4. November 2014

Wer waren die Pößnecker in Buchenwald?

Ronald Hirte (Bildmitte), Pädagogischer Mitarbeiter der Gedenkstätte Buchenwald, begleitete die Jugendgruppe bei der Spurensuche im ehemaligen Konzentrationslager.

Vom 17. bis 20. Oktober forschten die Mitglieder der ABC-Geschichtswerkstatt, einer Initiative von Pößnecker Alternativ Freiraum e.V., in der Gedenkstätte Buchenwald. Das vom Lokalen Aktionsplan für Vielfalt im Saale-Orla-Kreis geförderte Seminar, brachte neue lokalgeschichtliche Erkenntnisse hervor. Zu Beginn stand einzig fest, dass das Ziel der vier lehrreichen Tage die Ausarbeitung einer Ausstellung ist, die anschließend der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Schnell kristallisierte sich ein Thema heraus: Wer waren die Pöß-  necker in Buchenwald? Und was haben sie dort erlebt?

In drei intensiven Arbeitstagen erhielten die jungen Leute unter Begleitung von Ronald Hirte, Historiker und Pädagogischer Mitarbeiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, einen Einblick in die Gedenkorte, Mahnmale und Zeugnisse jener Zeit des Terrors. Das Seminar führte in die verschiedenen Bereiche und Etappen im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald, in dem Andersdenkende, von der Ideologie abweichende Menschen, systematisch ausgebeutet worden sind – Hunger, Folter und Erschießungen gehörten zum Alltag der Häftlinge. Durch die enge räumliche und wirtschaftliche Anbindung an Weimar durch Arbeitskommandos, Rüstungsindustrie und den zentralen SS-Standort in Thüringen, war der Massenmord bekannt.

„Es war anfangs ein bisschen komisch, die Nacht dort zu verbringen, wo hunderttausendfaches Leid und systematische Entmenschlichung stattgefunden haben. Die Begleitung und Versorgung durch die Mitarbeiter der Gedenkstätte hat das aber ausgeglichen – und uns alle hatte auch der Forscherdrang gepackt“, so Elisabeth Schwalbe.

Im Zuge ihrer Nachforschungen stießen die Teilnehmer auf 32 Namen, deren Schicksale bisher im eigenen Ort kaum dokumentiert sind. Neben den im November 1938 inhaftierten Juden aus Pößneck, handelt es sich um Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen oder wegen ihrer sexuellen Orientierung in Pößneck und Umgebung verfolgt worden sind.

Mitglieder der KPD und SPD standen sehr früh unter  Verfolgungsdruck. Erste Konzentrationslager wurden schon im März 1933 eingerichtet und dienten offiziell als Umerziehungslager. Hausdurchsuchungen und Verhaftungen markierten auch für die Pößnecker den Beginn ihrer Leidensgeschichte. Es stellte sich heraus, dass sie im „Internationalen Lagerkomittee“ aktiv waren, also an Widerstandsaktivitäten teilgenommen hatten. So versteckte Martin Grießer im Zuge der Selbstbefreiung das „Buchenwaldkind“ Stefan Jerzy Zweig im Krankenbau – die Vorlage für den Film „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz.

Für die Mitglieder der ABC-Geschichtswerkstatt hat sich ein weites Forschungsfeld eröffnet, das unmittelbar in die Staatsgründung der DDR hineinmündet. Denn die Geschichte der Widerstandskämpfer von Buchenwald, die nach 1945 als anerkannte „Opfer des Faschismus“ rehabilitiert worden sind, wurden zur Legitimationsquelle des „antifaschistischen Schutzwalls“ im Kalten Krieg. Nach und nach verengte sich der Blickwinkel – ehrenwert und gewünscht waren nur noch jene Menschen, die sich aktiv in Parteien und Massenorganisationen der DDR einbrachten.  

„Es mag richtig gewesen sein, den 'Schwur von Buchenwald' als Ausgangspunkt für eine neue Gesellschaftsordnung zu wählen. Doch die Parteidiktatur nach stalinistischem Vorbild unterlag dem Besatzungsmandat der Sowjetunion – hier war kein Platz für eine differenzierte Aufarbeitung von Konzentrationslagern, die mitten unter uns existierten und zehntausenden Menschen das Leben kosteten.“, resümiert Philipp Gliesing, Leiter der ABC-Geschichtswerkstatt. 

Marco Kruppe untermauerte: „Ein Wochenende reicht nicht, um die Geschichte von „Buchenwald“ zu verstehen. Wir wollen einen regelmäßigen Austausch mit der Gedenkstätte als Lernort erreichen und weitere Projekte, wie zum Speziallager II, anstoßen.“

Die Forschungsarbeiten sollen NOCH intensiviert werden. Die Ausstellung und ein Begleitfilm erscheinen, im kommenden Jahr. 

Kontakt zur Gruppe: 

alternativer.freiraum@gmx.de