10. April 2018

Für eine solidarische Stadt

Kreativer Protest bei der Mietparade. Foto: th

Von Christine Schirmer 

 

Schatten auf dem Wohnen in Großstädten

 

Am 7. April, dem ersten sommerlichen Tag des Jahres, zog eine große Menge motivierter Demonstranten durch die Erfurter Innenstadt, um lautstark die Stadt für sich zu reklamieren. Dies bedeutete bei der ersten Erfurter Mietparade konkret, sich gegen Gentrifizierung, „Konsummeilen mit Alkoholverboten, Gefahrengebieten und rassistischen Kontrollen“ und zahlreiche weitere gesellschaftliche Entwicklungen zu wenden, die mehr und mehr einen Schatten auf das Wohnen in Großstädten werfen.

 

Probleme auch für alte Menschen

 

Die Teilnehmerzahl der vom Bündnis „Erfurt für ALLE!“ organisierten Veranstaltung zeigt eindrücklich, dass das Thema Wohnen einen immer größeren Raum einnimmt. Die damit verbundenen Probleme äußern sich nicht nur durch steigende Mieten in den meisten Großstädten, sondern auch durch immer limitierendere Zugangsbedingungen. Das betrifft Studierende, Flüchtlinge, Alleinerziehende oder alte Menschen. Vermieter können es sich aufgrund des großen Andrangs leisten, strengste Kriterien heranzuziehen, was Wohnungsbesichtigungen mit Dutzenden von Interessenten oder auch die Vorgabe, eine Bewerbungsmappe vorzulegen, zur Folge hat.

 

Streit um angebliche „No-go-Area


Auch die aktuellen Debatten um den Anger als gefährdeten Bereich ohne Sicherheit spielen in diese Thematik hinein. Während die Gemüter im Streit um die angebliche „No-go-Area“ hochkochen, stellen sich hier auch Fragen, die die soziale Gerechtigkeit betreffen: Wie kann man es rechtfertigen, Menschen außerhalb eines Restaurants den Alkoholkonsum zu verbieten, ihn in den Restaurants jedoch zuzulassen? Geht es dabei tatsächlich um das Störungspotential aggressiver Betrunkener oder darum, Jugendliche, Obdachlose und sozial schwache Menschen von dem touristisch hoch frequentierten Platz zu verbannen?

 

Große Zustimmung für Mietparade 


Die Mietparade erregte durch Lautsprecherwagen, Musik, Redebeiträge und über 500 Teilnehmern Aufsehen. Wo der Zug auch entlangging, immer standen Menschen an den Fenstern, viele zustimmend, einige jedoch auch verächtlich: „Würde man mal arbeiten, könnte man sich auch eine Wohnung leisten!“ Diese Aussage einer verärgerten Passantin bringt die Problematik in umgekehrter Weise auf den Punkt: Vielen Menschen ist es nicht möglich, einen Job zu finden, da sie gezwungen sind, in ländlichen Regionen zu leben, sie über kein Auto verfügen oder zu wenig verdienen, um sich eine teure Fahrkarte leisten zu können. Dieser Aspekt ist auch in Bezug auf Flüchtlinge relevant: Wohnung und Arbeit zu finden ist einzeln bereits eine Herausforderung, doch beides bedingt sich gegenseitig und macht es so mehr als schwierig. Die Redebeiträge der Mietparade thematisierten auch diesen Punkt, der sich inhaltlich mit weiteren politischen Zuständen bezüglich des Statuses von Flüchtlingen überschneidet.

 

Raum für individuelle Entfaltung


Deutlich wurde, dass auch in einer Stadt, die im Gegensatz zu München, Hamburg und Co. noch einen verhältnismäßig entspannten Wohnungsmarkt aufweist, ein Protest gegen die  schnell fortschreitende Vermarktung des Wohnraums und für den Erhalt öffentlicher Räume vonnöten ist. Nicht nur die Innenstadt, sondern auch andere Stadtteile leiden bereits unter den Folgen des steigenden Interesses an Erfurt. Auch Jena und Weimar zeichnen sich mehr und mehr durch in die Höhe schnellende Mieten aus, die  auch negativen Einfluss auf das kulturelle Leben haben. Es bleibt zu hoffen, dass die kreative Mietparade auf Gehör stößt und sich der eine oder andere Gedanken darüber macht, auf welche Weise sich eine Stadt entwickeln soll: Als Aneinanderreihung von Anlageobjekten oder als Raum für individuelle Entfaltung und Verwirklichung, in dem alle Facetten des Lebens ihren Platz haben.