19. Dezember 2017

Die Macht der Pharmakonzerne

Pharmaforschung wird mit Steuergeld gefördert, aber die Gewinne zahlen die Patient*innen.

Von André Seubert


 
Ein Pharmakonzern lässt seine Muskeln spielen. Der Schweizer Pharmamulti Roche droht der griechischen Regierung, ein Krebsmedikament vom Markt zu nehmen. Der Grund: Ein neues griechisches Gesetz fordert 25 Prozent Preisnachlass auf neue Medikamente. Zuvor hatten die internationalen Kreditgeber Griechenland gedrängt, die Kosten im Gesundheitssektor zu senken. Jetzt will Roche das Medikament gegen Hautkrebs nicht mehr liefern. 50 Krebskranke Menschen werden zu Schachfiguren im Kampf um Profite. Doch dürfen Gewinne über dem Wohl der Patient*innen stehen? 

Klar ist: Forschung ist teuer. Aber die weltweite Pharmaindustrie hat schon 2014 über 1 Billion Dollar Gewinn eingefahren. Die Preisgestaltung bei Medikamenten bleibt im Dunkeln. In der EU handelt jeder Mitgliedsstaat die Preise direkt mit den Pharmakonzernen aus, in Deutschland die Krankenkassen. So sind die Preise für ein Medikament je nach EU-Staat unterschiedlich. In Deutschland konnten Konzerne lange Zeit fast jeden Preis für Medikamente verlangen – die Bundesregierung wollte dem Pharmastand-ort Deutschland nicht schaden. Das hat sich seit 2011 etwas zum Vorteil der Patient*innen geändert. Doch das generelle Problem bleibt. Pharmakonzerne bestimmen ihre Preise, ohne ihre wirklichen Kosten zu nennen. Die Forschung wird oft mit Steuergeld gefördert, die Gewinne für fertige Medikamente zahlen die Patient*innen. Manche Medikamente werden nur von einem Konzern angeboten, der so eine riesige Marktmacht ausübt. 


Der Fall Roche ist nicht der Einzige, in dem ein Unternehmen diese Macht gegen eine Regierung ausspielt. Letztes Jahr forderte Aspen Pharma einen höheren Preis für ein überlebenswichtiges Krebsmedikament von der italienischen Gesundheitsbehörde. Diese wollte den Preis nicht zahlen. Aspen nahm das Produkt kurzerhand vom Markt, um es dann mit einem unerhörten Preisaufschlag von 1.500 Prozent wieder anzubieten. Dafür verurteilte die italienische Kartellbehörde Aspen zu einer Strafe von 5 Millionen Euro, wegen Erpressung der Gesundheitsbehörde. Seit Mai dieses Jahres ermittelt auch die EU-Kommission. Doch der Fall zeigt die Macht der Pharmakonzerne.In der ersten Dezemberwoche diskutierte der griechische Gesundheitsminister mit seinen europäischen Kolleg*innen über das Problem. Vorher sprach er mit Gabi Zimmer darüber. Schon im Juni 2016 war die Medikamentenversorgung Thema für die EU-Gesundheitsminister*innen. Sie kritisierten, dass Preise zu hoch seien, Medikamente mit ausgelaufenen Patenten vom Markt genommen würden, manche Länder aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht erst beliefert würden – zum Schaden der Patient*innen. Deshalb müssten neue Wege gefunden werden, um niedrigere Preise und tragbare Gesundheitssysteme zu sichern. Auch das EU-Parlament fordert Transparenz bei der Preisbildung und mehr Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten.
 
Immerhin verhandeln mittlerweile einige EU-Staaten zusammen mit der Pharmaindustrie – wie beispielweise Griechenland, Malta, Zypern, Italien, Spanien und Portugal. Doch das Problem einer transparenten Preisgestaltung bleibt. Außerdem müssen Konzerne endlich auf ihre soziale Verantwortung verpflichtet werden. Die Patient*innen müssen im Mittelpunkt der Forschung und Gesundheitsversorgung stehen, nicht die Profitrate der Konzerne. Eine europäische Lösung könnte die Macht der Konzerne beschneiden. Doch die gibt es noch nicht. Wenigstens hat Roche die 50 Krebspatient*innen doch versorgt, um einen Imageschaden zu vermeiden. Vorerst

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/politik_im_land/detail/artikel/die-macht-der-pharmakonzerne-1/