4. Juni 2014

Europäer auf verlorenem Posten?

Foto: Uwe Pohlitz

Zu einem auch wörtlich zu nehmenden heißen Abend kam es im Erfurter Haus Dacheröden am 20. Mai als Bodo Ramelow auf den Journalisten Sergej Lochthofen traf.  Unterschiedliche Biografien und verschiedene Wege der Sozialisierung, damit stellten sich die Gesprächspartner den Besuchern vor.

Sie setzten sich öffentlich aus verschiedenen Sichten mit einem hochbrisanten Thema auseinander und ließen in knapp zwei Stunden keine lange Weile aufkommen. Zur Debatte stand das Verhältnis Deutschlands und der EU zu Russland und der Ukraine. Alle bisherigen Versuche, mit falschen Mitteln den Konflikt zu lösen, erscheinen vergeblich.

Sergej Lochthofen, der Journalist, nun auch durch sein Buch „Schwarzes Eis“ noch bekannter geworden, weiß, wovon er spricht. Mit seinen und den Erinnerungen seines Vaters, eines ge-radlinigen Kommunisten, an das Leben im sibirischen Straflager Workuta und den nachfolgenden Jahren in der Sowjetunion, einem Studium auf der Krim sowie unzähligen Reisen, hat er tiefe Einblicke in Vergangenheit und Gegenwart des Landes.

Nach Rückkehr in die DDR besuchte er die Schule der sowjetischen Garnison in Gotha und erlebte hautnah die ständige Alarmbereitschaft und die Sandkastenschlachten der Offiziere.

Er verdeutlichte den Anwesenden einige Realitäten des kapitalistischen Russlands. Es gibt aber immer noch romantisierende Vorstellungen. Die sollten schnellstens überwunden werden, um einige Entwicklungen besser zu verstehen.

Bodo Ramelow erlebte seine Sozialisierung in der Gewerkschaft und in der westdeutschen Friedensbewegung. Er erinnerte daran, dass im Falle eines militärischen Ost-Westkonfliktes die US-Armee ohne  Skrupel große Teile Deutschlands atomar ausgelöscht hätte.

Ähnliche Pläne bestanden auch in der Kommandozentrale der Roten Armee. Wer erinnert sich noch an die Panzer-   marschrouten durch die DDR in Richtung West? Der Gegner sollte auf eigenem Territorium geschlagen werden. In den Tälern in Nähe der Grenze lagen sowjetische Soldaten in ständiger Bereitschaft, um mit geeigneten Mitteln Marschflugkörper abzufangen.

In dieser Zeit entstand die große Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluß. Diese wurde Bodo Ramelows politische Heimat.

In der DDR entwickelte sich die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“. Der Forderung zum Abzug aller Waffensysteme stand die damals  offizielle DDR-Aussage „Der Frieden muss bewaffnet sein“ entgegen. Viele pazifistisch orientierte Menschen gerieten in unnötige Konflikte.

In dieser, wohl für die gesamte Menschheit gefährlichsten Zeit, begann die Entspannung zwischen den Systemen. Hier entwickelte die Sowjetunion die konstruktivsten Gedanken. Wir glaubten, den Kalten Krieg überwunden zu haben und an ein friedliches Europa. Doch bald begannen in Jugoslawien alte Konflikte, zusätzlich von außen geschürt, auszubrechen.

 Mit der Anerkennung der Separatisten des Kosovo wurde die Büchse der Pandora geöffnet. Alle nachfolgenden separatistischen Bewegungen berufen sich auf die Anerkennung des Kosovo. Die Staaten der ehemaligen Sowjetunion haben sich entschieden, unabhängig eigene Wege zu gehen. Jedoch in all diesen Ländern schlummern ethnische, religiöse und wirtschaftliche Konflikte. Viele kluge Köpfe verweisen zu recht auf die Situation vor dem 1.Weltkrieg. Damals wie heute stehen sich kapitalistische Staaten mit unterschiedlichstem Interessengemisch gegenüber und spielen mit dem Feuer.

Ein Lochthofen und ein Ramelow haben die Zeichen der Zeit erkannt, haben gewiss unterschiedliche Auffassungen, stehen aber für eine zu bildende Friedensallianz von Lissabon bis Wladiwostok. Dieser müssten sich auch Oligarchien und Machtstrategen stellen und verantwortlich handeln. Es ist die einzige Möglichkeit, den Frieden zu erhalten.

 

Uwe Pohlitz