5. April 2016

Nicht gegeneinander auf bringen lassen

Auch nach den Anschlägen gilt nicht nur für Gabi Zimmer: No Fortress Europe – keine Festung Europa. Mehr Demokratie und Menschlichkeit sind die richtigen Antworten auf Terror. Foto: GUE/NGL

 

 

Von Thilo Janssen

 

Um halb Neun, auf dem Weg zur Arbeit im Brüsseler EU-Parlament, brummt mein Handy. Meine Chefin Gabi Zimmer schreibt, ihr Flugzeug stehe noch in Berlin auf dem Rollfeld. Am Flughafen in Brüssel gebe es ein Problem. Zehn Minuten später sitze ich am Computer. Explosionen am Brüsseler Flughafen, melden die Nachrichten. Es gebe Tote. Die belgischen Medien sprechen bereits von Terror. Draußen vor dem Parlament ist normaler Betrieb. Besuchergruppen drängen sich vor dem Haupteingang. Touristen schlendern umher und machen Fotos. Auf dem Place du Luxembourg, den wir von unserem Bürofenster aus einsehen können, strömen die Leute in die Cafés, um sich ihren morgendlichen Kaffee zu holen. Irgendwann schwillt das Sirenengeheul im Europaviertel an. Polizeiautos, Krankenwagen, alle mit Martinshorn und Blaulicht, rasen über den Platz in Richtung EU-Kommission. Eilmeldung: Es hat weitere Anschläge gegeben. Die U-Bahn-Station Malbeek ist betroffen, ein paar hundert Meter vom Parlament entfernt. Verunsicherte Kollegen klopfen an die Bürotür. Was passiert da draußen? Ein Blick aus dem Fenster. Vor dem Parlament stehen noch immer viele Menschen. Was ist, wenn es noch mehr Anschläge gibt? Dann fahren Militärfahrzeuge vor. Die Stahlrollos vor dem Eingang des Parlaments werden herunter gelassen. Soldaten und Polizisten postieren sich. Sicherheitswarnung per E-Mail: Die Lage ist unübersichtlich, bis auf weiteres sollten die EU-Gebäude nicht verlassen werden. Unterdessen klingelt immer wieder das Telefon. Familie und Freunde wollen wissen, ob alles in Ordnung ist. Ja, ich bin im Büro, hier ist es sicher. Was ist mit den Freunden und Kollegen in Brüssel? Wer kommt mit der U-Bahn, steigt in Malbeek aus? Wer wollte heute mit der Familie in die Osterferien fliegen? Dazwischen rufen Journalisten an: Ist die Abgeordnete Zimmer vor Ort? Hat sie etwas gesehen? Kann sie live kommentieren.

 

Frohlocken bei rechten Politikern


 
Am späten Nachmittag dürfen wir endlich raus aus dem Parlament. Anspannung, Traurigkeit und innere Leere bleiben. Am Abend gehe ich dennoch wie jeden Dienstag in einer Sporthalle in Molenbeek Fußball spielen. Wir haben uns entschieden, an diesem Abend trotz allem zusammen zu kommen. Es fühlt sich wie ein kleiner Akt des Widerstehens an, gegen die Angst. Molenbeek ist der Stadtteil, aus dem einige der Attentäter von Paris und Brüssel kamen. Er ist längst zum Hass-objekt der radikalen Rechten geworden. Eine rechtsextreme Gruppe hat bereits eine Demonstration unter dem Motto „Die Islamisten rauswerfen!“ in Molenbeek angekündigt. Der Aufmarsch wurde aus Sicherheitsgründen verboten. Brüssel ist die kosmopolitische Stadt per se, viele Brüsseler haben einen sogenannten Migrationshintergrund – Franzosen, Spanier, Marokkaner, Italiener, Kongolesen und viele andere. Deshalb frohlockten rechte Politiker nach den Anschlägen. „Viele Grüße aus Brüssel“ twitterte etwa eine EU-Abgeordnete der AfD hämisch. Die mörderischen Islamisten haben mit rechtsextremen Terroristen wie dem Jenaer NSU gemeinsam, dass sie unsere Gesellschaft spalten wollen. Sie wollen die Menschen in Gruppen auf-  spalten nach Religion, Hautfarbe oder Kultur. Am Sonntag marschierten 400 rechtsextreme Hooligans im Zentrum Brüssels auf und pöbelten gegen die Menschen, die sich zur gemeinsamen Trauer versammelt hatten.

 

Was gegen Terror zu tun ist


Was gegen den Terror zu tun ist, darüber wird viel geschrieben: gute Polizeiarbeit, auch grenzüberschreitend, ein Friedensplan für den Nahen Osten, bessere soziale Integration. Ebenso wichtig ist, dass wir den Extremisten nicht nachgeben, indem wir uns gegeneinander aufbringen lassen. „Liebe Brüssel – bleibe ruhig“ steht jetzt auf Plakaten an Brüsseler Bushaltestellen. Nachdem im Jahr 2011 der rechtsextreme Terrorist Anders Breivik in Norwegen 77 Menschen ermordet hatte, fand der damalige norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg die richtigen Worte: „Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/politik_im_land/detail/browse/7/artikel/nicht-gegeneinander-auf-bringen-lassen/