21. Mai 2014

Unterhaltungskünstler mit Mission

Dass sich Götz Widmann im Stile Che Guevaras ablichten lässt, ist weniger Ausdruck für politisches Liedermaching als für subtilen Humor. Trotzdem hat der „Sozialromantiker“ einiges zu sagen. In dem Lied „Proletarier sucht Frau“ beantwortet er auf seine unnachahmliche Art die Frage: Was wäre, wenn die DDR den Kalten Krieg gewonnen hätte? Auf die Geschichtsdebatte angesprochen, hält er den real existieren Sozialismus für wenig erstrebenswert, charakterisiert die 40 Jahre aber auf seine so typische Art: „Ich glaube, in der DDR wurde viel gefickt, weil es nicht so viele materielle Dinge gab, mit denen sich die Leute ablenken konnten und das Bier in den Kneipen war auch billiger. Es war sicher nicht alles schlecht, aber ich hätte nicht dort leben wollen, dazu ist es mir zu wichtig, eine eigene Meinung zu haben.“

Heiter ist die Kunst und dennoch darf ein gutes Lied auch mal politisch sein, findet der Liedermacher Götz Widmann. Auf seinen Konzerten wird vor allen Dingen viel gefeiert und gelacht und trotzdem lohnt es sich, bei seiner Musik, die sich bei dieser Tour mit der Begleitband Billy Rückwärts in ungeahnte musikalische Hochsphären aufschwingt, das Gehirn nicht nach dem ersten Schluck Bier auf Durchzug zu stellen. Nicht nur beim neuen Lied über den Vietnamkrieg muss man schon genau aufpassen wie die Aussagen gemeint sind. Für sein Publikum scheint das aber kein Problem zu sein, denn das ist von Götz Widmann schon seit den Tagen von „Joint Venture“ Dutzende von guten Liedern gewöhnt, von denen durchaus viele nicht nur politisch sind, sondern sogar recht eindeutige Aussagen haben. Mit dem Gedicht „Jesus und Stoiber“ schaltete er sich 2002 sogar in den Bundestagswahlkampf ein. In „Zöllner vom Vollzug abhalten auf der A4“ ruft er zum zivilen Ungehorsam auf, in „das Recht auf Arbeitslosigkeit“ geht es (im Prinzip) um das bedingungslose Grundeinkommen und mit Liedern wie die „Zaubersteuer“ kämpft der Musiker für ein Ende der Cannabis-Prohibition. Mit seiner  ironischen und humorvollen Art Musik zu machen, deren Wurzeln er bei den Beatles, Leonard Cohen, Bob Dylan, aber auch bei Ton Steine Scherben und AC/DC sieht, unterscheidet er sich recht deutlich von der Liedermachergeneration vor ihm.

 

Generation des erhobenen Mittelfingers  

 

„Die Liedermachergeneration vor mir hat teilweise viel zu viel gewollt und Plattenfirmen haben erkannt, dass man mit linken Botschaftern viel Geld verdienen kann. Da wurden irgendwelche Heuler durch die Welt geschickt, die mit grauenhaftem Zeug eine Menge Geld verdient haben. Deren Duktus war mir viel zu viel erhobener Zeigefinger. Meine Generation hat mehr den erhobenen Mittelfinger und das gefällt mir besser.“  Mit diesem Ansatz, Musik zu machen, ging es für den selbsterklärten Sozial- und Linksromantiker ausgerechnet nach einem erfolgreichen BWL-Studium in Köln los. 1993 gründete Götz Widmann zusammen mit Martin „Kleinti“ Simon das Liedermacherduo Joint Venture, das sich bis zum frühen Tod Simons im Jahr 2000 vor allem in der alternativen Szene einen Namen gemacht hatte. Seitdem tritt der gebürtige Bad Brückenauer, der heute bei seiner Frau in der Schweiz lebt, als Solokünstler auf. 

 

Von Resignation keine Spur

 

Viel hat sich verändert in den letzten 20, 30 Jahren und das ist auch an der Musik nicht spurlos vorübergegangen. „In dem heutigen Umfeld ist es schwieriger, großen Idealen hinterher zu träumen, weil der Kapitalismus seinen natürlichen Konkurrenten verloren hat“, findet Götz. „Heute kann sich die ungehemmte Gier des Kapitalismus noch stärker entfalten, wobei das gerade die Menschen in den Entwicklungsländern noch viel stärker zu spüren bekommen als wir hier in Deutschland“, so seine Einschätzung der Weltlage.  „Früher habe ich gedacht, ich könnte als Individuum mehr erreichen. Vielleicht ist es heute so, dass der Einzelne weniger gegen große Organisationen ausrichten kann. Das heißt aber nicht, dass man nicht im engeren Umkreis etwas unternehmen kann.“ Die alte Losung „global denken – lokal handeln“ verpackt er so gleich in eine für ihn typische Formulierung: „Die Wahrnehmung einer globalen Machtlosigkeit gibt einem nicht das Recht, lokal zu resignieren!“ 

So drängt sich die Frage auf, welche Möglichkeiten ein Musiker hat. Immerhin stellte Götz 2002 in Richtung des damaligen CSU-Kanlzerkandidaten Stoiber die Frage: „Mit welchen Recht, verdammt noch Mal, nennen sie sich christ-sozial?“ „Das sind Möglichkeiten, die man als Künstler hat, auf Missstände hinzuweisen und Impulse zu geben,  aber ich denke nicht, dass ich als einzelner Liedermacher  die ganze Welt verändern kann. Man kommt damit schon in die Köpfe der Leute, aber die sitzen trotzdem am Montag wieder im Büro, werden vom Chef angeschissen und müssen machen, was er verlangt.“

