwilligte: „Ich habe meinen Mann, ohne ihn und die Partei zu schädigen, auf freundschaftlicher Basis freigegeben.“ Diese Worte sehen nicht nach einer Zerrüttung aus, sondern widerspiegeln wohl eher die Erkenntnis, dass Walter Ulbrichts Gefühle für Charlotte Wendt stärker waren und ein „Rosenkrieg“ als gefundenes Fressen für die bürgerliche Presse in Berlin (West) und der gerade gegründeten BRD viel politischen Schaden anrichten würde. So ist ihr letztlicher Entschluss wohl als Ausdruck von Parteidisziplin, aber auch als ein Zeichen menschlicher Größe zu sehen. Am 31. Dezember 1949 wurde die Scheidung vom 16. Dezember rechtskräftig beurkundet, am 25. Januar 1950 erfolgte die Eheschließung von Charlotte (genannt Lotte) und Walter Ulbricht. Interessant ist, dass Lotte Ulbricht zu beiden Vorgängerinnen Kontakte unterhielt, wobei sie sich hinsichtlich Martha Ulbrichts sicher auch mit dem Gedanken konfrontiert sah, der Frau letztlich den Mann weggenommen zu haben: Sie stand mit ihr nicht nur im Briefwechsel, sondern unterstützte sie auch bis zu ihrem Tode 1974 finanziell. Rosa Michel wiederum weilte nicht nur als Korrespondentin der „l'Humanité“ sehr oft in der DDR, sondern auch zu Urlaubs- bzw. Kuraufenthalten, wobei sie sowohl briefliche als auch persönliche Kontakte zum Ehepaar Ulbricht unterhielt. In seinem „Letzten Willen“ vom 28. Juli 1973 verfügte Walter Ulbricht zudem für den Fall, dass er und Lotte Ulbricht gleichzeitig vom Tode betroffen sein würden, „außer den in der letztwilligen gemeinsamen Verfügung angegebenen Zuwendungen“ an seine erste Frau Martha einmalig 5.000 Mark der DDR und seiner in Frankreich lebenden Tochter Rose ein Drittel seines Bankguthabens auszuzahlen. Den vorliegenden Veröffentlichungen nach zu urteilen, ergänzten sich Lotte und Walter Ulbricht sowohl in menschlicher als auch in politischer Hinsicht sehr gut, ein wunder Punkt blieb dennoch: Da sie auf Grund einer früheren Erkrankung nie eigene Kinder haben konnte, adoptierte das Ehepaar die 1944 in Leipzig geborene Tochter einer dort umgekommenen sowjetischen Zwangsarbeiterin, die den Namen Beate erhielt. Während Walter Ulbricht ein sehr fürsorglicher und verständnisvoller Vater war, galt Lotte das Kind vor allem als Erziehungsaufgabe, wobei ihre Ansprüche das Mädchen offenbar völlig überforderten: Abitur und Studium in Leningrad gestalteten sich denn auch wegen mangelnder Studiendisziplin, einem allgemeinen Mangel an Disziplin und Interesse trotz vielerlei Hilfe durch die Eltern sehr schwierig und wurden mehrfach unterbrochen, zwei gescheiterte Ehen und zwei Kinder folgten, dazu kamen erhebliche Alkoholprobleme, weshalb auch nach zehn Jahren immer noch kein Studienabschluss erreicht worden war. Der Rückberufung in die DDR folgten der Entzug des Reisepasses und schließlich auch des Sorgerechts für die Kinder sowie das endgültige Zerwürfnis mit Lotte Ulbricht, die übrigens zu ihren Enkeln ein gutes Verhältnis hatte. Nach einem unsteten, von ständigen Wechseln der Arbeitsstellen, Ausschlagen jeglicher Hilfeangebote und Alkoholkrankheit geprägten Leben verlor Beate Ulbricht, geschiedene Matteoli, geschiedene Polkownikowa, mit den gesellschaftlichen Umbrüchen ab 1989/90 vollends den Halt, lebte praktisch auf der Straße. In der Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1991 fand sie, gerade 47 Jahre alt, als Opfer eines Raubüberfalls in ihrer Wohnung in Berlin-Lichtenberg ein tragisches Ende – bezeichnenderweise nach der Veröffentlichung eines ansehnlich honorierten Interviews für das Boulevard-Blättchen „Super“. Bekanntlich wurden damals Horrorgeschichten, mit denen versucht wurde, den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR die ausschließliche Schuld für das Scheitern von Menschen anzulasten und so den gerade erst vereinnahmten „Erbfeind“ zu „delegitimieren“, begierig und für viel Geld aufgekauft; was an dem Erzählten stimmte und was nicht, spielte keine Rolle. Der Mord wurde nie aufgeklärt, doch es ist wohl nicht auszuschließen, dass es einigen ihrer Trinkkumpane um das Geld für jenes Interview gegangen war.


Hans-Joachim Weise


1Die damalige Funktion des Generalsekretärs als höchstes Parteiamt wurde in Zuge der Ereignisse des 17. Juni 1953 auf der 15. Tagung des ZK am 25. Juli abgeschafft und durch die des Ersten Sekretärs ersetzt. Mit der Maßgabe, nicht eine Art Oberhaupt, sondern lediglich „Erster unter Gleichen“ zu sein, sollte dem offiziellen Anspruch von Politbüro und Sekretariat, als Führungskollektiv zu handeln, besser Rechnung getragen werden. Nach dem Vorbild der KPdSU wurde auch diese Änderung unter Erich Honecker rückgängig gemacht, der seit dem IX. Parteitag 1976 wieder Generalsekretär war.

