19. April 2016

Das Unvorstellbare vorstellbar machen

Foto: Dirk Anhalt

Es ist eigentlich jedes Jahr mehr oder weniger das gleiche Ritual: Funktionäre von Verbänden, Parteien und Gewerkschaften gedenken, legen Blumen und  Kränze nieder und reden gleichförmige Sätze in die ihnen vorgehaltenen Mikrofone. Das gibt es nicht nur am Gedenktag zur Befreiung Buchenwalds (11.4.) oder bei der Ausstellungseröffnung (17.4.), sondern auch bei anderen Gedenktagen wie dem 8. Mai oder dem 9. November. Doch, auch wenn solche Veranstaltungen oft nicht über Rituale und Symbolpolitik hinausgehen, sind sie wichtig. Je weiter man in der Vergangenheit schaut, desto weiter kann man auch in die Zukunft sehen. Und wer die jüngsten Debatten um das AfD-Programm verfolgt, muss sehr hellhörig werden. Damals waren es die Juden, heute sind es die Moslems, die als Sündenböcke für alles erhalten müssen, was der weiße Mann selbst zu verantworten hat. Auch deshalb nehmen immer Zeitzeugen den beschwerlichen Weg nach Thüringen auf sich. 44 von ihnen waren beim 71. Jahrestag der Befreiung noch dabei. 
„Vielleicht hilft es mit mehr Vernunft an die Zukunft zu denken und mir ist die Zukunft der neuen Generation sehr wichtig“, sagte die aus einer jüdischen Familie aus Debrecen stammenden Eva Fahidi. Auch in Thüringen leben noch Zeitzeugen, die vom dem barbarischen Terror der Nazis berichten können, so etwa der 94-jährige Weimarer Ottomar Rothmann. So lange es deren Gesundheit zulässt, versuchen diese Menschen immer weiter gegen das Vergessen zu kämpfen. Doch eines Tages wird keiner mehr da sein, der Hitlerfaschismus, Weltkrieg und Holocausts noch selbst erlebt hat. Damit diese Erinnerung dennoch wach bleiben kann, wurde eine Dauerausstellung eröffnet. 
Zeitzeugen an Austellung beteiligt
Diese neue Dauerausstellung wird wohl die letzte große dieser Art sein, an der Zeitzeugen aktiv mitarbeiten konnten. Die Ausstellung „Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“ erzählt in ganz neuer Anordnung die Geschichte des größten Konzentrationslagers auf deutschem Boden. Zahlreiche Alltagsgegenstände, Foto- und Filmdokumente, Briefe und vieles mehr sind zu sehen. Selbst wenn man viel über die Zeit von 1933 bis 1945 weiß, dürfte die Ausstellung viele Besucher fassungslos zurücklassen, so ähnlich wie jene Bürger Weimars, die von den Amerikaner im April 1945 nach Buchenwald eskortiert wurden Sie hatten nichts gewusst von 280.000 Häftlingen und 56.000 Toten.
Ausgrenzung auch heute nicht erledigt
Von nichts gewusst, das gilt auch leider für so manchen, der seine Stimme einer Partei geben will, die diese 12 Jahre nur für einen Unglücksfalls hält und im Geschichtsunterricht am liebsten gar nicht behandeln will. Auch das ist ein Grund, warum solche Ausstellungen so wichtig sind. „Das was hier gezeigt wird, eine Gesellschaft deren Basis sich über Ausgrenzung definiert, so wie der nationalsozialistische Rassismus, hat sich auch in unserer heutigen Gesellschaft noch nicht erledigt, bekannte Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald. 

„Trotzdem – oder gerade weil sich wie gegenwärtig – nationalistische und rechtsradikale Einstellungen in Deutschland wieder mehren, bleibt die Aufklärung und Information darüber, wie Verbrechen mitten in einer Gesellschaft entstehen konnten und können, ein zentrales Ziel unserer politischen Arbeit. Hierfür ist der Erhalt der Orte, an denen diese Verbrechen geschahen, von herausgehobener Bedeutung. Denn gerade hier wird sichtbar, wie schnell Gesellschaften in inhumane Gefälle geraten können. Hierüber immer wieder neu zu berichten und aufzuklären, ist zentrale Aufgabe der Gedenkstätten und Erinnerungsorte an die NS-Verbrechen in Thüringen“, sagte die Fraktions- und Landesvorsitzende der LINKEN, Susanne Hennig-Wellsow.                                                    

th

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/politik_im_land/detail/browse/7/artikel/das-unvorstellbare-vorstellbar-machen/