16. Januar 2018

Erfroren im Kohlrübenwinter

Karl Liebknecht als Redner bei einer Revolutionskundgebung 1918 im Berliner Tiergarten. Foto Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-P046271 / Weinrother, Carl / CC-BY-SA 3.0

Als vor 100 Jahren das Schicksalsjahr 1918 heraufdämmerte, starben jeden Tag unzählige Menschen – zerfetzt von Granaten und Kugeln oder an Krankheiten wie der sich weltweit ausbreitenden spanischen Grippe. Vier Jahre Krieg, Hunger, Elend und Verzweiflung hatten bereits 1917 in Russland zu zwei Revolutionen geführt, an deren Ende die Bolschewiki die Macht übernahmen.  

 

Obwohl 1918 auch in Deutschland Frauen und Kinder im Kohlrübenwinter verhungerten oder in ihren ungeheizten Wohnungen erfroren, glaubten die Generäle – allen voran Kriegsverbrecher Erich Ludendorff – noch an einen Endsieg. Als jedoch im Laufe des Jahres amerikanische Truppen auf den Schlachtfeldern der Westfront eintrafen und die mit dem Deutschen Reich verbündete bulgarische Armee aus dem Krieg ausschied, wurde auch den reaktionären Kriegstreibern klar, dass ein Sieg über die Alliierten nicht mehr möglich war. 

 

Über die Lage in Russland durchaus im Bilde und vor dem Hintergrund massiv zunehmender Befehlsverweigerungen, Desertationen und Streiks der Arbeiterschaft, fürchteten die reaktionären Militärs nichts mehr als eine soziale Revolution. 
Anfang November 1918 brodelte es überall in Deutschland. Auch in den thüringischen Städten, allen voran Gotha, war die Arbeiterbewegung zum Losschlagen bereit. Während die SPD zögerte, kam es in Kiel zum Matrosenaufstand, die sich einem Befehl, sich im letzten Moment noch opfern zu lassen, widersetzten. 


Schnell sprang der Funke des Aufstands auf Berlin und den Rest des Reiches über. Überall wurden Arbeiter- und  Soldatenräte gewählt und übernahmen de facto die Macht ohne ernsthafte Gewaltanwendung. Als manche bei USPD  und Spartakus schon von einem Siegeszug der Weltrevolution träumten, stellten sich Sozialdemokraten wie Eberhard und Scheidemann an die Spitze der Revolution und beendeten diese letzten Endes. Statt einer Räterepublik wurde Deutschland mit der Einberufung der Nationalversammlung in Weimar zu einer bürgerlich-parlamentarischen Republik, ohne jeden proletarischen Einschlag. 
Was folgte war ein blutiges Gemetzel an  tausenden von Arbeitern und ihren Anführern Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. General Wilhelm Groener und der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert waren ein Bündnis (Ebert-Groener-Pakt) eingegangen, um die Revolution zu verhindern.  Mit Gustav Noske gab es zudem einen selbsternannten Bluthund, der den Militärs einen Freibrief für das massenhafte Erschießen von Arbeitern, aber auch von Frauen und Kindern, gab. 


In einem beispiellosen Ausmaß an Einsichtslosigkeit in alle tieferen politischen  Zusammenhänge, ließen sich Ebert, Scheidemann, Noske und Genossen von Militärs für ihre Zwecke einspannen –  nicht ahnend, dass genau diese Militärs nur auf den Tag warteten, an dem sie auch die SPD wieder loswerden würden. Außer vielleicht, ein Noske hätte ihnen als Diktator die Arbeiter bei der Stange gehalten.  


Reaktionäre  Putschversuche (Kapp-Lüttwitz) wie 1920 scheiterten auch dank eines erfolgreichen Generalstreiks. So dauerte es bis 1933, ehe die gleichen alten Eliten im neuen Gewand der Nazis wieder an die Macht kamen. 


Obwohl in diesem Jahr das 100. Jubiläum der Novemberrevolution, die für manche gar keine echte Revolution war, ansteht gibt es kaum eine ernsthafte und breite Beschäftigung mit der Thematik Kriegsende und Novemberevolution. Woran das liegen könnte? Denken sie mal darüber nach!  


Thomas Holzmann

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/politik_im_land/detail/artikel/erfroren-im-kohlruebenwinter/