Und, wenn der Mensch dann zur Entspannung zu einem Joint greift, kommen Industrie und Staat und sagen: Das ist Verboten! Nur Alkohol und Tabletten dürft ihr schlucken! Die ganzen Lügen rund um den Hanf nicht zu schlucken, darum geht es oft in seinen Liedern. „Eigentlich ist das ganze Verbot doch Humbug, aber es wurde soviel Desinformation ins Volk gestreut. In unserer seltsamen Mediengesellschaft werden nur die Meinungen propagiert, die gewünscht sind, außer in so kleinen Organen wie der UNZ, aber die Leute, die es lesen, wissen es  schon. Das ist wie, wenn ich bei meinen Konzerten über Cannabis singe. Da singe ich es auch den Falschen vor, denn die Leute wissen das und andere schalten einfach ab, wenn sie etwas nicht hören wollen.“ Trotzdem ist er optimistisch, dass demnächst auch in Deutschland endlich Bewegung in die Hanffrage kommt. „Die heutige Generation von Politikern hat da vielleicht mehr ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Ich habe auch schon mit einem hochgestellten SPD-Politiker einen Joint geraucht. Entscheidend ist, was in den USA passiert, denn da kommt die Prohibition her.“ 

 

Wer hat noch einen CD-Player?

 

Nicht nur der lockere Umgang mit dem Thema Hanf ist typisch für die angenehme Aura, die den Menschen Götz Widmann umgibt. Sogar beim Thema Geld. Aus materieller Notwendigkeit hat er früher auf Booker verzichtet und später sein eigenes Label „Ahuga!“ gegründet. „Meine Frau macht sehr viel und hat sogar Spaß dran. Wir haben da eine ganz wunderbare Symbiose.“ Trotzdem will er nicht den Stab über die Agenturen brechen.  „Man sollte keinem Musiker vorwerfen, dass er gut organisiert ist. Dazu gehört normalerweise eine Agentur. Ich finde es nicht falsch, wenn Menschen tolle Musik machen, dass sie damit gutes Geld verdienen.“ Allerdings sind die Preise für Konzertkarten geradezu explodiert. „Zentraler  Grund dafür, ist der totale Wegbruch des CD-Geschäfts. Keiner kann mehr damit verdienen, man legt sogar noch drauf. Man muss aber produzieren, damit man interessant bleibt. Das Geld müssen die Künstler über die Konzerte reinholen.“ Für Künstler auf seiner Ebene ist das Internet vielleicht sogar eher Segen als Fluch, weil  die Promotion viel einfacher geworden ist. Selbst illegale Downloads haben de facto ihren Vorteil. Die Leute kennen Götz oft, weil sie seine Musik illegal aus dem Internet herunter geladen haben. „Neulich musste ich mir selber seit langem wieder mal eine CD bestellen, weil ich die Musik nicht runterladen konnte. So ist das heute, wenn man mal ganz ehrlich ist. Die meisten haben nicht mal  mehr einen CD-Player.  Ich auch nicht, seit mein letzter kaputtgegangen ist.“ Kein Wunder, denn nicht nur Elektronik geht nach zwei Jahren, wie von der Industrie geplant, kaputt und bald wird dann wohl niemand mehr einen CD-Player haben, aber Menschen haben dafür sinnlos geschuftet. Nach den Vorstellungen von Götz könnten das Maschinen besser übernehmen. 

 

Unerträgliches Leben für Arbeitslose

 

„Früher mussten die Menschen viel mehr arbeiten, heute übernehmen das Maschinen und Computerchips. Da sollte man sich von den starren Mustern, dass jeder Mensch arbeiten muss, lösen. Für mich ist das höchste gesellschaftliche Ziel, jedem Menschen ein lebenswertes Leben zu lassen und nicht jedem Arbeit zu geben. Wir sind da noch nicht komplett so weit, aber es geht in diese Richtung. Ein erstes Ziel sollte sein, Menschen, für die es keine Arbeit gibt, auf eine lebenswerte Art und Weise ihre Arbeitslosigkeit erfahren zu lassen und sie nicht die ganze Zeit in den Arsch zu treten und ihnen ihre Existenz so unerträglich wie möglich zu machen, damit sie miese Jobs für gar kein Geld annehmen.“ Das Bedingungslose Grundeinkommen sieht er als Ansatz, aber er vermisst die Dynamik und den Willen bei den Politikernm damit zu starten. „Ich kenne vielleicht mehr Freaks als andere, aber es gibt schon einige, egal welchen Job man denen gibt, die erzeugen mehr Probleme als sie lösen und da wäre es besser, sie ein menschenwürdiges Leben führen zu lassen, als sie zu einer Arbeit zu zwingen, bei der sie eh nur Schaden anrichten.“ Auf jeden Fall ein nachdenkenswerter Ansatz wie sie oft bei seiner Musik. 

 

Gute Songs sind das Ziel

 

Also geht es doch um mehr, als nur Feiern und Abschalten?   „Ich betrachte mich in erster Linie als Unterhaltungskünstler, aber im Hinterkopf habe ich schon meine Mission, die Leute zum Selber-Denken anzuregen.“ Gute Songs sind sein Ziel. Die dürfen auch mal politisch sein und es macht ihm Spaß, wenn seine Musik gesellschaftliche Relevanz hat. Aber Götz Widmann macht nicht den Fehler, sich selbst zu überschätzten. 

 

Thomas Holzmann