26. Juni 2011

Die 19. Antifa-Reise Thüringer Antifaschisten – ein Rückblick

Prof. Fink erklärt Kunst im Bundestag


 

Nächstes Jahr wird es zum zwanzigsten Mal passieren, dass Engagierte und Interessierte dem Angebot von Elke Pudszuhn folgen, um wichtige Stätten der Erinnerung in Deutschland und Europa zu besuchen. In diesem Jahr blieben wir „ganz unter uns“, denn wir besuchten die Hauptstadt dieses Landes, dessen Bürger wir sind, aber an dessen erfahrbarer Verfassung wir täglich leiden, obwohl es doch auch so viel Erfreuliches gibt, wie die Kameradschaft und Solidarität unter Menschen, die nicht aufhören wollen, geschichtlich und politisch zu denken. Die Reise stand unter dem Motto „Erinnerung an den 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion“.

Für neue geschichtspolitische Erkenntnisse war diese Reise wieder ein rechter Gewinn. Nachdem die Passagiere dem Bus der Firma „Schmidt-Reisen“ in Suhl, in Erfurt und in Weimar zugestiegen waren, ging es auf die Autobahn, und nach den erforderlichen Erholungspausen kamen wir am frühen Nachmittag in Berlin an.

Unsere erste Station erreichten wir in Schöneweide, wo es seit einigen Jahren ein Dokumentationszentrum zur NS-Zwangsarbeit gibt. Wir erlebten eine sachkundige Führung zweier junger Menschen, die sich die Materie erarbeitet haben und einen Überblick über die Lebensbedingungen der unfreiwillig hier Lebenden gaben. Allein in diesem „GBI-Lager 75/76“ (GBI = Generalbauinspektor) für die hier untergebrachten Zwangsbeschäftigten lebten 1943 2.160 Personen. Über ganz Berlin verteilt, gab es mehr als 1.000 kleinere und größere solcher Lager, meist gekoppelt an Rüstungskonzerne wie AEG, Rheinmetall, Borsig usw. Die Tatsache, dass nach dem Untergang des Dritten Reiches wegen der vorhandenen Raumknappheit diese Baracken weiter genutzt wurden, u.a. durch ein DDR-Impf-Institut, hat dem Überdauern dieser historisch authentischen Orte Dauerhaftigkeit beschert. Wo an anderen Orten nur noch Grundmauern und karge Reste vorhanden sind, gibt es hier die Chance, das Lager-“Leben“ wirklich darstellen und durch den Besucher nachempfinden zu lassen.


Der Nachmittag klang aus mit etwas im Grünen liegenden – und doch zugleich Natur und Kultur in einer bezaubernden Symbiose Vereinenden: nämlich der Natur eines baumbewachsenen Friedhofs und der dort zu erlebenden Kultur des Dorotheenstädtischen Friedhofs. Kundig geführt von Dr. Gerd Kaiser defilierten wir an den Gräbern von Moses Mendelssohn, Anna Seghers, Johannes R. Becher, Heinrich Mann usw. vorüber. Beim Betrachten der Denkmäler von jüdischen, kommunistischen und sogar christlichen Widerstandskämpfern kamen denkwürdige Erinnerungen auf und weckten eigenes Nachsinnen. Der Abend führte uns zusammen zu gesprächiger Runde über verschiedene Anliegen der Teilnehmer. Gerd Kaiser stellte das neue Buch vor, das er zusammen mit Loni Günther, Dagmar Schmidt, Siegfried Gerngroß, Regina Bernhardt, Gerhard Kummer, Hans Schübel, Judith Siebelist, Dietrich Stade und Elke Pudszuhn herausgegeben hat: „Aufrecht und stark. Frauen und Männer aus Suhl und Umgebung im Widerstand gegen Faschismus und Krieg“, edition bodoni 2011, ISBN 978-3-940781-19-2.


Am zweiten Tag erlebten wir eine antifaschistische Stadtrundfahrt mit Uwe Hiksch (MdB DIE LINKE), der uns in seiner lebendigen Art das Denkmal für die Spanienkämpfer vorstellte und erklärte. Mit dem Gesang von „Spaniens Himmel“ gingen wir beschwingt zum Bus zurück. Nun stand ein Besuch des Dokumentationszentrums „Topographie des Terrors“ auf dem Programm, bei dem jeder selbständig die zahlreichen Tafeln und Zeitzeugnisse einer wahrhaft schauerlichen NS-Tätergeschichte in Augenschein nehmen konnte. Einer Gruppe geschichtsbewusster Antifaschisten ist es zu danken, dass sie nach jahrelangem Ringen und Kämpfen ihre zunächst provisorische Artefakten- und Dokumentensammlung unter freiem Himmel zu einem heute fest installierten Museum mit Bibliothek fertigstellen konnten. Der Nachmittag heute war noch etwas ganz Heiter-Erfreulichem gewidmet. Wir fuhren nach Marzahn hinaus, wo auf einem Areal mehrerer Hektar ein Park mit dem vielversprechenden Namen „Gärten der Welt“ entstanden ist. Es ist wirklich inspirierend und beglückend, die japanische, indonesische, italienische oder orientalische Gartenkunst zu genießen… Am Abend ist es zu einer interessanten Gesprächsrunde gekommen. Zwar war der angekündigte Moritz Mebel leider verhindert, aber Hanna Podymachina als ehemalige Offizierin der Roten Armee erzählte aus ihrer bewegenden Lebensgeschichte im Zusammenhang mit dem Vormarsch der sowjetischen Truppen zur Befreiung Deutschlands und Europas vom Faschismus.


