30. Juni 2015

Eine begrüßenswerte Initiative aus Frankreich

Von Dr. Johanna Scheringer-Wright

 

89 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in der EU pro Jahr weggeworfen – Tendenz steigend. In Frankreich wurde nun ein Gesetz gegen die Verschwendung gebilligt. Dass es überhaupt dazu kam, geht auf eine Initiative eines Stadtrats aus einer Pariser Vorstadt zurück. Wie Medien berichten standen am Anfang nur ein paar einsame Streiter hinter dem Stadtrat der Pariser Vorstadt Courbevoie, Arash Derambarsh, und seinem Projekt, Lebensmittel beim Handel einzusammeln und auf der Straße zu verteilen.

Was als ehrenamtliche Verteilaktion begann ist nun Gesetz, dem die französische Nationalversammlung einstimmig zugestimmt hat. Demnach müssen Supermärkte in Frankreich zukünftig alle nicht verkauften oder unverkäuflichen Lebensmittel entweder für wohltätige Zwecke spenden oder als Tierfutter bzw. als Kompost der Landwirtschaft zur Verfügung stellen. Ab einer Größe von 400 Quadratmetern sind die Supermärkte verpflichtet, für Lebensmittelspenden Kooperationen mit ge-meinnützigen Organisationen einzugehen. Das neue Wegwerf-Verbot für Supermärkte ist Teil eines Plans der französischen Regierung, der vorsieht, die Menge der Lebensmittelabfälle bis zum Jahr 2025 zu halbieren. Allerdings bezweifelt der Handel die Wirksamkeit des Verbots, da er für lediglich rund fünf Prozent der Lebensmittelverschwendung verantwortlich sei. Die Kritik des Handels ist verständlich, wenn man sich die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft ins Gedächtnis ruft. Ein Grundsatz der Marktwirtschaft lautet, überschüssige, verderbliche  Waren lieber zu vernichten, als kostenlos oder zu niedrigsten Preisen an Bedürftige abzugeben, um damit die zukünftigen Preise zu stabilisieren. Was vor Jahren noch jedes Kind im Wirtschaftskundeunterricht (zumindest in der westlichen Welt) lernte, will der Handel aber heute nicht mehr zugeben. Die Initiativen von Jean Ziegler oder dem letzten UN-Generalsekretär Kofi Annan, den Hunger in der Welt zu skandalisieren, Ursachen zu benennen und damit die ungleiche Nahrungsverteilung zu reduzieren, zeigten durchaus Erfolge: niemand würde es sich heute trauen, öffentlich zu erklären, dass es marktwirtschaftlich sinnvoller ist, Nahrungsmittel zu vernichten, als sie Bedürftigen zu geben. Aber auch, wenn sich heute nur die wenigsten trauen, das auszusprechen, ist diese  Vorgehensweise in der Marktwirtschaft jedoch immer noch Realität, wenn auch verheimlichte. Immer noch wird im Markt das Heil gesehen, auch für die Lebensmittelproduktion und -verteilung. Jüngstes Beispiel dafür ist die Abschaffung der Milchquote am 1. April dieses Jahres. Die Folge ist ein jetzt schon spürbarer massiver Preisverfall für die Erzeuger. Jetzt werden die Milchbauern selbst wieder aktiv und fordern Steuerungsinstrumente auf EU-Ebene. 

Heute hungern mehr als 800 Millionen Menschen auf der Erde, Tendenz wieder steigend. Daher muss es im gesamten Lebensmittelsektor Regulationen geben, denn Nahrung ist kein Luxus – wer darauf verzichten muss hungert, wer zu viel hat, wird dick oder schmeißt sie weg. So kann es nicht weiter gehen, daher ist die Initiative aus Frankreich durchaus zu begrüßen.