28. Juni 2016

Erfurt – Stadt des Krieges

Protest: Einige junge Aktivisten legten sich in blutigen und zerschossen T-Shirts als Kriegsopfer vor einen Panzer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


In Erfurt zu leben heißt oft, das Unerträgliche zu ertragen. Regelmäßig versuchen Höcke und die AfD, Menschen zum „Kampf der Kulturen“ aufzuhetzen. Wenn der kommen sollte werden es aber nicht die AfD-Politiker sein, die in den Krieg gegen Osten ziehen, anders als vor 75 Jahren dieses Mal weiter südlich, sondern die Bundeswehr. Weil aber seit der Abschaffung der Wehrpflicht Rekruten-Kanonenfutter Mangelware ist, muss die Armee verstärkt auf Werbung setzen. Eine Kriegsgeräte-Schau vor imposanter Domkulisse am 11. Juni, bei der Kinder mit glänzenden Augen auf Kampfpanzer klettern, lässt Marketingstrategen frohlocken. Friedensbewegung, linke Gruppen und auch vielen Christen laufen dabei eher gruselig-kalte Schauer über den Rücken.   
Leider werden solche kriegsverherrlichenden Waffenschauen auch anderswo in Thüringen immer mehr zum Alltag. Die Live-Übertragung vom Einlaufen des Kriegsschiffes „Korvette Erfurt“ in Warnemünde zeigt, dass Erfurt sich von der einstigen „Stadt des Friedens“ wieder zur Garnisonsstadt wie in finstersten preußischen Zeiten entwickelt. 
Gegen soviel Kriegsverherrlichung gab es Protest. Verschiedene Gruppen waren mit etwa 50 Leuten vor Ort. U.a. auf den Domstufen prangerte ein großes „Die Waffen nieder“-Transparent. Einige junge Aktivisten legten sich in blutigen und zerschossen T-Shirts als Kriegsopfer vor einen Panzer. Richtig ernst genommen hat das wohl niemand. Im Gegenteil, die Bundeswehr kokettiert sogar damit: „Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst“. 
Dabei findet selbst Dompropst Selfies mit Panzern vor der Domkulisse unpassend. Die Heroisierung baue Brücken zum Militarismus und führe zu Fehleinschätzungen der Wirkungen von Waffen schrieb Gregor Arndt in der „Thüringer Allgemeinen“.  Auch die Linksjugend kritisierte aufs Schärfste, das Erfurts OB Bausewein der Bundeswehr diese Plattform  für militaristische Propaganda  gegeben hat.

„Auch Grundschulkinder durften am MG schwenken oder üben, wie man den verborgenen Feind mit Nachtsichtgerät erkennen kann. Unverständlich, geschichtsvergessen und die Gefährlichkeit der aktuellen Waffengänge ignorierend lenkten etliche Eltern ihre Sprösslinge zu den Kanonen, Transportern und ins Militärhospital, wo man gezeigt bekam, wie gut die hier tätigen Fachleute ihr Handwerk verstehen. Dass man dabei nicht etwa wie in fast allen anderen 16 Standorten des „Tages der Bundeswehr“ in der Kaserne blieb, sondern protzig auf den Erfurter Domplatz ging, wo die Stadtverwaltung wenige Wochen zuvor die symbolische Aufstellung eines Flüchtlings-Containers aus Gründen der „Stadtansicht“ abgelehnt hatte, sollte die Kraft und Macht der deutschen Armee besonders herausstellen“, kritisierte der Vorsitzende der Erfurter LINKEN, Dr. Steffen Kachel. Der Historiker fragt sich zudem, ob Bauseweins Haltung damit zu tun hat, dass Vizekanzler Gabriel den derzeitigen absoluten Höchststand der Waffenexporte in der deutschen Geschichte persönlich mitverantwortet? „Wir sagen: Jetzt aktiv werden! Wenn der Militarismus sich anschickt, den Alltag zu erobern, darf der Widerstand gegen den Militarismus nicht zurückbleiben!“                 

th