2So ist belegt, dass er beim Staatsbesuch in Madagaskar 1966 die Gattin des damaligen Präsidenten Tsiranana versehentlich mit „Frau Tananarive“ (Tananarive bzw. Antananarivo heißt die Landes-hauptstadt.) anredete. Bei einem Besuch in Helmstedt war ihm bei der Anrede der Einwohner der Name des Ortes entfallen – wie sich später herausstellte, litt er an Durchblutungsstörungen des Gehirns.

3Nach den Erinnerungen von Bruno Kiesler, von 1959 bis 1982 Leiter der Abteilung Landwirtschaft des ZK, hatte Nikita Sergejewitsch Chrustschow Walter Ulbricht bereits 1959 zu Reformen gedrängt, weil er wusste, dass er die erstarrten Verhältnisse in der UdSSR ohne ein erfolgreiches Beispiel vor Augen nicht aufbrechen konnte.

4So pflegte Bundeskanzler Konrad Adenauer in seinem rheinländischen Dialekt den Namen des in Berlin-Hauptstadt der DDR gelegenen Stadtbezirks auszusprechen. In dessen Stadtteil Niederschönhausen befand sich im gleichnamigen Schloss der Amtssitz von Staatspräsident Wilhelm Pieck, das nach seinem Tode auch erster Amtssitz des neugebildeten Staatsrates der DDR war. Unter „Berlin“ wurde im Bonn der Nichtanerkennung und Alleinvertretungsanmaßung ausschließlich die nicht zur BRD gehörende, aber von ihr rechtswidrig beanspruchte besondere politische Einheit Berlin (West) verstanden.

5So wurde die BRD in der DDR der 1950er und 1960er Jahre angesichts der in Bonn praktizierten Alleinvertretungsanmaßung und Nichtanerkennung des zweiten deutschen Staates häufig bezeichnet, teilweise war auch der den Anspruch auf Gleichrangigkeit und Gleichberechtigung zum Ausdruck bringende nichtamtliche, aber sachlicher klingende Name „Deutsche Bundesrepublik“ üblich gewesen. Walter Ulbricht selbst sprach meist von der „westdeutschen Bundesrepublik“. Mit der weltweiten Anerkennung der DDR wurde die korrekte Bezeichnung „Bundesrepublik Deutschland“ verwendet, deren Abkürzung „BRD“ in Bonn jedoch verpönt war. Um dennoch die Nichtaufgabe der Alleinvertretungsanmaßung zu demonstrieren, wurde beispielsweise bei internationalen Sportwettkämpfen nach wie vor der Name „Deutschland“ benutzt, vor den, um völkerrechtlicher Korrektheit zum Schein Genüge zu tun, die natürlich unauffällig wirkenden Buchstaben „BR“ für „Bundesrepublik“ gesetzt wurden.

6Im letzten Fragebogen vom 28. August 1970 war auch die unter dem Namen Heyden in der BRD verheiratete und seiner ersten Ehe entstammende Tochter Dora angegeben. Seltsamerweise fehlten aber nun seine Geschwister Hildegard und Erich. In keinem Fragebogen erwähnt wurde seine Tochter Rose Michel, genannt Mimi, die 1931 aus der zeitweiligen Verbindung mit der als Rosa Michel in Frankreich gelebt habenden und als Journal istin für die FKP tätig gewesenen polnischen Kommunistin Maria Wacziarg (1900 bis 1990) hervorging.

7In diesem Zeitraum besuchte ihn erstmals seit mehreren Jahrzehnten seine in der BRD lebende Schwester Hildegard Niendorf. Von Kontaktversuchen seines Bruders Erich ist dagegen nichts bekannt.

8Die bis 1945 üblich gewesene Festungshaft galt im Gegensatz zu Gefängnis und Zuchthaus nicht als ehrenrührige Strafe. Sie wurde bei Angehörigen „höherer Stände“ und bei politischen Delikten verhängt.

9Die sowohl innerhalb der KPD als auch innerhalb der SPD bestehenden Bezirksorganisationen mit diesem Namen entsprachen dem Bestreben zur Gewährleistung einer einheitlichen und damit wirksameren Parteiarbeit, sie stellten innerhalb beider Parteien eine Überwindung der trotz Novemberrevolution weiterbestehenden Kleinstaaterei dar. Der jeweilige Parteibezirk Großthüringen umfasste daher außer dem eigentlichen Land Thüringen unter anderem auch die von diesem umschlossenen preußischen Exklaven Erfurt (Provinz Sachsen) und Schmalkalden (Provinz Hessen-Nassau).

10Die Grenzmark, vollständiger Name Grenzmark Posen-Westpreußen, war eine 1922 aus territorial nicht zusammenhängenden Gebieten neugebildete preußische Provinz. Sie umfasste die der Weimarer Republik auf Grund des Versailler Vertrages noch verbliebenen Reste der vormaligen preußischen Provinzen Posen und Westpreußen. Die Provinz wurde 1938 aufgelöst, ihre verstreut liegenden Gebietsteile den jeweils angrenzenden Provinzen Pommern, Brandenburg und Schlesien zugeordnet.

 



Quellen: Schumann, Frank (Herausgeber): „Lotte und Walter – Die Ulbrichts in Briefen und Selbstzeugnissen“, Verlag Das Neue Berlin 2003; Voßke, Heinz: „Walter Ulbricht – Biographischer Abriß“, Dietz Verlag, Berlin 1983; Barth, Bernd-Rainer u.a. (Herausgeber): „Wer war Wer in der DDR“, Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1995; Internet-Lexikon WIKIPEDIA; „ Neues Deutschland “, Ausgabe vom 30.04./01.05.2011