21. November 2017

Rap kann auch anders sein

Foto: Sarah Ramirez

Von Christine Schirmer

 

„Wenn ich auf Rapkonzerte gehe, bin ich meistens enttäuscht, weil es mir immer wieder zeigt, dass es auch hier nicht anders läuft als dort draußen [...] Ich frage mich, ist es zu viel verlangt, hier zu erwarten, dass Rapper auf der Bühne nicht Bitch, Schlampe und Hure sagen?“

Die Rapperin Lena Stoehrfaktor bringt mit ihrem Titel „Rapkonzerte“ treffend auf den Punkt, was die meisten Veranstaltungen in diesem Genre ausmacht: Diskriminierung, Sexismus und unangenehme Gefühle aufgrund von niveaulosen Texten, die sich im entsprechenden Verhalten der Besucher widerspiegeln. Im Gegensatz zu vielen anderen beschwert sie sich allerdings nicht nur, sondern liefert mit ihrer Musik auch eine Alternative für diejenigen, die sich den Rollenbildern und Konventionen, die in einem derartigen Rahmen häufig anzutreffen sind, nicht beugen wollen.

 

Toiletten „Für Männer, Frauen und Schnabeltiere“


Lena Stoehrfaktors Konzert am 4. November im Rahmen der „AK Quereinsteigen Party“ zum Semesterbeginn wurde eingeleitet von einem Auftritt der Rapperin Alice Dee, die, wie Lena, aus Berlin kommt und sich in ihren Texten mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt. Mit den Songs „Freaks“ oder „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ begeisterte sie das Publikum. Zeilen wie „Tanz, tanz, tanz, tanz aus der Reihe, treib es bunt und ignoriere die Schreie“ waren programmatisch für den Abend, der nicht nur auf dem Papier gegen jegliche Form von Ausgrenzung und Vorurteilen gerichtet war. Die humorvolle Beschriftung der Toiletten „Für Männer, Frauen und Schnabeltiere“ und die ausgedruckte, überall klebende Aufforderung zum respektvollen Umgang mit den anderen Teilnehmern hingen hier nicht nur pro forma, sondern wurden konsequent umgesetzt, sowohl von den Veranstaltern als auch von Publikum und Künstlern. 

 

Das Gefühl des „Komischseins“

 

Genau der richtige Rahmen also für ein authentisches Rapkonzert, das Lena Stoehrfaktor mit ihrem Auftritt sodann auch bot. Ihre Texte handeln von inneren und äußeren Konflikten; Themen wie Kapitalismus, (mal wieder, viel zu oft, muss man sagen: passenderweise) Gentrifizierung, Geschlechterrollen und Sexismus, aber auch die eigene Gesundheit in einem Kontext, der Verunsicherung und Angst macht, und das Gefühl des „Komischseins“ werden angesprochen. Einem Zuhörer, der ähnliche Einstellungen hat, könnten ihre tiefgründigen Texte den Anschein vermitteln, als hätte sie die eigenen Gedanken und Gefühle desjenigen vertont. Gerade für Menschen, die sich von den festgefahrenen Idealen der Gesellschaft und der ständig wachsenden Kommerzialisierung aller Lebensbereiche unter Druck gesetzt fühlen, stellt ihre Musik ein großes Identifikationspotential dar. Im Gegensatz zu den meisten anderen Musikern, egal welchen Genres, erzählt sie ungeschönt von sich selber: „Seit ich mich erinnern kann, war ich schon immer komisch, ich hab anders gedacht und fand das, was um mich rum passiert, zu unlogisch. Ich wusste, was ich denke, das begreifen andere nie, deshalb zog und zieht es mich immer noch oft in meine Fantasie. Ich war schon immer komisch und ich wusste nicht, wieso, und ich dachte, ich bin sogar zum mich anpassen zu doof, und ich wusste, ich musste mein Komischsein, so gut es geht, verstecken, damit die Geier nicht meine wirkliche Persönlichkeit entdecken, weil sie sie fressen und zerfetzen, anstatt das Komischsein zu schätzen, versuchen sie dich ein Leben lang in eine passende Form zu quetschen.“ Inwiefern „komisch“ hier noch negativ verstanden werden sollte, ist fraglich.

 

GEMA-freie Musik


Schaut man sich um, wird jedoch schnell deutlich, dass es sich hierbei leider um eine große Ausnahme in diesem Genre handelt. Lena, die bisher drei Alben rausgebracht hat, kann allerdings noch einige weitere Künstler empfehlen, unter anderem Asi-Es, mit dem sie gerade ein Album aufnimmt, oder Blank. Mit den beiden veröffentlichte sie unter dem Namen Conexión Musical seit 2004 die Alben „Nicht hingenommen“, „Windstill“ und „Aus dem toten Winkel“. Auch Einzelprojekte wie Blanks „200 Billionen Puzzlestücke“ oder gemeinsame Songs mit Früchte des Zorns, Tapete oder Crying Wölf sollen an dieser Stelle genannt werden. Wer mal reinhören will, kann die GEMA-freie Musik auch online  downloaden oder die Alben direkt bei Lena (bzw. den anderen Künstlern) bestellen. Die Art und Weise, wie die Musik produziert und angeboten wird, untermauert Lenas Statement bezüglich ihres Wunsches nach Abschaffung des Kapitalismus: „Strukturen zu schaffen, die sich selbst erhalten und diese zu schätzen wissen und zu supporten. Die alltäglichen Vorgänge kritisch zu betrachten und Protest gegen unmenschliches Handeln kultivieren. Das wäre der Hammer.“

 

Zusammen durch Gedanken reisen 


Lena ist keine Entertainerin, die mit dummen Witzen und Sprüchen unterhalten will, dies wäre auch nicht Sinn und Zweck ihrer Auftritte, wie folgende Zeilen verdeutlichen: „Zu viele Smalltalks geführt und mich hinterher gefühlt, als hätte ich an der Oberfläche ein bisschen rumgerührt. Mit voraussehbaren Kommentaren machen wir’s uns leicht, doch ich will mit dir zusammen durch Gedanken reisen. [...] Lass uns die Begegnungen nicht mit leeren Worten füllen.“ Auch an diesem Samstagabend in Halle wurde sicher der ein oder andere, der die beiden Musikerinnen noch nicht kannte, davon überzeugt, dass Rap auch anders kann.