19. Mai 2015

Sie kämpfen, damit es besser wird

Streikaktion vor dem Erfurter Rathaus. So wie in der Landeshauptstadt gingen in ganz Thüringen Erzieherinnen und Erzieher auf die Straße, damit endlich etwas besser wird. Doch das eigentliche Streikziel bleibt unerreichbar. Foto: th

Von Torsten Wolf 

 

Neulich in Erfurt, Gotha, Jena, Weimar und vielen anderen Orten Deutschlands kam es zu etwas unerhörten: Menschen in Bildungseinrichtungen folgten dem Aufruf von Verdi und GEW und informierten die Eltern, dass sie in einen unbefristeten Streik treten werden. 

„Unbefristet. Streik. Mama, Papa, was bedeutet das? Sehe ich meine Erzieherin denn dann gar nicht mehr? Warum tun die das, Mama?“ So oder so ähnlich sind derzeit die Gespräche am Frühstücks- und Abendbrottisch in Thüringen, und sonst wo.

Am schwersten fällt es erfahrungsgemäß Menschen in Bildungs- und Erziehungsberufen, ihre Arbeit niederzulegen und „ihre“ Kinder, ihre Kita oder Schule gegen das Streiklokal zu tauschen. Wenn sie das tun, dann meist nicht, weil es ihnen um ein paar Prozente oder ein Tag mehr Urlaub geht.

Seit Jahren wachsen in den Kitas die Verantwortung und die Anforderungen. Politik, Bildungswissenschaftler, Eltern, ja die ganze Gesellschaft weisen zurecht darauf hin, dass in den ersten Jahren die Grundlagen aller möglichen Bildungserfolge gelegt werden, dass die soziale Spaltung langfristig nur über ganztägige Bildungsangebote, von der Kita bis zur weiterführenden Schule, nivelliert werden kann. Und die Erzieherinnen und Erzieher tun ihr Möglichstes, bei viel zu großen Gruppen, einer erheblichen psychischen Belastung und keiner Reserve für Krankheitsfälle. Dabei wissen alle Eltern, die einen Kindergeburtstag für 10-12 Kinder (in Thüringen sind Gruppengrössen von 16-20 normal) einmal ausgerichtet haben, wie viel Stress sich damit verbindet. 

 

Bildung ein Preisschild anzuhängen, war schon immer falsch

 

Nun hört man von den Medien, ja warum streiken die Erzieherinnen und Erzieher nicht für kleinere Gruppen? Ganz einfach, weil ein Streikziel immer erreichbar sein muss. Man kann für weniger Arbeitszeit, mehr Lohn, Altersteilzeit ect. streiken. Ein Streik für kleinere Gruppen, für weniger Stress wäre ein politisches Anliegen, und von daher wohl illegal.

Nun kommen die Kommunalpolitiker und schreien: „Unbezahlbar, diese Forderungen!“ Nun denn, es sind die selben Kommunalpolitiker, die über Jahre hinweg Kitas an freie Träger abwickelten, um Kosten, die vom Land getragen werden, einzusparen und damit Tarifflucht erst ermöglichten. Bei allem Verständnis bei knappen Haushalten, Bildung ein Preisschild anzuhängen war schon immer falsch.

Ich kann Ihnen bei Fragen ihrer Kinder, Kollegen und Nachbarn empfehlen zu sagen: „Sie kämpfen, damit es besser wird. Bei euch, für sich selbst und für alle anderen auch!“