22. September 2015

Europa ignoriert 30.000 Tote an EU-Außengrenzen

Das Leid der Flüchtlinge wird in Brüssel und anderswo genauso oft ignoriert wie die Ursachen für den Exodus und alle tieferen geopolitischen Zusammenhänge. Zeichnung: Harm Mengen

Der Herbst ist da und mit ihm steht Europa, ja die ganze Welt, vor stürmischen Zeiten. Noch nie seit Ende des 2. Weltkrieges waren so viele Menschen auf der Flucht. Ein Ende der blutigen Kriege wie in Syrien ist nicht in Sicht. Gleichzeitig entstehen, nahezu unbemerkt, Neue wie im Jemen. Deutsche Konzerne verdienen kräftig mit am Elend der Menschen, die nach Jahren des Mordens keine Wahl mehr sehen, als ihre geliebte Heimat zu verlassen.  Am  3. Oktober werden die Medien 25 Jahre Einheit feiern und  – zurecht – den Mauertoten gedenken. Doch den 30.000 Toten an den EU-Außengrenzen gedenkt keiner.

Das Thema Asyl und Flüchtlinge wird noch lange alles andere überschatten.  Griechenland, Eurokrise, Ukrainekrieg oder gar Kommunal-    finanzen, Gebietsreform oder Krankenhäuser – davon redet so gut wie niemand mehr.  Überhaupt ist die Debatte von Brüssel bis Suhl so ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Die sozialen Medien quellen über vor hasswütigen Menschenfeinden und Facebook weigert sich, Aufrufe zu Mord und Totschlag angeblich besorgter Bürger zu löschen. Dazu tobt auf den Straßen vielerorts ein teils aggressiver Mob, von rechtsextremen Gewalttätern unterwandert, und skandiert Parolen wie „Tod den Gutmenschen“. Außer die Grenzen im Stil des ungarischen Despoten Orban dicht zu machen und die Bundeswehr mit einem Schießbefehl auszustatten, kommt allerdings wenig Konstruktives aus der bürgerlichen und der rechten Ecke. 
Geradezu grotesk ist es, dass ausgerechnet Kanzlerin Merkel die Türen für viele Flüchtlinge zeitweise verhältnismäßig weit geöffnet hatte, jedenfalls gemessen z. B. an den lächerlichen Zahlen, die Länder wie Großbritannien aufnehmen wollen. Mit Millionen von Flüchtlingen kann das reiche Europa zurechtkommen, ja diese Menschen sogar als Chance verstehen. Dazu braucht es Geld, Zeit und den kollektiven Willen, diesen Menschen eine faire Chance zu geben.
Von der EU kommt außer Sonntagsreden jedoch viel zu wenig. Weder gibt es ein gemeinsames Vorgehen für die humane Aufnahme von Flüchtlingen noch sind ernsthafte Friedensinitiativen des Friedensnobelpreisträgers Europäische Union in Sicht. So lange blutige Kriege, Not und Elend das Leben sehr vieler Menschen bestimmen, werden die Flüchtlingsströme nicht enden. Daran werden auch geschlossene Grenzen nichts ändern. War das nicht eine Lehre aus der Geschichte vor 25 Jahren?                                                        

th