7. Mai 2014

Faszination Blues

Wolfram „Boddi“ Bodag an den Keyboards und der Gitarrist Heiner Witte gehörten schon 1975 zu den Gründungsmitgliedern von Engerling. In der Blueserszene der DDR stand der Name der Band nicht nur für ein erstklassiges musikalisches Erlebnis, sondern auch für stimmungsgeladene Auftritte, bei denen schon mal – so wie es sich für echten Rock ’n’ Roll gehört – etwas kräftiger über die Strenge geschlagen und der Alltag für einige Stunden verdrängt wurde.

Heute gehören der Bassist Manne Pokrandt und der Drummer Hannes Schulze zur Besetzung, die zurzeit wieder auf Tour ist und auch dem Erfurter Museumskeller einen Besuch abstatte. Fotos: Uwe Pohlitz

Es ist eng in der kleinen Garderobe des Erfurter Museumskeller, aber das Podium ist beliebter Auftrittsort vieler Künstler. Die unmittelbare Nähe zum Publikum und die stimmungsvolle Atmosphäre im Kellergewölbe des Volkskundemuseums lassen für wenige Stunden eine andere Welt entstehen. Wir trafen uns vor dem Auftritt der Gruppe  „Engerling“ aus Berlin zu einem lockeren Gespräch. Thomas als Vertreter einer Generation, welche die Geschichte der DDR-Musikszene aus Erzählungen oder Tonkonserven kennt und ich als ein ehemaliger Veranstalter vieler Rockkonzerte in einer vergangenen Zeit.

 

Rock und Blues erfreuten sich in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in der DDR größter Popularität. Neben Finnland gab es im Osten Deutschlands die größte Anzahl von Bands in Europa, welche auch regelmäßig auftraten. Von ihnen schafften es eine ganze Menge Gruppen, vor allen auf Grund ihrer hohen Qualität, bekannt zu werden.

 

1975 kam auch die Gruppe „Engerling“ zum Kreis der Spitzenbands hinzu. Mit dem Blues konnten sich viele Jugendliche gut identifizieren. Auflehnung und Widerstand gegen Unrecht sowie Unterdrückung lagen in den Wurzeln dieser Musik. Die Musiker und ihre Texter verstanden es, Gefühle wie Gedanken zu verschlüsseln. Noch heute staunen junge Leute, welche gewagten Texte trotz Zensur produziert und gesendet wurden. Dazu ist festzustellen, dass zum Glück viele Funktionäre den Sinn zwischen den Zeilen gar nicht erkannten, demzufolge auch nichts zu monieren hatten. Der Bandchef Wolfram „Boddi“ Bodag  brach ein Studium der Kulturwissenschaft ab und widmete sich ganz der Musik. Als einige seiner Kommilitonen inzwischen als  Kulturverantwortliche in staatlichen Ämtern saßen und er Profimusiker war, schauten sie auch wohlwollend über manche Textzeile hinweg.

 

Wolfram Bodag sowie der Gitarrist Heiner Witte, seit 1975 dabei, absolvierten die legendäre Musikschule Berlin-Friedrichshain und erarbeiteten sich den Berufsausweis.

Die „Engerlinge“ wurden zu einer der beliebtesten Live-Bands. Als Leiter einer Kultureinrichtung hatte man einen Draht zu vielen Künstlern der Musikszene und setzte auch eigene Akzente. Die Blues-Gruppen umgab  in der Regel ein großer Anhang und dieser zog an den Wochenenden den Bands hinterher. Sie belagerten nachts Parks sowie Bahnhöfe, denn andere Übernachtungsmöglichkeiten gab es nicht. Alkohol floss reichlich. Damit waren Probleme vorprogrammiert. Der Veranstalter wurde aus diesen Gründen in die Verantwortung genommen. Einigen hat es auch den Job gekostet. In mehreren Orten wurden von den Behörden manchmal Auftrittsverbote ausgesprochen. 

 

Boddi erinnert sich gern an die Auftritte an der Drushba-Trasse  in der ehemaligen Sowjetunion. Die Trassenbauer verlangten fern im „Wilden Osten“ in der Freizeit ihre Lieblingsbands aus der Heimat zu hören. Dazu gehörten auch die „Engerlinge“.

 

Die Tourneen fanden zum Teil unter abenteuerlichen Bedingungen statt. Sie hatten unter anderem auch einen Auftritt mitten im Sperrgebiet des Ural, mit dem Auto nicht erreichbar. Die gesamte Technik wurde in ein Bahnabteil verladen und musste vor Ort in minutenschnelle entladen werden, denn der Zug fuhr nach Fahrplan in kurzer Zeit weiter. Solche Erlebnisse verbanden und prägten die Band, welche mit den Jahren immer ausdrucksvoller wurde.

 

Nach der Zeitenwende blieben die Engerlinge „trotz vieler Schwierigkeiten zusammen und kämpften sich auch im Kapitalismus durch. Qualität findet irgendwann Anerkennung, stellte auch der legendäre Mitch Ryder aus den USA fest, als er die Engerlinge als Band für seine Europa-Tourneen entdeckte. So touren sie seit 1994 gemeinsam und erfolgreich durch viele Länder. Trotz dieser internationalen Erfolge verlor die Truppe nicht die Bodenhaftung und bleibt ihren Fans im Osten treu.

 

Um zu überleben, geben Bandmitglieder Instrumental-Unterricht oder betreiben ein Tonstudio, welches auch von Kollegen anderer Genres genutzt  wird. Es beeindruckte mich, dass keiner der Musiker sich verächtlich über andere Musikrichtungen oder Kollegen äußerte. Sie machen sich die gleichen Sorgen wie wir, wenn es um den Friedenserhalt in Europa und anderswo geht. Die Musik vermag es offensichtlich gegenwärtig nicht, große Menschenmassen zu bewegen. Die Themen liegen in der Luft, um kritische Texte über Realitäten zu verfassen. Aber welche Musik ist geeignet Menschen zu bewegen? Wir hätten noch lange diskutieren können, aber der Auftritt musste allmählich beginnen. Unter dem bunt gemischten Publikum erlebten wir ein paar angenehme und laute Stunden mit einer Musik, die ich mag und Thomas offensichtlich gefiel.

Uwe Pohlitz