2. Juli 2014

Tag der Nachhaltigkeit: Worthülsen und Praxis

Topf statt Tonne: beim „Fest der krummen Gurke“ wurde aus Nahrungsmitteln, die sonst so häufig im Müll landen, eine köstliche Minestrone kredenzt.

Nachhaltig ist ein von vielen Politikern inflationär gebrauchter Begriff, der in Sonntagsreden oft zur reinen Worthülse verkommt. Und letztlich sind es nicht die gut gemeinten Vorschläge aus Parteien und Parlamenten, die den Begriff Nachhaltigkeit mit Leben erfüllen, sondern das Engagement von Menschen und Organisationen. Genau diese stellten sich am 20. Juni, dem  „Tag der Nachhaltigkeit“ der Öffentlichkeit vor. Ob „Fair Trade“, „Transition Town“, Urban Gardening“ oder „car sharing“ – schillernde, anglizistische Begriffe  sprangen dem Besucher am Erfurter Hirschgarten ins Auge, doch was verbirgt sich dahinter?   

Beispiel car sharing – zu deutsch: Teilauto. Warum sollte man in einer Stadt wie Erfurt ein Auto haben, das hohe Betriebskosten verursacht, aber die meiste Zeit ungenutzt rumsteht? Wer lieber mit Rad oder Bahn unterwegs ist, für den lohnt sich dieses Modell. Zumal sich car sharing auch in Erfurt oder Jena immer größerer Beliebtheit erfreut und wohl weiter wachsen wird. Das ist nicht nur gut für die  Umwelt, sondern deutet bereits massive Veränderungen in Sachen Verkehrspolitik und Autoproduktion an. 

Verkehr ist ein Thema, das jeden angeht. Genauso sieht es bei dem, was täglich auf unseren Tellern landet aus. Vor nicht langer Zeit blamierte sich die EU-Kommission mit einer Richtlinie, welche – wie von Großindustrie-Lobbyisten verlangt – die maximale Krümmung von Gurken für den Verkauf festlegte. Dieser Brüssler Schildbürgerstreich wurde zwar wieder abgeschafft, doch das Problem Lebensmittelverschwendung bleibt. Schier unvorstellbar ist die Menge der Nahrungsmittel, die täglich im Müll landen. Deswegen wurde beim Aktionstag im Hirschgarten das „Fest der krummen Gurke“ gefeiert. Aus Lebensmitteln, die im Müll gelandet wären, wurde eine Minestrone gezaubert, deren verführerisches Aroma, die Besucher schon von weiterem in Empfang nahm. 

Letztlich sind es solche Akteure, wie attac, BUND, die Energiegenossenschaften, die Fuchsfarm, die Bürgerstiftung, der Erfurter Urbane Garten „Lagune“, oder Transition Town, die das Thema Nachhaltigkeit mit Leben füllen. Die Vernetzung der Aktiven, zu denen auch solch ein Aktionstag beitragen soll, steht aber noch am Anfang und neben engagierten Menschen braucht es auch Geld und politische Unterstützung.  Diese politische Unterstützung ist nicht nur in Erfurt sicher noch ausbaufähig.  

Der Aktionstag hat aber gezeigt, dass willige und fähige Akteure vorhanden sind und  die Kommunalpolitik sich der Wichtigkeit des Themas zumindest bewusst zu sein scheint. Doch, wer sich an diesem 20. Juni vom Hirschgarten entfernte, konnte auf dem Stadtring wieder die Geländewagen mit extra großen V8-Motor, in denen stets nur eine Person hockt, im Stau stehen sehen. Für das exakte Gegenteil von Nachhaltigkeit könnte es keine bessere Metapher geben.                    

Fotos und Text: th