27. Februar 2018

Aus Tradition bunt und weltoffen

Als Symbol des endenden Winters wird nach dem Streitgespräch Frau Sunna und Herrn Winter eine Strohpuppe verbrannt. Foto: Paul-Philipp Braun

Thüringen hat sich über die Jahre leider zum brauen Herzen Deutschlands entwickelt. Das wussten UNZ-Leserinnen und Leser schon lange bevor das Jan Böhmermann überspitzt ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Dennoch: Thüringen steht in der übergroßen Mehrheit aus Tradition für Weltoffenheit und bunte Kultur, weit über Goethe, Schiller und Luther hinaus.

 
Zum großen kulturellen Erbe gehört auch der Eisenacher Sommergewinn. Es ist nicht nur das größte Frühlingsfest Deutschlands, sondern auch immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe. 
Der Sommergewinn lässt immer drei Wochen vor Ostern einen alten Brauch lebendig werden. Der Winter als todbringende Kraft wird vertrieben und der Leben spendende Sommer herbeigerufen. Der scheidende Winter wird durch Herrn Winter symbolisiert. Gegenspielerin ist die Sonnengöttin, Frau Sunna. Beide liefern sich am Ende des Festumzugs ein Streitgespräch, das stets Frau Sunna gewinnt. Als Symbol des endenden Winters wird nach dem Streitgespräch eine Strohpuppe verbrannt.


Zu den Symbolen des Sommergewinns gehören der Hahn als Verkünder des Lichtes, ein mit Binsen verziertes Ei als Symbol der Fruchtbarkeit und die Brezel als Symbol der Unendlichkeit im Wechsel der Jahreszeiten. So erklärt sich auch der traditionelle Ruf der Sommergewinnszunft „Gut Ei und Kikeriki“.


Seit 1897 gibt es den Festumzug als Höhepunkt des Frühlingsfestes. Die Wurzeln des Brauches reichen sogar bis ins 13. Jahrhundert zurück.  Heute wirken über 1.200 Menschen mit. Sie  werden auch in diesem Jahr  Eisenach am 10. März in ein buntes Blumenmeer verwandeln. Die „Blütenfrauen“ sind bereits fleißig am basteln. 400.000 Blüten werden es sein. Flower Power regiert dann sozusagen in der Wartburgstadt.  


In Zeiten, in denen blau-braune Geschichtsverfälscher von angeblicher 2.000-jähriger deutscher Geschichte schwadronieren, soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Organisatoren des Sommergewinns mit völkischem Ungeist rein gar nichts zu tun haben. Im Gegenteil. Nicht selten landen die größten Buden und Stände direkt vor dem Wohnhaus des bekannten Eisenacher Neonazis Patrick Wieschke und versperren so die Sicht. 
 
Übrigens: Eisenach hat schon in Sachen Kultur sogar der Landeshauptstadt etwas voraus: Das Kulturcarré, eine Plattform für alle Akteure und Interessierten im Bereich Kultur. Auch Ilmenau hat sich bereits angeschlossen. Erfurt, Weimar, Jena: Bitte nachmachen! 

Infos und alle  Termine rund um den Sommergewinn: www.sommergewinn-eisenach.de