Der dritte Tag war auch wieder wichtigen Aspekten unserer Geschichte und Gegenwart gewidmet. Auf Einladung von Kersten Steinke MdB aus der Thüringer LINKEn, die leider selbst nicht dabei sein konnte, besuchten wir den Bundestag. Es ging zum Reichstagsgebäude, an dem zunächst eine Weile gewartet und der Sicherheits-Check absolviert werden musste. Auf der Besuchertribüne hörten wir eine Einführung in die innere Verfahrensweise und die Benutzungsstruktur des Hauses. Danach nahm uns Professor Heinrich Fink, Vorsitzender der VVN-BdA, ehemals MdB der PDS, zu einem Rundgang mit, bei dem uns die Kunst im Bundestag gezeigt wurde. Interessantes, Verwirrendes, aber auch Schönes bekamen wir zu sehen – z.B. das interessante Bild „Widerstand“ von Katharina Sieverding, bei dem man eine menschliche Wirbelsäule als Symbol für aufrechten Gang entdecken konnte. Am stärksten haben mich die Inschriften beeindruckt, die sowjetische Rotarmisten in den Kellern und Gewölben des alten Reichstages hinterließen. Das sehr durchsichtige Vorhaben, die Schriftzeichen auf dem alten Mauerwerk bei der Reichstags-Rekonstruktion zu beseitigen, konnte dank beharrlicher Intervention kluger Menschen verhindert werden. Für mich als Regionalhistoriker war es interessant, in einem Erinnerungsraum die Namenstafeln aller deutscher Reichstagsabgeordneter zu sehen, darunter die Tafel für unseren Apoldaer/Weimarer SPD-Reichstagsmann August Baudert. Die Suhler und Zella-Mehliser suchten ihrerseits nach der Tafel von Guido Heym MdR der SPD aus Suhl, der 1945 im Webicht bei Weimar erschossen wurde. Beim Verlassen des Reichstages kamen wir an einer Bronzetafel vorüber, die in den Gehweg eingelassen ist und die Namen aller 96 von den Nazis ermordeten Abgeordneten enthält. Der Nachmittag war eingeplant für zwei Besuche am Ufer des Wannsees: Eine Besichtigung der „Wannsee-Villa“, in der 1942 die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde – auch hier wieder das bedrückende Gefühl, welche Vergangenheit wir Deutsche hatten und was wir nie vergessen dürfen. Nur einige hundert Meter davon entfernt etwas ganz anderes: Da steht die Villa des deutsch-jüdischen Malers Max Liebermann, der auch Nazi-Schikanierung erleben musste und angesichts der braunen Politikerkaste ausstieß: „Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte…“ Nach einem Gang durch die Künstler-Räume und dem näheren Betrachten einiger Bilder brachte dann ein Kaffeestündchen im Park zwischen Villa und See eine köstliche Erholungsstunde. Auch an diesem Abend erwarteten wir nach dem Essen einen interessanten Gast zum Gespräch: Autor und Verleger Klaus Huhn, ehemals stellvertretender Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ las aus und parlierte zu seinem jüngsten Buch „Auch dem Papst half ich mal aus der Klemme. Episoden eines bewegten Lebens“, edition ost 2011, ISBN 978-3-360-01822-9.


Der letzte Tag dieser Fahrt führte uns nach Karlshorst zur Besichtigung des Deutsch-Russischen Museums, in dem 1945 die Nazigeneralität ihre totale Kapitulation unterzeichnen musste. Gleich zum Auftakt durfte jeder von uns ein Stück Brot mit Speck kosten und dazu einen klaren Wodka genießen. So begrüßten uns die Antifaschisten Peter Hochmuth und Peter Schröder von der Lager-Arbeitsgemeinschaft (LAG) Buchenwald, die uns dann durch die Ausstellung begleiteten und über ihre Aktivitäten und Schwierigkeiten im Umgang mit der deutsch- russischen Geschichte heute berichteten. Neben der neu gestalteten Präsentation historischer Dokumente, Fotos, Übersichten und Karten zum großen Krieg, der für die SU der Große Vaterländische war, gab es draußen im Park einige Militärgeräte zu bewundern, die dabei halfen, dem deutschen Herrenmenschen-Wahn ein Ende zu bereiten, z.B. der legendäre Panzer T34 und der Raketenwerfer „Katjuscha“, von den Wehrmachtssoldaten als „Stalin-Orgel“ gefürchtet. Zum Glück hatten wir danach wieder etwas zum Auspendeln, denn bevor wir uns auf die Autobahn machten, fuhren wir zur Zitadelle Spandau, wo die Erinnerung geweckt wurde an den Film "Ich war neunzehn" und an Konrad Wolff als jungen Deutschen in der Roten Armee. Nach der Besichtigung bummelten wir über ein imposantes Militärareal älteren Datums mit dicken Mauern und hohen Wällen. Auch hier wieder etwas zum Nachdenken über die Hinterlassenschaften deutscher Geschichte: Irgendwie ging es immer darum, dass die einen die anderen beherrschen oder gar vernichten wollten. Es wird höchste Zeit, dass dieses Verhängnis keine weitere Fortsetzung findet…


Was wir zur 20. Fahrt unternehmen, steht inzwischen fest: Es geht nach Gdansk (Danzig) und zum KZ Stutthof (Sztutowo). Wenn Ihr Euch für 2012 vor-anmelden wollt, ruft doch mal bei Elke Pudszuhn an unter: 03682/43765 oder schreibt eine Email an: elke.pudszuhn@googlemail.com.


Peter Franz