8. Mai 2018

Notwendige Solidarität

Antisemitismus ist ein sehr altes Problem, das in seinen verschiedenen Formen nie wirklich verschwunden war. Im Gegenteil. Zwar schien in den vergangenen Jahren durch den allgemeinen blau-braunen Trollterror gegen Moslems, Linke oder Grüne Antisemitismus kaum noch eine Rolle zu spielen, doch offenbar hat sich gar nichts geändert. Der Angriff auf Kippaträger in Berlin oder der Skandal um die Möchtegern-Rapper Kollegah und Farid Bang belegen, wie sehr und wie tief Antisemitismus noch immer verbreitet ist.

Immerhin ging ein gewaltiger Aufschrei durch Medien und Politik. Bundesweit gab es Soliaktione mit unterschiedlichsten Menschen, darunter Funktionäre so ziemlich aller Parteien, außer der AfD.

„Was ist aus unserem Land geworden, in dem der Zentralrat der Juden vor dem Tragen der Kippa in deutschen Großstädten warnt und eine Gefahr für unsere Demokratie sieht? In welcher Gesellschaft leben wir, in der sich unsere jüdischen Landsleute nicht mehr sicher fühlen, weil Antisemitismus und Verachtung vor dem anderen Glauben und der anderen Kultur immer wieder offen zutage treten“, sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der mit über 400 Menschen an der Aktion „Thüringen trägt Kippa“ teilnahm.

Sicher fühlen konnten sich die Menschen, die am Vormittag des 25. Aprils an der Soliaktion in der Erfurter Innenstadt teilnahmen. Doch was würde wohl passieren, wenn sie einzeln und des Nachts im Stadtteil Herrenberg eine Kippa tragen würden? Vermutlich das Gleiche was Menschen passiert, die eine andere Hautfarbe haben, ein Kopftuch tragen oder auf andere Art und Weise nicht in das Weltbild engstirniger Ewiggestriger passen. Es wird diskriminiert, beleidigt und oft auch zugeschlagen und getreten. Antisemitische Vorfälle gibt es auch anderenorts, z.B. in Fußballstadien. Fans des FC Carl Zeiss Jena müssen immer wieder Juden-Jena-Rufe oder das furchtbare Lied „Wir bauen eine U-Bahn von Auschwitz nach Jena“ gefallen erdulden und zwar bundesweit, nicht nur im Osten. Konsequenzen hat das nur selten.

Eine weitere Form des Antisemitismus zeigt sich im Umgang mit dem Staat Israel. Regierungen wie die von Netanjahu sind für viele Linke, auf Grund ihrer Politik, nicht unbedingt sympathisch. Am Existenzrecht Israels, als Schutzraum für Jüdinnen und Juden, kann und darf aber keinerlei Zweifel bestehen. Solidarität mit Israel ist eine Notwendigkeit, die sich aus dem System in dem wir leben müssen, aber auch aus der deutschen Geschichte heraus ergibt.

Weitere, durchaus umstrittene Formen des Antisemitismus sind der Sekundäre und der Strukturelle. Notwendige und berechtigte Kritik an Banken, Konzernen oder Superreichen reduziert sich auch in globalisierungskritischen Kreisen auf simplifizierte Schuldzuweisungen an Juden, die angeblich die ganze Welt beherrschen. Das ist genauso Blödsinn wie das neurechte Geplapper von der Islamisierung oder anderer, noch weit irrwitzigere Verschwörungstheorien wie Haarp, Chemtrails oder Reptiloiden.

Am gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus kann es unter Linken eigentlich keinen Zweifel geben und im Grunde gibt es ihn auch nicht. Geht es jedoch in einer Debatte um den Nahostkonflikt scheiden sich schnell die Geister. Antideutsche sind für offensive und plakative Solidarität mit Israel, wie es Torsun, Sänger der Punkband Egotronic, ausdrückt. Diese Position muss sich nicht jeder Mensch zu eigen machen, aber eine Position sollte doch zumindest alle Linken einen: Gegen jeden Antisemitismus!

th